Einzelbild herunterladen
 

—; ®uf eine Anftage des 36g. v. Marquardsen er­widerte Staatssekretär Frhr. v. Marschall, daß die deutsche Regierung die Bertteter der deutschen Dele- girten zum Gläubigerausschusse für die portugiesische Schuld nach Möglichkeit unterstütze und ein gütlicher Vergleich zu erhoffen sei. — Ein vom Abg. Meyer- ArnSwalde zum Etat des Innern gestellter Antrag, aus Reichsmitteln Stipendien und Unterstützungen für talentvolle junge Künstler zu gewähren und zur För­derung der Malerei und Plastik in Deutschland ent­sprechende Beträge in den Etat einzustellen, wurde ab­gelehnt. — Von den Abgg. Thomsen und v. Kardorff wurden schärfere Bestimmungen gegen Einschleppung der Viehseuchen gefordert. — Staatssekretär v. Bötticher erklärte, daß die vorhandenen Bestimmungen bei richtiger Anwendung vollständig ausreichten. — Die einzelnen Etats bis zum Miltäretat wurden, letzterer debatten­los, genehmigt.

* Dem preußischen Abgeordnetenhause ist heute die angekündigte Sekundärbahnvorlage zugegangen.

* Die Reichstagskommission zurVorberathung des Gesetzentwurfes über die Bestrafung des Sklaven­handels nahm den von der Regierung vorgelegten Ent­wurf unverändert an, fügte jedoch noch folgenden § 6 hinzu: „Dieses Gesetz tritt mit dem Tage seiner Ver­kündigung in Kraft und gilt bis zum I. Oktober 1895." Zugleich wurde folgende Resolution angenommen: „Den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, innerhalb der in 8 6 bestimmten Frist Vorsorge zu treffen, daß in den deutschen Schutzgebieten die gesammte, die Sklave­rei betreffende Materie gesetzlich geregelt werde.

* Der General der Infanterie, Konstantin von Alvensleben, der frühere Kommandeur des 3. Armee­korps, ist heute früh im 83. Lebensjahre gestorben.

* Der Minister des Innern hat der Zeitschrift für Versicherungswesen' zufolge in Ausübung der Staatsaufsicht über das Lebensverficherungswrsen in Preußen und in theilweiser Abänderung seines Erlasses vom 2. Februar v. I., betr. die Veröffentlichungen der in Preußen konzessionirten Lebensversicherungs- Gesellschaften über ihre jährlichen Geschäftsergebnisse, an sämmtliche Regierungspräsidenten unter dem 8. d. M. eine Verfügung erlassen, in welcher in Bezug auf die Aufftellung der Rechnungsabschlüsse strenge Be­stimmungen getroffen werden. Betreffs der Tontinen- Versicherung wird die Veröffentlichung detaillirter Nachweise über die einzelnen Tontinegruppen und die Spezifikation der in die Ausgabe der Gewinn- und Verlust-Rechnung eingestellten Berwaltungskosten ge­fordert, aus welcher die Beträge erhellen müssen, welche für Steuern, Arzthonorare, Gehalte, Reisekosten, Druck­kosten, Prozeßkosten und Sonstiges gezahlt sind.

* In der Zeit vom 1. August bis 29. Februar wurden in den Zuckerfabriken des deutschen Zollgebiets 948,800,22 Doppelcentner Rüben und 18,524,95 Doppelcentner Melasse verarbeitet. An Zucker wurden produzirt, und zwar Rohzucker 1. und 2. Produkt 10,305,123 Doppelcentner, Nachprodukte 406,558 Doppelcentner und raffinirter und Konsumzucker 43,792,94 Doppelcentner.

* Ueber die Krankenversicherung der Arbeiter im Jahre 1890 entnehmen wir dem Vierteljahrsheft zur Statistik des deutschen Reiches folgende Ziffern: Die Zahl der Kassen betrug 21,173, davon waren 8011 Gemeindekrankenkassen (mit 1,101,364 Versicherten), 4119 Ortskrankenkassen (mit 1,673,531 Versicherten), 130 Baukrankenkassen (mit 29,058 Versicherten), 452 Jnnungskrankenkassen (mit 74,438 Versicherten), 1869 eingeschriebene Hilfskassen (mit 810,455 Versicherten), 468 landesrechtliche Hilfskassen (mit 144,668 Ver­sicherten). Die Zahl der versicherten Personen betrug insgesammt 6,579,539, die Zahl der Krankheitstage 39,176,689, die aufgewendeten Krankheits - Kosten 84,037,913 Mk. And den Krankheitskosten partizipiren

Arzt und Arznei mit 31 und die Krankengelder mit 40 Millionen. Die Gesammtausgabe der Krankenkassen stellt sich auf 92,709,644 M., die Gesammteinnahme auf 114,558,315 Mk., wovon 91,229,727 Mk aus Beiträgen und Eintrittsgeldern erwachsen sind.

