. V 75 Freitag, den 1. April 1892.______ 19. Jahrgang
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auf die ,Fuldaer Zeitung^ für das 2. Quartal 1892 werden fortwährend von allen Post-
anstaltm, den Boten und in der Expedition angenommen.
ö Zum 1. April.
Ach, wenn doch nur an einem einzigen Tage im Jahre die Menfchen sich gegenseitig zum Narren halten wollten! Wenn doch an den übrigen 364 Tagen (oder den 365, wie in diesem Schaltjahr) immer ein Wort ein Mann wäre! Leider muß man sich aber an den Tagen, wo Fürst Bismarck nicht geboren ist, noch mehr in Acht nehmen, als an seinem Geburtstage. Denn wenn Du am 1. April mit zu viel Treu' und Glauben auf den Leim gehst, so schadet es schließlich nichts; der April-Schwindel ist in der Regel harmlos, und sein Ende allgemeine Heiterkeit. An den anderen Tagen jedoch locken Bosheit der Feinoe und Schwachheit der Freunde Dich aufs Glatteis, und Du kannst sehr schön zu einem Bein- oder Genickbruch kommen, wenn Du leichtgläubig und vertrauensselig bist. Also am 1. April ein Äug' auf und sonst zwei!
Im Grunde ist die ganze Unsitte der Aprilscherze recht kindisch und thöricht. Nun ja, die Dummheiten bilden einen sehr großen und wesentlichen Theil der Welt- und Menschengeschichti. Die vielgepriesene Kultur gleicht einem Wagen aus dem Spiel-Bazar, der einer Schaar von Kindern zum Zeitvertreib dient. Radumdrehungen im Ueberfluß; aber mit dem Vorwärtskom- men steht es schlecht aus. Es geht bald hin, bald her, bald nach rechts, bald nach links, jetzt den Weg entlang und jetzt bums! in den Graben.
War der liebe Gott geschaffen hat, kann man in zwei Theile theilen: vernünftige Geschöpfe und unvernünftige Schöpfung. Soüderbarer Weise geht' es aber in dem fogen. unvernünftigen Theile der Welt vielfach vernünftiger zu, als in dem sogen, vernünftigen Bruch- theil. Die Sonne z. B. gehört zu den Dingen, an denen die menschliche Vernunft nichts verderben kann. Deshalb geht sie auch ihre wohlerwogene Bahn mit einer bewunderungswürdigen Sicherheit und Beharrlichkeit und bringt uns zur rechten Zeit das zweite Quartal, das Frühlings-Vierteljahr.
Sei gegrüßt, Du alte Lenzsonne; doppelt herzlich gegrüßt bei diesen „schlechten Zeiten". Und wenn die Fernrohrgucker sagen, Dein Gesicht zeige neuerdings außerordentlich viel Flecken und Runzeln, so soll das unsere Zärtlichkeit nicht erschüttern. Du hast des Winters Schnee und Eis hinweggefegt, Du wirst unsere Hoffnungen auf Blüthen und Früchte nicht täuschen.
Das Märzgewitter vom 28. wollen wir zum guten Zeichen nehmen. Das war eine Krisis, die man sich gefallen lassen kann. Denn erstens kam sie nicht überraschend und unvorbereitet, sondern war von Falb, dem Propheten der kritischen Tage, als regelrecht angekündigt worden. Zweitens richtete sie keine Zerstörung an, sondern hat vermuthlich dem Werdeprozeß des Frühlings Vortheil gebracht. Herr Falb wird berühmt.
Noch berühmter könnte er werden, wenn er die kritischen Tage in der Politik vorauszuberechnen vermöchte. Aber deren ,Fluthsattoren" lassen sich nicht in eine Regel bringen.
Eine unangenehme Einleitung des Frühlings- Quartals bildet der Umzug. Eine sehr unangenehme Zuthat zum irdischen Leben und Streben, die ihre Opfer nicht blos in den Maffenquartieren der kleinen Leute, sondern auch in den Palästen der Minister sucht und findet. Eine Ministerwohnung müßte eigentlich auf Rädern stehen, gleich den Wohnungen gewissen fahrenden Volkes, natürlich in bedeutend vergrößerter und verbesserter Ausgabe. Wie sehr wäre da die Ablösung erleichtert? Wenn ich nicht grundsätzlich gegen die Aprilscherze wäre, könnte ich den Lesern aufzubinden versuchen, daß in Amerika die Erfindung fahrbarer Städte patentirt worden sei. Die ganze Stadt besteht aus hübschen Einfamilienhäusern auf Rädern; wer viel Kinder und viel Geld hat, schiebt ein zweites gerädertes Häuschen an das erste. Wenn die gute Jahreszeit kommt, so spannt man Abends, wenn die Familie zu Bett gegangen, die nöthige Anzahl Pferde oder eine elektrische Ziehmaschine vor und am andern Morgen wachen die Insassen in der Sommerfrische aus. Im Herbst ditto rückwärts. Wenn eine alleinstehende Schwiegermutter zu große Sehnsucht nach ihren „lieben Kindern" hat, so .telephomrt sie zur „Central-Umzugs- Aktiengesellschaft", und ehe sie ihre Strümpfe ausge- strickt hat, steht ihr Haus Thür an Thür neben dem Schwiegerkinderhaus. Sollten die „lieben Kinder" etwa rücken, so könnte es dazu kommen, daß zwei Häuser ein Wettrennen veranstalten oder Räuber und Gendarmen spielen.
