Beilage zu Nr. 71 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 27. März 1892.
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* Französische Phantastereien.
Die Frage der Wiedergewinnung von Elsaß- Lothringen wird wieder einmal in der französischen Presse erörtert. Den Anlaß dazu hat ein Artikel eines Schweizer Publizisten Tallichet in einer Schweizer Zeitschrift gegeben, in welchem der famose Vorschlag gemacht wird, Frankreich solle — Tonkin und Madagaskar als Entschädigung für Elsaß-Lothrin- gen an das deutsche Reich abtreten; dann sei ja jede Ursache der Spannung, des Mißtrauens und Unfriedens beseitigt, die Staaten könnten abrüsten und sich ganz dem friedlichen Wettkampf hingeben. In mehreren französischen Blättern ist die Idee aufgegriffen, aber größtentheils pessimistisch behandelt worden. Der ,Soleil' wies den Vorschlag Tallichet's als vollständig unrealisir- bar zurück und meinte, die Deutschen würden nicht so thöricht sein, sich mit einer französischen Kolonie als Tausch - Objekt zufrieden zu geben und noch dazu mit einer solchen, die für Frankreich selbst einen nur prekären Werth besitze. Auf der anderen Seite ergriff der Elsässer Waldteufel die Gelegenheit, um im.National' abermals seinen schon zu wiederholten Malen geäußerten Vorschlag hören zu lassen, welcher dahin geht, daß Frankreich die verlorenen Provinzen mit Geld zurückkaufen (!!) solle. Nunmehr veröffentlicht der ,Figaro' solgenden Brief über die von Tallichet erörterte Abtretung Elsaß-Lothringens an Frankreich, welches dafür Tonkin an Deutschland hingeben würde: „Elsaß- Lothringen" hat 1,600,000 Einwohner. Tonkin besitzt deren 15—25 Millionen. Tonkin ist allein so groß, wie 15 Elsaß-Lothringen zusammen. Laßt einmal sehen, was wir geben und was wir empfangen würden: Ich behaupte, Tonkin sei schon jetzt zehnmal mehr werth, als das Reichsland. Aber man bedenke erst, was das Eine und das Andere später sein wird. Elsaß-Lothringen steht als ein fertiges Ganze da, es ist von Kanälen und Bahnlinim nach allen Richtungen durchzogen; es besitzt alle Jn.wstrieen und fo viel Einwohner, als es nur haben kann. Tonkin hingegen ist noch im Werden begriffen. Wenn wir in 50 Jahren wieder auf die Erde zurückkehren könnten, so würden wir Elsaß- Lothringen im gegenwärtigen Zustande, Tonkin aber verwandelt finden, durchfurcht von Eisenbahnen und Landstraßen, von einem unermeßlichen Geschäftsverkehr belebt. . Ich erbebe bei dem Gedanken, was Tonkin in der Hand der Deutschen werden könnte. Sie besitzen alle Eigenschaften, um dort mit Erfolg zu arbeiten. Sie sind geduldig, arbeitsam; sie haben die Zahl für sich, denn die öffentlichen Gewalten würden gewiß die Schaar Auswanderer, die alljährlich zu Gunsten der Vereinigten Staaten verloren gehen, nach den Ufern des Rothen Flusfes lenken; sie hätten die nöthigen Kapitalien, welche durch die Aufhebung der Militärlasten flüssig würden. Nach Verlauf von 25 Jahren sehe ich dort 15 Millionen Teutonen mit gewaltigem Kindersegen, welche China mit deutschen Produkten überschwemmen und sogar den englischen Handel ausstechen würden. Hamburg ginge von 400,000 Seelen zu einer Million über und die deutschen Schiffe würden ebenso zahlreich, wie die englischen, durch den Suez- Kanal fahren." Neulich soll sich auch JulesSimon
über die Frage geäußert haben. Er hält den Vorschlag der Neutralisirung Elsaß-Lothringens für richtig und meint, am geeignetsten wäre Spanien, diesen Vorschlag zu machen. In Madrid wird man sich sicherlich nicht beeilen, auf eine solche politische Albernheit einzugehen und mithin hat die Sache noch gute Wege. Gewiß bestehen in beiden Ländern große Parteien, die sehnlichst wünschen, in den Zustand der Ruhe und des wirklichen Friedens übertreten zu können. Aber es ist hier wie so oft: der eine Theil wäre Alles zu geben bereit, wenn der andere nur gerade auf das eine Verlangen verzichten wollte, wenn der erste ihm nur das Eine geben wollte. Auf diese Weise wird kaum je eine Einigung zu Stande kommen. Was zu hoffen ist, das ist, daß der gegenwärtige Zustand sich noch möglichst lange aufrecht erhalten möge, ohne zu einer Katastrophe zu führen. Jedenfalls dürften die Franzosen sehr im Jrrthum sein, wenn sie glauben sollten, Deutschland würde jemals freiwillig in eine Abtretung der nach 200jähriger Trennung mit so hohen Opfern zurückeroberten Reichslande einw'lligen. ___
Die Dögel.
