V 60 Sonntag, den 13. März 1892. 19. Jahrgang
iildlier
.MH
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum In Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen und der alle 14 Tage erscheinenden GratkSbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
3MT Zweites Blatt.
A Mittel-Europäische Zeit.
Berlin, 10. März.
M. E. Z. — Diesen geheimnißvollen Zeichen wird man vom 1. April ab häufiger begegnen. Es steckt keine Schurzfell-Heimlichkeit oder sonst etwas Behm- artiges dahinter, sondern nur ein Stückchen neuer Zeitrechnungs-Konfusion. „Mittel-Europäische Zeit" sollen die Buchstaben bedeuten, und diese „Zeit" wird vom 1. April ab für das Eisenbahn- und Postwesen in Süddeuschland und für den Telegraphen-Verkehr in Norddeutschland in Kraft treten. Im norddeutschen Eisenbahnbetrieb wird die neue Zeit nicht, wie in Süddeutschland, auch für den äußeren Dienst gelten, so daß die Reisenden auf den preußischen Staatsbahnen sich um die Neuerung nicht viel zu kümmern brauchen. Ich habe freilich auf Vorortsstationen bei Berlin schon Nachtrags-Fahrpläne gefunden, die in mitteleuropäischer Zeit abgefaßt waren und dadurch die Leute in Verwirrung stürzten. Denn die Fußbemerkung, daß die Angaben auf dieser neuen Zeitrechnung beruhten, lesen nicht Alle und verstehen nur Wenige. Jedenfalls lagen nur Versehen der Kanzleien vor, die sich an die Uebersetzung aus dem Mitteleuropäischen in's Berlinische noch nicht gewöhnt hatten. Aber möge man nicht anderswo auch solche Schnitzer machen, sondern vorsichtig den Unterschied zwischen der Einheitszeit des inneren und den Ortszeiten des äußeren Dienstes sich stets vor Augen halten. Sonst muß das weniger gebildete Publikum die Zeche der Zeitkünsteleien tragen.
Also vorläufig soll die mitteleuropäische Zeit an die Stelle der Berliner, Münchener, Stuttgarter, Karlsruher, Ludwigshafener und Straßburger „Einheitszeiten" treten, soweit diese in den betreffenden Ländern bisher gegolten haben. Für Norddeutschland beschränkt sich die Verschiebung auf 6 Minuten, während sie für Süddeutschland sehr beträchtlich ist, z. B. für Baden 26 Minuten. Die neue Zeit richtet sich nach dem Meridian (Mittagslinie) von Stargard, der 6 Minuten östlich von Berlin liegt. Also geht die mitteleuropäische Uhr 6 Minuten vor der Berliner. Natürlich ist der betreffende Meridian nicht etwa zu Ehren der harmlosen Stadt Stargard von Mittel-Europa auserkoren worden, sondern deshalb, weil er gerade 15 Grad — 1 Stunde östlich von dem „ersten" Meridian von Greenwich (London) liegt. Infolgedessen werden die mitteleuropäischen Uhren, um eine volle Stunde vor den Londoner Uhren gehen, also in den Minuten übereinstimmen. Man denkt nun derartige Stundenzonen weiter rings um die Erde zu bilden, so daß schließlich auf der ganzen Welt die Minutenzeiger überall gleich stehen und nur die Stundenzeiger Unterschied aufweisen würden. Das hat große Vortheile; einer der wichtigste ist der, daß die Führer der Eisenbahnzüge soweit dieselben uns von Osten nach Westen oder umgekehrt und von einem Lande in das andere
Dom Jode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(5. Fortsetzung.)
Das junge Mädchen lehnte wider die Fensterbrüstung und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, am ganzen Leibe von unüberwindlichem Schrecken geschüttelt. Wäre sie noch ein Kind gewesen, so hätte man sich diese ihre Angst wohl erklären können, indeß war es keineswegs die Furcht, etwa plötzlich eine Erscheinung aus der anderen Welt vor sich stehen zu sehen, als vielmehr jenes unwillkürliche Widerstreben, welches ein lebendes Wesen angesichts des TodeS empfindet.
Vergeblich suchte sie mit Vernunft-Gründen gegen diesen Schrecken anzukämpfen, aber obgleich sie sehr wohl wußte, daß sie gar keine Gefahr zu fürchten habe, so befand sie sich dennoch in einer solch' schrecklichen Angst, als wenn es sich um ihr eigenes jugendliches Leben gehandelt hätte.
Am ganzen Leibe zitternd horchte sie auf die Tritte ihrer beiden Gefährtinnen, welche in dem anstoßenden Zimmer kamen und gingen.
