V 63 Donnerstag, den 17. März 1892.
19. Jahrgang
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Deutsches Keich.
Berlin, 15. März.
* Wie tief und unvergänglich die Liebe und Verehrung ist, welche das katholische Volk seinem in Gott ruhenden Führer Windthorst zollt, hat sich gestern am Sterbetage wieder in rührender Weise gezeigt. In allen katholischen Kirchen und Kapellen wurde aus Veranlassung der katholischen Vereine der Hauptstadt das hl. Opfer für die Seelenruhe des Verblichenen dargebracht, welchem die Gläubigen überaus zahlreich beiwohnten. Besonders eifrig beseitigten sich neben den Mitgliedern der Centrumsfraktion Herren und Damen aller Stände an dem um 10 Uhr in St. Hedwig abgehaltenen feierlichen Requiem, das auf Wunsch der Centrumsfraktion des Reichstags und Abgeordnetenhauses stattfand. Der am Abend in der Brauerei Friedrichshain stattgefundenen Gedächtnißfeier wohnten über 2000 Berliner Katholiken bei, zumeist Mitglieder katholischer Vereine, außerdem viele Geistlichen. Die Abgg. Wenzel und Bachem feierten die Verdienste Windthorst's unter wiederholtem, stürmischem Beifall. Schließlich wurde die Leo-Hymne gesungen. Die Feier dauerte von 8 bis 11 Uhr.
* In Betreff der innerpolitischen Lage fchreibt die ,Köln. Vztg.': Unsere Auffassung, daß das Schicksal der Volksschulge setz-Vor läge Angesichts der Haltung der Liberalen über Sein oder Nichtsein des „neuen Kurses" entscheide, wird von der ,Kreuzzeitung' getheilt. Unter Hinweis auf die bekannten Auslaffungen der ,Nordd. Allg. Ztg.' schreibt das Hauptorgan der konservativen Partei: „Nicht um, wenn auch an sich berechtigte Ausstellungen an einzelnen Paragraphen handelt es sich jetzt in erster Linie, sondern um die Frage des Zustandekommens des Gesetzes -überhaupt. Ber der hochpolitifchen Znipitzung/ welche durch die Schuld der Liberalen diese Frage aber jetzt erfahren hat, ist es in der That unmöglich für die Mehrheitsparteien, die Verantwortung für ein Scheitern des Gesetzes auf sich zu nehmen." In ihrer Wochen- Uebersicht sagt die ,Kreuzzeitung' im Hinblick auf den ersten zweideutigen Artikel der ,Nordd. Allg. Ztg.' u. A.: „Die Wirkung des „Zwischenfalles", mag er nun bedeuten, was er wolle, laßt klar erkennen, daß mit Vermittelungs-Verfucheu irgend welcher Art, weder vom Standpunkt der Regierung, noch von dem der Mehrheitsparteien oder einzelner Vertreter derselben etwas anderes erreicht werden kann, als eine auch nur vorübergehende Ermuthigung der Gegner, die sich mit nebensächlichen Zugeständnissen niemals zusrieden geben, sondern immer auf das „Ganze gehen" werden. Solche Zugeständnisse im Einzelnen hätten deshalb nur unter der Voraussetzung einen Zweck, wenn sie in den Reihen der Minderheit eine Spaltung hervorzubringen vermöchten. Gefährlich aber bleibt das „Experiment" auch im besten Falle, weil es leicht dazu führen kann, daß man das große Ziel über dem Vergleichsweife kleinen Zwecke aus dem Auge verliert. Das aber darf nimmermehr geschehen, darf um so weniger bei uns geschehen, je schärfer sich auf der Gegenseite die Ueber- zeugung zuspitzt, daß der Kampf dies Mal und bei
dieser Gelegenheit ausgefochten werden müsse usque ad finem. Die ,Köln. Ztg.' erkennt das ausdrücklich an, indem sie unserm Satze zustimmt, daß das Volksschulgesetz als nothwendiges Glied in einer „Kette großer Gesichtspunkte" aufzufassen sei, d. h., daß es sich hier um ein Ringen grundlegender Anschauungen und Ideen handele, von denen kein Theil etwas Wesentliches aufgeben könne, ohne mit dem Rest unter die zermalmenden Räder der Geschichte zu gerathen. Ob dem Einen oder Andern diese oder jene Besonderheit nicht gefällt, davon darf bei dem Kampfe zweier Welten nicht geredet werden."
* Dem Abgeordnetenhause ist ein Gesetzentwurf zugegangen, welcher bestimmt, daß die Wiederaufhebung der über das Vermögen des Königs Georg von Hannover verhängten Befchlagnahme königlicher Verordnung Vorbehalten bleibt. In der Begründung heißt es: Die gegenwärtigen Verhältuiffe lassen es nunmehr als zulässig und angezeigt erscheinen, die Wiederaufhebung der Befchlagnahme eintreten zu lassen. Die Zustände der Provinz Hannover sind gegenwärtig so beruhigt und befestigt, daß es besonderer Mittel zur Abwehr etwaiger gegen die Zusammengehörigkeit der Provinz mit dem preußischen Staate gerichteter Agitationen nicht mehr bedürfen wird. Die Begründung nimmt dann Bezug auf das bereits mitgetheilte Schreiben des Herzogs von Cumberland mit der Zusicherung, daß die dem Herzoge zufließenden oder sonst zustehenden Mittel nicht zu feindseligen Unternehmungen gegen den Kaiser oder den preußischen Staat verwendet werden sollen.
