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19. Jahrgang

Sonntag, den 3. April 1892

JV 77

Zeitlin,;

Fuldaer

wir uns eine Zügelführung von einer weichen Hand ohne Weiteres gefallen lassen; viele empfinden eS so- gar als eine Annehmlichkeit, wenn sie mit zärtlicher Schlauheit „bemuttert" werden. Aber wenn statt der Schlauheit Rauhheit eintritt und die kutschirende Hand hart nnd unverständig an dem Zügel zerrt, dann kann auch der frömmste Gaul 'mal auffässig und durchgän- gerisch werden.

Wenn die Frauen in der Politik Bescheid wüßten, so würde ich sagen, sie könnten von Herrn Miquel viel lernen. Das ist eine Art von weiblichem Finanzminister in seiner liebenswürdigen Geschmeidigkeit und Zähigkeit; er hat nicht bloß das Parlament, son­dern auch das Staatsministerium unter seine Pantoffel gekriegt, ohne daß sich ein ernster Widerstand hervor­traute. Wenn er nur seine Pantoffel nicht auf das Schulgebiet setzen wollte!

Aber keine Politik weiter! Viel Glück zum neuen Steuerjahr sei allen „hochgeschätzten" Lesern gewünscht!

man natürlich mehr als 6 Prozent der Einnahme in die Steuersparkasse abführen. Gewerbesteuer brauche ich zum Glück nicht zu bezahlen und die Gebäude- und die Kreissteuer sinv nicht zu hoch, daß ich sie nicht nebenbei decken könnte, wenn sie fällig werden. Wer aber mit erheblicher Gewerbe- oder Grundsteuer oder bedeutenden Kreiszuschlägen belastet ist, muß wieder bett Prozentsatz für die Steuersparkasse erhöhen. So wird Mancher zu einem richtigen „Zehnten" seiner Einnahmen hinaufsteigen müssen. Das ist ein saurer Apfel, aber gebifsen muß er werden. Wer rechtzeitig einen „Zehnten" aufstapelt, der spart sich am Zahl­termin viel Aerger und Kosten. Jede Mahnung kostet Geld und jedes Zwangsverfahren, auch wenn eS nur eingeleitet wird, erst recht. Mancher arme Teufel kann es ja beim besten Willen nicht vermeiden, daß er mit der Zahlung im Rückstände bleibt und der Executor ihm außer der Steuersumme auch noch verhältnißmäßig hohe Gebühren auspreßt.

Aber Viele gerathen nur durch eigene Schuld, durch Nachlässigkeit oder kurzsichtige Wirthschaftsführung in Versaumniß und Schaden. Also wer nicht gerade fort­während im Gelde schwimmt, der lege sich eine Steuer- Sparkasse an; wenn er daneben noch an eine zweite, einer Sparkasse für seine und seiner Angehörigen Zu­kunft sich gewöhnt, so kann das ja gewiß nicht schaden. Und will es mit dem Zehnten von den Einnahmen hapern, so halte man sich an die Ausgaben. Bei jeder Luxus-Ausgabe, z. B. für Cigarren oder Bier oder einen neuen Damenhut, läßt sich der ganze oder halbe Betrag in die Sparkasse legen. Erscheint Dir dann die Ausgabe zu hoch, nun, so unterlasse sie ganz und gar. Wenn man sich heute ein kostspieliges Ver­gnügen verkniffen hat, so empfindet man um so mehr Freude über die Ersparniß, als man andern Genuß hätte haben können.