Anstand.

* Paris, 28. März. Die große Beunruhig­ung der Bevölkerung durch die letzten Explosionen findet ihren Ausdruck in den Blättern, welche durch­weg konstattren, daß die Situation eine sehr ernste sei. Viele tadeln die Regierung und die Polizei wegen Mangels einer energischen zielbewußten Aktion. Das „I. des Döbats" verlangt vor allem die entschiedene Unterdrückung der anarchistischen Propaganda, welche nicht genug überwacht sei. Die Organe der Konser­vativen greifen das Ministerium aus's Heftigste an, welches gegen arme Priester die Strenge des Gesetzes handhabe, die Elemente der Unordnung jedoch ermuthige. Andere Journale sprechen Befürchtungen aus wegen des 1. Mai und hegen die Besorgniß, die Einschüchte­rungen Seitens der Anarchisten könnten den beabsich­tigten Erfolg haben; mehrere Hausbesitzer hätten be­reits dem Richterstande angehörigen Miethspartien ge­kündigt unter Hinweis auf die jüngsten Attentate. Eine Anzahl Deputirter beabsichtigt, einen Antrag ein­zubringen, wonach der Staat für die durch solche Ex­plosionen verursachten materiellen Schäden aufzukommen habe.

— 28. März. Die Polizei verhaftete in Saint Denis 2 Anarchisten.

* Nirgendwo werden dieBerliner Ereignisse mit größerer Spannung und Aufmerksamkeit verfolgt als in Paris. Das Schulgesetz ist den französischen Politikern begreiflicherweise ziemlich gleichgültig. Die innern Angelegenheiten Deutschlands kümmern sie nur in ihrer Rückwirkung auf die auswärtige Politik der Reichsregierung. Deshalb kommt hier nur der Plötz- licheUmschwungmit seinen ungewöhnlichen Ursachen in Betracht. Alle Parteien freuen sich darüber, daß die Regierung Deutschlands ihre frühere Stetigkeit ein­gebüßt habe, und jetzt eine Zeit eingetreten zu sein scheine, wo man stets auf einen Umschwung gefaßt sein müsse. Der „neue Kurs" hatte durch sein festes Auf­treten allmälig Vertrauen gewonnen, zumal Herr v. Caprivi seinen Posten vollkommen gewachsen war, sich als eilt gewiegter Staatsmann bewährte. Diese Stimm­ung ist jetzt gründlich erschüttert, ja verflogen. Die Franzosen zählen nun darauf, bie Berliner Regierung werde durch Mangel an Stetigkeit in immer größere Schwierigkeiten im Innern gerathen, und dadurch Deutschland geschwächt werden. Die Hoffnungen der Deroulöde und Genossen sind daher seit dem 18. März gewaltig gestiegen. Dazu kommen die — übertriebenen, theilweise vollständig erlogenen — Gerüchte über den Gesundheitszustand des Kaisers. Schaden­freude, wird man in Deutschland antworten. Ja, Schadenfreude; aber der Feind hat ein scharfes Auge, entdeckt schnell und sicher die Lücke im Panzer. Der Tod Wilhelms I. war ein großes Ereigniß, aber Jedermann war auf dasfelbe vorbereitet. Die Ent­lassung Bismarck's kam ziemlich unerwartet, wurde aber bald verwunden, als man seinen Nachfolger am Werke sah. Der 18. März ist, für das Ausland, ein viel folgenschweres Ereigniß, weil es darthut, daß nun­mehr mit unberechenbaren Größen gerechnet werden muß. Es ist nicht ganz unmöglich, daß dieser Eindruck wiederum abgeschwächt, verwischt wird. Aber hierzu wird Zeit, sehr lange Zeit erforderlich sein. In unserm hastig drängenden Jahrhundert ist man jedoch am wenigsten Herr über die Zeit. Die Welt wartet nicht, bis die Kräfte wieder gesammelt, und die Staats- maschine wiederum in regelrechten Gang gebracht ist, um mit vollem Dampf zu arbeiten. Alle hier lebenden

Deutschen fürchtm, der 18. März werde nach außen hin unliebsame Wirkung haben. (,Köl. Vztg.')

* Das spanische Ausgabe-Budget wurde gestern im Ministerrathe endgiltig festgestellt. Durch dasselbe sind 12 Millionen Pesetas Ersparniffe in Aussicht gestellt.

* Das zwischen England und den Vereinigten Staaten von Nordamerika vereinbarte Schiedsgericht betreffs der Brhringsmeerfrage wird demnächst in Paris zusammentreten. Dasselbe soll aus 7 Mit­gliedern bestehen, von denen je 2 aus England und den Vereinigten Staaten, die 3 anderen durch den Präsidenten der französischen Republik, den König von Italien und den König von Schweden-Norwegen er­nannt werden.

