-V 60 Sonntag, den 13. März 1892. 19. Jahrgang
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Erstes Blatt.
— Zum Todestage Windthorst s.
Am Montag ist ein Jahr verflossen seit dem Heimgänge unseres Windthorst. Wir brauchen wahrlich nicht unsere Leser aufzufordern, sich seiner zu erinnern, denn wir haben ihn nie vergessen und werden ihn nie vergessen. In den Zeitungen freilich steht sein Name nicht mehr tagtäglich gedruckt, wie früher, weil er nicht mehr mit der früheren Unermüdlichkeit Tag für Tag Neues wirken, sondern nur seine alten Thaten nachwirken lassen kann. Aber doch kehrt immerfort der Name Windthorst wieder von den Lippen und aus den Federn der Politiker; noch häufiger klingt er wieder im vertrauten Gedankenaustausch der Freunde und Verehrer; am häufigsten aber taucht sein Bild auf in den Gedanken der zahllosen Getreuen. Er hat ja nicht blos Bewunderung und Gehorsam, sondern auch Liebe, wahre Liebe ohne jeden Zusatz politischer Berechnung gefunden; er hat nicht blos die Geister sich erobert, sondern auch die Herzen.
Ein Jahr schon schaut er aus den Höhen des besseren Jenseits herab auf die große Familie seiner Hinterbliebenen, die in dem weiteren Sinne die ganzen Millionen der treuen Katholiken Deutschlands umfaßt. Denn wir hoffen mit Sicherheit, daß er bereits eingegangen ist in den Himmel und daß Gott dem Verklärten die Fähigkeit gegeben, die weitere Entwicklung seines Erdenwerkes zu beobachten.
Wenn das prüfende Auge des Meisters und Vaters niederschaut auf unser Streben und unsere Leistungen — wie wird dann sem Urtheil nach der einjährigen Probezeit lauten? Dürfen wir uns schmeicheln, daß er zufrieden sein wird? Man sollte es fast zu wägen; denn die Gegner schreien ja neüerdulgs wieder ganz besonders laut über den „unerhörten" Einfluß des Centrums. Also muß doch wohl kein Rückschlag eingetreten sein in der Entwicklung des Windthorst'- schen Lebenswerkes.
Elias hat den Mantel zurückgelassen. Der Geist Windthorst's lebt und wirkt fort in den Altgesellen, die mit unerschrockenem Pflichtgefühl die Arbeiten des Meisters ausgenommen haben; er beseelt auch nach wie vor die große Masse der Lehrlinge, Handlanger und Gehilfen, die rastlos und einträchtig weiter mitarbeiten an dem großen Bauwerk nach dem alten Plane. Zerfallen ist der Körper, der dem weisen und starken Geiste als Hülle und sinnfälliges Organ diente; aber weiter nichts. Die Quelle der K r a f t ist nicht versiegt.
Die Berathungen über das schlechte Schulgesetz vom vorigen Jahre haben zweifellos die Aufreibung der Körperkräfte des greisen Windthorst beschleunigt. Er fiel im Kampfe gegen diesen Gesetzentwurf und die Freunde desselben schienen damit ihrem Triumphe näher gekommen zu sein. Aber zum ersten Jahrestage des Todes sieht es ganz anders aus, als sich die Gegner es gedacht haben. Jetzt wird wieder über das Schulgesetz verhandelt und der jetzige Entwurf ist von einem ganz anderen Geiste getragen. Wenn er auch nicht vollkommen ist gemäß den Anforderungen, die wir an die Erziehungsanstalten unserer Kinder stellen müssen, so ist er doch weitaus besser, als der vorigjährige, und kann als Grundlage der Verständigung aller christlich gesinnten Elemente dienen. Mit welcher hoffnungs- frohen Arbeitslust würde Windthorst jetzt zu den Kommissionssitzungen eilen, wenn er noch in körperlicher Erscheinung unter uns weilte? Wie oft mag nicht in den letzten Monaten der Seufzer ertönt sein: Ach, wenn doch unser Windthorst das noch erlebt hätte!
Erlebt hat er es freilich, nur nicht in dem Sinne des irdischen Lebens. Mitwirken kann er auch noch, zwar nicht unmittelbar mit Zunge und Hand, aber durch den Einfluß seines Geistes und den von ihm geschaffenen Vorbedingungen des Erfolges.
Die alten Kulturkämpfer und Alles, was sonst der christlichen Weltordnung feind ist, grollen, toben und drohen, wie kaum je zuvor. Wir aber versammeln uns jetzt im Geist voll Ruhe und Zuversicht am Grabe Windthorst's und sagen: Der Herr, der dich uns gegeben hatte, hat dich heimgerufen, nicht um dein Werk zu verderben, sondern weil du genug gethan. Was wir unter dem ersten Eindruck der herben Trauerkunde zaghaft gehofft haben, wird uns durch den Verlauf der Dinge zum zuversichtlichen Bewußtsein: wir vermögen mit Gottes Hilfe das Werk fortzusetzen, das du so
glücklich und gut eingeleitet hast. Die Fahne, die aus deiner erstarrten Hand gefallen ist, weht hoch und kühn und vorwärts geht ihr und unser Lauf!
