.-V 57 Donnerstag, den 10. März 1892. 19. Jahrgang
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Deutsches Keich.
Berlin, 8. März.
* Das Gespenst des „Branntwein-Monopols" ist wieder aufgetaucht, allerdings nur an einer Stelle, wo Zeitungsenten politischen Inhalts gezüchtet werden, nämlich in dm Spalten des jüdischen .Berliner Tageblattes'. Dieses Sensationsorgan will die sensationelle Nachricht erfahren haben von einer Seite, „welche diesen Dingen näher steht". Bor Kurzem „sollen" dieserhalb Besprechungen mit Männern aus den betreffenden Jn- tereffentmkreisen stattgefunden haben, und der Reichskanzler „soll" einem solchen Monopolprojekt keineswegs durchaus ablehnend gegenüberstehen". Das .Berliner Tageblatt' scheint selbst an dieses Gespenst des Branntwein-Monopols nicht zu glauben und auch die anderen freisinnigen Blätter werden dieser Nachricht so wenig wie wir Glauben beimessen. Aber wozu bringt denn das freisinnige .Berliner Tageblatt' eine solche Sensationsnachricht erst in die Öeffentlichkeit? Nun die Beunruhigung im Volke muß ja geschürt werden, und weil das Gespenst der „Auslieferung der Schule an die Kirche" u. s. w. nicht recht ziehen will, kommen andere Gespenster an die Reihe. Das Volk wird sich aber auch dadurch nicht einschüchtern lassen, sondern Studien darüber anstellen, wo und wie Brunnenvergiftung getrieben wird.
* Die liberalen Blätter lassen sich in ihrer Ber- l-genheit in den die Schulfrage betreffenden Angelegenheiten durchaus nicht stören und fahren mit ihren Lügen munter fort, trotzdem ihnen dieselben immer einige Tage nachher aufgedeckt werden; allerdings werden die liberalen Leser von diesen Aufdeckungen meist nichts gewahr. Die ,Berliner Börsenzeitung', welche gleichzeitig mit der .Kölnischen Zeitung'. das schöne Märchen von der bevorstehenden Ordmsauszeichnung der Volksschulgesetzgegner erfunden hatte, ist mit der inzwischen ebenfalls als völlig grundlos erklärten Nachricht der .Freis. Ztg.', der hochw. Herr Fürstbischof von Breslau habe bei seiner jüngsten Anwesenheit in Berlin Besprechungen über das Volksschulgesetz gehabt, noch nicht zufrieden. Sie weist ihre Leser darauf hin, daß auch das Mitglied des Herrenhauses, Dr. Freiherr von Schorlemer-Alst in Berlin anwesend gewesen sei, um mit dem Fürstbischof wie mit Freiherrn von Huene längere Besprechungen zu pflegen." Um jeder weiteren Legendenbildung vorzubeugen sei der.Börsenzeitung' und ihren Nachbetern verrathen. daß Herr Dr. Freiherr v. Schorlemer-Alst neulich allerdings in Berlin war. aber seine Ankunft erfolgte genau zwei Tage nach der Abreise des hochwürdigsten Herrn Fürstbischofs Kopp. Auf die nächste Lüge darf man wirklich gespannt sein.
* Die Petitionskommission des Abgeordnetenhauses befaßte sich in ihrer letzten Sitzung mit der großen Staatsaktion der B o ch u mer Protestversammlung gegen die .Westfälische Volkszeitung', die in Form einer Petition, worin gebeten wurde, dem Gebühren der ,Wests. Volksztg.' mit allen Mitteln Einhalt zu thun, an das
Dom Gode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
<2. Fortsetzung.)
Abermals trat eine Pause ein. Dann sagte Veronika, als ob ihr ein plötzlicher Gedanke käme:
„Was hast Du eigentlich mit dem Briefe gemacht, den zu lesen wir noch nicht Zeit hatten? Jedenfalls enthält er die Anweisung auf die dreihundert Livres für die Pension Gabrielens."
„So ist's in der That. Wir hätten ihn so leicht verlieren können, und wir haben wirklich sehr unvorsichtig gehandelt. Hier ist er übrigens."
Veronika schob die Lampe näher, setzte ihre große Brille auf und begann dann folgenden von Barcelona datirten Brief zu leien:
„Geehrte Damen!
„Ich erfülle die schmerzliche Pflicht, Ihnen den Verlust mitzutheilen, welchen wir in der Person des Herrn Gabriel Lescale zu beklagen haben, des französischen Kaufmannes, welcher hier in der Stadt etablirt war. Am Tage vor seinem Tode ließ er mich rufen, um mir von dem schlechten Zustande seines Geschäfts und von seinen letztwilligen Verfügungen Mittheilung zu machen. Der Aermste war nie reich, und dazu wurde er beim Eintritt seines Todes infolge eines Bankerott», durch welchen er
Abgeordnetenhaus zur Kenntniß und zur Entscheidung gelangt war. Die Petitionskommission beschloß, diese Petition für „ungeeignet zur Erörterung im Plenum" zu erklären, d.h. in den Papierkorb zu werfen. Wollen die Bochumer Protestler sich nicht auch darüber „entrüsten"?