* San Francisco, 28. März. Nach Meldungen aus Shanghai sind während des letzten AufstandtS in derM ongoleifast 8000 Insurgenten mit dem Schwerte getödtet und 500 lebendig verbrannt worden. Im Chienchang-Gebiete fielen 1300 Rebellen in die Hände der kaiserlichen Truppen, welche 800 niedermetzelten und die übrigen verbrannten.

Johann Amos Gomenius.

(Aus der ,Köln. Volkszeitung.")

Der 28. März 1892 ist der dreihundertjährige Geburtstag eines Mannes, dessen Name in der pädagogischen Welt einen bedeutenden Klang hat, des I. A. Comenius. Schon von seinen Zeitgenossen als Lehrer und Didaktiker hoch geachtet, ist er doch erst in neuer Zeit in weiteren Kreisen voll und ganz gewürdigt worden. Was ihn vor Allem auszeichnet, ist sein beharrliches Streben nach einer besseren Bildung der Jugend und des Volkes und die Begeisterung, mit welcher er während seines vielbeweg­ten, von harten Schicksalsschlägen geprüften Lebens trotz aller Enttäuschungen immer wieder auf's Neue Hand anlegte, das Werk zu fördern, dem er nach seinem eigenen Geständniß seine Hauptkraft gewidmet. Schule und Unterricht zu verbessern.

Nach der heutigen Annahme wurde Comenius am 28. März 1592 zu Nionitz in Mähren geboren. Seine Eltern gehörten der Sekte der böhmischen oder mährischen Brüder an, einer reli­giösen Gemeinde, welche aus den Taboriten hervorgegangen war. Nach dem frühen Tode der Eltern von den Verwandten vernach­lässigt, erhielt er die Anfänge einer wissenschaftlichen Bildung erst im 16. Jahre durch den Besuch einer sogenannten lateinischen Schule. Als starre Anhänger des Hussitismus mieden die böh- mischen Brüder die katholische Hochschule zu Prag, weshalb auch Comenius zur Fortsetzung seiner Studien eine protestantische An­stalt Deutschlands aufsuchte, nämlich die von Alsted geleitete Schule zu Herborn in Nassau. An seine akademischen Studien in Heidelberg schloß sich eine Reise nach Holland und England. In die Heimath zurückgekehrt, wurde er, 26 Jahre alt, Prediger und Lehrer zu Fulneck in Mähren. Nach der Schlacht am weißen Berge wurde das Städtchen geplündert und zerstört, und Come­nius verlor seine ganze Habe. Das von Kaiser Ferdinand in Anwendung gebrachte jus reformandi zwang ihn, auszuwandern, und er fand in Polnisch-Lissa mit einer Anzahl Glaubensgenossen eine Heimstätte. Dort stand er einige Zeit der Lateinschule als Rektor vor und verfaßte mehrere pädagogische Schriften, die großes Auffehen erregten und ihm Einladungen nach England, Holland und Schweden eintrugen zur praktischen Reform des. Unterrichtswesens. Comenius begab sich zunächst nach Englands doch verließ er in Folge politischer Wirren das Land bald wieder und besuchte, der Einladung des reichen niederländischen Kauf­manns Ludwig van Gaar folgend, Norköping und Stockholm, wo er in dem schwedischen Kanzler Oxenstierna einen Gönner fand. Auf dessen Veranlassung nahm er seinen Wohnsitz in Elbing, wo er von 1642—1648 lebte und an seinen Schulbüchern arbeitete. Bon seinen Glaubensgenossen zum Bischof gewählt, kehrte er 1648 nach Lissa zurück und widmete sich kirchlichen An­gelegenheiten. Nach einem kurzen Aufenthalt in Ungarn kehrte er nach Lifsa zurück und verlor ein zweites Mal Hab und Gut, als die von den Schweden gewonnene Stadt von den Polen zu­rückerobert und gänzlich verwüstet wurde. Die Brüdergemeinde zerstreute sich in alle Welt. Comenius selbst floh nach Schlesien, und später nach Amsterdam, wo Lorenz van Gaar, der Sohn des oben erwähnten Kaufmanns, den müden, gebrochenen Mann aufnahm. Er starb, 80 Jahre alt, am 15. November 1671 und liegt in Narben am Zuidersee begraben.