Ohne die Vögel wäre kein Landbau, keine Vegetation möglich. Diese Thiere verrichten eine Arbeit, welche Millionen Menschen nicht halb so gut und vollständig auszuführen vermögen. Jeder umsichtige Landmann sollte sein Augenmerk darauf richten, daß die so nützlichen Schwalben, Finken, Meisen, Roth- schwänzchen u. a. bei ihnen Wohnung fänden. Man schone doch die hohlen oder mit Astlöchern versehenen Bäume, in welchen die Höhlenbrüter ihre beste Zuflucht finden. Wenn man dergleichen Baumhöhlen von Moder und Laub reinigt, etwa noch ein gegen Regen schützendes Brettchen über der Oeffnung anbringt, und wenn sie ziemlich senkrecht sind, so werden sie bald bewohnt sein. Die einziehenden Thierchen belohnen schon in wenigen Stunden die angewandte Mühe. Man vermehre die Staarkästen und sorge dafür, daß die Jungen nicht ausgenommen werden. Vor allen Dingen verfertige man aus längeren oder kürzeren Stücken von hohlen Baumästen oder Baumstämmchen, oder allenfalls aus Brettchen Bruthöhlen für die kleinen Jn- sektenvertilger und befestige diese an Bäume, etwa noch mit einein Sitzstübchrn unter dem ungefähr zollgroßen Flugloch versehen, mit dem Eingang gegen Morgen, doch mit Ausnahme der Staarkästen nicht über 10—20 Fuß (3—6 Meter) über der Erde und nicht an zu spät sich belaubende oder freistehende Bäume. Die Kästen und Fluglöcher dürfen von verschiedener Größe sein. Die Meisten lieben Solche, die inwendig 7 Zoll lang und 3 Zoll breit sind, andere Vögel haben etwas größere Löcher gern. Dabei sollen die aus Brettstückchen verfertigten Kästchen mit einem fchwarzgrauen Anstrich und mit Flechten oder Moosen überzogen werden.
Für die Großartigkeit des Vertilgungsgeschäftes der Vögel, das alle dahin zielenden menschlichen Bestrebungen unendlich übertrifft und für die Menschen geradezu eine Bedingung des Wohlstandes , ja des Lebens ist, führt Friedrich von Tschudi eine Menge von Beispielen an: In einem Gewächshause waren drei hochstämmige Rosen von ungefähr 2000 Blattläusen bedeckt. Män holte eine Sumpfmeise herbei, ließ sie fliegen und sah, wie sie in wenigen Stunden die ganze Menge verzehrte und die Pflanzen vollkommen reinigte. Man beobachtete den Fliegenfang eines Rothschwänzchens in einer Wohnung und fand, daß dasselbe in einer Stunde ungefähr 900 Fliegen abfing. Ein paar Nachtschwalben vertilgen Abends in einer Viertelstunde ungeheure Mückenschwärme Ein Paar Goldbähnchen bringt seinen Jungen durchschnittlich in
einer Stunde 36mal Nahrung von Kerbthieren. Für die Obstbäume und Wälder sind die Meisen von unermeßlicher Wichtigkeit, indem sie besonders die Eier des gefährlichen Kieferspinners (Nonne) verzehren, während sie freilich der haarigen Raupe nicht beikommen können. Aber ein weiblicher Falter dieses Spinners legt oft zweimal im Sommer 6—800 Eier, und eine Meife verzehrt mit ihren Jungen mehrere Tausend an einem Tage. In ihrem Gefolge durchsuchen oft die Goldhähnchen emsig die Bäume und zwar Winter und Sommer, oft auch die Spechtmeisen und Baumläufer, welche die Insektenbrut höchst geschickt aus den tiefen Baumritzen