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JW 70 Freitag, den 25. März 1892. IS. Jahrgang

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-L Die Arbeiter-Kontrol-MarKe resp. der Arbeiter-Kontrol-Stempel hat bereits eine solche Verbreitung gefunden und dürfte noch fortwährend weiter sich verbreiten, daß eine Besprechung derselben gerechtfertigt erfcheint.

Nach den verschiedenen Gewerken sind auch die Marken verschieden. Die Marke eines bestimmten Ge­werkes wird im Auftrage der betreffenden Arbeiter- Organisation hergestellt und als deren Eigenthum ge­setzlich geschützt. Sie soll zur Kennzeichnung solcher Arbeitserzeugnisse dienen, zu deren Konsumenten auch die Arbeiter gehören. Von der gewählten Kontrol- kommission darf sie, und zwar unentgeltlich oder gegen Erstattung der Herstellnngskosten nur an solche Fabri­kanten dieser Erzeugnisse abgegeben resp. denselben ge­lassen werden, welche gegenüber ihren Arbeitern die von der betreffenden Organisation festgesetzten Arbeits­bedingungen erfüllen; nach dem Parteistandpunkte der Fabrikanten soll nicht gefragt werden. Zugleich wird auf alle Arbeiterklassen eingewirkt, nur solche Erzeug­nisse zu kaufen, welche mit jener Marke versehen sind. Demgemäß soll durch die Kontrolmarke die Konsum­ti onS kraft der Arbeiter als ein Faktor nutzbar gemacht werden, um günstigere Arbeitsbedingungen zu erzielen. Auf die Ausnutzung dieser Kraft ist die Auf­merksamkeit hingelenkt, namentlich durch den für die Arbeiter meist ungünstigen Ausgang des Streiks. Mit letzteren hat die Kontrolmarke den Zweck gemeinsam; zweifellos ist sie für die Arbeiter weit unbedenklicher; die erwünschte Wirksamkeit wird indessen weniger all­gemein zugegeben.

Man verhehlt sich nicht, daß die Kontrolmarke mcht in allen Gewerken anwendbar ist; dennoch erblickt man in ihr einen Vortheil für alle Gewerke in der Er­wägung, daß die durch die Marke gehobenen Werke die anderen, welchen nur der Streik als Kampfmittel zur Verfügung stände, bei letzterem mit größeren Geld­mitteln unterstützen können. Es wird Seitens der Arbeiter gegen die Kontrolmarke auch der Einwand er­hoben, daß die Erzeugnisse mit der Kontrolmarke theurer sein würden, als solche ohne dieselbe, sodaß die Arbeiter­klassen bei ihrer bedrängten Lage die letzteren beim Kauft vorziehen müßten; thatsächlich ist schon Seitens einiger Geschäftsinhaber dadurch gegen die Kontrol­marke agitirt worden, daß sie Plakate des Inhaltes aushingen, die Maaren ohne Kontrolmarke seien etwa

Dom Gode erstanden. .

Novelle von I. Rüttgers.

(14. Fortsetzung.)

„Und weshalb wollen Sie denn eigentlich nicht?" frug Susanna erstaunt. „Alle diese schönen Eigen­schaften und dennoch so spröde?"

„Ganz einfach, weil ich keine Neigung zu ihr hege."

„Bei dem Bilde, welches Sie uns von der Wittwe entworfen haben, scheint mir Ihr Widerstreben durch­aus unerklärlich," meinte Susanna kopfschüttelnd. „Nun, davon später. Was haben Sie dem Herrn Baron geantwortet?"

„Daß ich einstweilen noch nicht zu heirathen beab­sichtige, ich habe ihn gebeten, mir noch ein paar Jahre meine Freiheit zu belassen.--Aber da kam ich

schön an. Ich brauche Ihnen gar nicht zu erzählen, was jetzt geschah. Sie kennen ja den Herrn Baron. Er hat mir seinen Fluch mit auf den Weg gegeben und mich aus feinem Hause verbannt. Ich bin darauf meines Weges gegangen und nun bin ich hier."

„Allmächtiger Gott!" riefen die beiden Alten wie aus einem Munde. Eine solch' schöne Erbschaft,, einen solch' altehrwürdigen Titel verlieren, unmöglich!"

„Und doch wird es so sein, ich muß dies nur allzu sehr befürchten," antwortete der Chevalier ruhig.

„ES ist auch gar keine Aussicht vorhanden," meinte

10 pCt. billiger. Diesem Einwande gegenüber weisen die Freunde der Kontrolmarke namentlich auf das Solidaritätsgefühl der Arbeiter hin.

