J\t 74 Donnerstag, den 31. März 1892. 19. Jahrgang
Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Birrtttjihrlicher AbonuemeutSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Letzte Nr. des 1. Quartals. «ssssssssssssssssssss^sV^ssssssss
Deutsches Keich.
Berlin, 29. März.
* Die Charaktereigenschaften des Grafen Zedlitz zwingen auch dem jüdischen ,Berl. Tagebl/ Worte ehrender Anerkennung ab. DaS Blatt schreibt anknüpfend an die Mittheilung, daß der bisherige Kultusminister vom Kaiser in Abschiedsaudienz empfangen sei: „Wir sind der Zustimmung weiter Kreise sicher, wenn wir diesen Anlaß benutzen, dem bisherigen Kultusminister unsere volle Hochachtung zu bezeugen. Graf Zedlitz ist nur etwas über ein Jahr Kultusminister gewesen. Aber in dieser kurzm Zeit hat er sich im Parlament die Anerkennung auch seiner politischen Gegner erworben; er hat mitten in dm Kämpfm t>eS TageS eine Unbefangmheit und eine Lauterkeit der Gesinnung an bett Tag gelegt, die in nicht seltenm Fällen bei seinen politischen Freunden peinliches Aufsehen erregte. Die Gerechttgkeit ging ihm ebm über AlleS. Je seltener heutzutage Männer sind, die nach ihrer Ueberzeugung ohne Rücksicht auf Rechts oder Links handeln, nm so mehr fühlen wir die Verpflichtung, dem Grafen Zedlitz, namentlich auch mit Rücksicht auf seine Haltung während der Ministerkrisis, unsere Anerkennung auSzusprechm."
* Auf die hämische Bemerkung der kulturkämpfe- rischm,Nationalzeitung' daß die CmtrumSpresse wegen ter Richter'schen Mittheilung übet Zuwendungen aus Bern WelfenfondS an Kardinal Melchers in Verlegenheit gekommen sei und sich in Schweigm hülle, daß daS Blatt aber in einigen Tagen wieder anfragen werde, wird dasselbe folgendermaßen von der .Germania' abgeführt: „Die ,Rat.-Ztg.' muß nur die Frage an die richtige Adresie richtm, an die jetzige offiziöse Presse ober an dm Fürsten BiSmarck. Dort allein ist bie Kenntniß davon, was ans dem WelfmfondS gezahlt wurde und wirb. Betreffs beS Herrn KarbinalS liegt nur bis Verpflichtung der preußischen Regierung vor, ihm ein JahreSgehalt zu zahlen,bader meist von Almosen bestehenden Kirchen-Verwaltung in Rom der Unterhalt eines Kirchmfürstm nicht zugemuchet »erben konnte, bet nur nach bem Wunsche ber preußischen Regierung nicht in sein ErzbiSthum zurückkehren sollte, wÄhrmb bem päpstlichen Stuhl aus allen Grün- dm biefe Rückkehr wünschenSwerth war. Glaubte bie prmßische Regierung auS irgenb welchen Grünben ben versprochenen Betrag nicht auf ben Etat nehmen zu Önnen, so stauben ihr ja Mittel in ben verschiebmm Dispositionsfonds zur Verfügung. Die Entnahme aus dem WelfmfondS, falls sie sich bestätigt, War ein Mißbrauch und hatte einen häßlichen Beigeschmack, wirft aber einen Schatten nur auf die Regierung. Betreffs der Quittung über Zahlnngm auS dem Welfen- fondS hat die ,Rordd. Allg. Ztg/, ja nmlikb noch be- zeugt, daß sie über dm Ursprung des Geldes nichts besage."
Dom Tode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(18. Fortsetzung.)
ES lag in seinem ganzm Wesm etwa» Hastiges, Nervöses, und auf dm erstm Blick erkannte man, daß gegen den Willm dieses Mannes nicht ber leiseste Widerspruch aufkommm konnte.
Ruhig und sich leicht verbeugmd trat« die beidm alten Frauen einen Schritt vorwärts, währmd sie zugleich in dem Saale umherblicktm.
„Wer sind Sie und Wae wünschen Sie?" begann ter alte Baron, sie verächtlich vom Kopfe bis zu dm Füßm meffmd.
.Ich heiße Veronika.*
„Und ich Susanna," antwortetm die E eiben alten grauen einfach.
Der Baron machte eine fast unmerkliche Bewegung, gewann aber sehr bald seine Fassung wieder und fuhr iu trockenem Tone fort:
„Gut — was haben Sie mir mitzuthkilm?"
„Was wir Ihnen rnitzutheilm habm?" begann Susanns kühn, „es ist dies eine ziemlich lange Geschichte. welche wir nur vor Ihnen allein erzählen können, Herr Baron. Lassen Sie also alle Thürm schlie- tzm, damit Niemand uns belauschen ober unterbrechen möge."
