V 67 Dienstag, den 22. März 1892. 19. Jahrgang
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♦ Ein sozialer Krebsschaden.
In einem Blatte lasen wir kürzlich folgende sehr „zeitgemäße" Anekdote: „Nun, Herr Meyer, wohin so eilig? Wieder dringende Vereinsgeschäfte?" — „ES geht jetzt etwas ruhiger. Ich habe nämlich das Vereinsleben mdlich gründlich fatt bekommen und bin aus dem Turn-, Schützen-, Schwimm und Alpenverein, sowie aus dem Schach-, Touristen- und Kegelklub ausgetreten, damit ich meine ganze Kraft der Gründung eines neuen Unternehmens widmen kann. — „Was ist denn das für ein Unternehmen, wenn man fragen darf? — „Ich gründe nun einen Verein ausgetretener ehemaliger Vereinsmitglieder!" — Si non e vero, e ben trovato — wenn dieses Geschicht- chen nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden und weist auf eine moderne Krankheit hin, die sich immer mehr entwickelt, so daß man sie in gewisser Hinsicht als einen Krebsschaden der Gegenwart bezeichnen kann.
Es hat das Vereinsleben, besonders in unserer Zeit eine große Bedeutung und Aufgabe. Jeder umsichtige und klarblickende Mann, welcher unsere Zeit versteht, weiß die Nothwendigkeit und Nützlichkeit des Vereinswesens zu schätzen; wendet ja auch die Kirche dem Vereinsleben ihre Sorge und Pflege zu. Niemand wird es leugnen, daß die religiöse und soziale Bereinsthätigkeit schon sehr segensreich nach allen Seiten gewirkt hat und nothwendig und unersetzlich ist. Und wir sind die Letzten, denen es in den Sinn kommen könnte, über das Vereinswesen im Allgemeinen den Stab zu brechen; wir wünschen im Gegentheile, daß es blühe und gedeihe — aber ohne Ausartungen und Ausschreitungen, in Verfolgung vernünftiger, guter, edler und nützlicherZwecke. Wie überall, so gilt auch hier ne quid nimis: das „Zuviel ist aller Narren Ziel", und wird das nicht brachtet, dann kann auch die beste Sache sehr lächerlich und schädlich werden.
Die Hauptgefahr des Vereinswesens liegt darin, daß fortgesetzt eine große Anzahl von Vereinen gegründet wird, deren einziger oder fast einziger Zweck die sog. „Gemüthlichkeit" ist. Was soll z. B. ein „Rauchklub" für einen besonders löblichen Zweck haben? Daß sich die Mitglieder aus Cigarren, kurzen oder langen Pfeifen, Tschibuks u. s. w. gegenseitig blauen Dunst vormachen, ist doch kaum ein Verdienst für die Menschheit. In Moolenbeek bei Brüssel besteht ein „Verein der 100 Kilo", in welchen Niemand ausgenommen werden kann, der nicht seine 200 Pfund wiegt. Der Verein nennt sich „WohlthätigkeitSverein", aber muß man denn nothwendig 100 Kilo schwer sein, um „für die Armen" einen Festball zu veranstalten? Im Norden Berlins wurde, wie wir seiner Zeit in einem Berliner Blatte lasen, vor einigen Monaten ein Verein gegründet, der der Wohlthätigkeit bienen soll. Seine Mitglieder nennen sich Räuber. In den Sitzungen führt der Präsident einen Schraubstock statt der Glocke. Wer sich gegen die Ordnung vergeht, wird von dem Schriftführer auf einen Pfiff zum Präsiden-
Dom Tode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(11. Fortsetzung.)
„Nein, nein, ich bitte, thun Sie das nicht!" tief Gabriele aus. „Ich möchte ihn behalten für ... . Man stirbt ja nicht daran, daß man daran denkt! Ich möchte ihn behalten, um — damit er mir eines Tages, hoffentlich erst nach langer Zeit, dienen mag ..."
„Also Du willst als junges Mädchen sterben?" meinte Veronika; „ein sehr voreiliger Entschluß!"
Gabriele sentte die Augen und antwortete nicht, aber das leichte Zucken ihrer Augenbrauen und der festgeschlossenen Lippen ließen eine Bejahung der Frage vermnthm.
„Sie hat nicht unrecht," dachte Herr de Groonlx bei sich. „Zwar ist sie ein schönes, vornehmes Geschöpf — aber so arm! Eine vornehme Familie wird nichts von ihr wissen wollen, einen Bauernburschen wird sie nicht mögen, und so wird sie einsam und allein bis zu ihrem Ende durch's Leben gehen müssen."
10.
Die ganze Unterredung schien die Waise etwas an- gegriffm zu haben, denn sie schloß die Augen und sank schlaff in ihren Sessel zurück.
