JV 68 Mittwoch, den 23. März 1692.
IS. Jahrgang
tihinij
Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage .Rathgeber für Landwirtdichafr, Gartenbau nird Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
♦ Der Papst und die französischen Katholiken.
Schon seit Jahren hat Kardinal Lavigerie für den Anschluß der ftanzösischen Katholiken an die republikanische Staatsform gearbeitet. Er berief sich dabei stets auf die Uebereinstimmung seiner Anschauungen mit denjenigen des Papstes, fand damit aber gerade da wenig Glauben, wo es am meisten darauf ankam, bei den Monarchisten. In der That konnte er sich nicht auf eine unmittelbare, öffentliche Kundgebung des Papstes berufen, an der es doch, so sagte man sich, nicht fehlen würde, wenn Leo XIII. ganz auf demselben Boden mit Lavigerie stände. So ging die Zeit hin, der eine und andere französische Bischof nahm inzwischen gleichfalls freundliche Stellung zur republikanischen Staatsform, dann aber, und das war etwas Entscheidendes, kam die Kundgebung der fünf Kardinale, welche direkt zum Anschluß an die Republik aufforderte. Es handelte sich nicht mehr um einen Kardinal Lavigerie, nicht um politisch Bekehrte desselben, sondern um Kirchenfürsten, die neben ihm und ganz gesondert von ihm, ohne sein Wissen auf das gleiche Ziel losgingen, wie er. Daß Kardinal Lavigerie zu dieser Kundgebung nicht hinzugezogen wurde, mag auf der gewiß angebrachten Erwägung beruht haben, daß der Name dieses Kardinals, welcher sich in der That etwas zu sehr exponir; hatte, der angemessenen Würdigung jener Kundgebung in den besonders betheiligten Kreisen im Wege stehen würde.
Die Erklärung der fünf ftanzösischen Kardinäle war aber nur der Borbote einer aus der eigensten Entschließung des Papstes hervorgegangenen, in vier Bogen abgefaßten Kundgebung des hl. Vaters. Es ist wahr, daß der Kardinal in der Betonung der Vorzüge der demokratischen Staatsform, der Republik, viel zu weit gegangen ist, indem er z. B. den Monarchieen die Zukunft absprach. Indem er in den Fehler verfiel, zu viel beweisen zu wollen, mußte er die Folgen dieses Vorgehens sich selbst zuschreiben. Im Kern der Sache stimmte er jedoch mit dem hl. Vater überein; denn auch dieser widmet einen langen Abschnitt seines neuesten Schreibens der Beweisführung, daß die Katholiken der nun ein Mal in Frankreich bestehenden Regierungsgewalt sich unterordnen müßten. Den Monarchisten kommt diese Mahnung von so hoher Stelle ungelegen.
Wenn der Papst so entschieden auf den Anschluß an die Republik hindrängt, so kann er dabei nur von der Ueberzmgung ausgehen, daß ohne vollständige Uebereinstimmung der Anschauungen über die Staatsform bei den französischen Katholiken an eine einheitliche Bertheidig- ung der kirchlichen und religiösen Interessen nicht zu denken sei. Ihm erscheint die Vereinigung der Katholiken auf ein ausschließlich religiöses Programm bei Bestehenbleiben der politischen Divergenzen unmöglich. Daraus sind seine Bemühungen für den Ausgleich der politischen Richtungen zu erklären. Eine beabsichtigte Freundlichkeit für die fran-
Dom Tode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(12. Fortsetzung.)
Susann« und Veronika liebten es, hie und da in müßiger Stunde Karten zu spielen; wenn sie dann Glück hatten, gewannen sie von Herrn de Grsonlx, welcher jetzt ihr Partner geworden war, noch einige Sous, und dünkten sich in solchen Augenblicken glücklicher und reicher, als ein Börsenfürst oder Kaufmann, welcher im Handumdrehen Tausende gewinnt.
Wenn auf diese Weise die drei Personen ihre Partie machten, saß Gabriele an der Ecke des Tisches, wo die Lampe stand, und hörte aufmerksam den Worten des jungen Mannes zu, welchen sie, wenn auch ohne von ihrer Handarbeit aufzublicken, nicht aus dem Auge verlor.
Herr de Gröonlx gewann allmählich diese Art von Abendunterhaltung sehr lieb und fand sie sehr amüsant, so daß er jedesmal bedauerte, wenn die Uhr von der nahen Laurenttuskirche schon 9 schlug.
Gabriele war ja auch so schön — und wenn er das Zimmer betrat, so hob sie ihre großen, bescheiden blickenden Augen mit so sanftem Ausdrucke zu ihm empor. Auch den beiden alten Frauen gegenüber empfand er ein lebhaftes Gefühl der Dankbarkeit und fühlte sich thatsächlich durch ihr einfaches, gerades
zösische Regierung oder besondere Vorliebe für die Republik, die sogenannte „christliche Demokratie", von der letzthin öfter geredet wurde, kann man in dem Schreiben des Papstes nicht erblicken. Das Schreiben des Papstes hält am Konkordat fest und weist die Trennung der Kirche vom Staat ab.