* Die Kommission des AbgeorbnetmhauseS nahm das Welsenfoutzs-Sesetz iE der Fassung an, daß die Aufhebung^der Beschlagnahme durch ein Gesetz ausgesprochen, die Ausführung dem Finanzminister übertragen werde. Dieser theilte mit, der Vertrag mit dem Herzog von Cumberland sei inzwischen abgeschlossm worben. Den Vertrag vorzulegen, verweigerte der Minister. DaS Gesetz wurde mit allen Stimmen gegen die Stimme Richters angenommen.
* Der Nachtragsetat über die strategische« Bahnen ist geftem Abend von der Budgetkommission deS Reichstags gegen 2 Stimmen (Sozialdemokraten) angenommen worden.
* JnI der heutigen 8. Plenarsitzung des Henen- hauses wurden in einmaliger Schlußberathung angenommen : Der Gesetzentwurf zur Ergänzung der Gesetze, betreffend das Ruhegehalt der emiritirten Geistlichen vom 15. März 1880 fand bett, die FürforgeMr die Wittwen und Waisen der Geistlichen der evangelischm Landeskirchestin dm 9 älteren Provinzen, sowie der Gesetzentwurf, betteffend die Sterbe- und Gnadenzeit bei Pfarrstellen und die kirchliche Aufsicht über die Vermögensverwaltung innerhalb der evangelischm Landeskirche der älteren Provinzen der Monarchie. — lieber eine Petition ber Wester- und Lintelermarscher Deichacht, f betreffenb Bitte um Einstellung eines ihr als Darlehen zu gewährenbm Betrages von 1161000 Mk. befaifaiSefeftigung des in der gmanntm^Deich- acht belegmen SeedeicheS in dm ©tat wurde nach Antrag der Kommission zur Tagesordnung übergegangen. Finanzminister Miquel gab bei diesem Anlaß interessante Aufschlüsse über die Stmerreform: DaS Ergebniß 'der Beranlagungm zur neuen jEin- kommensteuer refultire in einem Mehr von 43 Mill. Mark gegenüber ü bem Veranlagungssoll, womit bie Rothwenbigkeit ber Steuerreform genugsam erwiesen sein bürste. Es werbe nun mit ber Reform weiter vorgegangen werben. Der zweite Schritt sei aber schwerer, als ber erste. Wenn Dieser aber gelinge, so werbe Preußen in Staat unb Gemeinde ein Steuersystem habm, welches sich vollständig auf dm Grundlagen der Gerechtigkeit aufbaue. — Hierauf wurde die Berathung des StaatShauShaltSetats fortgesetzt.
* Der Reichstag setzte die 3. Lesung deS Reichs« hauShaltS beim Marineetat fort. Aus Antrag des Abg. LingenS (Ctt.) wurde eine Resolution angenommen, wonach den Offizieren und Mannschaften deS Reichs- heereS und der Marine an Sonntagen nicht nur möglichste Ruhe verschafft, sondern auch, soweit eS der Dimst gestattet, Zeit gelasim werbe, regelmäßig am Morgm-GotteSbimste theilzunehmen. Generallieutenant Spitz unb Staatssekretär Hollmann theiltm mit, daß in der Armee unb ber Marine das, was ber Antrag verlange, bereits vorgefchrieben sei. Eine längere Debatte veranlaßte bie in ber 2. Lesung gestrichene 1. Rate von 2 Millionen für bie Kreuzerkorvette K. Abgg. Frhr. v. Manteuffel (kons.), Graf Behr (Rp.) unb v. Bennigsen (ntl.) beantragten bie Bewilligung. Gras Ballestrem (Ctt.) erklärte, baß baS Zentrum an seiner
Starr, als ob ihm plötzlich ein Gespenst erschienen sei, sah ber Baron bie Sprecherin an.
Susanna nahm ohne Weiteres bie in ihrer Nähe stehmbe Tischglocke unb klingelte, worauf augenblicklich ein Diener erschien.
„Niemand soll hier hereinkommm," rief ihm der Baron entgegen, „und Du selbst ziehe Dich ins erste Borzimmer zurück!"
Der Dimer verschwand, worauf sichre beidm Be- sucherinnm niederließen.
„Herr Baron", begann Snsanna, „eS sind jetzt fünfzig Jahre her, daß zwei junge Mädchen dieses Hau-, in welchem ihre Wiege gestandm, nicht mit ihrem Willm verlassen mußten. Durch den Tod deS Heim Baron be Grsonlx, bei Vaters bieser jungen Mädchen und Ihres Vaters, wurden Sie der Erste der Familie. — Sie wollten um faßen Preis der alleinige Erbe fein, deshalb war eS nothwmdig, daß Ihre Schwestern dm Schleier nahmen. Zwar'warm sie noch jung, und sie hattm Ehrfurcht unb Unterwürfigkeit gelernt, aber gleichwohl wagten sie'-. Ihnen zu widerstehen. Sie nahmen ben Schleier nicht, ur.D als Sie eir.sahm, daß Sie auf dem Wege bei Zwanges nichts erreichen konnten, verbreiteten Stt da» Gerücht, baß diese jungen Mädchen große Neigung zum OrdenS- leben hätten und demnächst in Arles in ein Kloster eintreten würden. In Wirklichkeit aber ließen Sie
ablehnenden Haltung festhalte, nachdem sich der Bericht des Oberpräsidenten von Pommem über einen drohenden Arbeiternothstand als zu schwarz gefärbt erwiesen. Abg. Dr. Dohrn (dft.) befttitt als Vertreter Stetttns die Existenz eines Nothstandes unter dm bärtigen Arbeitern; eS bestehe im Gegmtheil Arbeitermangel. Für bie Bewilligung traten ein: Graf Amim unb Frhr. v. Stumm (Rp.), sowie v. Henk (kons.), Bize- Abmiral z. D.; bagegm sprachen Abgg. Dr. Batth unb Rickert (bfr.). Schließlich würbe bie Forderung mit 177 gegen 109 Stimmen abgelehnt. Dafür stimmte bie Rechte, bie Nationalliberalen unb bie Polen. Darauf würbe ber Marineetat angenommen. Der zum Etat ber Zölle gestellte Antrag Mmzer u. Gen. auf Erhöhung des Zolls für Tabakblätter von 85 auf 125 Mark wurde mit 205 gegen 66 Stimmen abgelehnt und der Rest deS Etats ohne erhebliche Debatte er- ledigt.
