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JV 71

Sonntag, den 27. März 1892.

19. Jahrgang

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* Arbeitslosigkeit und Arbeitsvermittelung.

In einer Reihe von großen Städten ist festgestellt worden, daß eine erhebliche Anzahl von Arbeitern ar­beitslos ist. In Berlin sind durch die Ansammlungen Arbeitsloser Straßenaufläufe entstanden, welche die Augen der ganzen Welt auf diesen Punkt gelenkt haben. In allen ländlichen Kreisen, insbesondere des Preußischen Ostens, tönt dagegen die Klage über Ar- beitermangel. Die landwirthschaftlichen Betriebs­unternehmer können vielfach keine Arbeiter bekommen, obgleich sie Löhne bezahlen, die bei richtiger Berech­nung der Naturalien dem Arbeitsverdienste gewöhn­licher städtischer Lohnarbeiter gleichkommen. Auf vielen Gütern des preußischen Ostens steht die Hälfte der Arbeiterwohnungen leer, so daß die nothwendigsten Arbeiten kaum geleistet werden können.

Die Sozialdemokratie weiß diese Vorgänge wohl anszunützen. Sie spielt jetzt wieder ihr bei allen Arbeiterbewegungen der neueren Zeit bemerktes Doppel­spiel. Während mit schönen Redensarten vor jeder gewaltsamen Störung der bestehenden Ordnung ge­warnt wird, hetzt mau in allen Zeitungen und beson­ders in allen Versammlungen mit allen Mitteln gegen die bestehende Gesellschaftsordnung, die allein an dem vorhandenen Nothstande die Schuld trage.

Unzweifelhaft ist es ein gewaltiger Mißstand, wenn in demselben Lande an einigen Orten Arbeitslosigkeit, an anderen dringender Arbeitermangel herrscht. Um diesen Mißstand zu beseitigen, müssen Mittel gefunden werden. Dazu gehört vor Allem eine andere Organi- satton der Arbeits-Vermittelung. Auf keinem Gebiete des wirthschaftlichen Lebens hat sich bei dem herrschenden Spiele der freien Kräfte eine solche Plan- lofigkett entwickelt, wie auf diesem. Der Arbetter, welcher arbeitslos geworden ist, weiß nicht, wohin er sich wenden soll, um Arbeit zu finden. Scheint ihm dies an seinem Wohnorte unmöglich, so macht er sich auf und zieht von Ort zu Ort, so lange, bis er der Landstraße verfallen ist und auf derselben als Vaga­bund verbleibt.

Ebenso w'nig weiß der Arbeitgeber, wo er einen sicheren Nachweis der vorhandenen Arbeitskräfte finden kann. Er annoncirt entweder in Zeitungen, die der Arbeiter in der Regel nicht liest, oder er wendet sich an einen Agenten. Das Agentenwesen ist aber in -seiner heuttgen Entwickelung geradezu ein Krebsschaden der Arbeitsvermittelung. Derartige Personen werden nie das Jnteresie der Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei der Arbeitsvermittelung im Auge habm, vielmehr werden sie einen recht häufigen Wechsel, bei dem nur sie verdienen können, durch jedes angängige Mittel herbeizuführen suchen. Aber auch diejenigen Agenten, die redlich und eifrig bemüht sind, ihren Beruf zu er­füllen, sind nicht im Stande, dem hervorgetretenen Be­dürfnisse zu genügen. Das liegt daran, daß es an Central st eilen fehlt, an welcher mit Sicherheit zu erfahren ist, wo Arbeitskräfte fehlen und wo solche im Ueberflusse vorhanden sind. Die Landwirthschaft ist

Aom Hode erstanden.

Novelle von I. Rüttgers.

(15. Fortsetzung.)

„Nein, nein", riefen die beiden Alten fast erschrocken, zu gleicher Zeit, während Gabriele sich entfärbte. „Thun Sie das nicht, Herr Chevalier, denn der Krieg ist ein böses Handwerk."

„Und doch muß ich irgend etwas ergreifen, denn die wenigen Louisdors, um welche ich meine Kostbar­keiten veräußern könnte, werden nicht lange vor­halten, selbst wenn ich auf Wagen und Dienerschaft verzichte."

„Seien Sie deshalb ohne Sorge", meinte Veronika, ^.und insbesondere verkaufen Sie nicht irgend einem Juden um einen Spottpreis Ihre Sachen. Bleiben Sie ruhig im „silbernen Hahn".

„Aber ich kann doch hier nicht als Edelmann leben", fiel er ihr ins Wort, „und ich will'S doch nicht darauf ankommen lassen, daß ich schließlich doch ge­zwungen bin, die Anerbietungen anzunehmen, die Sie mir in so großmüthiger Weise machen. Ich liebe es wirklich nicht, Schulden zu machen."

