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JV 66 Sonntag, den 20. März 1892. 19. Iahrgan

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Großherzog Ludwig IV. von Hessen f*

Ueber den dieser Tage verstorbenen Großherzog wird der ,Straßb. Post' aus Darmstadt u. A. folgen­des geschrieben: Der Großherzog war ein treuer Reichs­genosse und ein wohlmeinender, braver, konstitutioneller Landesfürst. — Bor allem zeichnete ihn eine gewisse Bonhommie, eine große Gutherzigkeit aus, die sich schon in seinem Aeußeren kundgab. Der Großherzog war nur von mittlerer Größe und etwas gedrungener Gestalt; aus dem lebhaft gerötheten, von röthlichem Vollbart umrahmten Gesicht blickten kleine freundliche Augen. Obgleich er als Führer der hessischen Division im Kriege 1870/71 und als Armee-Inspektor sich als tüchtigen Soldaten bewiesen hatte, zeigte er sich doch meist in Civil, die ehrerbietigen Grüße freundlichst er­widernd. Zwanglos bewegte er sich, meist ein kleines Stöckchen in der Hand, in den Straßen seiner Residenz. Noch häufiger sah man ihn, einen Zug von fünf prächtigen Raceschimmeln leitend, im Jagdwagen nach dm nahen Wäldern fahrend. Auf kurzen Ausfahrten nach oder vom Bahnhof bediente er sich eines russischen einspännigen Fuhrwerks, einer Troika mit prächtigem Rappm, Geschenk seines Schwiegersohnes, des Groß­fürsten Sergius von Rußland. Geführt wurde daS Wägelchen von einem russischen Kutscher in National­kostüm. Besondere Vorliebe für russisches Wesen konnte man dem Großherzog aber nicht nachsagen. Mehr Vor­liebe hegte der Fürst für englisches Wesen und englische Sitte. Hervorgerufen war die Neigung wohl durch seine glückliche Ehe mit der Prinzessin Alice von Groß­britannien und Irland. Im Verkehr zwischen den Gatten und ihren Kindern wurde fast nur englisch ge­sprochen; der Erbgroßherzog und die Prinzefsinnen kleideten sich durchgängig nach englischem Geschmack, und alljährlich verweilte der Großherzog mit seiner Familie bei der Königlichen Schwieger- und Großmutter in Balmoral, die für die hessischen Enkel stets eine besondere Zärtlichkeit und Fürsorge an den Tag legte. Als Oheim des Kaisers unterhielt der Großherzog aber auch die herzlichsten Beziehungen zum Berliner Hof und ging zu allen wichtigeren Ereignisfen nach Berlin. Sein Familienleben war das denkbar glücklichste; als zärtlicher Vater sah man ihn vor Jahren, als noch sämmtliche Kinder im Elternhause weilten, fast alltäglich Nachmittags mit denselben ausfahren, wobei er daS Break selbst leitete, in welchem die vier Prinzessinnen und der Erbprinz saßen. Im Garten seines Palais konnte man ihn häufig mit seinen Kindern Ball oder andere Spiele spielen sehen, und beim Aufenthalt in den nahen Jagdschlössern bewegte er sich mit seinen Kindern in ungezwungenster Weise im Walde. Bei seinen Darmstädtern war der Großherzog sehr beliebt; er nahm seinerseits auch lebhaftes Interesse an Allem, waS seine Residenz bettaf. Obgleich er durch die Bahn­anlagen in seinen Ausfahrten behindert wurde, ist es

