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Donnerstag, den 24. März 1892.

19. Jahrgang

Zeitniig

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* Die Ministerkrisis.

Für die katholischen Politiker ist die preußische Ministerkrisis äußerst lehrreich — vor Allem nach der Richtung hin, als sie beweist, daß sie sich auf Nieman­den als auf Gott und die eigene Kraft zu verlasfen haben. Wir befinden uns leider in der Minderheit in Deutschland und vermögen auch mit Bundesgenossen kaum denjenigen Einfluß auf die Gesetzgebung zu ge­winnen, der uns gebührt. Wir sehen das jetzt deut­lich in der Volksschulfrage, in welcher mit Recht unsere Vertreter im Landtage sich den Konservativen angeschlossen hatten.

Der gesammte Chorus der Neuheiden denunzirte die Konservativen beim protestantischen Volke, daß ihre Vertreter „mit Rom" gemeinsame Sache machten, um die „nationale Volksschule" zu schädigen, die deutsche Schule Rom und dem Rückschritt auszuantworten oder wie sonst all' diese unsinnigen Vorwürfe lauten. Und die Vertreter der großen Städte und der Universitäten, hinter denen die Freimaurerlogen stehen, unterstützten diese Hetze gegen ein Volksschulgesetz, das in der Wirklichkeit nichts Anderes bezweckte, als die bisheri­gen Schulverhältnisse, die durch Regierungsverordnun­gen und Landesrecht festgelegt waren, durch Gesetz zu ordnen.

Unter diesen Umständen ist es begreiflich, wenn die demokratischen, freisinnigen, nationalliberalen und freikonservativen Blätter den Rücktritt des Kultusmi­nisters Grafen Zedlitz als einen gewaltigen Sieg feiern und bereits Pläne für eine „liberale" Regie­rungsperiode schmieden. Was die Frage des Volks- schulgesrtzes betrifft, so haben wir keine Ursache, dem Nichtzustandekommen desselben Thränen nachzuweinen. Es entspricht bekanntlich in keiner Weise den kirchlichen Anforderungen. Auch sind wir mit den jetzigen Verhältnissen im Großen und Ganzen zufrieden, denn Alles, was erst gesetzlich festgelegt werden sollte, be­sitzen wir bereits in den meisten Landestheilen auf dem Verordnungswege. Materiell haben wir also vorläufig nichts zu beklagen und glauben auch gar nicht, daß sich der „neueste Kurs" in absehbarer Zeit für oder gegen das christliche Schulwefen bemerkbar machen wird.

Wir sehen einer liberalen Aera, wenn sie der Kaiser einem christlichen Regimente vorziehen sollte, mit Ruhe entgegen. Schlimmer wie in den 70er Jahren, wo die

Dom Tode erstanden.

Novelle von I. Rüttgers.

(13. Fortsetzung.)

11.

Der Brief, welchen Herr de Groonlx von seinem Großvater erhalten hatte, war sehr kurz und lautete folgendermaßen:

„Sie werden Fräulein de Verliere nicht heirathen. Ich befehle Ihnen, auf der Stelle zu mir zurückzukeh­ren, nur unter dieser Bedingung will ich Ihnen Ihr Benehmen verzeihen. Ich denke, daß Sie in Zukunft durch Unterwürfigkeit Alles gut machen. Gott befohlen!

„Also doch wohl eine gute Nachricht!" meinte Veronika, den Brief zusammenfaltend. „Die ganze Sache nimmt schließlich ein gutes Ende, und zum ersten Male in seinem Leben gibt der Herr Baron seinen Widerspruch auf."

„Er muß sich wohl fehr geändert haben!" bemerkte Sufanna.

„Nun, es ist gut, daß die Sache eine solche Wen­dung genommen hat," hob Veronika wieder an. „Uebrigens wollen wir heimkehren und zu Hause die ganze Angelegenheit ruhig mit einander besprechen. Also der Herr Baron hat auf diese Heirath verzichtet — ich kann's wirklich nicht begreifen. Es geschehen Zeichen und Wunder. Ich würde es wirklich nicht glauben, daß der Herr Baron auf sein Heiraths-Pro-

sozialdemokratische"Gefahr nur einem Schatten glich, kann es nicht werden. Dafür dürfte aber die Herr­schaft des bankerotten Liberalismus eine um so kürzere sein, da nicht nur die Noth, sondern unter Umständen auch die Umsturzpartei beten lehrt!! Wir bedauern die neueste Wendung nur deshalb, weil sie den An­schein erweckt, als ob die Regierung des Kaisers vor dem Lärm der „Nationalen", „Liberalen" und „De­mokraten" den Rückzug angetreten habe.

