Af 58 Freitag, den 11. März 1892. 19. Jahrgang
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R. Die Sozialdemokratie im Widerspruch mit dem katholischen Glauben.
Die Wahrheit, daß der Mensch von Gott und für Gott erschaffen sei und daß alles Andere für den Men- schen nur die Bedeutung eines Mittels habe in Erreichung des letzten Zieles: der Ehre Gottes und seiner eigenen Glückseligkeit: diese Wahrheit nennt der heil. Ignatius in seinem Büchlein „Die geistlichen Uebungen" — das Fundamem. Die „geistlichen Hebungen" haben ja nur den Zweck, eine praktische Anleitung zu geben, wie das Gebäude eines natürlich und übernatürlich guten Lebens aufzuführen sei. Dieses ganze Gebäude hat aber seine Festigkeit in der Wahrheit vom Ziel und Ende des Menschen und diese fundamentale Bedeutung der Frage: Wozu bin ich auf Erden? erkannten auch die Heiden schon. Cicero sagt: „Hat die Philosophie das Lebensziel festgestellt, dann hat sie Alles festgestellt. In allen übrigen Fragen bemessen sich die Folgen des Jrrthums oder der Unwissenheit nur nach der Erheblichkeit der Sache selbst, um die es sich eben handelt. Eine Unkenntniß des höchsten Gutes, des obersten Lebenszieles, schließt nothwendig die Unkenntniß der L^ensregel in sich." — Nicht bloß durch die Vernunft, sondern in noch viel klarerer und ausführlicher Weife belehrt uns der katholische Glaube über das erhabene Ziel unseres LebenS: Gottes Ehre und unsere ewige Glückseligkeit. Es liegt auf der Hand, daß nicht bloß das Leben des einzelnen Menschen nach diesem Endziele sich richten muß, die menschliche Gesellschaft als solche hat ganz dasselbe Endziel. Von der Kirche ist dies ja unmittelbar klar; aber auch der Staat hat nur den Zweck, die Interessen des irdischen Lebens derart zu fördern, daß in einer möglichst wohlgeordneten menschlichen Gesellschaft der Einzelne das ewige Ziel erreichen kann. Wie stellt sich Denn nun die Sozialdemokratie zu diesen Glaubenslehren?
Die Frage nach dem Lebensziel betrachtet die Sozialdemokratie als eine Fundamental-Frage, aber die Antwort ist für sie eine andere. Das irdische Leben des Menschen, sein ganzes Arbeiten hat zum Zweck nur das irdische Wohlsein. Möglichst vi-l Genüsse bei möglichst geringer Arbeit und Beschwerde: das ist der Himmel, den die Sozialdemokratie hier auf Erden zu verwirklichen sucht. Diese Ansicht legt sie dadurch an den Tag, daß die Bedeutung eines Menschen im Zukunfts- Staat sich nur richten soll danach, ob er mehr oder weniger produktiv ist, d. h. solche Dinge hervorbringt, welche das irdische Wohlleben sördern. Im sozialistischen Programm heißt es: „Religion ist Privatsache." Es steht ja fest, daß dieser Satz nur zum Schein im Programm steht, daß aber die Sozialdemokratie auch die Religion als Privatsache nicht haben will. Aber selbst zugestanden, es wäre ihr ernst mit diesem Satze, so folgt klar daraus, daß der sozialistische Staat eine Aufgabe sich stellt, die unseren katholischen Ansichten von der Aufgabe des Staates schnursttacks widerspricht. Wir behaupten: Der Staat hat die Aufgabe, für das
Dom Tode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(3. Fortjetzung.)
„Danke, danke, mein liebes Fräulein", antwortete Gabriele, indem sie mechanisch das Glas nahm, ohne es an die Lippen zu führen, „ich kann wirklich nicht — es ist mir, als ob's zentnerschwer auf mir laste!"
„Nenne mich nicht Fräulein", meinte die Alte scherzhaft scheltend, „sage einfach Veronika, wenn Du für gewöhnlich mit mir sprichst."
„Wir sind arme Frauen, welche arbeiten müssen, um leben zu können, und keine Damen", setzte Su- sanna hinzu. „Niemand soll über seinen Stand und Rang hinaus gehen, merke Dir das wohl."
„Ich will'S mir merken", antwortete Gabriele unterwürfig.
„Wenn Du Dich als ein braves, gehorsames Mädchen zeigst" , hob Veronika wieder au, „so sollst Du's gar nicht schlecht, ich darf sogar sagen, Du sollst es ganz gut bei uns haben. Wir sind zwar nicht häufig ins Kloster gekommen, Dich besuchen, aber eS war dies nur, weil wir wußten, daß Du unser nicht bedurftest, gleichwohl haben wir stets sehr lebhafte Theilnahme für Dich gehegt. Wir haben Dich ja schon gekannt, als Du noch klein warst!"