doch grade seiner Initiative zu verdanken, daß Darm­stadt mit seinen drei bedeutendsten Nachbarorten durch Dampfstraßenbahnen verbunden ist, die bis in den Mittelpuntt der Residenz führen. Für den Bau des neuen Polytechnikums trat er einen großen Theil des prächtigen Schloßgartens, des „ Herrengartens", ab, wobei er freilich ängstlich darüber wachte, daß von den uralten Bäumen des Parks nicht mehr gefällt wurden, als unbedingt nöthig war. Für fein Hoftheater legte er reges Interesse an den Tag, besonders der Regie­rung seine Fürsorge zuwendend und manchmal selbst eingreifend, wenn ihm die Ausstattung u. s. w. nicht gefiel. Wie die Theatervorstellung, so besuchte er auch die Konzerte seiner Hofmusik sehr regelmäßig und fehlte auch feiten in den Konzerten der besseren Musikvereine. Seiner Regierung machte er keinerlei Schwierigkeiten durch eigenmächtige Anordnungen; er war auch in dieser Beziehung gerecht und wohlwollend. Als leidenschaftlicher Jäger brachte er nur den Winter in feiner Residenz zu; den Sommer meist auf fernen Jagdschlössern Kranich­stein, Wolfsgarten ober Romrod, von wo er aber zur Erledigung der Regierungsgeschäfte regelmäßig nach der Residenz kam. Mittwochs und SamStags war regel­mäßig Audienz, in welcher der Landesherr für den Geringsten seiner Unterthanen zu sprechen war und mit derfelben Freundlichkeit einen alten Bahnwärter oder eine „langgediente" dekorirte Dienstmagd empfing wie einen fremden Gesandten. Seine Gesundheit soll schon seit einiger Zeit nicht mehr die beste gewesen fein, ob­gleich man ihm nichts davon tagte. Die Aerzte riethen Beschränkung des Jagdvergnügens und Vermeidung aller Aufregung, wesbalb auch die Theilnahme an der Beifetzung seines Neffen, des Herzogs von Clarence, unterblieben ist. Trotzdem hätte wohl Niemand gedacht, daß der in den besten Jahren stehende, kräftige Mann ein so jäheS Ende finden sollte!

* Ium Thronwechsel in Hessen.

Ueber die Thronfolge erhält die .Kleine Presse' folgende Mittheilungen: Mit dem Ableben Ludwig IV. ist die Regierung auf seinen einzigen Sohn Ernst Lud­wig übergegangen und hat derselbe durch Erlaß vom 13. d. Mtts. die Succession angenommen. Maßgebend dafür sind die Bestimmungen in Art. 5 der Verfassungs- Urkunde vom 17. Dezember 1820. Dort ist verfügt, daß die Regierung im großherzolichen Hause erblich sei nach Erstgeburt und Lineal-Folge vermöge Abstammung aus ebenbürtiger, mit Bewilligung des Großherzogs geschlossener Ehe. In Ermangelung eines durch Ver- wandtfchaft zur Nachfolge berechtigten Prinzen findet die Nachfolge dann statt durch den in Folge Erbver- brüderung berechtigten Prinzen. Erst wenn kein erb- verbrüderter Prinz vorhanden ist, geht die Erbfolge auf den Weiberstamm über. Vorausgesetzt, daß nun der jetzige Großherzog Ernst Ludwig keinen successionsfähigen Sohn hinterläßt, wäre das großherzogliche Haus, in so weit es auf den Landgrafen Georg zurückzuführen ist, im Mannesstamm ausgestorben, denn seine beiden Oheime Prinz Heinrich und Prinz Wilhelm haben ge­legentlich ihrer Verheirathung auf die Nachfolge Ver­zicht geleistet. Es würde dann in der kurfürstlich hessi­schen Linie die Erbfolge zu eröffnen sein und Hesien- Rumpenheim zur Succession gelangen; es ist jedoch sehr wohl möglich, daß in bett mit der Krone Preußen von dieser Linie abgeschlossenen Verträgen auf diese Erb­folge-Rechte verzichtet wurde. In diesem Falle kämen die mit Brandenburg (Preußen) und Sachsen bestehen­den Erbverbrüderungs-Verträge zur Geltung, inhaltlich deren Hessen zu zwei Dritteln an Preußen und zu einem Drittel an Sachsen anfallen soll. Man mag hieraus entnehmen, daß, im Falle der jetzige Grvßher- zog successtonsfähige Nachkommen nicht hinterlassen sollte, aller Wahrscheinlichkeit nach die staatliche Selbst­ständigkeit des Landes erheblich gefährdet erscheint.

Der verstorbene Großherzog Ludwig ließ dem Libe­ralismus ziemlich freies Spiel in feinem Lande, woher es auch kam, daß den dortigen Katholiken der „Kultur­kampf" unrühmlichen Andenkens nicht erspart blieb; ein Umstand, dem es wohl dürste ausschließlich zugeschrie­ben werden müssen, daß der Mainzer Bischofssitz nach deS seligen Bischof Ketteler'S Tode 9 volle Jahre unbe­setzt blieb. Möge seinem Nachfolger eine Land und Volk beglückende Regierung befchiedeu fein!

Dom Tode erstanden.

Novelle von I. Rüttgers.

(10. Fortsetzung.)

