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Dienstag, den 29. März 1892.
Fuldaer
-U- Der allgemeine deutsche Gewerkschaft^. Kongreß,
welcher vom 14. bis 18. März in Halberstadt stattgefunden, charatterisirte sich schon äußerlich als eine von sozialdemokratischem Geiste beseelte Versammlung. Rothe Fahnen, sowie sozialdemokrattsche Sinnsprüche und die Büsten von Karl Marx und Lassalle zierten den Versammlungssaal, und am Schlüsse des Kon- gresies sangen die Delegirten stehend die Audorfssche Arbeiter-Marseillaise, nachdem man kurz vorher das Andenken der Berliner „Märzgefallenen" durch Erheben von den Sitzen geehrt hatte. Auch die Anwesen- heit verschiedener sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter mußte jeden Zweifel über die eigentliche Bedeutung des Kongresses ausschließen.
Der seit Langem mit vieler Mühe vorbereitete Kongreß hatte die Aufgabe, ein einheitlicher Vorgehen der deutschen Gewerkschaften durch Schaffung einer straff centta- llistischen Organisation herbeizuführen. Dieser Zweck ist nicht erreicht worden. Man entschied sich zwar nach langer gereizter Debatte, die sogar zum Austritte mehrerer Vertreter der Lokal-Organisation führte, im Prinzip für die Organisations-Form der Industrie- Verbände, doch sollen bis auf Weiteres die verschiedenen bisherigen Organisationsformen nebeneinander bestchen bleiben. Für diese aber soll die Parole gelten: Getrennt marschiren, vereint schlagen! Es wird also zunächst in der Hauptsache Alles beim Alten bleiben.
Auf dem Kongresse standen sich drei Gruppen gegenüber: die Vertreter der Unionen, der Industrie-Verbände und der Lokal-Organisationen mit Vertrauens- männer-Centralisation. Dabei zeigte sich auch eine Verschiedenheit in der Auffassung über die Aufgaben der Gewerkschaften. Die Einen wollten dieselben fast ausschließlich als politische Kampf-Organisattonen betrachtet wissen, die Anderen legten das Hauptgewicht auf die eigentlichen Gewerkschafts-Aufgaben selbst. Die überwiegende Mehrhest sprach sich indessen für die Nothwendigkeit der politischen Bethätigung innerhalb der Gewerkschaften aus. Wie ein rother Faden durchzog die ganzen Verhandlungen der Gedanke, daß die Gewerkschaften die Arbeiter zum poliüschen „Klassen- ckampfe" erziehen müßten und daß es die Aufgabe der Gewerkschaften sei, die „Sozialisirung der Produktion vorzubereiten". Letztere Auffassung wurde besonders von den Berliner Delegirten vertreten, von denen Einer ausführte: „Wir sagen: Politik muß hinein in die gewerkschaftlichen Organisationen, die Arbeiter müssen zum Klassenbewußtsein erzogen werden. Wir alle müssen begreifen, daß auf wirthschaftlichem Gebiete durch die gewerkschaftliche Thätigkeit nicht mehr viel zu erreichen ist" — und der Leiter der Schlußsitzung, Herr Kloß aus Stuttgart, erklätte ausdrücklich: „Wir wifsen, daß die gewerkschaftliche Bewegung nicht das letzte Ziel der Arbeiter-Bewegung ist; aber wir wollen die Arbeiter lebensfähig halten auf dem langen Wege zum gelobten Land." Damit wiederholte Herr Kloß in der Hauptsache nur einen Ausspruch, den er bereits 1889 als deutscher Delegirter auf dem internationalen
Dom Tode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(16. Fortsetzung.)
„Aber beruhige Dich doch, mein Kind!" sagte endlich Veronika, indem sie Gabriele emporhob. „Wie hast Du denn eigentlich diese böse Nachricht erfahren?"
„Von Jemand, welchen der Herr Baron hierher geschickt hat."
