Mittwoch, den 30. März 1892.
19. Jahrgang
Zeitung
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Deutscher Keich.
Berlin, 28. März.
* Der Kaiser hat mittelst Handschreiben dm Großherzog von Hessen anläßlich dessen Regiemngs- antrittS zum Obersten ä la suite des 1.Garderegiments z. F. ernannt.
* Zu der heute im Abgeordnetenhause (siehe dm chetr. Bericht) vom neuen Ministerpräsidenten Grafen zu Eulenburg bezüglich des Balksschulgesrtzes abgegebenen Erklärung bemerkt die .Germania': Damit ist der Fall des Schulgesetzes nun auch als formell besiegelt, und der Ministerpräsident hat wegen dieser Erbschaft, die er zu regulirm hatte, seine Laufbahn mit wiederholtem lebhaften Beifall links und wiederholtem entschiedenen Widerspruch rechts und im Cmtrum eröffnet. T h a t e n werden zeigen müssen, ob es so auf die Dauer gemeint ist, und danach wird auch unser Ver- haltm sich richten. In Bezug auf das Schulgesetz fand der Ministerpräsident eine gegebene, vom Kaiser geschaffene und sanktiouirte Lage und hat auch die Motivirung dafür sich angeeignet, aber nur indirekt und ohne positives Bekmntniß zu dem Privilegium der Mittelparteien, daß sie allein nicht majorisirt werden dürsten. Er hat in seiner Zurückhaltung auch materiell feine Stellung zu den Schulfragen genommen. Eine Entscheidung aber tohjb sich nicht umgehen lassen, da wir ebensowenig, wie wir eine Versumpfung der Kirch en an gelegen heilen dulden konnten, im Kulturkämpfe betreffs der Schule stecken bleiben, z. B. Sie Fortexistenz der absolut kirchenfeindlichen Falk'schen Februarverordnung von 1876 dulden können und daher, wenn die Regierung nicht vorgeht, durch eigene Anträge die Schulangelegenheiten wieder auf den christlichen Standpunkt zurückführen und dort rechtlich sichern müssen.
* Es hat in Frage gestanden, ob Minister von Bötticher Oberpräfidmt in Kassel werden sollte. Er hatte hmte Audienz beim Kaiser; darin dürfte die Enffcheidung gefallen sein, daß er in feinem jetzigen Amte bleibt.
* Der neue Kultusminister Basse ist den Katho- liten schwerlich so wohlgesinnt als Graf Zedlitz, aber die Liberalen sind vom Regen unter die Traufe gekommen. Kirchlich und politisch steht Herr Dr. Bosse, wie ein Berliner Korrespondent der .Köln. Vztg.' zu- Derlässig mittheilm kann, jedenfalls weiter rechts als Graf Zedlitz. Der abgetretene Kultusminister erklärte noch gestern im Abgeordnetenhause, er sei immer „ein Einspänner", kein Anhänger einer politischen Partei gewesen. Bon Herrn Bosse wird das Niemand sagen; ersteht auf dem rechten Flügel der konservativen Partei, auf dem Standpunkte des Reichsboten etwa. Seine Schulpolitik wird abzuwarten sein; dagegen steht bei jedem Kundigen fest, daß die liberale Theologie in der Landeskirche und der Protestantenverein unter ihm keine vergnügten Tage haben werden. Hr. Dr. Bosse ist ein entschiedener Gegner der modernen Theologie ä la Ritschl und seiner Schüler, und da er nicht bloß ein strenger Orthodoxer, sondern in der
Dom Tode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(17. Fortsetzung.)
„Jst's möglich?" riefen die beiden Alten erstaunt.
„Ja es ist so, wir haben uns liebgewonnen, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, ohne an etwas zu denken, so zu sagen", antwortete das junge Mädchen ruhig. „Jetzt sehe und begreife ich, daß dieser Situation irgendwie ein Ende gemacht werden muß. Ich will in ein Kloster gehen, man wird mich wohl ohne Mitgift auftiehmen. O, Tante Susanna, Tante Veronika ich werde Ihre Güte nie vergessen, die Sie mir erzeigt haben! Herr de Gröonlx muß gehorchen, sonst bleibt er ewig im Gefängnisse. Möge er glücklich sein, — ich gehe meiner Wege. Was soll ich noch in dieser Welt thnn, wo nichtswürdige Menschen mich verachten und beschimpfen? Morgen mögen Sie mich zum Kloster Maria Heimsuchung zurückbringen, und dann dem Herrn Baron mittheilen, daß ich Herrn de Groonlx nie Wiedersehen werde, daß ich für diese Welt tobt bin!"
Diese Verzweiflung und dieser stolze Entschluß schnitten den beiden alten Frauen tief in die Seele, vielleicht zum ersten Male traten ihnen heute die hellen Thränen in die Augen.