Gabriele hob den Kopf in die Höhe und sagte in tiefer Bewegung:
irdische Wohl der Menschen in der Weise zu sorgen, daß der Einzelne dadurch in Erreichung des ewigm Zieles unterstützt wird. Der sozialistische Staat aber behauptet, daß ihn das ewige Ziel des Menschen gar nichts angehe; er müsse für das irdische Wohl des Menschen sorgen; ob dabei einer religiös leben und in den Himmel kommen könne, das sei Privat-, d. h. Nebensache.
Die Führer der Sozialdemokraten sprechen es auch ganz offen aus, daß es ihnen nur auf das Wohlleben in dieser Welt ankommt. Bebel sagt in gotteslästerischer Weise: „Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen." Das Christenthum wird lächerlich gemacht, weil es irdische Noch tragen lehre im Hinblick auf das bessere Jenseits, man spottet über diese „Wechsel auf das Jenseits". Ein anderer berühmter Sozialdemokrat wünscht sich nur möglichst viel Glück und Genuß auf Erden, in der Ewigkeit die Hölle.
Nun vergleiche man die offenbare Lehre des Sozialismus über das Ziel des menschlichen Lebens mit dem ersten Abschnitt unseres katholischen Katechismus: Vom Ziel und Ende des Menschen. Auf die erste Frage: Wozu bist Du auf Erden? muß der Sozialdemokrat die Antwort geben: um bei geringer Arbeit und Beschwerde recht viel irdisches Glück zu genießen. Die zweite Frage würde er in folgender Weise wohl stellen müssen: Ist denn der Mensch nicht deshalb auf der Welt, um sich den Himmel zu verdienen? Antwort: Keineswegs, denn unmöglich kann der Mensch im Jenseits glücklich werden. Folgende Frage: Warum kann der Himmel den Menschen nicht glücklich machen? Antwort: Weil 1) die „Wechsel auf das Jenseits" eine Schwindelei der Pfaffen sind und 2) weil der Mensch für diese Welt und für die Genüsse dieser Welt da ist. — Was ist demnach das Nothwendigste hiemeden? Den sozialistischen Staat verwirklichen helfen, wo es wenig Arbeit und Mühe, ober viel Freude und Genuß gibt. Was müssen wir thun, um den sozialistischen Staat zu verwirklichen? fragen dann die Genossen. Die Antwort müßte dann ungefähr so lauten: 1) Ihr müßt euch in den sozialistischen Versammlungen und Zeitungen aufklären lassen und euch hüten vor der Verdummung durch die Pfaffen; 2) Ihr müßt opferwillig beittagen zur Parteikasse für den standesgemäßen Unterhalt eurer Führer und für die streikenden Genossen; 3) die Geldmittel Israels nehmt dankbar an.
Deutsches Keich.
Berlin, 9. März.
* Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich heute, als am Sterbetage Kaiser Wilhelms I., nach dem Mausoleum zu Charlottenburg und verweilten dort zehn Minuten am Sarge des Verblichenen. Außer dem Kaiserpaar hatten Kranzspenden niedergelegt: die Kaiserin Friedrich, Prinz Leopold, die erbprinzlich badischen Herrschaften, die Generaladjutanten, Generale ä la suite, Flügeladjutanten, sowie das Grenadierregiment König Wilhelm I. in Liegnitz.
„Ich weiß es und erinnere mich noch lebhaft des Tages, wo ihr mich ins Kloster gebracht habt, wo ich bis heute Morgen gewesen bin. Weiter erinnere ich mich freilich nicht, weder meiner Mutter, noch meines Vaters, den ich nun ebenfalls verloren habe. Ihr habt sie gekannt, nicht war?"
„Gewiß haben wir sie gut gekannt", versetzte Su- sanna.
„Es waren in der That bedauernswerthe Leute."
„Und weshalb?"
„Es ging ihnen, wie vielen Leuten auf dieser Welt, sie waren von Gesinnung edel wie ein König und arm wie Job!"
„Ich habe geglaubt, daß der Adel ein Vortheil sei und daß man glücklich bei der Armuth sein könne."
„Freilich, wenn man zu gleicher Zeit arbeiten kann. Aber Dein Vater hieß zu feinem größten Unglücke Vicomte de Lescale — was sollte er bei dieser Stellung viel beginnen ? Er lebte so gut als er es vermochte, von einer kleinen Rente, bis ihn ein Prozeß vollständig ruinirte. Da ging er nach Marseille, um irgend eine passende Beschäftigung zu suchen; er wollte die kaufmännische Laufbahn einschlagen, es ging nicht. Er sah sich nach einer sonstigen Anstellung um, sie wurde ihm auch versprochen, aber nicht gegeben, und seine Verwandten zuckten höchstens die Achseln, geschweige daß sie etwas für ihn tHaien. Du magst Dir vorstellen,
* Der ,Reichsanzeiger' dementirt die Nachricht der .Kreuzzeitung', daß mit dem Herzog von Cumberland Verhandlungen bezüglich der Thronfolge in Braunschweig stattgefunden hätten.
