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JM 59

Samstag, den 12. März 1892.

19. Jahrgang

iildacr W Zeitung

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Deutsches Keich.

Berlin, 10. März.

* Der Kaiser muß infolge Erkältung das Bett hüten. Zu Besorgnissen ist indeß kein Anlaß. Bei der heute zu Ehren des gestrigen Geburtstages des Zaren stattgefundenen Tafel war der Kaiser durch den Prinzen Friedrich Leopold vertreten.

* Das Gesetz über die Sonntagsruhe tritt voraus­sichtlich nicht am 1. April in Kraft. Bor dem 1. Juli, oder vielleicht gar erst zum 1. Oktober ist das In­krafttreten des neuen Gesetzes kaum zu erwarten. Die amtlich inspirirte ,Nordd. Allg. Ztg/ schreibt darüber folgender: „Wie bekannt ist, sind die wirthschaftlichen Korporationen, vornehmlich die Handelskammern, be­hördlicherseits aufgefordert worden, sich über die end­gültig zu wählende Gestaltung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, für welche in der Gewerbeordnungs­novelle nur eine Minimalgrenze vorgesehen ist, gut­achtlich zu äußern. Dem Vernehmen nach laufen in nächster Zeit die für die Einlieferung der Gutachten gesetzten Fristen ab. Die Behörden werden also dem­nächst in die Lage versetzt werden, das gegenwärtig «on den Handelskammern zusammenzustellende Material zu sichten und zu ordnen. Die Arbeiten, welche behufs einer endgültigen Regelung der Sonntagsruhe-Frage noch zu bewältigen sind, sind so zeitraubend, daß nunmehr mit ziemlicher Sicherheit behauptet werden kann, daß die Sonntagsruhevorschriften der letzten Gewerbeord­nungsnovelle nicht gleichzeitig mit dem Haupttheil der sonstigen Bestimmungen der letzteren in Kraft treten werden, d. h. nicht am 1. April."

* Aus Berlin wird der offiziösen Wiener,Polit. Korresp." geschrieben: „Es ist bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen worden, auf wie unsicherem Boden die Bermuthungen über den voraussichtlichen Ertrag der neu einzuführenden Einkommensteuer sich bewegen. Eine annähernd genaue Schätzung des zu erwartenden Ergebnisses dürfte keinesfalls vor Ende März mög­lich sein. Wmn auch in einzelnen Städten ein erheb­licher Mehrertrag einfließen wird, so ist doch noch gar nicht abzusehen, wie dadurch die sicher an anderen Stellen zu erwartenden Mindererträge kompensirt werden. Nur das läßt sich jetzt schon feststellen, daß die Be­stimmungen über die Degression von Einkommen unter 9500 M. weiter abwärts zusammen mit den Vor­schriften über sonstige Erleichterungen der Steuerpflich- tigen in sehr erheblichem Maße günstig für die mitt­leren Klaffen einwirken werden, insbesondere werden fast allen Beamten, die lediglich auf ihr Gehalt ange­wiesen sind, fühlbare Erleichterungen zu Theil werden. Für den kleinen Handwerkerstand wird die Erleichterung m der Steuerbelastung noch erheblich größer werden, fo bald das neue Gewerbesteuer-Gesetz ins Leben tritt, was vom 1. April 1893 der Fall sein wird. Augen­blicklich sind die Vorbereitungen, welche durch das Gesetz gefordert werden, im Gange. Die segensreichen Wirängen der Steuerreform für die mittleren und weniger begüterten Klassen der Bevölkerung werden dann ohne Zweifel in Helles Licht treten.

Dom Wde erstanden.

Novelle von I. Rüttgers.

(4. Fortsetzung.)

4.

Am nämlichen Tage, im Laufe des Nachmittags, klopfte es an der Thüre dieser Wohnung, wo sonst so selten, so zu sagen niemals, Jemand Einlaß begehrte. Veronika ging wie gewöhnlich öffnen, kam aber bald zurück und sagte mit bewegter Stimme:

„Allmächtiger Gott -- weißt Du, für wen man uns da gerufen hat, Schwester? Für den nämlichen wackeren jungen Mann, welcher sich neulich Abends unserer so ritterlich angenommen hat, für Gaspard de Gröonlx! Er ist tobt — noch so jung an Jahren!"

„Ruht denn der Fluch des Himmels auf dieser Familie?" murmelte Susanna vor sich hin. „Nun, dann werden wir hingehen und bei dem Tobten Wache halten müssen."

„Ich weiß wirklich nicht, Schwester, ob ich bie Kraft bazu habe," versetzte Veronika; „wir haben diese Woche bereits so viele Nachtwachen gehabt . . . Herr deS Himmels — Gaspard de Gröonlx! Wir bei ihm!