Bon seinen zahlreichen Werken sind besonders vier hervor­zuheben, welche seinen Ruf begründeten. Unter dem Titel Janua linguarum reserata gab er 1631 nach dem Vorgänge eines Je­suiten eine Schrift heraus, durch die er einen natürlichen und leichten Weg zur Erlernung der lateinischen Sprache anbahnen wollte. Das Prinzip seiner Methode war, daß die Erlernung der Sprache mit der Kenntniß der natürlichen Dinge Hand in Hand gehen sollte, womit er sich der herrschenden Schule ent­gegenstellte. Das Werk erregte ungeheueres Aufsehen und wurde

Charakter der ursprünglichen Gebäude erinnerte. Noch jetzt stand das Kloster rings um den ausgedehnten Park, worin einstens die Tempelritter wandelten, aber über den düstern Bogengängen befanden sich große Fenster mit reichgeschnitzten Krönungen, hinter welchen schwere seidene Vorhänge bis zum Fußbodm nieder­fielen.

Das erste Stockwerk, welches unter Ludwig XTV. umgebaut worden war, war ganz in der verschwenderischen Art jener Epoche möblirt und befand sich auch noch damals in dem nämlichen Zustande, da man seit jener Zeit nichts geändert hatte.

Als die beiden alten Frauen in dem Dorfe an- langten, kehrten sie zunächst tn der einzigen bescheidenen Dorfherberge ein, um hier erst ihre Toilette ein wenig in Ordnung zu bringen, bevor sie den Weg zum Schlosse antraten.

Als sie dann später den steilen Schloßweg langsam hinauf schritten, welcher von uralten stämmigen Ulmen eingesäumt war, da erkannten sie nicht ohne eine gewisse innere Bewegung jedes Plätzchen, ja jeven Baum und jeden Stein wieder, so wenig hatte sich hier alles im Laufe der Zeit verändert.

„Da steht noch immer der große alte Nußbaum, welcher an Maria Himmelfahrt um die Vesperzeit vom Blitze getroffen wurde", bemerkte Veronika. „Er gibt noch immer reichen Schatten."

„Und da ist noch ebenso die Madonna in ihrer

Steinnische hinter dem eisernen Gitter, wo wir so viele herrliche Sträuße befestigt haben", sagte Susanna.

„Und der kleine Garten zwischen den Thürmen", fuhr Veronika fort. „Was ist der wilde Weinstock ge­wachsen, welcher sich dort an der altersgrauen Mauer emporrankt. Und noch immer so zahlreiche, üppige Rosen — alles noch wie sonst."

„Dort drüben die kleinen schattigen Gebüsche und Wiesen, alles in schönstem Grün, ganz ftisch und zart."

Dann blieben sie stehen und murmelten, einander seufzend betrachtend:

„Und wir, wir sind ..."

„Nun, wir sind mittlerweile alt geworden. Jst's eine Schande, alt zu werden?" fiel die andere ihr ins Wort.

Schweigend schritten sie weiter auf das Schloß zu.

Am Eingänge dehnte sich auf einer Bank schläfrig ein Lakai, welcher inzwischen erwacht war, es aber nicht einmal für der Mühe werlh erachtete, sich voll- tändig aus seiner bequemen Stellung zu erheben, son- )ern mit einem geringschätzigen Blicke auf die beiden dürftig gekleideten Frauen nachlässig sagte:

„Jedenfalls wieder eine Kollekte, he? Alle Tage wird der Herr Baron damit belästigt. Es will gär nicht aufhören. Uebrigens weiß ich nicht, ob Sie den Herrn Baron sprechen können. Gehen Sie nur die ftroße Treppe hinauf, im Vorzimmer ist schon ein Diener, welcher es wissen wird."

„Er hält uns für Bettler", murmelte Susanna vor sich hin. „Nun, er kümmert sich weiter nicht um uns," setzte sie dann halblaut hinzu. „Er ahnt gewiß nicht im mindesten, daß wir im Schlosse hier ebenso gut Bescheid wissen, wie er selbst."

Damit schritten sie weiter.

13.

Die beiden Alten hatten insofern gerade den gün­stigsten Augenblick für ihren Zweck gefunden, da sie um die Zeit nach dem Diner eintrafen, wo der Baron seine Audienzen zu ertheilen pflegte.

Ein Diener führte sie, nicht gerade ohne langer Hin- und Herreden, in den großen Saal, nachdem er vorher die Weisungen seines Herrn eingeholt hatte. Der harte Greis ruhte eben in seinem großen wappen­geschmückten Sessel.

Seine Kleidung erinnerte zum Theil an eine bereits dahingeschwundene Zeit. Auf dem Kopfe trug er eine mächtige, hochragende Perücke, deren systematische Locken ein Gesicht einrahmten, welches in gewisser Hinsicht an die Züge Ludwig XIV. erinnerte, das nämliche große schwarze, von dichten Augenbrauen beschattete Auge, der nämliche eingezogene Mund und dieselbe Haltung. Freilich fehlte dem Baron der Ausdruck des Adels und der mit Strenge gleichmäßig gepaarten Güte, welcher dem genannten König eigen war.

(Fortsetzung folgt.)