* Dem preußischen Abgeordnetenhause ist ein Gesetzentwurf zur Ergänzung der Gesetze, betreffend das Ruhegehalt der emvrttirten Geistlichen und betreffend die Fürsorge für die Wittwen und Waisen der Geist- licfcen der ELandMn cde in den MüwMrey Provinzen der Monarchie, sowie ein Gesetzentwurf, betreffend tue Sterbe- und Gnadenzeit bei Pfarrstellen, sowie die kirchliche Aufsicht über die Vermögensverwaltung der Kirchengemeinden innerhalb der evangel. Landeskirche der älteren Provinzen der Monarchie zugegangen.
* In der Sitzung der Petilionskommisfion des Abgeordnetenhauses kamen verschiedene Petitionen katholischer Geistlichen aus der Rheinprovinz zur Verhandlung. In einem Theil dieser Petitionen handelt eS sich um den Vorsitz der Pfarrer in den linksrheinischen Kirchengemeinden im Kirchenvorstande, eine Frage, die auch im Plenum des Abgeordnetenhauses schon wiederholt zur Sprache gebracht worden ist. Nachdem der Vertreter der Regierung erklärt hatte, daß noch in dieser Session dem Abgeordnetenhause ein Gesetzentwurf zugehen werde, welcher auch den Pfarrern am linken Rheinufer den Vorsitz im Kirchenvorstande gewährt, ging die Kommission über diese Petition zur Tagesordnung über. Eine zweite Forderung der Petenten bezog sich aus die Abänderung des Kirchenvermögens - Verwaltungsgesetzes vom Jahre 1875 und zwar dahin, daß die Vermögensverwaltung ausschließlich dem Kirchenvorstande überantwortet und das Institut der Kirchen- Gemeindevertretung wieder beseitigt ober in
seinen Funktionen eingeschränkt werde. Auch diese Petition wurde durch liebergang zur Tagesordnung erledigt. Schließlich kamen noch die Petitionen wegen Berechnung des Dienstalters der katholischen Pfarrer bezw. Geistlichen (bei Bemessung von Staatszuschüssen in den Fällen eines unzureichenden Stelleneinkommens) zur Verhandlung. Diese Petitionen wurden der Budget - Kommission zur weiteren Berathung überwiesen.
* Die Reichstagskommission zur Vorberath- ung des Gesetzentwurfs über den Belagerungszustand in Elsaß-Lothringen hielt heute ihre 1. Sitzung ab. Regierungsseitig wurde dargelegt, daß die Einbringung der Vorlage keineswegs durch ein Mißtrauen gegen die reichsländische Bevölkerung veranlaßt sei, daß vielmehr lediglich Gründe militärischer Art maßgebend seien. Es entwickelte sich eine ausgedehnte Generaldebatte, welche morgen fortgesetzt wird.
* In der 32. Plenar-Srtzung vorn 15. März setzte das Abgeordnetenhaus die Berathung des Kultus-Etats fort. Beim Titel „Geodätisches Institut" ist ein Antrag Kanitz (kons.) gestellt auf Beschaffung einesRe- srakwrs im Werthe von 785,000 Mk., als den Zeit- Bedürfnissen entsprechend. Der Antrag wird angenommen, die geforderte Summe in den Etat 1893/94 ein- gestellr. Die Einrichtung einer biologischen Anstalt wird vom Abg. Hermes (dfr.) mit Befriedigung begrüßt. Minister Zedlitz betont, daß diese Anstalt nicht allein der Wissenschaft, sondern auch der Hochsee-Fischerei dienen und ein Beweis des Wohlwollens Seitens des Staates an Helgoland sein solle. Beim Titel „Erhaltung von Denkmälern und Alterthümern" führt Minister Miquel aus, daß die Frage, welche derselben zu erhalten seien, nicht im einseitig bureaukratischen Sinne gelöst werde, während Abg. Richter (dfr.) wünscht, daß. die Eroaltiwq historischer Schlösser nicht zum Vorwand, furftticgen Personen Ab steige-Quartierezu beschaffen, genommen werde. Beim Titel „Technisches Unterrichtswesen" beantragt die Kommission Streichung von „Antheil der Dozenten an den Kollegien-Geldern 65,000 Mk." Die Position wird regierungsseitig mit dem Hinweis aus das Ausland und den moralischen Werth für die Dozenten vertheidigt und schließlich unter Ablehnung des Kommissions - Antrags mit 126 gegen 111 Stimmen angenommen. Em Vorwurf, die reifere technische Hochschule nicht gehörig zu berücksichtigen, wird regierungsseitig zurückgewiesen. Beim Titel „Zur Verbesserung der äußeren Lage der Geistlichen" hat Abg. v. Strombeck (Centr.) 2 Anträge auf Gehaltsbesserung der katholischen Geistlichen gestellt, die jedoch, nur vom Centrum vertreten, nach längerer Debatte abgelehnt werden. Morgen Fortsetzung. Schluß 4*/8 Uhr.