„Und wenn wir Ihnen irgendwie nützlich fein können", beeilte sich Veronika beizufügen, „fo sind wir gerne bereit, das heißt, so weit unsere bescheidenen Mittel es erlauben; wenn Sie Geld uothwendiy haben, so könnten wir Ihnen allenfalls etwas lechen — jedenfalls ist das besser, als wenn Sie den Wucherern in die Hände fallen."

„Einstweilen ist hier das Geld, welches Sie uns da eben gegeben haben", begann Susanna wieder, in­dem sie die Börse, welche sie in ihrem Schooße ge­halten hatte, wieder in die Hände des Kavaliers legte. Soviel Geld für eine einzige Nacht — nie, niemals! Wenn wir das annehmen, dann würde man uns mit Fug und Recht Raubvögel nennen."

„Sie wisien also wohl, wie es scheint, daß man Sie die beiden Raben oder auch die beiden Geächteten nennt?"

„Gewiß wissen wir's — aber was soll uns daran liegen? Man hat Furcht vor uns, man zeigt mit Fingern auf uns, je nun, wir sind uns wohl bewußt, daß wir Niemanden ein Leid zugefügt haben, und wir leben ruhig für uns allein, ohne uns um Jemand zu kümmern."

Dem Kavalier gefiel diese so einfache und doch so glaubensvolle Philosophie der beiden Alten sehr wohl.

„Ich werde Sie noch oft besuchen können", sagte er, den beiden Alten die Hand drückend. „Behalten Sie das Geld, Sie werden es mir leihen, wenn ich dasselbe etwa später bedürfen follte."

„Es gehört nicht uns, wir verwahren es Ihnen nur!"

„Sie haben unser Haus jedenfalls wiedererkannt", fügte Veronika bei; „eines Abends befanden wir uns allein auf dem Quai, ein Fährmann bedrohte uns, und da haben Sie sich unserer angenommen und uns nach Hause geleitet."

„Ja, ich erinnere mich jetzt, es war am Tage meiner Ankunft hierfelbst", antwortete er etwas zer­streut, denn er glaubte eine leise Bewegung hinter den Bettvorhängen wahrzunehmen.

„Sie schläft noch immer", bemerkte Veronika, welche feine Gedanken zu errathen fchien.

Der junge Mann erhob sich und ging.

Während die beiden Alten ihn zur Thüre geleiteten, schob Gabriele die Bettvorhänge langsam auseinander und beugte sich leicht aus dem Bette.

Schon eine ganze Stunde hatte sie auf dem Bette gekniet und auf das Zwiegespräch des jungen ManneS, welchen sie nicht einen Augenblick lang aus den Augen verloren hatte, aufmerksam gehorcht. AlS die beiden Frauen zurückkehrten, schlüpfte sie wieder hinter die Vorhänge zurück und that als ob sie schliefe.

„Liebe Schwester", begann Veronika lebhaft, „diefer junge Mann wird vielleicht sehr bald Geld nothwendig haben, ich denke, daß wir nicht warten, bis er uns um welches bittet. Wir wollen ihm die Summe, die er uns als Belohnung überreichen wollte, zurückgeben. Aber fchließlich ist es auch nicht viel, diese wenigen fünfzig Thaler! Wir werden noch all das hinzu­fügen muffen, was sich in dem kleinen blauleinenen Beutel befindet."

„Ich hatte auch schon daran gedacht, im Schranke liegen auch noch einige blanke Thaler, und wennS nöthig ist, gehen wir zu Herrn Vincent."

„Ein schöner junger Mann, ein wirklicher Edel­mann", meinte Veronika seufzend.

„Je nun, was nimmst Du Dir alles fo zu Herzen?" fchalt Susanna. „Was geht uns die Familie de Gröonlx au? Was haben wir heute mit ihr zu schaffen? Nichts! Mit Gaspard freilich ist'k eS eine andere Sache — er hat uns nicht verachtet, obgleich wir arme Fratten sind, er hat ein dankbares Herz, und ich möchte ihm gleichfalls eines Tages meinen Dank abstatten.

9.

Als GaSpard de Greonlx einige Tage später wieder in dem Hause der beiden Verstoßenen erschien, fand er Gabriele mit denselben am Kaminfeuer sitzen.

Veronika hatte sie in weites schwarzer Gewand gehüllt, welcher früher anscheinend einem Arzte als Kleidungsstück gedient hatte. Ihre zarten, weißen Hände sahen aus einem Paar ungemein weiter Aermel hervor,