„Hierhin!" riefen die beiden Frauen wie aus einem Munde. „Was wollte er denn von uns?"
„Er war zu mir geschickt."
„Zu Dir?" riefen die Frauen noch mehr erstaunt. „Und wer war denn der Abgesandte?"
„Es war ein Lakai, der einfach den Befehl seines Herrn ausführte. Der Mann kam herein, ließ sich nieder, blickte frech um sich und sagte dann zu mir: „Wo sind Ihre Tanten, Ihre Cousinen, die Frauen, bei welchen Sie leben?" Und als ich antwortete, daß sie ausgegangen seien, da sagte er weiter: „Um so schlimmer! Ich habe mit Ihnen zu sprechen, und es wäre mir nicht unerwünscht gewesen, wenn sie zugegen gewesen wären. Seit jetzt bald zwei Monaten kommt Herr de Groonlx täglich hierhin — leugnen können Sie es nicht, denn ich habe ihn gesehen. Herr de Greonlx, sein Großvater, welchem solche Sachen keineswegs gefallen, hat
Sozialisten-Kongresse in Paris gethan hat, woselbst er den internationalen Arbeiterschutz für erftrebenswerth erklätte, damit die Arbeiter auf dem Marsche nach dem gelobten Lande des Sozialismus nicht verelendet liegen blieben.
Es ist auf dem Kongresse in Halberstadt die dem Kmner der deutschen Gewerkschafts-Verhältnisse längst bekannte Thatsache konstatitt worden, daß einmal die deutsche Gewerkschafts-Bewegung, was die Zahl ihrer Mitglieder und ihre Leistungsfähigkeit Betrifft, vielfach weit überschätzt wird, und daß andererseits die Zerfahrenheit innerhalb dieser Bewegung eine große ist. Die Anhänger der verschiedenen Organisationsformen stehen sich ttotz mehrfacher Konferenzen, die behufs Ausgleich der Gegensätze in den letzten Jahren abgx- halten worden sind, noch immer in alter Schroffheit gegenüber. Der „Berufsdünkel" gewisser qualifizitter Arbeiter, über den in der Gewerkschaftspresse so vielfach geklagt wird, macht sich noch immer geltend; ebenso eine gewisse Rivalität zwischen Süd und Nord, und vor Allem ein großes Mißtrauen gegen die „Berliner", denen man vorwirft, daß sie auch auf gewerkschaftlichem Gebiete die „Jungen" repräsentitten. An ein Erstarken der deutschen Gewerkschaftsbewegung dürste in der nächsten Zeit kaum zu denken sein. Zur Zeit sind etwa eine Viertel-Million Arbeiter gewerkschaftlich organisitt; doch ist die Leistungsfähigkeit dieser Gewett- schaften eine sehr verschiedene und bleibt jedenfalls weit hinter der der britischen, amerikanischen und australischen zurück.
Nach dem .Vorwärts^ lautet die Resolution, welche die Grundlage für die zukünftige deutsche Gewerkschaftsbewegung bilden wird, folgendermaßen:
„Der Kongreß erklärt sich für die Annäherung der Centra- lisationen verwandter Berufe durch Karteilverträge, überläßt jedoch die Entscheidung über die Frage, ob die spätere Bereinigung der Branchenorganisationen zu Unionen oder Industrie- Verbänden stattzufinden hat, der weiteren Entwickelung der Organisationen infolge der Kartellverträge.
Der Kongreß erklärt, daß in all' denjenigen Berufsgruppen, wo die Verhältnisse den Jndustrieverband zulassen, dieser vorzuziehen ist, daß jedoch in all denjenigen Berufsgruppen, wo infolge der großen Verschiedenheit der Verhältnisse die Vereinigung in einen Jndustrieverband nicht durchführbar ist, durch Bildung von Unionen diese Möglichkeit herbeigeführt werden soll.