Der Papst hegt die Hoffnung und die Zuversicht, seine Erläuterung werde die Vorurtheile zerstreuen. Die Beruhigung der Gemüther wird dadurch die vollkommene Einigkeit aller Katholiken ermöglichen, zum Nutzen und Frommen der großen Sache, „Christi, welcher die Franken liebt."
Deutsches Keich.
Berlin, 21. März.
* Wolff's Telegraphen-Bureau verbreitet folgendes offiziöse Communique: „Die gestrige Reise des Reichskanzlers nach Hubertusftock hat die Lösung der Krisis noch nicht gebracht. Sicher bleibt der Rücktritt des Grafen Zedlitz." — Die ,Kreuzztg.' schreibt: Die Minister-Krisis hat ihren vorläufigen Abschluß gefunden. Graf Caprivi, welcher zum Kaiser nach Hubertusstock befohlen war, ist gestern Abend von dort zurückgekehrt und hat die Lösung mitgebracht: Graf Caprivi bleibt als Reichskanzler vorläufig im Amte, legt aber das Präsidium des preußischen Staatsministeriums nieder ; das Abschieds-Gesuch des Grafen Zedlitz ist genehmigt; ein Minister-Präsident ist noch nicht ernannt, man nennt noch verschiedene Namen, u. A. die Fürsten Radolin und Stolberg. — Dagegen meldet die ,Germania': Der Reichskanzler Graf Caprivi ist Sonntag Abend 6 Uhr von Hubertusstock zurückgekehrt, nachdem er mit dem Kaiser kurze Zeit konferirt hatte. In den dem Reichskanzler nahestehenden Kreisen wird die Ansicht verbreitet, daß Grak Caprivi sich solidarisch mit dem Kultusminister Grafen Zedlitz erkläre und dabei beharre, von seinem Amte zurück- treten zu wollen. Die meisten Chancen für das Portefeuille des Kultus soll der bisherige Unterstaats- Sekretär v. Weyrauch besitzen. — Die „neuen" Freunde des Herrn v. Caprivi hoffen jetzt vor Allem — so schreibt die.Germania' weiter — daß er in seiner Eigenschaft als General, in Rücksicht auf den etwas leidenden Zustand des Kaisers u. s. w. doch noch zunächst bleiben wird, und es ist zweifellos, daß in dieser Beziehung vielfache Ansttengungen gemacht werden: nur eine sachliche Genugthuung in Bezug auf das Schulgesetz soll natürlich der Herr Graf nicht erhalten, denn dann würden ja die Zwecke der Herren nicht erreicht. Es genüge ja auch, wird für den schlimmsten Fall geltend gemacht, wenn der Herr Graf bloß als preußischer Minister-Präsident abgehe, aber Reichskanzler könnte er doch bleiben; Herr v. Bötticher könne ja dann das Präsidium im preußischen Ministerium übernehmen, wobei interessant bleibt, daß selbst in diesem Falle Herr Miquel bloß hinter den Koulissen der leitende Mann (der „Hauptdrahtzieher") bleiben soll. Einstweilen also, das ist daS
Wesen und ihre offenbare große Herzensgüte, ungeachtet ihrer oft etwas bizarren und gewöhnlichen Formen zu ihnen hingezogen, so daß er wirklich gern bei ihnen weilte.
Zuweilen däuchte es ihm sogar, als ob sie eine Sprache redeten, welche — so weit er wenigstens ur- theilen mußte — mit ihrer Erziehung und ihrer Herkunft in einem feltsamen Widerspruche stehe; ja, oft drückten sie Ansichten und Gedanken auS, welche in ihm ost unwillkürlich die Bermuthung wachriefen, ob sie nicht etwa doch von vornehmer Herkunft feien und vielleicht durch allerlei Lebensschickschale gezwungen worden wären, diesen gewöhnlichen Beruf zu ergreifen. Da er indeß keine weiteren Anhaltspunkte für seine Bermuthungen besaß, so verschwanden dieselben ebenso rasch, als sie kamen.
Inzwischen ahnten die beiden alten Frauen nicht im entferntesten, daß dieser schöne junge Mann und dieses reizende Mädchen, welche kaum ein Wort miteinander wechselten, dafür aber um so häufiger zu einander aufblickten und die so glücklich zu sein schienen, während sie selbst dem Kartenspiele oblagen, einander lieben könnten. Sie selbst konnten ja auch das Gefühl der Liebe nicht kennen, weil sie selbst Niemand geliebt hatte.
Dem Chevalier gefiel diese bescheidene Existenz, wie bemerkt, nicht wenig, und so lebte er denn, wie man
Thatsächliche der jetzigen Lage, schwebt die Frage der beiden Ministerentlasiungs - Gesuche, und was daraus wird, weiß wohl jetzt noch Niemand.