Die Agitation für die Kontrolmarke geht vorwiegend von Berlin aus. Schon seit längerer Zeit ist sie bei den Hutmachern in Gebrauch. Im .Vorwärts' werden von Zeit zu Zeit durch die Arbeiter-Kontrol- Kommission in Berlin die Geschäfte aufgeführt, in welchen Hute mit der „Arbeiter-Kontrol-Marke deut­scher Hutmacher" zu haben sind; das letzte Verzeichniß führt 73 Geschäfte auf; es gebe Hüte mit Marken in allen Preislagen und Qualitäten; die Marke müsse schon vorher im Hute kleben; jedes Einkleben beim Kaufe fei Betrug. Die Annoncen verschiedener Hutge­schäfte, auch außerhalb Berlins, bemerken ausdrücklich, daß ihre Hüte mit Kontrolmarken versehen seien. Auch die Textilarbeiter haben den „Kontrol-Stempel deutscher Textilarbeiter" eingeführt: die „Kontrol-Kom- mission deutscher Textilarbeiter in Chemnitz" gab vor einiger Zeit an, daß schon über 200 Geschäfte in Berlin Strumpf-Waaren mit Kontrolstempel eingeführt hätten. Es dürfte auch unter den Konfektions- Schneidern die Kontrolmarke bald zur Einführung gelangen, nachdem sich eine öffentliche Versammlung zu Berlin am 15. Sept. v. I. und die Konferenz der Konfektions-Schneider Deutschlands vom 25. und 26. Oktober v. I. dasür ausgesprochen haben; man will mittels derselben u. A. das System der sog. Zwischen­meister zu beseitigen suchen.

Am 7. Februar hat sich auch eine öffentliche Ver­sammlung der Tabak-Arbeiter und Arbeiter­innen in Berlin mit der Einführung einer Kontrol- Schutzmarke für die gesammte Tabakindustrie einver­standen erklärt und beschlossen, die betreffende Resolution dem Vorstande des Unterstützungsvereins der Tabak­arbeiter Deutschlands mit dem Bemerken zu über­mitteln, daß er die Tabakarbeiter zur Stellung­nahme gegenüber der Einführung jener Marke für ganz Deutschland veranlassen möge; in einer früheren Versammlung war schon darauf hingewiesen, daß in Amerika die Arbeiterschaft nur (!) Cigarren kaufen, welche aus Kisten genommen werden, die mit einem sogenannten Lebet (Kontrolmarke) versehen seien. Dem Vorstande der Schuhmacher sollte zwar die Frage zur Begutachtung unterbreitet werden, ob sich die Einführung einer einheitlichen Marke für ganz Deutschland empfehle; aber eingeführt ist sie bisher nicht; solches dürfte seinen Grund namentlich in dem Umstande haben, daß in Erfurt eine Genossenschafts- Schuhmacherei besteht, welche für ihre Waaren Kontrol- Marken ausgiebt; deren Vortheil würde durch allge­meine Einführung der Kontrolmarke wohl nicht un­wesentlich beeinträchtigt werden; gegen die allgemeine Einführung machte f. Z. die Zahlstelle Altona des Vereins deutscher Schuhmacher noch geltend: „So gut es jetzt, ohne Kontrolmarke, Kollegen gibt, welche es uns verschweigen, daß ihnen gerechter Lohn nicht wird, würden sie sich beim Vorhandensein der Kontrol- Marke auch Lohnabzüge gefallen lassen"; ferner war

Susanna, „daß diese schöne Wittwe Ihnen ebenfalls den Gefallen erweist, zu sterben?"

„Nicht die geringste; übrigens bewahre mich Gott, daß ich einen solchen Wunsch auch nur leise hege!"

„Diesmal hätten Sie doch wohl gut gethan, dem Herrn Baron zu Willen zu sein, da Sie für Ihre Ab­lehnung wohl kaum einen hinreichenden Grund hatten," fuhr Susanna fort. „Sie lieben zwar die schöne Wittwe nicht gerade, aber dies wird sich schon finden, wenn Sie einmal verheirathet sind; übrigens hegen Sie ja auch keine Abneigung gegen sie, was immerhin e&t großer Unterschied ist. Und dazu manche angenehme geistige Eigenschaft, wie Sie sagen!"

„Nein, niemals!" antwortete der Chevalier ent­schieden, verstohlen nach Gabriele hinüberblickend. Uebrigens habe ich einen andern Beweggrund, diese Partie abzulehnen, einen Grund, welcher nicht persön­licher Natur ist. Paul de Gillaret, mein Jugendfreund, liebt die schöne Wittwe, ich weiß es, und so würde ich gewiß sehr wenig edel handeln, nachdem er mir dies im Vertrauen mitgetheilt hat, wenn ich jetzt als sein Mitbewerber aufträte. Ich konnte dies dem Herrn Baron natürlich nicht angeben."

„Ja, ja, ich verstehe," nickte die Alte, obgleich sie nicht im Entferütesten den wahren Sachverhalt ahnte; „es heißt nur edel gehandelt, daß man einen Freund nicht verrathen will, sogar für den Fall, daß manGe-

man der Ansicht, „daß Waare mit Kontrolmarke, die der Arbeiterschaft empfohlen wird, nur gute Waare sein muß"; die Garantie für gute Waare aber fehle bei allgemeiner Einführung der Kontrol-Marke.