* Die Budgetkommission des Reichstags nahm heute den Gesetzentwurf über die Unlrrßütznug von Familien der z« Friedensübungen einberufene« Mannschaften in folgender Fassung an: § 1. Die Familien der ans der Reserve, Landwehr oder Seewehr zu Friedensübungm einberufenen Mannschaften erhalten auf Verlangen aus Reichsmitteln Unterstützungen. Den Familien der Mannschaften aus der Ersatzreserve werden dieselbe« Unterstützungen für die zweite und dritte Hebung gewährt. Der Anspruch auf Hnterstützung erlischt, wenn daS Verlangen binnen 4 Wochen nach Beendigung der Hebung bei der Gemeindebehörde nicht angebracht wird. Die Gewährung der Hnterstützung richtet sich, soweit nachfolgend nicht Besonderes beftimmt ist, nach den Vorschriften des Gesetzes, betr. die Hnterstützung von Familien in den Dienst eingetretener Mannschaften vom 28. Febr. 1888. — §. 2. Die täglichen Unter» stützungen sollen betragen: a) für die Ehefrau 30°/, des ortsüblichen Tagelohns, b) für jede der sonst unterstützungsberechtigten Personen 10°/0 des Betrages des ortsüblichen Tagelohns mit der Maßgabe, daß der Ge- sammtbetrag der Unterstützung 60°/o nicht übersteigt. — Der § 3, welcher besagte, daß die bewilligten Unter» stützungsbettäge in wöchentl. Raten vorauszuzahlen wären, wurde gestrichen. — § 4, der in der 1. Lesung ebenfalls gestrichen war, erhielt folgende Fassung: Die gezahlten Unterstützungen werden ans Reichsmitteln erstattet. Die Erstattung hat vor Ablauf des Etatsjahres zu erfolgen, in welchem die Zahlung stattgefunden hat. — § 5, welcher besagt, daß das Gesetz am 1. April 1892 in Kraft tritt, wurde vorläufig angenommen. — Ein neuer § 6 endlich lautet: Unterstützungen nach' Maßgabe dieses Gesetzes werden auch rücksichtlich solcher Friedensübungen gewährt, welche ganz oder theilweise in der Zeit vom 1. April 1892 bis zum 1. Juli 1892 stattgefunden haben. Ist die Friedensübung vor dem Inkrafttreten des Gesetzes beendigt, so beginnt die vierwöchige Frist für die Anbringung des Unterstützungsanspruches mit dem 1. Juli 1892.
* In der 28. Plenar-Sitzung vom 9. März setzte das Abgeordnetenhaus die 2. Berathung des Kultus- Etats bei dem Kapitel „Höhere Lehr-Anstalten", Titel „Zuschüsse für die vom Staate zu unterhaltenden Anstalten" fort. Der Titel wird bewilligt. Bei der darüber entstehenden Debatte nahmen die Abgg. Mooren (Centt.) und v. Eynern (nat.-lib.) Gelegenheit, sich wiederholt darüber zu beschweren, daß Berlin nicht die Ausgabe erfülle, welche ihm als Reichshauptstadt zukomme und besser für die Unterrichts- rc. Anstalten aus eigenen Mitteln sorge, sondern nur genau so viel dafür thue, als es gezwungen werde, im Hebrigen sich dabei auf die Staats-Zuschüsse verlasse. Die Abgg. Knöcke, Miquel- Berlin und Virchow (dfr.) traten diesen Auslassungen scharf entgegen und führten sie auf den Neid der Herren wie sich Deine Mutter all dieses Leid zu Herzen nahm — der Kummer warf sie aufs Krankenlager, von welchem sie sich nicht mehr erheben sollte. Die Aermste — wir haben sie in ihrer letzten Krankheit verpflegt, sie starb gerade am schönen Osterfeste. Ihr Tod ging Deinem Vater, welcher sie innig liebte, so zu Herzen, daß er sich mehrere Tage vollständig einfchloß und Niemand sehen wollte. Die Welt überließ ihn sich selbst und kümmerte sich in seinem Unglücke nicht um ihn. Er sagte immer, daß er sterben wolle — aber einstweilen mußte er leben und nannte nichts fein eigen! Da theilte er uns mit, daß er in die Fremde ziehen wolle, wo Niemand ihn kannte und ihm Vorwürfe machen könnte, um dort für sich und sein Kind zu arbeiten. Es war dies kein besonders vernünftiger Plan, besonders da der gute Mann von Geschäften nicht öiel verstand und auch keine Mittel besaß, um ein Geschäft mit einigem Erfolg beginnen zu können. Wir riethen ihm, hier zu bleiben, aus der Noth eine Tugend zu machen, wie man sagt und einen kleinen Laden anzufangen. Er getraute sich nicht den Much dazu und zog also weg, indem er Dich bei uns ließ. Einige Zeit später brachten wir Dich, auf feine Weisung hin, ins Kloster; zwölf Jahre lang hat er regelmäßig die Pension gesandt. Ich mußte also annehmen, daß es ihm gut gehe — und nun stellt es sich heraus, daß er abermals vollständig ruinirt ist! Ja, alles ist unbeständig und eitel auf dieser Welt, und der Leide« und