* Der Reichstag setzte die 3. Berathung der Novelle zum Krankenversicherungsgesetz fort und trat in die Einzelberathung ein. Zu H 1 entwickelte sich eine längere Debatte über die Heranziehung der Handlungs- Gehülfen und Lehrlinge zur Versicherungspflicht. Auf Antrag der Abg. Dr. Buhl und Gutfleifch wurde be- fchloffen, daß Handlungsgehülfen und Lehrlinge nur versicherungspflichtig fein sollen, sofern durch Vertrag
Dom Fode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(7. Fortsetzung.)
In diesem Augenblicke öffnete er langsam die Augen und sagte tief Achem holend:
„Nein, ich schlafe nicht, ich ruhe nur. Mein Kopf ist fo schwach — ich erinnere mich an gar Nichts mehr. Ich glaube, daß ich schwer krank gewesen bin und daß es mir sehr kalt gewesen ist ..."
„Sprechen Sie nicht zu viel, lieber Herr, dies ermüdet Sie allzusehr", fiel im Susauna ins Wort. „Morgen können Sie mehr plaudern, für jetzt suchen Sie zu schlafen oder, wenn Sie nicht schlafen können, denken Sie an das große Glück, welches Ihnen zutheil geworden ist . . . Die Ruhe des Geistes wird auf Ihr körperliches Befinden nur wohlthuend wirken."
„Wenn ich erst genesen soll, wenn mir irgend ein Glück zutheil wird, dann werde ich sehr bald sterben," murmelte der junge Mann mit einem noch tieferen Seufzer.
Müde und matt schloß er die Augen und sank, während sich seine Brust regelmäßig hob und senkte, allmählich in Schlaf. Sanft drückte ihn Susauna wieder auf das Kiffen nieder und fetzte sich bann neben ihn.
Das junge Mäbchen trat etwas beifeite. Was sie empfanb war ebensosehr eine geistige Ueberreijung als körperliche Ermattung, so baß alle ihre Gefühle etwas Traumartiges hatten. Sie befanb sich gleichsam in einer Art melancholischer Verzückung. Mit halbge- schlossenen Augen unb das Haupt leicht nach vorne gebeugt, saß sie da und rührte sich nicht, so daß Susauna glaubte, sie schlafe ebenfalls. So floß die ganze Nacht dahin.
Gegen Morgen schoben sich zwei neugierige und erschrockene Frauengestalten durch die Thürspalte. Die eine derselben, die Mithin zum „silbernen Hahn", rief, als sie das Todtenlager leer und den vermeintlichen Tobten vor dem Kamin gebettet fah, aus:
„Was ist denn eigentlich vorgefallen? Soll er wirklich garnicht gestorben fein?"
„Nein, er lebt ebenso leibhaftig wie Sie und ich", antwortete die Frau. „Gehen Sie und kaffen Sie eine Danksagungsmesse anstatt einer Todtenmeffe für ihn halten."
Die Wirthin bekreuzte sich und rief dann mit zum Himmel erhobenen Händen ihre Leute herbei.
„Ja, ja," hob Susauna mit kalter und spöttischer Gebärde wieder an, lassen Sie ihre Mägde nur kommen, welche davongeflohen sind, als man sie zu Hilfe rief.
Sie mögen kommen und sehen, ob das Gespenst mir wirklich den Hals umgedreht hat. Lassen Sie sie nur kommen!"
Bei diesem Geräusche erwachte der Kranke. Die Stunden der Ruhe und etwas Nahrung, welche er genossen, hatten ihm neue Kraft verliehen. Er erhob sich selbst und sagte lebhaft:
„Ah, wie neugestärkt fühle ich mich jetzt! Welch' eine Unordnung herrscht hier eigentlich, weshalb befinde ich mich nicht in meinem Bette?"
Dann fügte er, Gabriele gewahrend, lächelnd hinzu:
„Ah, Sie waren auch biefe Nacht hier unb haben sich meiner fo theilnahmsvoll angenommen. Ich hab's wohl gesehen, aber ich war zu schwach, um ein Wort sprechen zu können. Wer sind Sie denn eigentlich?"
„Sie ist Ihre Krankenwärterin, wie ich," antwortete Susauna kurz. „Nimm Deinen Mantel, schlag' Deine Kapuze über und kehre heim," setzte sie bann zu Gabriele gewendet hinzu. „Du magst meiner Schwester sagen, daß sie hierher kommt und kannst dann selbst bis heute Abend der Ruhe pflegen."
Gabriele erhob sich und gehorchte etwas zögernd. Während sie am Bette vorbeiging, hob sie den Jm- mortellenkranz auf, welchen Susauna in dem Augenblicke, wo der Todte sich wiedererhoben hatte, wegge-