* Dem Bundesrath ist der Entwurf eines Gesetzes, betreffend den Schutz der Briestaubeu und den Brieftaubenverkehr im Kriege zugegangen.
* Das Abgeordnetenhaus setzte heute dieBerathung des Cultus-Etats fort bei dem Etat der Unterrichts- Verwaltung. Das Kapitel Provinzialschulkollegien wurde debattenlos genehmigt, während über die Etats der Universitäten eine längere Diskussion entstand. Zunächst gab die Universität Berlin Anlaß zu allerlei Bemerkungen. Abg. v. Eynern wies darauf hin, daß andere Städte für ihre Universitäten erhebliche Zuschüsse leisten, während Berlin nichts thue und sogar noch große Wohlthaten von den Universitätseinrichrungen habe. Geh. Rath Althoff gab dem Wunsche Ausdruck, daß diese Ausführungen bei der Stadt Berlin sympathische Aufnahme finden möchten, was aber bei den Berliner Vertretern, Abgg. Dr. Langerhans, Dr. Meyer und Dr. Hermes nur in geringem Maße der Fall war. Abg. Mooren wies darauf hin, daß es eine Anomalie sei, wenn die Universitäten und besonders die Berliner Universität vom Staate allein unterhalten werden, während die anderen Städte für ihre Gymnasien u. s. w. selbst aufkommen müßten. Berlin komme mit 100 pCt. Kommunalsteuer aus und könne recht gut mehr leisten. Abg. Graf Limburg - Stirum äußerte sich in demselben Sinne, während Abg. Dr. Hermes die Vorredner darauf verwies, daß Berlin auch Miethsstcuer zu zahlen habe. Die übrigen Erörterungen über Berliner Umvrrsitätsinstitute hatten kein allgemeines Interesse. Bei der Position Universität Breslau wies Abg. Dasbach darauf hin, daß hier zwei neue Profeffuren für Philosophie verlangt würden, während Professor Weber sein Gehalt weiter beziehe, aber keine Vorlesungen halte, sondern als Generalvikar des altkatholischen Bischofs Dr. Reinkens in Bonn sich aufhalte. Geh. Rath Althoff entgegnete, daß Professor Weber als Altkatholik durch einen andern einwandsfreien Professor der Philosophie ersetzt worden sei, und da man ihm seine Rechte genommen, habe man seinem Wunsche, ihn von seinen Verpflichtungen zu entbinden, nicht widersprechen können. Sodann ging beim Kapitel Höhere Lehranstalten der Abg. Dr. Graf auf die Schulreform näher ein. Sodann kam die Einheitsschule zur Sprache. Minister von Zedlitz versichert, daß von einer Einführung derselben keine Rede sei, die Grenzen von Realschulen, Realgymnasien und humanistischen Gymnasien dürften nicht verwischt werden. Ein anderes sei die Frage, ob humanistische Vorbildung unbedingt für einen gedeihlichen Universitätsbesuch nöthig sei. Daß dieses der Fall sucht Abg. Kropatschcck (ton.) nachzuweisen. Auf Anfrage wird regierungsseitig kundgegeben, daß die Anwesenheit eines Schulraths bei den Secundaprü-
vierzigtausend Livres verlor, zahlungsunfähig. Da seine einzige Tochter in Frankreich zurückgeblieben war, so hatte er für ihre Erziehung bisher in der Weise gesorgt, daß er Ihnen dafür alljährlich eine Summe von dreihundert Livres zukommen ließ. Infolge all dieses Unglücks, welches ihn getroffen hat, steht Gabriele jetzt völlig mittellos da, und ihr Herr Vater hat mich ausdrücklich beauftragt, Sie zu bitten, wenn irgend möglich, sich ihrer anzunehmen. Da ich ihre Adresse nicht kenne, so bitte ich, ihr die traurige Nachricht mitzutheilen. Schließlich bitte ich noch, des Verstorbenen im Gebete eingedenk zu sein, und verbleibe mit aller Achtung
Ihr ergebener Diener
F. Lepage."
„Eine schlechte Nachricht!" sagte Veronika, während der Bries ihren Händen entglitt. „Dieser arme Herr Lescale hat stets Unglück gehabt, er mochte anfangen, was er wollte. Ich hab's ihm vorausgesagt, als wir seiner verstorbenen Frau auf ihrem Todtenbette beistanden."
„Gewiß, aber was sollen wir jetzt mit Gabriele beginnen?" antwortete Susanna.
„Im Kloster kann sie nicht bleiben!"
„Auch wenn wir's könnren, ist ihres Bleibens dort nicht mehr, sie muß es eben gerade so machen, wie wir,
fungen in Erwägung gezogen sei. Der Etat wird bewilligt bis zum Titel: Zahlungen vermöge rechtlicher Verpflichtungen 230 419 49. Forts, morgen. Schluß 4 Uhr.