Die neue stramme Steuer-Ordnung ist eine Ruthe, aber Ruthen pflegen die Erziehung zu fördern. Nicht bloß zur Sparsamkeit, sondern auch zur heilsamen Buchführung werden wir angeleitet. Die Selbst­einschätzung ist eine wirthschaftliche Gewissenser­forschung, und die ist hier wie auf dem sittlichen Gebiete sehr nützlich. Man soll nicht aus der Hand in den Mund leben wie ein unvernünftiges Thier, das sofort verzehrt, was es heute erbeutet hat, ohne sich um morgen zu kümmern. Der gute Haus- und Fami­lienvater muß sich einen Ueberschlag wachen über seine voraussichtlichen Einnahmen und die nothwendigen Ausgaben und muß dann fortlaufend aufzeichnen, was er eingenommen und ausgegeben hat, um stets übersehen zu können, wie eS mit dem Gleichgewicht in einem kleinen Staatshaushalt steht. Will der Mann dar n'cht thun, so sollte die Frau die Sache in die Hand nehmen und sich aus dem „Häuslichen Glück" die nöthige Belehrung schöpfen. Es hat überhaupt viel für sich, daß die Frau die Kasse führt. ES gibt ja auf beiden Seiten Ausnahmen von der Regel, aber die Regel ist doch wohl die, daß das Geld an den Frauen­fingern fester klebt, als an den Männerfingern. Im Ausgeben find die Männer meistens viel flotter, als die Weiber. Von dem Augenblicke an, wo wir unS an der ersten Cigarre herumgequält und das erste Mal im Wirthshause auf eigene Faust etwas bestellt haben, sind wir gewöhnt worden an vielfältige Luxus - Aus­gaben, wir haben also schwere und häufige Versuchun­gen zu überwinden, wenn wir sparsam sein wollen. Die bessere Hälfte des Menschengeschlechtes dagegen pflegt bloß der einen Versuchung ausgesetzt zu sein, für den „Staat" Geld auszugeben. Daraus folgt schon, daß die Gefahr der Verfchwendung größer ist bei einer männlichen Kassen-Verwaltung, als bei einer weiblichen. Also mögen die geehrten Hausfrauen ihren Pantoffel lieber auf diesem Felde, als auf anderen Gebieten walten lassen. Aber immer mit Rücksicht auf das Sprüchwort, baß allzu scharf schartig macht und der zu straff gespannte Bogen zerbricht. Wenn die Frau dem Manne nicht einen standesgemäßen Aufwand für Geselligkeit und gewohnte Genüsse gönnen will, so gibt es entweder eine Revolution im Hause, bei der das ganze weibliche Finanz-Regiment in die Brüche gehen kann, oder der Mann verfällt auf heimliche Unterschlagungen, und dagegen kann kein Rechts­anwalt helfen. Weil wir mal das Pantoffel - Kapitel angegriffen haben, möchte ich überhaupt den verehelichen Hausmüttern zu bedenken geben, daß der größte Feind ihrer Macht die Maßlosigkeit ist. Wir Männer sind im Allgemeinen so gutmüthig und geduldig, daß

^f die ,Fuldaer Zeitung' 'HMlnllllllli H für das 2. Quartal 1892 wer- den fortwährend von allen Post- aristalten, den Boten und in der Expedition angenommen.

-L Zum neuen Steuerjahr.

Betrachtung für alle „hochgeschätzten" Leser.

Mach' deine Rechnung mit dem Steuererheber; denn zahlen mußt du, Miquels Gesetz ist in Kraft getreten.

43 Millionen Mk. sollen fortan in Preußen jährlich von Einkommensteuer mehr aufkommen. Das bedeutet, daß l>/2 Milliarden jährlichen Einkommens bisher nicht zur Steuer Herangezogenwaren. Nach der Steuer­liste erscheint also Preußen jetzt um P/g Milliarden Jahresrente reicher, als bisher. Ein nettes Sümmchen! Haben wir aber damit wirklich schon das ganze steuer­pflichtige Einkommen gefaßt? Noch längst nicht. Zu­nächst sind blos die bisher schon zu mehr als 3000 Mk. eingeschätzten Steuerzahler und vereinzelte Theile der alten Klassensteuerpflichtigen auf die Folterbank der Selbsteinschätzung gelegt worden. Unter den bescheide- nen Leuten, die sich auf den untersten 10 Stufen Herumdrücken, steckt noch viel behaglicher Wohlstand, und manche von diesen sind zahlungsfähiger, als die „glänzende Armuth" des Mittelstandes, die von dem Ertrage seiner Arbeit leben und vielleicht noch Schul­den bezahlen soll. Wem schon, dem schon! Haben wir eü mal die Selbsteinschätzung eingeführt, so wollen wir sie auch allen Steuerzahlern „zu Gut" kommen lassen. Gleiches Recht für Alle! Das wird wohl einigen Lesern nicht recht gefallen. Nun ja, mir persönlich behagen die Folgen der Selbsteinschätzung auch nicht, und ich habe doch eine Menge Artikel zu Gunsten des neuen Steuergesetzes geschrieben. .........