Die beiden Frauen begannen jetzt ganz leise mit Herrn de Greonlx zu sprechen.
ten geschleppt; dort klemmt man ihm den Daumen in den Schraubstock und zieht so lange an, bis er sich zu einer Zahlung an die Vereinskasse verstanden hat. Gäste werden ebenso behandelt. — Unglaubliche Formen hat das Vereinswesen angenommen; die Geschmacklosigkeit herrscht in bedenklicher Weise vor, und was schlimmer ist, sie führt zur Verwilderung. Zwar herrscht die Vereinswuth nicht in allen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes in gleich hohem Grade, aber es gibt doch fast kaum noch einen Landstrich, welcher ganz frei von ihr wäre. Die Reichshauptstadt Berlin weist nicht weniger denn 1265 Vereine auf, die Hauptstadt des zweitgrößten BundesstaaateS, München, kommt mit 1090 Vereinen sehr nahe. Leipzig reiht sich mit 500 Vereinen würdig an, und daß Breslau nicht zurückbleibt, kann man daraus schließen, daß jüngst eine neue Breslauer Zeitung in ihren Probenummern folgenden charakteristischen Satz enthielt; „Wer in Breslau nicht mindestens drei Vereinen angehört, der ist überhaupt kein zünftiger Bürger der vereinsfrohen Oder-Residenz." Aehnlich wie in den Großstädten sieht's auch in vielen mitteten und kleinen Städten aus, selbst auf dem Lande wird bereits vielfach drauf los gegründet. Und welch' sinnigen und geschmackvollen Vereinstitel kann man entdecken !
Mit denVereinsgründungen greift auch die„Kongreß"- Wuth immer mehr um sich. Kegler- und Scatkongresse habm wir in den letzten Jahren schon mehrere erlebt; vor einiger Zeit lasen wir in einem mitteldeutschen Blatte die Aufforderung zur Gründung eines „Schafkopf-Verbandes". (Es ist dasein in einigen Gegenden Deutschlands sehr beliebtes Kartenspiel.)
Da fast jeder Verein sein Gründungs- und viele Vereine außerdem noch zahlreiche andere Feste jährlich begehen, so ist der Festschwindel eben dadurch in der Jetztzeit zu einer ganz excessiven Höhe „emporgediehen" Durchmustert man die öffentlichen Blätter, namentlich die vor Sonn- und Festtagen erscheinenden Nummern, so begegnet man auf der letzten Seite wer weiß wie oft den Ankündigungen von Vereinsfestlichkeiten: dieser Verein feiert sein Stiftungsfest, jener den Namenstag seines Präsidenten, ein anderer arrangirt eine Familienabend, ein vierter ein Ballkränzchen u. s. w. So kommt es denn, daß wenigstens in den Städten zum mindestm jeden Sonntag die eine oder andere Gelegenheit zu „vergnügten Abenden" geboten ist und auch weidlich benutzt wird. Vielleicht sagt man, das sei doch so schlimm nicht. Alles gehe ja bei diesen Vergnügungen in Ehren zu, damit müsse man zufrieden sein; es sei nun einmal so, daß die Welt sich amüsiren wolle, und schließlich bleibe es ja gleich, ob man zu Hause sitze und die „überflüssige" Zeit auf irgend eine Weise verbringe, ob man sich mit seinen Freunden in einer Restauration bei einem Glase Bier gütlich thne, oder ob man in einem erweiterten Kreise sich an Musik, Tanz re. ergötze. Indessen mit dem ehrenhaften und anständigen Verlaufe der Vergnügungen kann sich doch ein wahrhaft ernster Mann über das „Zuviel" noch
„Haben Sie noch feinen weitern Schritt bei dem Herrn Baron, Ihrem Großvater, unternommen?" begann jetzt Veronika.
„Nein, das einzige Mittel, bei ihm wieder in Gnaden ausgenommen zu werden, ist, daß ich ihm mittheile, daß ich bereit bin, Fräulein de la Berriote zu heirathen, und dies will ich aber sehr begreiflicherweise nicht."
„Freilich — aber so können die Sachen unmöglich bleiben."
„Ich weiß eS," antwortete er, traurig das Haupt sinken lassend. „Ich will einen bestimmten Entschluß fassen und einen Brief an den Herrn Baron schreiben, welcher doch, wie ich im Voraus weiß, zu Nichts dienen wird. Er wird mich freilich nichtsdestoweniger enterben, aber ich will ihn wenigstens davon überzeugen, daß ich ihm unter allen anderen Umständen zu Willen gewesen sein würde und daß ich meinestheilS nur die innigsten Wünsche für sein Wohlergehen hege. Wenn ich alsdann auf mich selbst angewiesen sein werde, so werde ich einfach zu dem Waffenhandwetk greifen, vielleicht bringe ich es auf diesem Wege noch zu irgend etwas, wer weiß! Mag mich denn irgendwo eine Kugel treffen," setzte er bitter lächelnd hinzu, „so wird auch gerade nicht sehr viel verloren sein! Denn meine Existenz hat doch für Niemand auf der weiten Welt irgend ein Interesse."