„Nein, nein", rief Susanna, die sich zu einem
Verfolgung seiner Ziele auch ein guter Stratege ist, dürfte er mit dem protestantischen Kirchen-Liberalismus so weit aufräumen, als es überhaupt möglich erscheint. Unsere liberalen Theologie-Professoren sind somit für ihren Protest gegen das Volksschulgesetz in einer Weise belohnt worden, wie sie es sich schwerlich vorher gedacht haben. Der neue Minister hat für die spezifischtheologischen Dinge mehr Interesse als sein Vorgänger, so daß man in orthodox - konservativen Kreisen nicht daran zweifelt, ein wesentlicher Theil seiner Thätigkeit werde den landeskirchlichen Verhältnissen im Sinne einer kräftigen Stärkung der positiven Parteien gewidmet sein. Geradezu amüsant ist es, daß die libe- ralen Blätter eine Miene annehmen, als sei Bosse ein Anhänger der gemäßigten Richtung und überhaupt nicht so „schlimm" als Graf Zedlitz. Natürlich wollen sie sich dadurch bei dem neuen Minister einschmeicheln, denn wenn sie etwas von ihm „hoffen" können, so kann es nur sein, daß er den Katholiken unfreundlicher gegenübertritt wie sein Vorgänger. Diese Möglichkeit bestreiten wir keineswegs; dennoch wird es abzuwarten sein, ob sie sich erfüllt, während es so gut wie feststeht, daß die Liberalen für sich von Hrn. Bosse nichts zu erwarten haben.
* In der heutigen 7. Plenarsitzung des Herrenhauses nahm vor Eintritt in die Tagesordnung Ministerpräsident Graf zu Eulenburg das Wort und wiederholte seine int Abgeordnetenhause abgegebene Erklärung über die Trennung des Amtes des Ministerpräsidenten von dem Amte des Reichskanzlers und über die Zurückziehung des Volksschulgesetzentwurfs. Die einmalige Schlußberathung der Denkschrift der Ansiedelungskommission für Westpreußen nnd Posen wurde durch Kenntnißnahme für erledigt erklärt. Hierauf trat das Haus in die Berathunz des Staatshaushaltsrtats für 92/93 ein. Herr von Kleist-Retzow erklärte, daß die Zurücknahme des Volksschulgesetzes seine Freunde auf's Schmerzlichste berührt habe. Abg. v. Manteuffel bedauerte seinerseits, daß die int Reichstage angekündigte Novelle zum Unterstützungswohnsitzgesetz nicht einge- gangen sei. Graf Klinkowström plaidirte gleichfalls für eine gewisse Beschränkung der Freizügigkeit. Graf Buinski hoffte, daß der neue Kultusminister ebenso polenfreundlich wäre, wie sein Vorgänger. Frhr. von Durand dankte dem früheren Ministerpräsidenten, sowie dem früheren Kultusminister für ihr mannhaftes Eintreten für das Volksschulgesetz. Oberbürgermeister Zwingert-Essen sprach seine Genugthuung über die Zurückziehung des Volksschulgesetzes aus. Oberbürgermeister Bötticher-Magdeburg schloß sich dem an, ebenso Fürst Hatzseldt. Graf v. d. Schulenburg-Beetzendorf sprach die Hoffnung auf baldige Wiedervereinigung der Aemter des Reichskanzlers und des preußischen Ministerpräsidiums aus. Ministerpräsident Graf Eulenburg ver- theidigte den Reichskanzler gegen ben vom Vorredner erhobenen Vorwurf, zwei Beamten (Graf Limburg und v. Bennigsen) gegenüber nicht mit gleichem Maße gemessen zu haben. — Weiterberathunz des Etats morgen.
* In der 42. Plenarsitzung vom 28. März gab im Abgeordnetenhaus Ministerpräsident Graf Eulen
raschen Entschlüsse aufgerafft zu haben schien, aus, „laß mich nur machen! Der Herr Chevalier befindet sich freilich imGefängniß, aber bald wird er frei sein, dafür stehe ich ein. Morgen begebe ich mich mit meiner Schwester zum Herrn Baron."
0'" „Du willst zum Herrn Baron, in die Höhle des Löwen?" sagte Veronika die Hände ringend. „Es wird Dir ergehen, wie es dem Herrn Chevalier ergangen ist, Schwester ... Er wird Dich im günstigsten Falle von seinen Hunden in schmählicher Weise zum Schloßhofe hinaushetzen, vielleicht uns sogar einsperren lassen. Jedenfalls ein sehr großes Wagmß", setzte sie kopfschüttelnd hinzu.
„Nicht im mindesten", antwortete Susanna ruhig. „Wenn Du Dich fürchtest, magst Du hier bleiben, aber ich fürchte mich nicht, und ich weiß schon Mittel, um nicht bloß die Hunde, sondern auch die Menschen zum Schweigen zu bringen. Gold öffnet alle Thüren, auch Schloßthüren, und wenn ich einmal vor dem Herrn Baron stehe, so wird er sich hüten, mich abzuweisen, deß bin ich sicher — Du weißt, was wir ihm zu sagen haben werden!"