Die katholische ,C. P. C.' sagt mit Recht: „Der Ministerpräsident muß dieser anmaßenden Minderheit Herr werden, wenn er nicht zu ihrem Diener her­absinken will. Jede Zumuthung, die wie eine Unter­werfung unter das liberale Machtgebot aussieht, kann Graf Caprivi nur mit feiner Rücktrittserklärung be­antworten, ebenso wie der nächstbetheiligte Ressortmi­nister.

Die Wirkung eines Rückzuges vor der liberalen Minderheit würde aber noch viel weiter und tiefer gehen. Das ganze Land würde den Eindruck gewin­nen, daß eine christlich-konservative Politik in Preußen nicht mehr möglich sei; die konservative Partei würde in Verwirrung und Kraftlosigkeit ver­fallen, das Kraftbewußtsein des sog. „liberalen Bürger- thumtz" würde in das Ungemessene steigen. Das Ende vom Liede wäre die Ersetzung des konservativen und königlichen Regiments durch ein liberales Parteiregiment.

Wenn an die Stelle von Caprivi und Zedlitz an­dere Männer mit konservativem oder unparteiischem Namen treten würden,, so wäre das nur haltloses Flick­werk. Herr von Bennigsen ist der „Mann der Situa­tion", wenn das Schulgesetz offen oder versteckt preis­gegeben werden sollte; seine Rütli-Rede würde das po­litische Evangelium der „neuen Aera" werden.

Wir können diesen Ausführungen nur beipflichten, denn in der jetzigen Zeit thut vor Allem Entschie­denheit noth. Glaubt Sr. Majestät sein Vertrauen den „Liberalen" zuwenden zu sollen, gut. Wir ge­hören in diesem Falle zu Sr. Majestät getreuester Op­position und werden, wenn ein liberales Schulgesetz in die Erscheinung treten sollte, in aller Ehrfurcht, aber auch in aller Entschiedenheit allen denjenigen Punkten des Grfitzes Widerstand entgegensetzen, die gegen un­sere Grundsätze gehen. Wir erklären es nochmals für unmöglich — die Lösung der Quadratur des Cirkels würde dadurch sogar überholt — ein Schulgesetz zu machen, welchem Christen und Heiden zustimmen können!!

Die Preßstimmen lauten je nach dem Parteistand­punkt sehr verschieden. Merkwürdig ist, daß die „Sie­ger" ihre Stimme mit der ihnen so anstehenden Lie­benswürdigkeit dafür erheben, Graf Caprivi solle sein Entlassungsgesuch zurückziehen, obwohl er sich auf das Volksschulgesetz geradeso verpflichtet hatte, als Herr v. Zedlitz selbst. Graf Cäprivi drückt sich in der Frage des Volksschulgesetzes sogar noch schärfer als sein Ministerkolleg; aus. Er warf bekanntlich das Wort ins Volk vom Christenthum und Atheismus.

jekt verzichtet, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gelesen hätte."

Inzwischen hatte sich die ganze Gesellschaft in Be­wegung gesetzt. Gabriele ging, dicht in ihren Mantel gehüllt, schweigend etwas von den Anderen abseits daher.

Als sie an der Hausthür anlangten, blieb Herr de Greonlx, offenbar absichtlich etwas zurück und raunte Gabriele mit leiser Stimme im Tone eines leisen Vorwurfs in das Ohr:

„Fräulein, Sie sind die einzige, welche sich, wie es scheint, garnicht um dasjenige interessirt, was mir widerfahren ist..

Sie schob ihre Kapuze etwas zurück und blickte ihn anstatt aller Antwort mit thränenumflorten Augen lange an.

„Ach, meine theure Gabriele!" setzte der Chevalier mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Wonne und Zärtlichkeit hinzu.

„Nun, was gibt's denn eigentlich, Gabriele?" sagte Veronika, sich umwendend. „Du bist ja ganz bleich. Die abendliche Kühle hat Dich jedenfalls angegriffen, komm' rasch herein!"

Der Abend verfloß ziemlich traurig und einsilbig. Die beiden Alten verspürten heute gar keine Lust, Kar­ten zu spielen, und sie schienen ganz in trübe Gedan­ken versunken zu sein, während die beiden jungen Leute die letzten Augenblicke des Zusammenseins so viel als

Es gehört also eine mehr als große Dreistigkeit dazu, Herrn v. Caprivi aus der Ministerkrise herauSnehmen zu wollen.