Der Kongreß empfiehlt die Kartellverträge dahin abzuschließen, daß die verwandten Berufe
1. bei Streiks und Aussperrungen sich gegenseitig finanziell unterstützen,
2. ihre auf der Reise befindlichen Mitglieder gegenseitig gleichmäßig unterstützen,
3. die Agitation möglichst gleichmäßig und auf gemeinschaftliche Kosten betreiben,
4. statistische Erhebungen gemeinsam veranstalten,
5. Herbergen und Arbeitsnachweise centralisiren,
6. ein gemeinsames Organ schaffen,
7. den Uebertritt von einer Organisation in die andere bei Ortswechsel ohne Beitrittsgeld und weitere Formalitäten herbeiführen.
Der Kongreß erklärt, daß die Centralorganisation, als Grundlage der Gewerkschaftsorganisatton, am besten befähigt ist, die der letzteren zufallende Aufgabe zu lösen und empfiehlt allen Gewerken, welche bisher lokal organisirt oder durch ein Ver- trauensmänner-System verbunden waren, sich den bestehenden Centralverbänden anzuschließen resp. solche zu bilden.
Jeder dieser Centralvereine (Verbände) hat in allen Orten,
ein lettre de cachet erwirkt, kraft dessen der Herr Gaspard heute Morgens verhaftet worden ist. Was Sie betrifft, Fräulein, so hat der Herr Baron, in dessen Diensten ich zu stehen die Ehre habe, mich zu Ihnen geschickt, damit Sie über seine Absichten nicht im Zweifel sein mögen."
Ein heftiges Klopfen an der Thüre hinderte in diesem Augenblicke Gabriele weiter zu sprechen."
„Es ist jedenfalls derselbe Mensch!" rief sie nach einige Augenblicken bangen Harrens. „Ohne Zweifel kommt er jetzt, um zum zweiten Male seine abscheulichen Drohungen gegen mich auszustoßen." Zitternd flüchtete sie zugleich in die dunkelste Ecke des Zimmers.
„Nun, nun", beschwichtigte Susannna, welche schließlich auch von der ganzen Sache nicht viel begriffen hatte, „es wird wohl nicht so schlimm sein. Warten wir einmal ab."
Damit ging sie und öffnete behutsam die Thüre, auf deren Schwelle jetzt eine hagere, dummdreist dreinschauende Figur, welche in einer herrschaftlichen Livree stak, sichtbar wurde.
„Nun, Mutter", begann er zudringlich und zugleich vertraulich mit den Augen zwinckernd, während er sich zugleich ohne weitere Förmlichkeit breit auf einem Stuhle niederließ. „Ich will versuchen, ob ich mit der Kleinen da, welche mir eben fast die Thüre
wo eine genügende Anzahl Bernfsgenoffen vorhanden und keine gesetzlichen Hindernifle im Wege stehen, Zahlstellen zn errichten. Wo solche Hindernisse bestehen, ist den Arbeitern zu empfehlen, als Einzelmttglieder den Centralvereinen beizntreten und sich durch gewählte Berttaueusmänner eine stete Vertretung und Verbindung mit der Gesammtorganisation zu schaffen. Dieses Berttauensmäuner-System ist so zu gestalten, daß es gleichzeitig eine Vertretung der Gesammtheit der Berufsgenossen an den Orten bildet, wo für die Centralvereine als solche Schwierigkeiten bestehen.
Außerdem können an solchen Orten lokale Vereine, eventuell in Verbindung mit verwandten Berufszweigen geschaffen werden.
Die Verbindung der einzelnen Centtalisattonen zum gemeinsamen Handeln in Fällen, bei welchen Alle gleichmäßig interessirt sind, wird durch eine auf jedem stattfindenden Gewerkschaftskongresse zu erwählende Generalkommission herbeigesührt."