„Was mag daran liegen? Was haben wir mit diesem Namen gemeinsam?" unterbrach Susanna ihre Schwester, sie zugleich starr ansehend. „Wir müssen

* Die Budgetkommission des Abgeordneten­hauses bewilligte heute gegen 5 Stimmen die im Etat geforderte Summe von 300,000 Mk. als erste Rate für den Dombau, nachdem Kultusminister Graf Zedlitz die Erklärung abgegeben hatte, daß die vom Landtag geforderten 10 Millionen als Beihülfe zu den Kosten angesehen und weitere Forderungen an den Landtag nicht gemacht werden sollen. Die Verpflichtungen als Bauherr übernimmt die Krone.

* In der 29. Plenarsitzung vom 10. März setzte das Abgeordnetenhaus die Berathung des KultuSetatS bei der Durchführung des Normaletats fort. — Abg. v. Schenkendorf (nl.) erkannte die Nothwendigkeit der Erhöhung der Lehrergehalte an und verlangte Gleich­stellung der Lehrer an staatlichen und nicht staatlichen Anstalten, sowie Gleichstellung der Zeichenlehrer mit den anderen Lehrern der höheren Anstalten. Regie­rungsseitig wurde entgegengehalten, daß die Zeichen­lehrer meist nur Elementarbildung besäßen. — Abg. Sperlich (Str.) wünschte eine Reihe von Aenderungen des Normaletats und kürzere Zwischenräume für die Alterszulagen. — Abg. Rickert (bfr.) beantragt, durch einen Zusatz die Regierung an den Normaletat zu binden. — Abg. Höppner (kons.) wünschte Reserve im Bestreben nach Aufbesserung und erklärte, daß seine Freunde nur für den Antrag Kropatscheck und die Resolution der Kommission stimmen werden. — Abg. Grimm (nl.) befürwortete Gleichstellung der Lehrer mit den Richtern 1. Instanz und sprach sich für den Antrag Rickert aus. — Abg. Dr. Kropatscheck (kons.) hoffte, daß die Lehrer von dem in dem Normaletat Gebotenen befriedigt sein würden. Er sprach sich für bessere Gehaltsstellung der Direktoren in den kleineren Städten aus. Die Lehrer der nichtstaatlichen Anstalten können vielleicht dadurch besser gestellt werden, daß sich mehrere Gemeindm zu einer Besoldungskasse zu- sammenthun. — Kultusminister Graf Zedlitz iheilte mit, daß die Militärdienstzeit den Lehrern insoweit angerechnet werden soll, als dadurch die Ablegung des Examens sich verzögert hat. Der Gedanke der Grün­dung von Besoldungskassen erscheine ihm als ein rich­tiger. — Abg. Dr. Bachem (Str.) erklärte gesetzliche Ordnung der Lehrergehälter für nöthig. — Finanz­minister Dr. Miquel erklärte sich gegen bie gesetz­geberische Behanblung des Normaletats. — Schließlich würbe bie Angelegenheit an bie Kommission zur noch­maligen Berichterstattung zurückgewiesen. — Weiter- berathung Sonnabenb.

• Laut Nachrichten aus St. Petersburg sinb in ben russischen Nothstandsgebieten bie Bewohner ganzer Dörfer am Unterleibs-Typhus erkrautt. Im Hospital zu Saratow allein liegen 160 Flecktyphus-Kranke. Die Regierung zu Oppeln hat beshalb bie Zurückwei­sung von Auswanderern aus Rußland an der Grenze angeordnet, um die Einschleppung in Rußland herrschen­der epidemischer Krankheiten zu verhüten.

* MePPe«, 9. März. Unser Komitee für das Windt- horst-Denkmal hat beschlossen, einen erneuten Aufruf zu Beiträgen zu erlassen, da die bislang eingelaufenen Spenden nur etwa ein Drittel dessen betragen, was für

Überall hingehen, wohin man uns ruft, das ist einmal unser Beruf . . . Hast Du gehört, wo der junge Mann gestorben ist?"

„Er ist gestorben, wie Jemand, der nicht Haus noch Hof, weder Freunde noch Bekannte hat, in der terberge „zum silbernen Hahn", umgeben von Fremden, atte er denn nicht Vater noch Mutter oder sonst Je­manden, welcher ihm hätte beistehen können?"

„Was Du sagst!" unterbrach Susanna ungeduldig ihre Schwester.

„Höre", fuhr Veronika dann nach einigem Besinnen fort, „ich will mit Dir gehen und Dir helfen, alles zurecht machen, wenn dies geschehen ist, mag Gabriele mit Dir bie Wache halten, beim ich fühle wirklich nicht bie Kraft, bis Morgen ba zu bleiben."

Mit stummem Schrecken hatte bas junge Mäbchen bieser Unterrebung zugehört, erst bei ben letzten Worten rief sie laut aus:

„Heiliger Gott — bei wem sollen wir bie Nacht zubringen?“

„Du hast's ja wohl gehört, wir sollen bei einem Verstorbenen bie Wache halten", antwortete Susanna ruhig.

Das arme Kind würbe bleich wie ihr weißes Hals­tuch unb zitterub sank sie auf einen Stuhl.

