19. Jahrgang
Samstag, den 19. März 1892.
Zeit»»g
Fuldiic
F. Schule und Haus, n.
Die Eltern als Stellvertreter Gottes bei den Kindern haben immer an erster Stelle und vor allen anderen Menschen die Pflicht, für die christliche, die katholische Erziehung ihrer Kinder zu sorgen; die Schule tft bet dieser Aufgabe nur eine Gehilfin. Nur solche Eltern können ihre Pflichten gegen die Kinder erfüllen, welche von dieser Wahrheit lebhaft erfüllt sind. Es gibt daher keinen verderblicheren Jrrthum, als wenn Eltern sich mit dem Gedanken beruhigen, daß die Erziehung ihrer Kinder hauptsächlich von der Schule abhänge. Sie selbst sind vielmehr vor Allem die von Gott bestellten Erzieher und Lehrer ihrer Kinder; auf ihrem Gewissen ruht die Hauptverantwortung für dieselben.
Der Einfluß der Schule auf die Kinder, auf ihren Charakter, auf ihr sittlich-religiöses Leben, auf ihre spätere Lebensrichtung ist zwar ein sehr großer. Wir können ihn kaum zu hoch anschlagen. Noch weit größer ist aber der Einfluß der Eltern und des elterlichen Hauses. Die Zukunft der Kinder, ihre religiös-sittliche Ausbildung hängt am meisten von ihnen ab. So hat es Gott selbst in der Natur deS Menschen begründet. Die Schule kann daher bei der religiösen Erziehung der Kinder eine kräftige Gehilstn der Eltern fein; sie kann aber den Eltern die Pflichten der Erziehung vor Gott nicht abnehmen. ., .
Eine wahrhaft religiös-christliche Erziehung muß ihre Aufgabe darin suchen, das Kind dahin zu leiten, daß eS später sein ewiges Ziel selbstständig findet. Eine solche Erziehung aber hat nicht erst in der Schule zu beginnen, sondern die Grundlage muß in der Familie
Dom Höbe erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(9. Fortsetzung.)
8.
Einen Augenblick lang trat Stillschweigen em, während die beiden Alten fortwährend verstohlen nach dem jungen Mann hinüberblickten, welcher da saß und in eine tiefe Träumerei verfunken zu sein schien. Er schien übrigens auf die beiden Alten kaum zu achten und noch weniger, wie sonst alle Welt, sich vor ihnen zu fürchten, in Wirklichkeit lag auch, wenigstens, wenn man den Ausdruck ihrer GesichtSzüge genauer beobachtete, immerhin ein gewisses, wenn auch nicht deut- lich ausgeprägtes Wohlwollen in ihren Blicken.
„Mein Herr", unterbrach jetzt plötzlich Veronika das Schweigen, „Sie wohnen, wenn ich nicht irre, auf dem Schlosse Grsonlx?"
„Freilich, bei dem Baron de Greonlx, meinem Großvater ..." ,
„Er lebt also noch", murmelte Susanns vor sich hin. „Ich glaubte, er sei längst tobt."
„Sie kennen ihn also?" frug der lange Mann etwas verwundert. ,
„Ja, ich kenne ihn, das heißt, ich habe ,hn vor fünfzig Jahren zum letzten Male gefehen", antwortete
auf die
,Fuldaer Zeitung'
für das am 1. April beginnende
2. Guartal 1892
wolle man nicht bis auf die letzten Tage des laufenden Monais verschieben, fondern möglichst bald dem nächsten Postamte zustelle«, damit uns dieselben rechtzeitig übermittelt werden können und prompte Zusendung ermöglicht wird.