„Du hast recht, Schwester, ich werde mit Dir gehen. Uebrigens kann er uns kaum abweisen, denke ich; auf jeden Fall müssen wir dieser Sache ein Ende machen, denn Gabriele vermag dies ebenso wenig, als
bürg vor Eintritt in die Tagesordnung die Erklärung ab, daß künftighin der Reichskanzler nicht mehr den Posten eines preußischen Ministerpräsidenten begleiten werde, da die Arbeitslast beider Posten für eine Person zu groß sei. Das Ministerium des Auswärtigen werde der Reichskanzler jedoch weiter begleiten. @r erklärte sodann, daß die preußische Regierung das Volksschulgesetz zurückziehe, weil bei den im Lande und in der Kommission vorhandenen Gegensätzen eine Verständigung nicht möglich sei. Hierauf wird die Vorlage betr. Heilighaltung der Sonntage und Festtage in den neuen Provinzen in 1. und 2. Lesung genehmigt und desgl. die Vorlage bett. Aufhebung älterer Bestimmungen in Hessen-Nassau über Untersuchung des Schlachtviehs. In der nun über die Vorlage bett, die Entschädigung für Thiere, welche am Milzbrand gefallen sind, entstehenden Debatte wird aus dem Hause der Wunsch geäußert, von diesen Bestimmungen diejenigen Gegenden auszunehmen, in welchen der Milzbrand erfahrungsgemäß häufiger auftritt, jedoch regiernngsseittg unter Hinweis auf das überhaupt seltene Vorkommen des Milzbrands abgelehnt; die Vorlage wird in 1. und 2. Lesung angenommen. Sodann folgt 1. Lesung der Vorlage bett. Entschädigung der ftüheren Reichsunmittelbaren. Abg. v. Heeremann (Ctt.) tritt für Wahrung der Rechte derselben ein, während Abg. Rickert (dfr.) das Vorhandensein eines Rechts auf diese Entschädigung bestreitet. Rezierutkgsseitig wird dagegen ausgeführt, daß es sich hier nicht um eine Expropriation, sondern um Entschädigung für das Äufgeben wohlerworbener Rechte handle. Die Abgg. v. Rauchhaupt (kons.), v. Tiedemann, Bomst (ftk.) und Friedberg (nl.) schließen sich diesen Ausführungen an und halten die in der Vorlage geforderte Entschädigung für nicht zu hoch. Die Vorlage gcht an die Budgetkommission. Nächste Sitzung Mittwoch. Tagesordnung. Kleine Vorlagen. Schluß VJ2 Uhr.
* Der Reichstag überwies den Nachtragsetat für strategische Eisenbahnen zur Vorberathung an die Budgetkommission. — Abg. Dr. Hammacher (ntl), Hahn (kons.), v. Kardorff (Rp.), Dr.Oerterer (Ctr.) und Hinze (6fr.) beklagten die späte Einbringung bes Nachtragetats, forderten eine strenge Prüfung, erklätten sich aber, falls diese die Nothwendigkeit der Forderung ergeben, der Vorlage zuzustimmen. — Dann wurde die 3. Berathung des Reichshaltsetats fortgesetzt. — Zum Etat des Auswärtigen Amtes entspann sich eine längere Debatte über die Anwendung der ermäßigten Zollsätze der neuen Handelsverträge auf andere Länder. — Abg. Graf Kanitz (kons.) drang darauf, daß die ermäßigten Sätze gegenüber den nichtmeistbegünstigten Ländern aber bann Anwendung finden sollen, wenn sich diese zu entsprechend großen Gegenleistungen bereit finden lassen. — Staatssekretär Frhr. v. Marschall erklärte, daß zu Besorgnissen in dieser Richtung kein Grund vorläge; auch die vereinigten Staaten von Nordamerika hätten Konzessionen gemacht. Während Abg. v. Kardorff sich dem Grafen Kanitz im Wesentlichen anschloß, vertraten die Abgg. Dr. Barth und Dr. Brömel (bfr.) den freihändlerischen Standpunkt.
Herr de Greonlx. Wir werden also morgen zeitig aufbrechen."
Verwundert hatte Gabriele diesem Zwiegespräch zugehört. Daß es sich um den Chevalier und seine Zukunft handle, begriff sie wohl; vielleicht auch um ihre Person?
13.
Das Schloß Greonlx, ein altes, weitläufiges Kastell, welches in einer Schlucht der oberen Provence lag, war zu Beginn des 13. Jahrhunderts von den Tempelrittern erbaut worden, und bei der Aushebung des Ordens auf die Familie übergegangen, deren letzter Sprosse der Chevalier de Groonlx war.
Das Schloß machte, wie fast alle Bauten dieser Zeit, ganz den Eindruck einer starken mittelalterlichen Festung. Die Wälle, an deren Fuße die wenigen armseligen Häuschen des gleichnamigen Fleckens lagen, waren an allen Ecken von Thürmen flankirt, und mitten in all diesen unregelmäßig aufgesührten Baulichkeiten lag der Festungsthurm, wie man ihn nennen konnte, wo die Archive und Werthsachen aufbewahtt wurden.
Die Herren de Grsonlx hatten im Lause der Zeit das Innere des alten Kastells ganz in modernem Geschmack eingerichtet und ausgestattet, obwohl das Ganze in seiner Gesammtheit noch immer an den religiösen