Außerdem wurde in Betreff der Arbeiterinnen eine Resolution beschlossen, welche allen Arbeiter- Organisationen empfiehlt, ihr Statut dahin $u ändern, daß Arbeiterinnen der Beitritt ermöglicht wird. Auch wurde die Konirolmarke als ein wichttges Kampfmittel im wirthschaftlichen Leben anerkannt und in Uebereinstimmung mit dem Beschlüsse des vorjährigen internationalen Soziausten-Kongresses in Brüssel noch die thunlichstr Beseitigung der Akkord-Arbeit („Akkordarbeit ist Mordarbeit") empfohlen. Das Weiterbestehen der Hamburger General-Kommission der Gewerkschaften Deutschlands als provisorischer Central- instanz wurde zwar beschlossen, doch entschied eine große Mehrheit, daß die Generalkommission künftig nicht mehr die Aufgabe der Streik-Unterstützung haben solle; diese bleibt den verschiedenen Verbänden überlassen. — Endlich lehnte der Kongreß noch eine Einladung des großen nordamerikanischen Gewerkschafts-Bundes zur Beschickung des internationalen Arbeiter-Kongresses, der gleichzeitig mit der nächsten Weltausstellung in Chicago stattfinden soll, aus Mangel an Mitteln und wegen der weiten Entfernung ab; ebenso die Sammlung eines Mai- f o n d s durch die Generalkommission. Diese Sammlung hat bekanntlich im vorigen Jahre ein verhältnißmäßig klägliches Resultat ergeben.
Die deutsche Gewerkschafts-Bewegung wird unstreitig durch das Fehlen einer gesetzlichen Grundlage sehr erschwert. Die deutschen Arbeiter erfreuen sich in dieser Beziehung nicht der Vortheile ihrer englischen und französischen Kollegen, welche im Besitze der vollen Koalitionsfreiheit sind. In Frankreich ist durch das Syndikats-Gesetz vom 21. März 1884, dessen liberale Durchführung noch in einem Ministerial-Rundschreiben vom 25. August 1884 den Präfekten empfohlen wurde, den Arbeitern volle Koalitionsfreiheit zugesichert und den Gewerkschaften (Syndikaten) die juristische Persönlichkeit verliehen worden. In England aber besitzen die trades unions eine reiche Geschichte, ebenso eine gesetzliche Grundlage. Der Hauptfottschritt dürfte in der nächsten Zeit darin liegen, daß die Hamburger General- Kommission fortfahren wird, mit den ausländischen Gewerkschaften in enge Verbindung zu treten und so den Gedanken der internationalen Solidarität zu pflegen. Im Uebrigen aber dürfte im Innern vorläufig alles beim Alten bleiben.
gewiesen hat, obgleich ich ihr gewiß nichts Böses gesagt und noch viel weniger etwas zu Leide gethan habe . . ."
„Gut, gut", drängte Susanna, „mag sein — aber was wollen Sie denn eigentlich?"
„Zunächst möchte ich bemerken, daß ich nicht aus freiem Willen hierhin komme, fondern auf Befehl des 'Herrn Baron de Gröonlx. Er hat mich hierhin geschickt, um mich zu erkundigen, welches Leben der Herr Chevaliers sein Enkel, führe und ich habe ihm natürlich genau berichtet, was geschehen ist. Der Herr Baron hat darauf sehr wohl begriffen, woher die Auflehnung des Herrn Chevalier gegen seinen Willen käme, und so hat er mich zu Ihnen geschickt, um Sie über feine Absichten zu infotmiren. Ich bin nun schon seit fünf Jahren in seinen Diensten."
„Weiter, weiter", brummte Veronika ungeduldig, „wir brauchen Ihre Lebensbeschreibung nicht. Kommen wir zur Hauptsache, was will der Herr Baron von uns?"
„Er will, daß diese Kleine da diese Stadt verlasse und seinen Enkel nie mehr zu Gesicht bekommt, wenn nicht, so wird er sie bei den Töchtern vom guten Hirten einsperren lassen. Da der Herr Baron weiß, daß man zum Reisen Geld braucht, so hat er mir gleich einige fünfzig Thaler für sie mitgegeben, hier sind sie. Sie sehen