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gelegt werden und gerade von hier aus gepflegt und gesördert werden. Gerade hier aber wird leider Gottes so viel gefehlt. Wie viele Eltern gibt es z. B, welche das Gebet nicht für nothwendig halten? Man betet vielleicht noch vor und nach dem Tisch, wo Alles bei einander ist, aber von einer gemeinschaftlichen Andacht, Morgens und Abends, ist keine Rede mehr. Jedes tm Hause steht auf und geht zu Bett; ob es gebetet, darnach fragt Vater und Mutter nicht, vielleicht mit Ausnahme der Kleinen. Steht man auf, so muß man gleich an die Arbeit, ins Geschäft; zum gerne,nschaft- ,chen Gebete und wenn es nur einige Minuten dauern würde, hat man keine Zeit mehr. Und doch hat die Pflege des gemeinschaftlichen Hausgebetes nicht blos eine religiöse, sondern auch eine hohe soziale Bedeutung. Sehr schön sagt in dieser Beziehung der bekannte Sozialpolitiker Professor Riehl: „Wenn der Familienvater, auch der vornehme und reiche, nicht mit dem Kaffeetische das Tagewerk einleitet, sondern mit Gebet, zu welchem sich Weib und Kinder und Gesinde — das ganze HauS — um ihn versammeln müssen, dann meint man wohl, das sei Zopf und Muckerei. Em solcher gemeinsamer Antritt des Tagewerkes ist aber em Wahrzeichen des Zusammenhaltens und Zusammen- hängens des Hauses. Darum ist er, auch abgesehen von seiner sittlich-religiösen Bedeutung, im sozialen Betracht Gold der werth ... Wahrlich, der Hausvater sollte den letzten Rest, der ihm von der hauspriesterlichen Würde seines Urahnen verblieben, nämlich das Amt, dem „ganzen Hanse" vorzubeten, nicht so leichtsinnig wegwerfen. Es steckt mehr Ehre, Rang und Herrscherrecht darin für einen stolzen Geist, als in einer ganzen Kollektion von Titeln und Orden. Gar viele arme Schächer von Familienvätern sehen das recht gut ein, fürchten aber doch, der „feingebildete Nachbar" möchte sie auslachen. Sie schämen sich nicht, wenig und nichts zu sein in ihrem Hause, aber viel zu fein, Priester und Herr des Hauses zu sein, schämen sie sich." — Das ist gewiß sehr zutreffend und wahr.
Das Elternhaus ist die wahre Pflanzstätte jener Angewöhnungen, die uns bis zum Grabe begleiten; nicht nur der guten, sondern leider auch der bösen. Vom Elternhause gilt vor Allem das Sprüchwort: Jung gewöhnt, alt gethan. Die Angewöhnungen des elterlichen Hauses werden recht eigentlich die zweite Natur der Kinder und in bett Kindern lebt das Elternhaus fort. Darum müsfen die Eltern in ihrem Hause den Geist der Ehrfurcht vor allem Heiligen, Würdigen und Edlen Pflegen, den Geist der Liebe, der Treue, der Güte, den Geist der Wahrhaftigkeit, Mäßigkeit, Ordnung und Zucht. Dann, aber auch nur dann, wenn diefer Geist von den Eltern gehegt und gepflegt wird, wenn er im Haufe webt und lebt, wird er bei dem Kinde den starken Einfluß üben auf Bildung des Herzens und Willens.
Gewiß ist eine gute Erziehung der Kinder nicht leicht. Sie erfordert Seitens der Eltern Ausdauer und Achtfamkeit, Selbstzucht und Selbstbeherrschung und vor Allem gewissenhafte Pflichterfüllung. Dafür haftet aber auch an dem Wirken gottesfürchtiger Eltern sie kühl. „Es war ein schöner Mann ! Und sein Sohn, der Chevalier, wie man ihn allgemein nannte?"
„Mein Vater also?" . r,
„Es war ein hübsches, blondes Kind, tote seine Mutter, welches oft der Obhut des Herrn Abbs Joli- vet, seines Erziehers, entrann, um sich mit den Bauernkindern im Dorfe umherzutreiben."
„Er ist leider bereits feit etwa 23 Jahren tobt, ich habe ihn kaum gekannt. Auch meine Mutter ist tobt, unb so bin ich benn eine Waise unter ber Obhut meines Großvaters."
„Sie sinb also ber einzige Erbe des Namens unb auch bes Vermögens ber Herren von Gröonix?"
„AllerbingS, ich bin, wie auch mein Vater, ber einzige Sohn gewesen," antwortete der Edelmann etwas schmerzlich bewegt; ich habe aber keine anberen nahen Verwanbten als meinen Großvater."
„Dann muß er wohl in Sie vernarrt sein, wie man sagt unb jebe Ihrer Launen erfüllen?"
„Ich will'S nicht leugnen; ich habe bisher als ein großer Herr leben können. Herr Grsonlx verläßt sein Schloß niemals, aber er empfängt häufig bie aveligen Familien aus ber Umgegenb. Im vorigen Jahre bin ich auf seine Veranlassung nach Paris gegangen an Mitteln hat's mir nicht gemangelt, um auf großem Fuße leben zu können. Der Herzog be R . . ., welcher
ein reicher Segen unb zahllose Kinber sinb burch^ihn auch unter ben allerschtoierigsten Verhältnissen vor bem chlimmen Einflüsse einer gottentfrembenben Umgebung ikwahrt worben; sie verbanken ber treuen Sorge, ber rommen Zucht bes Elternhauses, baß sie geworben unb geblieben sinb: gläubigfromme Christen, ehrenfeste Bürger.