Aber Spaß bet Seite: Das Umziehen ist eine ernste Sache. Es wäre längst nicht so unheimlich in der Welt, wenn alle Menschen ein wirkliches Heim hätten. Ein Möbelwagen ist ein Leichenwagen; denn meistens liegt die häusliche Gemächlichkeit tobt darauf. Wer einen Mitmenschen umziehen sieht, soll Mitleid haben und sein Zartgefühl dadurch betätigen, daß er nicht die Möbelstücke neugierig mustert, sondern schamhaft bei Seite sieht. Heute mir, morgen dir. Den meisten Möbeln geht es wie ausgewachsenen Schauspielerinnen: sie können das Sonnenlicht nicht vertragen, wenn sie auch bei Lampenlicht noch als hübsch gelten.
Jeder Quartalswechsel hat sein Ungenehmes, vielfach sogar in Form eines kaufmännischen „Wechsels" oder ähnlichen Zahlungsaufforderungen. Aber der Aprilwechsel scheint mir doch immer noch der schönste unter seinen Brüdern zu sein. Die alten Neujahrsrechnungen sind bezahlt oder sonstwie zu den Akten geschrieben, und die künftigen sind noch in weitem Felde; die Härten des Winters sind überwunden, der Mensch träumt von Blumen und Ostereiern und das liebe Hausgethier von jungem Grünzeug.
Aber das zweifelhafte „Aprilwetter?" Nun, wir haben ja schon im März Aprilwetter gehabt; warum soll es nicht im April auch wieder einmal Mai werden
können? Wenn nicht, so warten wir noch etwa-; Kohlen und warmes Unterzeug haben wir ja noch. Ostern fällt manchmal spät, aber niemals aus. DaS erste Vierteljahr fängt mit zahllosen Glückwünschen an und ist doch gewöhnlich nichts werth. Das 2. beginnt mit dem Fopptage und pflegt doch besser zu sein. Frisch hinein in die Maitrank-Aera, und wenn wir dabei deS Grafen Zedlitz gedenken, so heißt es: „Auf baldiges Wiedersehen!" Dem alten Herrn im Sachsenwalde aber wollen wir zum Geburtsfeste am 1. April wünschen: Gesegnet sei der Kohl auf deinen Gütern, aber nicht der Kohl in den ,Hamb. Nachr.' Sei bewahrt vor Schadenfreude, denn es kann sich doch wieder zum Guten drehen!
Deutsches Deich.
Berlin, 30. März.
* Der Kultusminister a.D. Graf Zedlitz hat heute Berlin verlassen und sich nach Tannenwalde begeben.
* Der bisherige Direktor im Reichsjustizamt, Hanauer, ist als Nachfolger des Herrn Dr. Bosse zum Staatssekretär des Reichsjustizamts ernannt worden.
* Die Meldung, daß der Laudwirthschastsmiuister v. Heyden seinen Abschied zu nehmen beabsichtigte, wird von der .Natioual-Zeitung' als unbegründet bezeichnet.
* Die Sekundärbahn-Borlage, welche dem Abgevrd- netenhause zugegangen ist, verlangt im Ganzen einen Kredit von 90,757,760 Mark. Hiervon entfallen auf Neubauten 26,289,000 Mk., auf zweite Geleise 19,104,920 Mk. und auf einzelne Bau-Ausführungen 35,363,840 Mk. Dazu kommen noch zur Beschaffung von Betriebsmitteln für die bereits bestehenden Staatsbahnen 10 Mill. Mk. Die Summe für Neubauten vercheilt sich aus ß. Bahnlinien, nämlich 1) von Gramen; nach Bublitz 1,990,000 Mk., 2) von Schivelbeiu nach Polzin 2,450,000 Mk., 3) von Stettin nach Jasenitz 5,300,000 Mk., 4) von Geestemünde nach Stade 6,569,000 Mk., 5) von Paderborn nach Büren 3,290,000 Mk., 6) von Bierfeld nach Türkismühle 300,000 Mk. Dazu kommen noch 3,690,000 Mk. für Beschaffung Von Betriebsmitteln auf den neuen Eisenbahnlinien.
* Die Vertagung des Abgeordnetenhauses wird dem Vernehmen nach am 8. April erfolgen und sollen sich die Osterferien bis zum 26. April erstrecken.
* Die Session des Reichstags wird voraussichtlich morgen (Donnerstag) geschlossen werden.