Hier und da stellt man gelegentlich folgende Rech­nung auf: Das jährliche Einkommen der preußischen Staatsbürger beträgt nach der Steuereinschätzvng so und so viel Milliarden. Vertheilen wir das auf die Köpfe aller selbstständigen Erwerbsfähigen, so ergibt sich, daß im sozialdemokratischen ZukunfSstaate jeder mitarbeitende Staatsbürger (besser Staatssklave) bloß 800 bis 900 Mark jährlich zu verzehren haben würde. Mit dieser Rechenwaffe denkt man die Sozial­demokraten stodtzufchlagen; aber sie ist stumpf und wirkungslos. Denn die Sozialdemokraten entgegnen, daß erstens die wirkliche Einkommensumme viel größer sei und also auch bei gleichmäßiger Vertheilung das Durchschnitts - Einkommen sich viel höher stellen würde, und daß zweitens im Zukunftsstaat eine ganz andere Wirtschaft in Produktion und Verbrauch, im Preise und der Preisstellung, kurz im ganzen Handel und Wandel eintreten würde, so daß ein solcher Ver- ?leich zwischen den gegenwärtigen und zukünftiger Ver- ältniffen gar nicht zutreffend sein könne. Letzteres ist richtig, nur in dem entgegengesetzten Sinne, wie die Sozialdemokraten meinen. Im Zukunftsstaat, wo Alle ohne den persönlichen Erwerbs- und Arbeitstrieb in den Staatswerkstätten herum lungern würden, könnte auch bei erweiterter Arbeitszeit längst nicht soviel geleistet werden, wie jetzt, so daß die Staatsbürger in Summa Summarum weniger zu verzehren haben würden, als jetzt. Wer das nicht begreift, kann in Eugen Richter's „Sozialdemokratischen Zukunftsbildern" sich die nöthigeKlarheit holen über die wirthschaft­liche Unfähigkeit der „zukünftigen" Produktion. Das ist die eine Archillesferie der Sozialdemokratie. Die zweite, die H'rr Richter als religiös-„freisinniger" Mann bei Seite liegen ließ, ist die Unverträglichkeit des „ZukunftSstaates" mit dem Gottesglauben, der Religion und der Sittlichkeit. Diese Er­wägungen bieten wirksame Waffen, aber nicht die Rechen- exempel auf Grund der Steuerlisten.

Lassen wir den Zukunftsstaat, der hoffentlich gar nicht in's Leben treten wird, und sehen lieber zu wie wir mit dem Steuer-Executor int Gegenwarts - Staat fertig werden. Diejenigen Leser, die jetzt weniger, als bisher zu bezahlen haben, brauchen sich den Kopf nicht zu zerbrechen. Nun gut, wir armen Mehrbelasteten wollen sie nicht weiter beneiden, sondern unser Schick­sal möglichst klug zu tragen suchen. Ich habe mir vorgenommen, eine besondere Steuersparkasse einzurichten, indem ich von allen Einnahmen gleich 6 Prozent ab­ziehe und auf die Seite lege (3 % für den Staat und 3 °/0 für die Gemeinde, die sich hier zu Lande erfreu­licher Weise noch mit 100 Prozent Zuschlag begnügt). Wo der Gemeindezuschlag über 100 Prozent geht, muß

Deutsches Keich.

Berlin, 1. April.