„Run, nun, es ist nichts", sagte Susanna be-

ein einigermaßen würdiges Denkmal mindestens zu ver­anschlagen ist. Ohne Zweifel hat der Umstand, daß gleich nach Windthorst's Tode die Resffchuld der Marien­kirche in Hannover und die Kirchennoth in Berlin als dringliche Ziele der Liebesthätigkeit stark befürwortet wurden, wesentlich dazu beigettagen, daß bie Gaben für's Denkmal nicht reichlicher herbeigeflossen sinb. Das Komitee will nun an bie Erfüllung bieser Ehrenpflicht anläßlich ber nahe bevorstehenden Wiederkehr des Todes­tages von Windthorst öffentlich erinnern und hofft, daß die Gefühle des Schmerzes wie der Dankbarkeit, welche dieser Tag wieder wachrufen wird, die Herzen willig macht zu reichlichen Beiträgen, auf daß bald zur Aus­führung vorgegangen werden könne.

* Zum Xantener Knabenmord wird aus Eleve ge­schrieben: „Herr Levy Jacobs entwickelt unter ben Jilben ber Gegend eine eifrige Agitation zu Gunsten einer Masfenpetition an den Herrn Justizminister, wo­rin im Hinblicke auf die in der niederrheinischen Be­völkerung herrschende Erregung verlangt werden soll, den Schächter Buschoss nicht bem Xantener (soll wohl heißen: bem Steuer), sondern dem Schwurgerichte eines andern, von der Erregung nicht ergriffenen Bezirks zu überweisen."

* Bochum, 9. März. Die ,Wests. Volksztg.' theilt mit, daß Herr Redakteur Fußangel sich in ber Wiebergenesung befindet. Gegen zwei Leitartikel, be­titelt „Die Wahrheit über Bochum", welche bie,Wests. Volksztg/ in ben letzten Tagen veröffentlichte, hat Geheimrath Baare, wie bie ,Rhein. Wests. Ztg.' mit» zutheilen in ber Lage ist, sofort Strafantrag ge­stellt.

Ausland.

* Die Valutaenquetekommission in Pesth hat ihre erste Sitzung abgehalten. Der Finanzminister forberte bie Mitglieber zum rückhaltlosen Aussprechen ihrer Ansichten auf, weil er bie Enquete nicht blos in Folge ber Bestimmung des Gesetzes, sondern zu dem Zwecke einberufen habe, um die Ansichten der Fachmänner über die Regelung der Valuta zu berücksichttgen. Sämmt- liche Redner sprachen sich für reine Goldwährung aus, doch solle dem Silber als Kurantgeld eine größere Rolle zuerkannt werden. Hinsichtlich des Verkehrs der Staats- noten gingen die Anschauungen auseinander: Einige wünschten dieselben und zwar in Gesammthöhe von 50—100 Millionen Gulden, Andere wiesen dieselben zurück. Hinsichtlich der Münzeinheit sprachen sich die meisten Redner für eine kleinere Münzeinheit in der Hälfte des heutigen Guldens aus, doch wurde von keiner Seite die Uebernahme eines ausländischen Systems (Frank ober Mark) gewünscht.

* Zwischen Italien und der Schweiz wirb nun boch noch eine handelspolitische Berstänbigung erzielt wer­ben. Die Hauptdifferenz betraf bie Zölle auf Baum- wollwaaren. Die schweizerische Regierung verlangte von Italien eine Herabsetzung berselben um ca. 10°/o, währenb Italien nur eine solche von ca. 8% zuge- stehen will. Der schweizerische Bunbesrach ist jetzt

schwichtigenb, „mit etwas gutem Willen gewöhnt man sich schließlich an Alles. Du hast boch nicht etwa Furcht?"

„Ja gewiß, gewiß habe ich Furcht", murmelte bie Aerrnste mit erstickter Stimme.

„Das wirb schon vorübergehen sobalb Du nur ein­mal einen Tobten gesehen hast. Unb bann, nur bie Lebenbigen sinb zu fürchten, mein Sinb, bie Tobten fügen Niemand ein Leid zu. Noch Niemand ist von brüben zurückgekommen; alles sindMärchen, was man ba» rüber erzählt. 9£imm Deinen Mantel, Dein Gebetbuch unb Deinen Rosenkranz unb gehen wir bann!“

Schweigen!) gehorchte Gabriele — so große lieber» winbung es ihr auch kostete, ebenso sehr wollte sie auch biese Anwanblung von Schwäche überwinben. Dazu verbantte sie biesen Frauen alles, welche sich kümmerlich von ihrer Arbeit ernähren mußten, unb baS einzige Mittel, ihnen nicht gänzlich zur Last zu fallen, war schließlich, baß sie ihnen bei ihrer Beschäftigung behilflich war.

Sie nahm all ihren Muth zusammen unb ging schweigenb hinter bett beiben Frauen her.

Die Herberge „zum filbernen Hahn" war ein Gast­haus, welches hinter bem Hafen lag unb von außen wenigstens einen vortheilhaften Eindruck machte. Hier pflegten alle vornehmeren Fremden, welche sonst in