* Ueber die Kronrathsfitznng vom Donnerstag wissen die Blätter noch immer neue Einzelheiten mit- zutheilen. So berichtet der ,Reichsbote': „Wir hören noch, daß der Kaiser sich auf das Gutachten des Oberkirchenraths und eines Bundesfürsten — man sagt, der Großherzog von Baden sei am Tage vorher beim Kaiser gewesen — berufen, namentlich aber die Opposition der Liberalen und Freikonservativen geltend gemacht und dem Grafen Zedlitz vorgeworfen habe, daß er ihn über diese Situation nicht genügend orientirt habe. Der Kaiser habe gesagt, diese Situation müsse aufhören,und als derReichskanzler bemerkt habe, man möge doch den Schluß der Berathung des Gesetzes abwarten, habeder Kaiser entgegnet: Nein, die Situ- uation müsse sogleich aufhören. In Folge dessen hatte denn auch Graf Zedlitz noch an demselben Tage (Donnerstag) sein Entlassungs gesuch eingereicht und die Geschäfte niedergelegt. Der Reichskanzler hat dasselbe am Freitag nach dem bei dem erkrankten Minister v. Bötticher abgehaltenen Ministerrath gethan! Der Kaiser hat das Entlassungs- gesuch Caprivi's kurz vor seiner Abreise nach Hubertus- stock erhalten und mit dorthin genommen. Wie die ,Freis. Zeitung' mittheilt, ist der Eisenbahnminister Thielen sehr entschieden gegen den Volksschulgesetzentwurf aufgetreten. Thielen ist der Sohn des verstorbenen FeldprobsteS und langjährigen Hofpredigers, welcher der kirchlichen Mittelpartei angehörte." Bei all diesen Nachrichten aber handelt es sich um Ver- muthungen, wie auch folgende offiziöse Nottz der ,Nordd. Allg. Ztg.' besagt: „Die in den Blättern austauchenden Mittheilungen über den am Donnerstag abgehaltenen Kronrach entbehren jeder Zuverlässigkeit und müssen. derselben entbehren, weil die Verhandlungen des Kronrathes durch die jedem Theilnehmer obliegende Pflicht des Amtsgeheimnisses vor der Möglichkeit der Veröffentlichung geschützt sind. Alles, was die Blätter hierüber sagen, beruht daher auf Kombinationen, die zum größten Theile weder ge- fchickt noch glücklich sind." Immerhin steht fest, daß die Vorgänge im Kronrath den leitenden Minister und den Ressortminister veranlaßt haben, ihre Aemter zur Verfügung zu stellen.
* Fürst Bismarck ist, wie der Hamburger Korr.' meldet, infolge eines am Sonnabend in Hamburg abgestatteten Besuchs von Unwohlsein befallen worden; seine für morgen beabsichtigte Reise zum Kreistag Ratzeburg wurde abgesagt.
* Die .Kölnische Ztg.' theilt den ihr zugegangenen Beschluß des Landgerichts mit, wonach die von der Staatsanwaltschaft gegen sie erhobene Anklage wegen MajrstätSbrlribizung abgelehnt wird.
* Im Abgeordnetenhanfe wird die EtatSberathung beim Etat der landwirthfchaftlichen Verwaltung fortgefetzt. Frhr. tz. Zedlitz (freit) macht auf den niederen Gehalt der Lehrer an den Landwirthschaftsschulen aufmerksam. Regierungsseitig wird dies mit dem Bemerken sagt, in den Tag hinein, ohne sich weiter um die Zukunft oder Vergangenheit zu kümmern.
Noch niemals war er so glücklich gewesen, noch nie hatte er gefühlt, was lieben heißt . . .
Sein Großvater hatte inzwischen sein ehrfurchtsvolles Schreiben, welches er an ihn gerichtet, gar keiner Antwort gewürdigt, was ihm übrigens auch nicht allzusehr zu Herzen ging. Sein Schweigen war ihm ein weiterer Beweis, daß er sich jetzt für immer feine Unabhängigkeit errungen hatte, und er hielt den Preis nicht für zu hoch, um welchen er sie erkauft hatte. Mehr noch als er selbst, beunruhigten sich Veronika und Susanna wegen dieser Angelegenheit. Er pflegte ihnen indeß, wenn sie chm gegenüber ihre Beforgniß ausdrückten, zu antworten:
„Thorheiten! Wenn ich sicher weiß, daß mein Großvater mich enterbt hat, dann weiß ich wenigstens, woran ich bin, wie man zu sagen pflegt. Alsdann werde ich einen bestimmten Entschluß fassen, ich werde arbeiten, wenn ich auch Edelmann bin, denn Arbeit schändet nicht, und wenigstens werde ich dann glücklicher sein, als wenn ich Fräulein de Verliere ge- heirathet hätte."
Eines Tages waren die beiden Alten mit Gabriele eben aus der BeSper zurückgekehrt.
Der Tag war herrlich gewesen, Frühlingsdüfte durchwehten die Luft und alles athmete Freude und Lust.