* Der 1. April 1892 wird für immer einen Mark­stein in der sozialen Bewegung der Gegenwart bilden: an diesem Tage treten die Hauptbestimmungen des neuen Arbeiterschutzgesetzes in Kraft. Dasselbe bildet, wie seine Geschichte beweist, einen Erfolg desCen- trums, auf dessen Anregung und unter dessen wesent­licher Mitwirkung das Gesetz zu Stande gekommen ist. Der 1. April 1892 ist darum ein Siegestag für die arbeiterfreundlichen Bestrebungen des Centrums, namentlich für die Abgg. Graf Galen, Hitze, Dr. Lieber u. s. w., welche nunmehr seit 15jährigen Mühen und Streben, Hoffnungen und Enttäuschungen endlich am Ziel ihrer Bestrebungen angelangt sind, wenn auch nur zum Th eil. Das Arbeiterschutzgesetz enthält keineswegs eine Lösung der sozialen Frage, sondern nur einen ersten, aber wichtigen Schritt zur Lösung derselben auf dem Boden der bestehenden Gesellschafts­ordnung, eine positive Bekämpfung jener Bestrebungen, welche in der Sozialdemokratie ihren symptomatischen Ausdruck finden. Wie viel mit diesem ersten Schritt zu erreichen fein wird, müssen wir abwarten, aber jedenfalls müssen wir betonen, daß dieser Schritt nur der erste ist und daß unsere Parole nach wie vor nicht allein „Schutz dem Arbeiter", sondern auch „Schutz dem Handwerker" lautet, denn auch die Handwerkerfrage bildet einen wesentlichen Bestandtheil der sozialen Frage der Gegenwart. In der Freude über den sozialpolitischen Erfolg des Arbeiterschutz- Gesetzes wollen wir aber auch nicht vergessen, daß mit dem staatlichen Eingreifen, mit der staatlichen Gesetz­gebung allein nicht Alles geschafft und verbessert werden kann. Alle Faktoren, die an der Lösung der sozialen Frage betheiligt sind, Gesellschast und Staat, Kirche und Schule, Arbeitgeber und Arbeiter müssen zusammen­stehen, um gemeinsam, ein Jeder seiner Pflicht bewußt, zur Lösung der sozialen Frage mitzuwirken. Und nur eine vom Geiste des ChristenthumS getragene Sozialreform wird den sozialen Frieden verbürg-n. In dieser Beziehung glauben wir gerade jetzt aufmerksam machen zu sollen auf die Worte des Kaisers Wilhelm II. in Bezug auf die Lösung der sozialen Frage: „Der freien Liebcsthätigkeit der Kirche und Schule ver­bleibt ein weites Feld segensreicher Entfaltung, durch welche die gesetzlichen Anordnungen unterstützt und be­fruchtet werden müssen, um zu voller Wirksamkeit zu gelangen." Diese Worte des Kaisers sind allerdings vor der kritischen Kronrathssitzung gesprochen, in welcher das Schulgesetz zu Falle gebracht wurde, aber heute ist es wohl angezeigt, daran ernst und nachdrück­lich zu erinnern, und die Frage aufzuwerfen: Was gedenkt die Regierung Sr. Majestät für die segens­reiche Entfaltung der freien Liebesthätigkeit der Kirche und Schule zur Lösung der sozialen Frage zu thun?

* Von liberalen Blättern wird mit leicht erkenn­barer Absicht'die Legende verbreitet, der Kaiser habe dem Kultusminister a. D. Grafen Zedlitz schon vor längerer Zeit, insbesondere auf dem Herrenabend seine abweichende Meinung über das Vol ks schulge s etz geäußert. Demgegenüber hält die .Krcuzztg.', anscheinend vom Grafen Zedlitz darüber unterrichtet, ihre Behaup­tung aufrecht, daß Graf Zedlitz noch wenige Stun­den vor dem entscheidenden Kronrathe allen Grund hatte, überzeugt zu sein, daß sein Ver­halten bei Berathung des Schulgesetzes an Allerhöchster

,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen in Fulda und auswärts 1 Mark o0 1 seimig.