* Vom 1. April 1801 bis Ende Februar d. Js. gelangten im deutschen Reiche zur Anschreibung an Zölle« Md gemeinschaftliche« Verbrauchs - Steuer« 637065157 Mark (276129 Mark weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres). Es entfallen davon auf die Zölle 375047290 Mk. (12025730 Mk. mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres). Erhebliche Mindereinnahmen hattm die Zuckermaterialsteuer ((: 9,6 Millionen weniger) und die Verbrauchsabgabe von Branntwein (:6,8 Millionm weniger). Von? dm Stempelabgaben ergab die Börsensteuer 2 Millionen Weniger. Die Post- und Telegraphmverwaltung hatte eine Mehreinnahme von 9,3, die der Reichseisenbahn- verwaltung von 2,6 Millionen.
* Der ,ReichSanzeiger' veröffentlicht eine Ueberficht der Produktion der Bergwerke, Saline« «ad Hütte« im deutsche« Reiche und in Luxemburg währmd des Jahres 1891: Danach wurden gefördert an Steinkohlen 73640618 Tonnen (gegen 70231841 Tonnen i. I. 1890) im Werthe von 589356740 Mk. (gegen 537973362 Mark i. I. 1890). An Braunkohlen 20554885 Tonnen (gegen 19051322 i. I. 1800) im Werthe von 54111834 gegen 49765193 Mk. im I. 1890); an Eisenerzen 10657502 Tonnen (gegen 11406052 i. I. 1890) im Werthe von 39408658 M. (gegen 47826939 M. in 1890); an Steinsalz 666802 Tonnen (gegen 557060 in 1890) im Werthe von 2979162 Mk. (gegen 2472305 in 1890).
* Der frühere Loudesdirekttr Hugo Wehr ist in einem hiesigen Hotel wiederum wegen der Sttafthaten, wegen derer er bereits abgeurtheilt ist, verhaftet worben unb wirb nach Elbing ttansportirt werben, ba das Reichsgericht bie Strafsache Wehrs bem Elbinger Laubgericht zur Berhanblung überwiesen hat.
* Bochum, 28. März. DaL Ergebniß bei Steuereinschätzungen, auf baS man hier nach dem großen Prozeß unb ben »orauSgegangenen Enthüllungen be- sonberS gespannt sein mußte, • liegt jetzt in ber Hauptsache vor. Danach wirb bie Staatssteuer vom Einkommen hier von 163,279 M. ans 288,367 M., also um 125,088 = 76 Prozent steigen.
bieselbm in eine jener Anstalten bringen, wo man bie Unglücklichen unterbringt, bereu Geist uumachtet ist. Eines TageS jeboch fanb man ihre Zellen leer, sie Waren verschwnnbm, ohne baß Sie jemals erfahren hoben, auf welche Weise, unb seit jener Zeit hat man nichts mehr von ihnm gehört."
14.
Susanna hatte, währmd sie gesprochm, fortwährend den Baron scharf angeblickt. Als sie schwieg, gewahrte sie, daß tödtliche Bläffe fein Gesicht bedeckte.
„Nun ja", pustete er endlich mühsam hervor, „Diejenigen, von welchen Sie da sprechen sind längst nicht mehr, ich weiß es wohl."
„Im Gegmtheil, sie leben, Herr Baron," tief Susanna. „Sie leben beide noch!"
„Unmöglich' — ich glaube nicht, trcS Sie da sage«.»" )u<3 ber Boron Kettig .he-.^or. „Wobtt faüen sie etwa kommen? Wo find die Beweise? Diese unglücklichen Mädchen sind tobt, sage ich Ihnen!"
„M-in Brub r!“ rief Susanna, indem st: dem Baron fest und mit einem gewissen Spott in das Auge b.i*te, „Du vnIst also Deine beiden eigenen Schwestern nicht erkennen."
Aus» Amfatsie verwirrt und mit dem Ausdi .ucke verhaltener Wuih wandte der Baron sich ab und sagte kein Wort.
„Freilich," setzte Susanna hinzu, da der Baron