Ob in noch anderen Gewerken die Kontrolmarke zur Einführung gelangen wird, dürfte wohl von dem Resultate abhängen, welches mit derselben dort, wo sie eingeführt ist, erzielt wird. Allzu günstig mag das­selbe nicht sein; immerhin hat sich das Solidaritäts­gefühl der Arbeiter fortschreitend entwickelt; in der Weihnachtsnummer des Korrespondent für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer' wurde ausdrücklich er­klärt: „Die Kontrolmarke bedarf der Unterstützung aller Arbeiter und wird eine solche bei den Buchdruckern gewiß finden. Also kauft nur in Geschäften Hüte, wo die Kontrolmarke geführt wird.

Deutsches Keich.

Berlin, 23. März.

* Der Kaiser nahm heute in HubertuSstock die Vorträge des Reichskanzlers und des Chefs des Civil- Kabinets entgegen.

* In Betreff der Minister- und Kanzler - Krifis verlautet heute, Mimster v. Bötticher sei zum Mini­ster-Präsidenten und der Oberpräsident von Westfalen, Studt, zum Kultusminister ernannt. — Dagegen be­zeichnet es die ,Nat.-Ztg.' als ziemlich sicher, daß die Ernennung des Oberpräsidenten von Hessen - Nassau, Grafen Botho Eulenburg, zum Minister-Präsiden­ten erfolgt sei. Die Neubesetzung des Kultusministeriums werde erst auf Vorschlag des neuen Minister-Präsidenten stattfinden. — Die Angabe der ,Nat.-Ztg.' dürfte den Thatsachen entsprechen. Graf Eulenburg war von 1878 bis 1881 Minister des Innern und schied in Folge von Meinungs-Verschiedenheiten mit dem Fürsten Bis­marck, die dieser öffentlich durch Geheimrath Rommel kundgab, aus. Im Falle Graf Botho Eulenburg Mini­ster-Präsident wird, nimmt man um so sicherer an, daß Graf Caprivi nur kurze Zeit noch Kanzler bleibt, ja, die Meinung verstärkt sich, daß Graf Eulenburg viel­leicht sofort der Gesammt-Erbe des Grafen Caprivi wird. Fürst Bismarck sprach vor 10 Jahren von einer „Dynastie Eulenburg", die ihm in den Weg träte. Jetzt ist, außer dem Genannten, ein Graf Eulenburg Hofmarschall des Kaisers, und ein anderer preußischer Gesandter in München; der dritte Bruder bezw. Vetter soll also zu noch höheren Dingen bestimmt sein.

* Nach den erst in den letzten Tagen eingegangenen vorläufigen Anzeigen wird sich, wie der ,Staatsanz.' mittheilt, das Gesammtergebniß der neuen Einkommrn- steuer-Beranlagung voraussichtlich günstiger gestalten, als im Finanzministerium angenommen werden konnte. — Infolge der neuen Steuereinschätzung ergiebt sich für Berlin ein Mehrertrag an Einkommensteuer von 4,3 Millionen.

* Eine päpstliche Enchklika anläßlich des Bischofs- Jubiläums des Papstes wird durch das Depefchen- bureau,Herold' angekündigt. Das Bischofsjubiläum des fahr läuft, ein großes Vermögen und einen berühmten Titel zu verlieren. Gleichwohl ..."

„Ich bedauere nicht im geringsten, daß ich so ge­handelt habe, wie ich gehandelt habe", fiel der Che­valier stürmisch ins Wort. „Noch niemals habe ich mich so hoffnungsvoll und freudig gestimmt gefunden, als gerade jetzt. Wie herrlich ist's nicht, sich der goldenen Freiheit erfreuen zu können, wie ich es jetzt kann! Wenn Sie wüßten, welch eine traurige Jugend ich verlebt habe bei all dem äußeren Glanze! Was liegt mir daran, arm zu sein, arbeiten zu müssen! Ich glaube zu fühlen, daß ich jetzt wenigstens einmal glück­lich sein werde. Soll ich Ihnen all mein Leid schil­dern, welches ich Jahre lang getragen habe? Ich war wie ein Gefangener, welcher sich nach seiner Freiheit seiner Befreiung sehnt. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß der Tod des Herrn Baron mich frei machen würde."

„Er ist 78 Jahre alt", sagte Veronika nachdenklich, „und der verstorbene Herr Baron, sein Vater, welchem er in manchen Punkten ähnlich ist, ist sogar 98 Jahre alt geworden. Es war ein ebenso unangenehmer, harter Charakter, wie er, und hat seine drei Frauen vor Kummer in's Grab gebracht."

„Sie haben auch ihn gekannt?" frug der Chevalier verwundert.

„Gewiß", antwortete Susanna trocken, als ob ihr