* Im Reichstage beantwortete heute Staatssekretär Frhr. v. Marschall die Interpellation der Abgg. Frhr. v. Stauffenberg und Siegle betr. Schutz des Urheberrechts an Werken der Literatur und Kunst in außerdeutschen Staaten dahin, daß demnächst bezügliche Verhandlungen mit Oesterreich-Ungarn beginnen und dem Reichstage wahrscheinlich in nächster Session ein den Wünschen der Interpellanten entsprechendes Abkommen werde vorgelegt werden können. Das Uebereinkommen mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika betr. den Schutz der Urheberrechte wurde in erster und zweiter Lesung angenommen und darauf die Etatsberathung fortgesetzt. Zum Etat des allgemeinen Pensionsfonds lag eine Resolution der konservativen Partei vor, welche die Einbringung einer Novelle zum Militärpensionsgesetz verlangt, wonach das Recht auf den Bezug der eigentlichen Pension erst ruhen soll, wenn die nachstehenden Klassen im Reichs-, staats- oder Kommunaldienst, unter Zurechnung der Militärpension mehr als folgendes gesammte Diensteinkommen beziehen: a) Offiziere 6000 Mk., b) Feldwebel 1500 Mk., Sergeanten und Unteroffiziere 1200 Mk., Gemeine 700 Mk., Unteroffiziere von ILjähriger Dienstzeit 1800 Mk. Generallieutenant von Spitz erklärte, daß eine Novelle zum Pensionsgesetz aufgestellt sei und dem Reichstage wahrscheinlich in nächster Session zugehen werde. Nach längerer Debatte, in welcher auch eine Besserung der Pensionsverhältnisse der Kriegsinvaliden entschieden gefordert wurde, wurde der Antrag zurückgezogen. Beim Etat der Zölle führte Abg. Brömel Beschwerde über gewisse Entscheidungen in Zollsache« und über- das zu langsame Verfahren bei Beschwerden. In der Debatte wurde allgemein als Uebelstand anerkannt, daß Informationen, die Importeuren bei den Zollämtern über die Zollpflicht gewisser Artikel ertheilt werden, nachträglich von den vorgesetzten Behörden zum Schaden des betr. Gewerbetreibenden desavouirt würden. Abg. Menzer beantragte zum Zolletat eine Erhöhung des Tabakszolls von 85 auf 125 Mk. pro 100 Kilogr. Weiterberathung morgen.
* Das preußische' Herrenhaus nimmt am 22. d. M. seine Berathungen wieder auf. Es sollen dann ununterbrochen 14 Tage lang bis zum Eintritt der Osterferien Sitzungen stattfinden, um die dem Hause vorgelegten kleineren Entwürfe sowie den bis dahin im Abgeordnetenhause festgestellten Staatshaushaltsetat und das Polizeikostengesetz zu erledigen. Dann tritt das Herrenhaus wieder zusammen, wenn ihm das Volksschulgesetz überwiesen sein wird.
* Leipzig. 8. Marz. Heute Morgen fanden wieder Ansammlungen Arbeitsloser in Anger, Crottendorf und Leipzig statt. Auf dem Markt, der für einige Zeit abgesperrt wurde, kam es zu Konflikten mit der Polizei. Laute Rufe nach Arbeit und Brod erschallten. Eine Deputation der Arbeitslosen begab sich zum Oberdas heißt arbeiten. Für's erste werden wir sie freilich zu uns nehmen müssen."
Susanna nickte beifällig. Dann sagte sie nach längerem Besinnen:
„Es scheint mir übrigens, daß wir das Kind sehr gut gebrauchen können. Während eine von uns beiden ein wenig Ruhe der pflegt, mag die andere mit ihr gehen, damit sie unsere Arbeit lernt. Ansangs wird es ihr freilich ein wenig Ueberwindung kosten, mit den Todten umzugehen; je nuy, dies wird sich wohl bald machen."
„Sie ist im Kloster wie eine Dame erzogen worden", meinte Veronika; „wer weiß, ob sie sich mit ihrer neuen Beschäftigung so leicht befreunden wird!"
„Freilich, — aber was soll sie anderes beginnen? Im Kloster der Heimsuchung kann sie nicht bleiben, und selbst wenn sie den Schleier nehmen wollte, müßte sie immer noch eine Mitgift haben, die nicht da ist. Und was würde aus ihr werden, wenn wir sie sich selbst überließen, wenn sie das Kloster verläßt? Ihr armer Vater hat ohne Zweifel wohl daran gethan, daß er auf uns rechnete. Wir werden sie nicht auf der Straße lassen, aber sie muß eben arbeiten, um bei uns ihr Brod zu verdienen."
„Gut, morgen können wir bei Maria Heimsuchung in die Messe gehen und dann die Frau Aebtissin besuchen", sagte Veronika, indem sie den Brief wieder