* Das Herrenhaus erledigte in seiner heutigen 9. Plenarsitzung vor Fortsetzung der Etatsberathung zunächst einige Petitionen. — Eine Petition aus Berlin um Schutz gegen die durch die Polizeiverwaltung zwangsweise herbeigeführte Impfung der Kinder des Ingenieurs Apel und Gen. wurde durch Uebergaug zur Tagesordnung erledigt. — Bei der folgenden Etatsberathung bemängelte Fürst Putbus beim Etat der Bauverwaltung die Ausführung des Hafens von Saßnitz namentlich hinsichtlich der ungenügenden Tiefe. Diese Bemängelung wurde jedoch vom Regierungstische
Dom Tode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(19. Fortsetzung.)
„Bis jetzt hat er nicht die leiseste Ahnung davon; er glaubt wie Jedermann, daß wir von niedriger Herkunft sind, vielleicht hält er uns für die iTöchter eines Lakaien Ihrer Familie, denn wir haben ihm gegenüber kein Hehl daraus gemacht, daß wir Sie in früheren Zeiten gekannt haben. Wer wir wirklich sind, weiß er ebenso wenig, wie sonst Jemand. Wer sollte auch auf den Gedanken kommen, daß die beiden Raben, wie man uns allgemein nennt, die beiden Verstoßenen, der vornehmen Familie de Groonlx entstammen, und daß Sie, Herr Baron, ihr Bruder seien?"
„Sie haben Ihren Namen entehrt, in den Koth gezogen!" brauste der Baron auf. „Ich verleugne Sie! Wer sollte auch mir nicht glauben? Jedermann wird , Sie für verrückt erklären, wenn Sie behaupten, meine Schwestern zu sein! Aber davon abgesehen, was wollen Sie eigentlich hier von mir? Soll ich Sie vielleicht in aller Form anerkennen?"
„Wir könnten Sie nöthigen, das zu thun," antwortete Susanna ruhig. Ja, noch mehr, wir könnten unfern rechtmäßigen Antheil nebst Zinsen von 50 Jahren fordern. Aber wir verzichten auf Alles, freilich unter einer Bedingung ..."
„Und diese wäre?"
„Unter der Bedingung, daß Gaspard de Gröonlx sofort in Freiheit gesetzt wird, und daß Sie es ihm überlassen, sich selbst eine Gattin zu wählen."
„Sie sink toll!" rief der Baron zornentbrannt aus. „Sie wissen vielleicht nicht, daß der Chevalier in ein Mädchen ohne Namen und ohne Vermögen, eine Hergelaufene, vernarrt ist!"
„Sie irren, Herr Baron," fiel Veronika, sich hoch aufrichtend, ihm ins Wort, „die Auserkorene des Herrn Chevaliers ist Ihnen vollständig ebenbürtig."
„Mir ebenbürtig?“ schrie der Baron, der seinen Ohren nicht traute. „Wie können Sie es wagen, mir Solches zu sagen? Entweder halten Sie mich zum Besten oder Sie sagen ..."
„Was ich sage, ist die volle Wahrheit," unterbrach ihn Veronika abermals, „Sie ist Ihnen ebenbürtig, und ihr Adel kommt dem Ihrigen gleich. Denn wenn sie auch eine Waise ist, welche wir an Kindesstatt angenommen haben, so heißt sie nicht minder Gabriele de Lescale."
„Also Sie haben sie an Kindesstatt angenommen und zu Ihnen habe ich also meinen Diener geschickt!" rief der Baron erstaunt aus.
„Gewiß, so verhält es sich in der That. Ein Diener war bei uns, von Ihnen geschickt, welcher Fräulein de Lescale zugleich jedenfalls auf Ihre Weisung
bedroht hat, indem er ihr sagte, daß Sie dieselbe im Kloster vom guten Hirten unterbringen werden, und sie in ganz unverschämter Weise durch einen Heirathsan- trog beschimpft. Bei meiner Seel', sie kann mit Recht Genugthuung dafür fordern, ich habe ihr dieselbe versprochen und sie wird ihr gegeben werden!"
15.
Jetzt erhob er sich langsam von seinem Sitze, mit drohender Gebärde und finstern Blickes, so daß weniger furchtlosen Frauen, als seine Schwestern eS waren, ein unsäglicher Schrecken in die Glieder gefahren wäre.
Unheimlich rollten seine Augen in ihren Höhlen, seine Gesichtszüge waren vor Zorn purpurroth gefärbt und schienen Feuer und Flammen zu sprühen und tote außer sich vor Wuth durchmaß er mit großen Schritten das Zimmer, während die beiden alten Frauen ruhig dastanden und aufmerksam seinen Bewegungen folgten.
„Bruder", hob plötzlich Susanna ebenso ruhig als entschieden an, „entscheiden Sie sich auf der Stelle, wir können und wollen nicht warten."
. „Ah", antwortete der Baron mit düsterer Stirne.
„Sie stehen da und wollen mir gleichsam das Messer auf die Kehle setzen. ... Sie stellen Bedingungen, Sie drohen ... Sie sind toll, sage ich Ihnen, und am allerwenigsten fürchte ich Sie!"
In Wirklichkeit konnte sich der Baron freilich einer unbestimmten Furcht nicht erwehren, denn er kannte