Wir hoffen aber nicht, daß es zu einer so ein­schneidenden Aenderung kommen wird. Der Vortheil, den ein starker und selbstständiger monarchischer Wille der inneren Entwickelung bieten kann, wird jetzt auf die Probe gestellt durch den gefährlichen Beschluß einer Kronraths-Mehrheit, die noch von dem mittelparteilichen Geiste aus der Niedergangszeit des alten Kurses be­seelt ist. Sollte aber die kaiserliche Entscheidung an­ders ausfallen, so werden wir uns auch danach einzu­richten verstehen. Jedenfalls ist eine rasche Klärung erwünscht. Sie heißt: Caprivi oder Bennigsen!

Deutsches Keich.

Berlin, 22. März.

* Bis zur Stunde ist die Minister- und Kanzler- Krifis noch nicht beendet. Die Verwirrung ist augen­blicklich größer als zuvor. Graf Zedlitz, der ohne den Schulgesetzentwurf hätte bleiben können und wieder­holt um fein Bleiben erfucht ist, besteht auf seiner Entlassung. Ein Nachfolger für ihn ist aber bis jetzt nicht gefunden, und vorher wird wohl auch die amt­liche Verkündigung der Annahme seiner Entlassung nicht erfolgen. Mehrere Blätter melden direkt, Herr v. Zedlitz habe feinen Abschied erhalten und sei bereits von Berlin abgereist. Auch die,Nationalztg.' berichtet, die Entlassung des Herrn v. Zedlitz sei eine Thatsache; er habe sich bereits von seinen bisherigen Kollegen ver­abschiedet, um nach Karlsbad abzureisen u. s. w. Was den Grafen Caprivi anlangt, so wird an der Lösung in der schon attgebeuteten Richtung: Caprivi bleibt Reichskanzler, gibt aber das Amt eines preußischen Ministerpräsidenten ab, weiter gearbeitet. Auch Wolfi's Bureau, welches gestern Abend spät den Gedanken dieser Trennung der Aemter als „zwar erwogen, aber wieder fallen gelasfen" darstellte, meldet soeben: „Vor­aussichtlich wird die Ministerkrisis demnächst ihre Lösung dadurch finden, daß Graf Caprivi Reichskanzler und preußischer Minister der Auswärtigen Angelegen­heiten bleibt, aber als preußischer Ministerpräsident zurücktritt, und Graf Zedlitz sein Amt als Kultus­minister niederlegt." Man sucht nach den Bedin­gungen, unter denen jene Scheidung der Aemter möglich wäre. Hier und da nimmt man an, daß Graf Caprivi auch dieses Arrangement, zu welchem er nur aus Rücksicht auf den Wunsch des Kaisers nnd die Verlegenheiten der Lage bereit gewesen, von vornherein nur als vorläufiges behandele, und allgemein gibt sich in der Presse die Ueberzeugung kund, daß das nur ein vorläufiges Abkommen fein könne, um über die augenblicklichen Schwierigkeiten hinwegzukommen.

* In der heutigen 3. Plenar-Sitzung des Herren­hauses wurden alle Gegenstände der Tagesordnung erledigt. Bei der Berathung über den Gesetzentwurf, betreffend die äußere Heilighaltung der Sonn- und

möglich auszunutzen suchten. Mit Schrecken hörten sie jedesmal die Uhr schlagen, und als eö auf der nahen Kirche Neun schlug, schauderten sie zusammen — die Stunde der Trennung war gekommen.

Am folgenden Morgen reifte Herr de Groonlx ab.

Am Abend des nämlichen Tages wurden die beiden Frauen zu einer Todtenwache gerufen und die arme Gabriele mußte allein zu Hause bleiben.

Eine unsägliche Traurigkeit bemächtigte sich ihrer, während sie in der verlassenen Wohnung sich allein be­fand, das Gefühl einer unbeschreiblichen Verlassenheit, das Gefühl des Verlustes alles desfen, was Einem lieb und theuer ist, verzehrte sie . . .

Vier Tage später saßen die beiden Alten und das junge Mädchen um den großen runden Tisch herum. Veronika und Susanna mischten mechanisch die Karten, aber keine von Beiden schien große Luft zu haben, das Spiel zu beginneit. Auch wurde so zu sagen zwischen den drei Personen kein Wort gewechselt, Jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

Plötzlich klopfte eS ziemlich laut an die Thür, so daß alle Drei unwillkürlich zusammenfuhren.

„So klopft nur der Chevalier!" rief Veronika be­troffen aus.

„Ja, er ist es ohne Zweifel!" stammelte Gabriele erbleichend.

In der That, er war es, welcher nach wenigen Augenblicken auf der Thürschwelle erschien. . .