Mit Blumen wird die Gruft des Unvergeßlichen am Jahrestage seines Heimganges geschmückt sein. Wohlan, legt auch eine Chronik des verflossenen Jahres auf sein Grab und vor Allem den Entwurf des besseren Schulgesetzes; das sind lauter Ruhmeszeichen, die er nach seinem körperlichen Tode noch sich verdient hat.
Und bei der zweiten Wiederkehr des Todtenfestes — werden wir da abermals posthume Trophäen auf seinem Grabe prangen lassen können? Hoffen wir es und streben wir danach. Denn es ist an uns Allen, dem Geiste, den er uns hinterließ, die materiellen Werkzeuge zu seiner irdischen Bethätigung zu sein. Soll die Nachwelt sagen, daß die deutschen Katholiken ihrer großen Führer und Vorkämpfer nicht würdig gewesen und nach deren Heimgang in die frühere Schwäche und Knechtschaft zurückgesunken seien ? Wahrlich, wir müßten baar aller Dankbarkeit und allen Ehrgefühls sein, wenn nicht der Hinblick auf die Gruft in Hannover fort und fort uns beseelte mit Feuereifer für die gute Sache, in deren Diensten er und seine großen Mitarbeiter, Mallinckrodt, und Frankenstein den seligen Tod und die Uli- sterblichkeit gefunden haben.
Du aber, edler und wahrhaft geliebter Greis, genieße der wohlverdienten ewigen Ruhe an dem Bewußtsein, daß dein Werk in treuen und guten Händen ist und daß deine Söhne und Schüler sich mit Anspannung aller Kräfte bestreben, dem Vater und Meister Ehre zu machen und Jahr für Jahr neue Lorbeeren zu sammeln und auf dein Grab zu tragen.
Deutscher Keich.
Berlin, 11. März.
Der Kaiser ist soweit wiederhergestellt, daß er heute das Bett verlassen konnte, doch verblieb er schonungshalber noch im Zimmer. — Während der reichsländischen Kaisermanöver wird der Kaiser im nächsten September etwa 10—12 Tage in Lothringen weilen und auf Schloß Urville Quartier nehmen. — Aus Bukarest wird der ,Voss. Ztg.' gemeldet: Neuesten Nachrichten zufolge wurde der Gegenbesuch des deutschen Kaisers in Rumänien bis zu den längs der Befestigungs - Linie Galatz - Fokschani stattfindenden Herbstmanövern verschoben.
* Eine hiesige Korrespondenz will wissen, der Minister für Landwirthschaft, von Heyden, gedenke zurückzutreten; an seiner Stelle sei ein schlesischer Grundbesitzer in Aussicht genommen.
* Der Gesetzentwurf, betreffend die Bahnen unterster Ordnung (Tertiär-Bahnen) ist dem Herrenhause zugegangen. Die Vorlage ist sehr umfangreich.
* Der Lockruf der ,Hamburger Nachrichten" an die Konservativen, sich nicht vom Centrum umgarnen zu lassen, findet bei der .Kreuzzeitung' und dem .Reichsboten' kein Echo. „Die Konservativen sind", meint das erstgenannte Blatt, „in der Lage, im Abgeordnetenhause jederzeit mit Freikonservativen und Nationalliberalen eine Mehrheit gegen das Centrum zu bilden, während dieses in einer Verbindung mit dem Freisinn dazu nicht im Stande ist. Die .Hamburger Nachrichten' werden daher mit ihren düsteren Prophezeiungen bei den Konservativen wenig Eindruck machen; das umsoweniger, als diese die Thatsache noch zu frisch im Ge- dächtniß haben, daß sie auch 1887 die Revision der Maigesctze mit dem Centrum gegen die Stimmen der Mittelparteien beschlossen haben, ohne daß sie an ihrer parlamentarischen Selbstständigkeit^ dadurch auch nur die geringste Einbuße erlitten hätten, ebensowenig wie das bei den Nationalliberalen geschehen ist, nachdem sie im vorigen Jahre die Landgemeinde-Ordnung mit dem Centrum gegen die Konservativen durchgedrückt haben." Noch schärfer drückt sich der ,Reichsbote' aus. Er erklärt direkt, die konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses „müßte ja von allen guten Geistern verlassen sein, wenn sie das thäte. Sie würde sich selbst zu einem Appendix der Nationalliberalen degra- diren, würde die Autorität der Regierung schwächen, den Sturz des Reichskanzlers und des Kultusministers — also der konservativsten Minister — provoziren und die Regierung dazu nöthigen, sich an die liberalen Parteien zu wenden; — sie würde überdies der Sache des Christenthums und der christlichen Volksbildung eine Niederlage bereiten, welche von den unberechen
barsten Folgen für unser Volksleben und für den Staat sein würde."