„Ich sage Ihnen nochmals ausdrücklich, daß Sie sich dämm nicht zu kümmern brauchen," betonte Veronika

nicht im Stande, de» Abfluß von Arbeitskrästm, welcher im Laufe der letzten Jahrzehnte vom platten Lande nach dm großen Städten stattgefunden hat, dauernd zu ertragen. Einen derartigen Verlust an Kräften kann die Bevölkemng des platten Landes nicht aus sich selbst heraus ersetzen. Es muß daher für den Rückfluß der in den großen Städten jetzt überflüssigen und deshalb dort schädlichen Arbeitskräfte nach dem platten Lande gesorgt werden.

Freilich würde es sehr verkehrt sein, wenn man versuchen wollte, ohne weitere Auswahl diejenigen Per­sonen, welche sich in den großen Städten arbeitslos auf der Straße finden, auf das Land zu führen und ihnen dort Arbeit zu verschaffen. Damit würde man der deutschen Landwirthschaft einen recht schlechten Dienst leisten. Es liegt eben sowohl im Interesse der länd­lichen Arbeitgeber, daß die richtigen Arbeiter in den Städten ausgesucht und an die richtige Stelle gebracht werben, wie in dem der großen Stadtverwal­tungen, daß die Arbeiter, welche auf dem Lande ver­wendet werden können, dorthin geleitet und so die Schaar der Arbeitslosen in den Städten vermindert wird.

Von diesen Gesichtspunkten ausgehend, hat der in Halle a. S. bestehende Verband zur Besserung der ländlichen Arbeiterverhältnisse im Gebiete der Provinz Sachsen u. s. w. es unternommen, eine einheitliche Regelung der Arbeitsvermittelung zwischen Stadt und Land herbeizuführen. Er hat ein Bureau eingerichtet, hat sich mit tüchtigen und zuver­lässigen Agenten in Verbindung gesetzt und dadurch seinen Mitgliedern die Möglichkeit geschaffen, daß sie an eine Stelle die Nachfrage nach Arbeitskräften aller Art und aus den verschiedensten Gegenden richten können. Er hat weiter an sämmtliche landwirthschastliche Centralvereine des Deutschen Reiches die Aufforderung gerichtet, die Gründung ähnlicher Verbände für ihre Bezirke anzuregen. Sodann hat er an die Behörden aller größeren Städte Deutschlands, in welchen Arbeits­losigkeit hervorgetreten ist, die Bitte gerichtet, sie möchten nicht nur Stellen für Arbeitervermittelung einrichten, fondern auch diejenigen sich dort meldmden Arbetter, welche geeignet und gewillt sind, Arbeit auf dem Lande zu übemehmen, dem Verbände derjenigen Provinz, in welche der Arbeiter zu gehm bereit ist, oder wo ein solcher Verband noch nicht besteht, dem betreffenden landwirthschaftlichen Centralvereine schriftlich namhaft machen. Der Letztere muß dann die weiteren Schritte im Jntereffe der Arbeitgeber thun. So kann Angebot und Nachfrage in die richtigen Bahnen gelentt werden. Es wäre zu wünschen, daß das Werk, Welches der ge­nannte Verband in so dankenswerther Weise in An­griff genommen hat, allmthalben nachgezeichnet und von Erfolg begleitet sein möge. Wenn es gelingt, durch eine verbesserte Einrichtung der Arbeitsvermitt­lung wieder eine angemessene Vertheilunz der Arbeits­kräfte zwischen Stadt und Land herbeizuführen, dann werden die Krisen, welche hierzu den Anstoß gegeben haben, unserem Vaterlande nicht zum Schaden, sondern zum Segen gereichen.

abermals in entschiedenem Tone. „Später mögen wir einmal von diesen Geschästsangelegenheiten sprechen; wer weiß, ob's nicht damit schließlich besser gehen wird, als man glaubt. Meinst Du nicht auch, Schwester?"

„Ja, das ist auch meine Ansicht", gab Susanna kurz zurück.

Der Chevalier mußte unwillkürlich ob der Zuver­sicht lächeln, welche die beiden Alten bezüglich seiner Zukunft zu hegen schienen, wie er andererseits nicht wenig ob der Selbstlosigkeit und Bereitwilligung ge­rührt war, mit welcher sie ihm ihre kleinen Ersparnisse zur Verfügung stellten.

„Wer weiß", dachte er bei sich, „was dahinter steckt? Vielleicht sind es zwei wunderliche Alte, welche sich im Laufe der langen Jahre einen ordentlichen Batzen auf die Seite gelegt haben und nun die Schrulle bekommen, einem jungen, unbekannten Mann diese Schätze zur Verfügung zu stellen? Es gibt so seltsame Leute auf der Welt — vielleicht thun sie es auch nur, weit sie meine Familie, wie es scheint, so gut gekannt haben"

„Ich danke Ihnen für Ihre wirklich großartige Hochherzigkeit," sagte er, sich verabschiedend. „Hoffen wir, daß Sie nicht allzu vertrauensvoll in meine Zu­kunft blicken!"