holen. Ebenso leisten die Meisen in den Gärten die wohlthätigsten Dienste. Graf Kasimir Wodzicki erzählt: Im Jahre 1848 hatte eine unendliche Menge von Raupen des bekannten Gartenfeindes Bombix dispar alles Laub von den Bäumen gefrefsen, so daß diese vollständig kahl standen. Im Herbst bemerkte ich Millionen von Eiern, die von einer haarigen Hülle umgeben an allen Stämmen und Aesten saßen. Ich ließ sie mit großen Kosten ablesen, überzeugte mich aber sehr bald, daß Menschenhände dieser Plage nicht zu steuern vermöchten und machte mich schon gefaßt, meine schönsten Bäume absterben zu sehen. Da kamen gegen den Winter hin täglich zahlreiche Schaaren von Meisen und Goldhähnchen herbeigeflogen. Die Raupennester nahmen sichtlich ab. Im Frühling nisteten an 20 Meisenpärchen im Garten; im folgenden Sommer war die Raupenplage viel geringer, und im Jahre 1850 hatten die kleinen gefiederten Gärtner meine Bäume so gesäubert, daß.ich dieselben durch ihre freundliche Hilfe den ganzen Sommer über im schönsten Grün sah.
Ebenso nützlich sind die Eulen, die während ihrer Morgen- und Abenddämmerungsjagden gewaltige Massen von Forstinsekten, besonders Dämmerungs- und Nachtfalter, oder deren Raupen abfangen. Einzelne Eulenarten zeichnen sich wie die Staare, Dohlen, Saatkrähen, Häher, Würger vortheilhaft durch ihre Vertilgung der Maikäfer aus. Der englische Naturforscher White beobachtete längere Zeit ein Schleiereulenpaar und fand, daß es durchschnittlich alle 5 Minuten eine Maus ins Nest trug. Ein Steinkauzpaar brachte an einem Juniabend seinen Jungen 11 Mäuse. Man kann sich deshalb kaum eine größere Verkehrtheit denken, als die Verfolgung solcher ausgezeichnet nützlicher Thiere, welche manche Landwirthe nach altem Schlendrian öfter noch an ihre Scheunenthore nageln.
Die meisten kleineren Vögel, namentlich unsere niedlichen Sänger nähren sich entweder ganz oder theil- weise das ganze Jahr oder aber während der Heckzeit von Insekten, Würmern, Schnecken, Spinnen und dgl., so alle Grasmücken, Drosseln, Staare, Fliegenfänger, Laubvögel, Rohrsänger, Braunellen, Bachstelzen, Zaunkönige, Goldhähnchen, Steinschmätzer, Meisen, Pieper, Lerchen, Finken, Ammern, Schwalben, Nachtschwalben, Baumläufer, Spechtmeisen, Mauerspechte u. a. Alle diese vertilgen Myriaden Raupeneier, Raupen, Fliegen, Mücken, Käfer, Ameisen, Blattläuse, Nachtfalter u. a. und zwar in wunderbar weiser Vertheilung, die einen mehr diefe Klasse von Ungeziefer, die anderen eine andere; die einen das Ungeziefer dieses, die anderen jenes Ortes; die einen sind befähigt, es von den Zweigen und Blättern zu lesen, die anderen, es aus der Baumrinde zu bohren oder in der Luft abzufangen, oder aus der Erde zu scharren.
Alle Landwirthe sollten sich kräftig dafür verwenden, daß jenen nützlichen Thieren, welche die natürlichen Verbündeten, treuesten und thätigsten Freunde des Land- wirthes sind, derjenige Schutz zu Theil werde, dessen ihrer ungeheuren Dienste in unserem Interesse wegen sie würdig find.
Zehung: 6. April 1892.
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