* Für die Betheiligung des Reichs an der Weltausstellung in Chicago fordert der -bem Bundesrathe zugegangene Nachtragsetat angeblich ca. 2 Millionen.
* lieber die Verhandlungen mit dem Herzoge von Cumberland erklärt das ,Berl. Tagebl.' in der Lage zu sein, aus bester Quelle Folgendes mittheilen zu können. Die Verhandlungen wurden hier vom Bevollmächtigten des Herzogs und der Königl. Staatsregie- rung geführt. Es ist ein Abschluß derselben erfolgt, der beide Theile befriedigt und von dem man hofft, daß auch der Herzog damit einverstanden sein werde. Die Basis bildet die Aufhebung des Beschlagnahmegesetzes. Danach wird der Welfenfonds aber nicht an den Herzog ausgeliefert, derselbe bleibt vielmehr nach wie vor in der Verwaltung der preußischen Regierung. Dagegen werden die Zinsen des Fonds dem Herzog ausgeliefert. Ueber die Thronfolge des Herzogs in Braunschweig ist tatsächlich nicht verhandelt worden. Dagegen wird von den Dingen nahe stehender Seite behauptet, es seien Aussichten für den jetzt 12jährigen Sohn des Herzogs eröffnet worden, eine Nachricht, die von den direkt Betheiligten allerdings energisch bestritten wird.
* Zur 3. Lesung des Etats im Reichstage hat der Abgeordnete v. Meyer (Arnswalde) bei dem Titel „Ausgaben zu gemeinnützigen Zwecken" folgenden Antrag gestellt: „Der Reichstag wolle beschließen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, im Reichshaushalts-Etat für das Jahr 1893/94 als ordentliche Ausgabe mit einer den vorhandenen Mitteln entsprechenden Summe einzuschalten: „zu bewilligen für Stipendien und Unterstützungen für talentvolle junge Künstler, so- wte^zür "Förderung der monumentalen Malerei und Plastik in Deutschland."
* Der,Reichsanzeiger' schreibt: Nach den bestehenden Bestimmungen dürfen Frauen weder als Studirende ausgenommen, noch als Gastzuhörerinnen zu den Vorlesungen zugelassen werden. Es ist in Frage gekommen, ob und ip wie weit eine Abänderung dieser Bestimmungen rathsam erscheint. Der Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten hat deshalb die Universitäts - Kuratoren ersucht, sowohl die akademischen Senate wie die einzelnen Fakultäten über diese Frage zu hören und ihm deren Berichte mit eigenen gutachtlichen Aeußerungen alsbald einzureichen.
* Ueber den Schutz der Brieftauben und den Brief- tauben-Verkehr im Kriege soll, wie schon mitgetheilt, dem Bundesrath demnächst ein Gesetzentwurf zugehen. Mit dem Gesetz wird im Wesentlichen bezweckt, die Vorschriften der in den meisten Bundesstaaten geltenden Gesetze über Beschränkung des Rechts, Tauben zu halten, sowie das Recht, im Freien betroffene Tauben sich aneignen zu können, ferner das EigenthumSrecht an Tauben, welche in ein fremdes Taubenhaus übergehen, für Militärbrieftauben außer Anwendung treten zu lassen. Als Militärbrieftauben sollen solche Brieftauben gelten, welche der Militärverwaltung gehören oder ihr zur Verfügung gestellt sind und den vorschriftsmäßigen Stempel tragen. Im Kriege kann durch kaiserliche Verordnung bestimmt werden, daß alle Vorschriften über Tödten oder Einfangen fremder Tauben für das Reich oder einzelne Theile desselben außer Kraft treten, sowie daß Brieftaubenverwendung ohne Genehmigung der Militärbehörden mit Gefängniß bis zu 3 Monaten bestraft werden kann-.
* In den deutschen Münzstätten wurden im Februar an deutschen Reichsmünzen ausgeprägt: 5,925,960 Mark in Doppelkronen, 240,486 Mark in Zweimark-, 906,263 Mark in Einmark-, und 35,472 Mark 35 Pfg. in Einpfennigstücken.
* Dem preußischen Landtage iü eine Denkschrift über den Dortmund-Ems-Krnal zugegangen, worin die Aenderungen des Vorprojekts erörtert werden. Diese Aenderungen erfordern an Mehrkosten: Für die'veränderte Linienführung 600,000 Mk., für die Vergrößerung der Kanal-Abmessungen 3,270,000 Mk. und für die Einführung von Schleppzug-Schleusen 900,000 Mk., im Ganzen 4'770,000 Mk., in welchen ein Betrag von 1,750,000 Mk. enthalten ist, der im Interesse der erleichterten Ausführung des Mittelland - Kanals aufgewendet werden soll.
* Mainz, 9. März. Herr Landtagsabgeordneter Racke von hier hat wegen des wiederholt besprochenen Verbotes der marianischen Kongregationen an den höheren Lehranstalten des Landes durch das