Deutsches Kerch.

Berlin, 25. März.

* Der Kaiser kehrt morgen Nachmittag aus Hu­bertusstock nach Berlin zurück.

* Die Ministerkrifis ist vorläufig beendigt. Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht die Entbindung des Reichskanzlers, General der Infanterie Grafen von Caprivi auf seinen Antrag von dem Amt als Präsident des Staatsministeriums, unter Belassung desselben in der Stellung als Mitglied des Staats- Ministeriums und Minister der Auswärttgen Ange­legenheiten; ferner die in Gnaden erfolgte Bewilligung der nachgesuchten Entlassung des Kultusministers Grafen v. Zedlitz-Trütschler aus seinem Amte unter Be­lassung des Titels und Ranges eines Staatsministers; sodann die Ernennung des Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau, StaatsministerGrafen zu Eulenburg zum Präsidenten des Staatsministeriums und des Staatssekretär des Reichs-Justizamts, wirllichen Ge­heimen Rath Dr. Bosse zum Staatsminister und Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Angelegenheiten.

* Der neue Kultusminister Dr. Bosse, geb. 1832 in Quedlinburg, stndirte in Heidelberg und Halle, trat als Assessor beim dortigen Kreisgericht aus dem Staats­dienste. Später in den Staatsdienst zurückgekehrt, wurde er nach einander Amtshauptmann, Konsistorial- rath und dann Regierungsrath in Hannover. 1876 nach Berlin als vortragender Rath ins Kultusmini­sterium berufen, wurde er 1882 Direktor der Abtheilung für wirthschaftliche Angelegenheiten, 1889 Unterstaats­sekretär im Reichsamt des Innern und 1890 Staats­sekretär des Staatsraths. Ende 1890 wurde er zum Wirklichen Geheimen Rath mit dem Titel Excellenz ernannt. In seine bisherige Stellung als Staatssekre­tär des ReichsjnstizaMts wurde Dr. Bosse Ende Januar 1891 berufen und zwar als Nachfolger des Herrn von Oehlschläger.

* Heute Nachmittag hat im großen Saale des Staatsministeriums die Einführung des Ministerpräsi­denten Grafen Eulenburg und des Kultusministers Dr. Bosse stattgefunden. Graf Zedlitz hat sich Vor­mittags von den höheren Beamten des Kultusmini­steriums verabschiedet und feinen Nachfolger im Amte Dr. Stoffe vorgestellt. — Heute Vormittag wurde Graf Eulenburg vom Kaiser in Hubertusstock empfangen.

* Als Nachfolger Dr. Bosse's als Staatssekretär des Reichsjustizamts wird der Präsident des Kammer­gerichts, Drenkmann, genannt.

* In der heutigen 5. Plenar-Sitzung des Herren­hauses wurden zunächst zu Mitgliedern der Matrikel- Kommission gewählt die Herren Dr. Dernburg, Prinz Hohenlohe-Ingelfingen, v. Winterfeldt und Graf Zieten- Schwerin, zu Mitgliedern der Staatsschulden-Kommifsion die Herren v. Klützow, v. Pfnel und Drenkmann. Der Bericht über die Ausführung des § 6 des Gesetzes vom 9. Mai 1890, Betr. den weiteren Erwerb von Privat- Eisenbahnen für den Staat Wurde durch Kenntnißnahme für erledigt erklärt. — Sodann trat das Haus in die Berathung des Polizeikosten-Gesetzes. — Herr Struck-

„Wir glauben nicht," antworteten die beiden Alten kurz.

Gabriele hatte inzwischen schweigend dagesessen — wie gern hätte sie in diesem Augenblicke die großen runzeligen Hände geküßt, Welche ihr gleich anfangs so häßlich erschienen waren.

12.

Nachdem Herr de Grvonlx sich entfernt hatte, be­gab sich das junge Mädchen zur Ruhe, während die beiden Alten sich vor dem Kamin niederließen.

„Schwester", begann Veronika, nachdem sie eine Zeit lang sinnend dagesessen hatten. „Meinst Du nicht auch, daß dieser Herr de Greonlx in der Gesellschaft auch jetzt noch eine ebenso gute Figur abgeben könnte, nachdem der Herr Baron ihn enterbt hat?"

„Gelöiß meine ich dies auch," antwortete Susanna ruhig. „Der Gedanke ist mir heute Abends gekommen. Wir wollen einmal mit Herrn Vincent darüber sprechen und dann ..."

„Pst", flüsterte Veronika der Sprechenden zu, während sie sich umwandte. „Dieses Kind könnte uns hören."

Damit war das Gespräch beendigt und die beiden Alten suchten gleichfalls ihr Lager auf.

Herr de Gröonlx erschien an den folgenden Tagen