nicht trösten. Wohin wir blicken, herrscht Druck und Elend. Der Geschäftsmann seufzt nach Kunden, die nicht kommen wollen, und denkt mit Sorgen, wie die Geschäftsflaue denn noch enden würde. Der Landmann klagt über drückende Steuern, zu hohe Arbeitslöhne, schlechte Ernte. Der Handwerker beschwert sich über Arbeitslosigkeit, die niedrigen, durch die Großproductton herabgedrückten Löhne, über die Theuerung der zum Leben nothwendigen Dinge. Der Fabrikarbeiter jammert über ben kargen Verdienst, die Schwierigkeit, sich mit seiner Familie durchzuschlagen. Was soll man denken, wenn trotzdem und alledem der Festschwindel eher zu als abnimmt ?
„Sie setzten sich zu essen und zu trinken und standen auf zu spielen" ist die Signatur unseres Geschlechtes in weiten Kreisen, und die Vereinsmeierei, welche den Festschwindel gebiert und großzieht, trägt eine Hauptschuld daran. Es ist nicht angenehm, sich mit dieser heiklen Frage zu befassen, aber ein ernstes Wort in dieser stillen Fastenzeit wirb hoffentlich einen guten Ort finben.
Deutsches Deich.
Berlin, 19. März.
* Der Kaiser wirb voraussichtlich erst mit Ablauf bieses Monats von Jagbschloß Hubertusstock nach Berlin zurückkehreu. — S. K. H. Prinz Heinrich, welcher heute früh von ben Beifetzungsfeierlichkeiten in Darmstabt nach Berlin zurückgekehrt war, begab sich heute Nachmittag zu S. M. bem Kaiser nach Jagbschloß Hubertusstock.
* Zur Minister-Krisis schreibt die,Germania' u. A.: „Die Krisis bietet, so traurig sie ist, einen tröstlichen Ächtblick! Die beiden Männer, welche ben Gesetzentwurf in einer Weise vertreten haben, baß bie christlich gläubigen Kreise in aller Welt förmlich aufathmeten, weil roieber einmal eine Regierung, unb zwar eines großen, angesehenen Staates, sich zu Christus als Gott bekenne und wirkliches, wirksames Christenthum ihrem Volke erhalten wolle und bie rechten Mittel dazu suche und finde, diese beiden Männer, Graf Caprivi und Graf Zedlitz, zeigen sich auch in der Krisis als die Christen und Charaktere, denen man voll vertrauen kann. Graf Zedlitz steht und fällt mit seinem Gesetz- Entwurf, und Graf Caprivi tritt unerschütterlich und in voller Konsequenz ebenfalls für Das ein, was er so warm unb fest vertreten hat. Als biefe zwei Männer so warm für bas Christenthum unb bie christliche Erziehung sich ausgesprochen hatten, ba schrieben wir in Anknüpfung an bie Worte Caprivi's Folgenbes: „Wer an Christum unb Kirche als ein Gottes Werk unb an eine übernatürliche Offenbarung glaubt, kann in ber That den Standpunkt dieser ^genannten „Christen", daß sich das Christenthum von ber „moberneit Kultur" korrigiren lassen müsse, nicht theilen, sonbern für ihn ist das Christenthum für alle Zeiten unb Völker göttliche Kraft unb Wahrheit, was gegen bas Christenthum ist in ber sogen.
Gabriele zog in biesem Augenblicke bie Kapuze noch tiefer über bie Stirne, als ob bas Licht ihr unangenehm sei, unb saß nun mit halbverborgenem Gesicht, bie Arme auf ber Brust gefaltet, schweigend ba.
„Das ist mein fester Entschluß", betonte ber junge Mann, als wollte er in biefer Hinsicht gar keinen Zweifel mehr übrig lassen, nochmals, „übrigens bleibt mir kaum etwas Anderes übrig."
„Aber ber Herr Baron kann Sie boch nicht ganz enterben", meinte Veronika. „Sie sinb sein einziger Abkömmling in geraber Linie, unb nach ben örtlichen Gepflogenheiten kann kein anberer Verwandter Ihre Rechte beanspruchen."
„Ich weiß es", antwortete ber Ebelmann, welcher nicht wenig barüber erstaunt war, daß bie Alte anscheinend in derartigen Angelegenheiten so gut Bescheid wußte. „Jndest sinb unsere altabetigen Besitzungen nicht unveräußerlich."
„Sie glauben wirklich, daß er so weit gehen würde, um seine Besitzungen zu verkaufen, nur um Sie zu enterben?“
„Sie kennen ihn schlecht, wenn Sie dies für unmöglich halten. Wenn er eine Drohung ausgesprochen hat, so hat er sie auch stets zur Ausführung gebracht. Ich habe mich ihm widersetzt, ihm nicht gehorcht, es giebt nur ein einziges Mittel, um wieder bei ihm in Gnaden zu kommen, unb von biesem Mittel mag ich