Der Tag senkte sich inzwischen immer mehr zur Neige, was ihre Furcht nur noch mehr, gleichsam in's Unbestimmte und Unbegrenzte, vergrößerte. Mehr als einmal war sie im Begriffe, zu entfliehen und wenigstens für die Nacht im Kloster eine Zufluchtsstätte zu
fahren mögen, uns kein Kopfrechen-Exempel wegen der Zeit anzustellen brauchen; denn in der Praxis kommt es bei diesen Leuten nur auf die Minuten an, die Stundenzahl ist so gut wie selbstverständlich, da eine Verspätung um eine ganze Stunde schon eine arge Ausnahme ist, die Alles in Aufruhr setzt. *®er Lokomotivführer, der jetzt über die belgische Grenze fährt, muß einige Minuten abziehen oder zurechnen zu dem Stande seiner Uhr. Künftig, wenn auch Belgien die neue Zeit (Londoner statt Brüsseler) Uhr eingeführt hat, fagt der Aachener Zugführer: „Ich muß um 21 Minuten in Verviers eintreffen", und die Beamten in Verviers sagen ebenfalls: „Um 21 Minuten kommt der Aachener Zug." Der Erstere meint 10 Uhr 21 Minuten, der Letztere 9 Uhr 21 Minuten; aber die Stundenziffer ist ihnen Wurst, die Einigkeit in den Minutenziffern genügt ihnen.
Dem Reisenden freilich, der in Aachen auf einer richtig gehenden Uhr in den Zug gestiegen, nützt bei Ueberfchreitung der belgischen Grenze die Neuerung vorläufig nichts. Er mußte bisher 7 Minuten abziehen und würde künftig 25 Minuten abzuziehen haben, wobei stets Irrungen und Schäden eintreten werden.
Nun heißt es in einigen Blättern, dem Reichstage solle noch ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, der die mitteleuropäische Zeit auch für das bürgerliche Leben einführen werde. So schnell geht das aber doch nicht. Die volle Zeiteinheit ist nach meiner Ansicht nothwendig und wird kommen; aber sie hat noch viele und starke Gegner, und ihr bester Vorkämpfer, der alte Moltke, ist gestorben. Allem Anschein nach muß erst die Konfusion noch größer werden, ehe man zu der künftigen Vereinheitlichung schreitet. Und zur Ver- größerung der Verwirrung auf den Uhren und in den Köpfen wird es gewiß beitragen, wenn jetzt die Stargarder Zeit stückweise eingeführt wird.
Für die Norddeutschen, die vorläufig am gnädigsten fortkommen (aber das dicke Ende wird nachfolgen!), kommt eS besonders darauf an, daß sie auf den Telegrammen die Zeit richtig verstehen. In eiligen Angelegenheiten liegt oft viel daran, daß man genau weiß, zu welchem Zeitpunkte ein Telegramm abgesandt ist. Bei der Umrechnung ist nur zu beachten, daß bis zum 1. April die Zeitangabe in Berliner Zeit, von da ab in mitteleuropäische Zeit erfolgt. Also wer z. B. früher 20 Minuten abziehen mußte, um die Telegraphenzeit in Ortszeit zu verwandeln, der muß künftig 26 Minuten abziehen, und wer früher 20 Minuten zuzählen mußte, zählt fortan nur 14 Minuten zu.
Immerhin thun alle Leser, die in der Grad- und Zeitrechnung noch nicht ganz klar sind, gut daran, wenn sie sich einen Atlas zur Hand nehmen und sich ein Bild von dem Lauf der Sonne und des Mittags, sowie von den Stunden - Zonen zu verschaffen suchen; deshalb haben wir auch die Sache hier abermals zur Sprache gebracht. Denn diese Frage, die „Zeusrage" im eigentlichen Sinne, wird fortan noch viel mehr als früher zur Sprache kommen, bis es in Deutschland suchen, dann aber erinnerte sie sich wieder alles dessen, was sie den beiden Frauen zu verdanken hatte und sagte sich mit Recht weiter, daß ein solches Unternehmen weiter nichts als ein thörichtes Beginnen sei.
Eine volle Stunde bangen Harrens und unsäglicher Angst war so verflossen, als endlich Veronika einen Flügel der Thür des Nebengemaches öffnete und zu Gabriele sagte:
„Es ist jetzt Alles in Ordnung, schlage Dein Gebetbuch auf, da wo die Todtengebete stehen, und komme herein."
5.
Wie aus einem Traume erwachte Gabriele, als sie diese Worte vernahm. Fast mechanisch öffnete sie ihr Gebetbuch und suchte die Stelle zu finden, welche Veronika ihr angegeben hatte, aber die Buchstaben tanzten ihr wild vor ihren umflorten Augen umher, und ihre zitternden Hände vermochten die Blätter nicht umzuwenden.
„Nun komm!" mahnte Veronika, indem sie sie sanft vorwärts schob.
Willenlos gehorchte Gabriele, aber anfangs sah sie nichts, eine Wolke lag vor ihren Augen, schmerzlich summte es ihr in den Ohren und sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe.