Deutsches Keich.
Berlin, 17. März.
♦ Heute Vormittag 11 Uhr fand im König!. Schloß unter bem Voisitz des Kaisers ein Kronrath statt, welchem sämmtliche Minister beiwohnten.
* In ber Bolksschulkomwisfion bes Abgeordneten- hauseS würbe heute bie Berathung ber §§ 65—67 ber Vorlage, welche von ber Stadischulbehörbe hanbeln, fortgesetzt. — Mit Rücksicht auf bie Wichtigkeit ber Verhandlung wurde auf Antrag mehrerer Mitglieder die weitere Berathung bis zur Anwesenheit des augenblicklich dienstlich verhinderten Kultusministers, Grafen v. Zedlitz, vertagt. .
* Der Bundesraths-Ausschuß genehmigte das Wem- gksctz, welches sofort dem Plenum des Bundesrathes zugeht.
* Die Anmeldungen für die deutsche Abteilung auf der Weltausstellung in Chicago laufen noch immer in reichlichem Maße ein. Die im gegenwärtigen Augenblick bereits ziemlich geförderten Raumvertheilungs- arbeiten lassen erkennen, daß der Deutschland znertheilte Raum, namentlich derjenige in ber Jndustriehalle, durch die bereits vorliegenden Anmeldungen reichlich in Anspruch genommen ist. Aus eine Berücksichtigung der nunmehr noch eingehenden Anmeldungen, welche immerhin auf Kosten der bisherigen Anmelder erfolgen würde, kann daher nur noch insofern gerechnet werden, als die angemeldeten Gegenstände von besonders hervorragender Bedeutung und dennoch zur Ergänzung des Gesammtbildes der deutschen Abtheilung werthvoll und unentbehrlicher sind.
* In der 34. Sitzung vom 16. Marz, Abends 7i/g Uhr, setzte das Abgeordnetenhaus die Berathung des Kultusetats fort. Beim Extraordinarimn beantragt die Kommission die Forderung für den Dombau in Gestalt „eines einmaligen Zuschusses von 10 Millionen" zu bewilligen und außerdem durch Resolution zu erklären: 1) daß die Bewilligung geschehe in der Erwartung des Unterbleibens von weiteren Forderungen für diesen Zweck an den Staat und 2) von der Erklärung der Regierung Kenntniß zu nehmen, daß der Ban von einer der kgl. Hausverwaltung untergeordneten Stelle als Bauherr übernommen werde. Abg. Richter (dfr.) wendet sich gegen die Bewilligung unter Hinweis, daß selbst für den Kölner Dom die Hauptsumme auf privatem Wege zusammengebracht worden sei und der neue Dombau doch nichts zur Abhilfe der Berliner Kirchennoth thue. Redner weist ferner darauf hin, daß die bedenkliche Finanzlage des Staats eine solche Bewilligung verbiete und erinnert daran, daß das Haus für ein früheres größeres Projekt nur habe mit uns durch Heirath verwandt ist, ist Mitglied ber Kammer. Er hat mich in Versailles vorgestellt unb so habe ich benn zwei Monate lang Hofluft geathmet, wie man sagt. Ich bin erst seit bem Weihnachtsfeste zurück und habe nur acht Tage auf dem Schlosse Grsonlx zugebracht.
Ah," meinte Veronika, „diese Reise hat Sie die Freiheit kennen gelehrt, und jetzt, wo Sie wieder zurück sind, behagt's Ihnen nicht, das Joch wieder zu tragen?"
„Ich will's nicht in Abrede stellen," antwortete er etwas stolz unb zugleich ebenso niedergeschlagen. „Ich mag im Unrecht sein — aber dieses Leben war mir geradezu unerträglich. Mein Großvater hat mir von Plänen gesprochen, welche mir vollständig gegen ben Strich sind — ich habe von ihm einen festen, vielleicht hartnäckig zu. nennenden Charakter geerbt, ich habe also widerstanden. Da hat er mich ein ungehorsames Kind gescholten und mich mit Vorwürfen und Drohungen überschüttet, und um allen weiteren möglichen Scenen aus dem Wege zu gehen, bin ich einfach hierher gekommen ..."
„Ohne Geld?" fiel Veronika ihm in's Wort.
„Ich befaß etwa 50 Louisdors, welche eben hin- reich'ten, um wie ein ehrsamer Spießbürger, ohne Wagen und Dienerschast zu halten, leben zu können. Uebrigens