„Geh, Du brauchst gar keine Furcht zu haben!" bemerkte Susanna etwas unwillig. „Es ist wirklich
heißt: Viele Taschen und gleiche Uhren, viele Thürme und gleichen Schlag.
Es gibt ja viele Leute, die auf Berlin schlecht zu sprechen sind. Dann wird hoffentlich die Zeiteinheit angenehmer in Folge der Entthronung der Berliner Zeit. Berlin ist durch Stargard verdrängt worden; die Berliner Zeit hat jetzt nicht mehr Recht, als die Buxtehudener Zeit. Die Reichshauptstädter werden ihre Uhren gerade so gut umstellen müssen, als die Bürger von Beckum und von Tirschtiegel. Wenn die Spree- Athener etwas voraus haben wollen, so können sie das nur dadurch erreichen, daß sie vorangehen auf dem Wege der Zeit-Reform, muthig wie Hannemann, der die großen Stiefel an hat. Berlin sollte seine Normal-Uhren auf mitteleuropäische Zeit stellen; dann würde die bisherige Einheit des inneren und des äußeren Eisenbahndienstes wiederhergestellt und zugleich ein gutes Beispiel gegeben sein.
Vermischtes.
* In Bischofsheim v. Rh. fand am 6, l. Mts. eine Wanderversammlung des landwirthschaftlichen Ber-, eins statt. Der Saal des Gasthauses zur „Post" vermochte die aus allen Ständen erschienenen Theilnehmer kaum zu fassen. Nach erfolgter Begrüßung und Eröffnung der Versammlung durch den Vorstand Hrn. k. Forstmeister Fuchs, beleuchtete zuerst Herr Distriktsrath Wethmüller von Oberelsbach die Mängel des Wiesenbaues im Bezirke und empfahl zur Abstellung der nachtheiligen Behandlung der Wiesen hauptsächlich die Bildung von Genossenschaften. Im Anschlüsse hieran erklärte Herr Forstmeister Fuchs das volle Einverständniß des Bezirkskomitees mit diesen Ausführungen und schilderte die landwirthschaftlichen Verhältnisse des Bezirks, welche je nach Gemeinden und Lage der Markungen außerordentlich verschieden seien und ein allgemeines Urtheil, wie solches schon öfters gefällt worden sei, nicht zuließen, eine Vermehrung der Weiden und Wiesen durch Kultivirung resp. Theilung der Koppelhuten sei noch nicht am Platze, sondern vorerst die Verbesserung der genügend vorhandenen, aber meist vernachlässigten Wiesen, wodurch in erster Linie der Viehzucht aufgeholfen werden könnte, die übrigens so gar schlecht nicht sei. Ein übertriebener Körnerbau sei nicht vorhanden und eine Verminderung vorläufig nicht stattstaft, dagegen müsse für bessere Behandlung des Düngers und der Dungstätten, Benützung der Jauche und vermehrte Anwendung künstlicher Düngemittel gewirkt und gesorgt werden. Das große ideale Ziel, welches der Herr KreiSthierarzt Zippelius vorgesteckt habe, wonach schließlich aller Ackerbau aufhören und nur Viehzucht getrieben werden solle, als das rentabelste für die Rhön, sodaß Bischofsheim ein zweites Si m ment h al werde, liege in weiter Ferne und sei vorläufig nur eine Verbesserung der bestehenden Verhältnisse anzustreben. Die Bestrebungen und Anregungen des landwirthschaftlichen Vereines fänden aber in der Bevölkerung lebhaftester Theilnahme gar kein Grund dazu vorhanden, denn er ist und bleibt doch nichts anderes als ein Todter, welcher niemandem etwas zu Leide thun kann! Thorheiten!"
Das junge Mädchen suchte so gut als sie es vermochte, ihre Fassung in etwa wieder zu gewinnen, sie ließ sich in einen Sessel nieder und blickte langsam im Zimmer umher.
Was sie jetzt wahrnahm, war in der That ein Schauspiel, welches schließlich eher zur Traurigkeit zu stimmen, als großen Schrecken einzuflößen geeignet war.
An den vier Ecken eines Bettes brannte je eine Kerze, die Vorhänge waren zurückgeschlagen , danebm stand ein Weihwasserkessel mit einem Zweig Buchsbaum, welcher zugleich als Weihwedel diente.
Mitten auf 'bcm Bette ruhte unbeweglich und bleich wie die Marmorgestalten auf den Gräbern eine Gestalt, welche bis zum Halse in ein Leichentuch eingewickelt war und in dm auf der Brust gekreuzten Händen ein Kreuz hielt, ein Kranz von Immortellen war um seine Stirne gewunden.
Allmählich machte der anfängliche Schrecken Gabrie- lens einer tiefen Traurigkeit Platz, und endlich konnte sie es über sich gewinnen, niederzuknieen und die Todtengebete zu beginnen.
Susanna trat jetzt auf sie zu und sagte mit großer Genugthuung: