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Mittwoch, den 9. März 1892.
19. Jahrgang
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»kerievyrrnyer Mtkqeb7r sür Sandwirttischakt, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark -X» H'enmg. ____
Deutsches Keich.
Berli», 7. März.
* Die Ratieuallibrralen find in Ungnade gefallen, und darüber herrscht in ihrer Presse tiefe Verstimmung. Zu ihrem Jubiläum» - Fest im Saiserhos ist ihnen die erbetene Militär-Kapelle vorenthalten wsrden, und, was sie noch empfindlicher berührt zu haben scheint, ist, daß das offiziöse Wolff'sche Telegraphen - Bureau kein Wort über daS JubiläumS-Essen im Karserhof und die Bennigsen'sche Rede in'S Land hinaus telegraphirt hat. Ja ja, früher war das anders! Nachdem nun gar gegen die ,Köln. Ztg.' ein Prozeß wegen Majestäts-Beleidigung — begangen durch den Artikel über die letzte Rede des Kaisers — anhängig gemacht worden ist, kennt die Verdrießlichkeit der nationalliberalen Presse keine Grenzen mehr. Um das Maß voll zu machen, kommt nun auch noch ein offiziöser Korrespondent deS,Pester Lloyd' und meldet, daß die,Köln. Zeitung' in Folge ihres bekannten Neujahrs-Artikels, in welchem ganz unverblümt eine Revision deS monarchischen Prinzips für nothwendig erklärt wurde, aus der Umgebung des Kaisers verbannt sein soll. „Zerdrück' die Thrän' in Deinem Auge!"
* Die Balksschulkommisfion berieth vorgestern in mehrstündiger Sitzung den Paragraphen 51, betreffend die Verwaltung der äußeren Angelegenheiten der Volksschule. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt. Die weitere Berathung wurde auf Montag Abend vertagt. —Mehr und mehr schwindet die Hoffnung dahin, daß eS der Volksschulgesetz-Kommission gelingen werde, vor dem Beginn der Osterferien noch in die zweite Lesung über den Entwurf der Regierung einzutreten. Die Verhandlungen der Kommifsion wollen nun einmal nicht recht vom Fleck gehen, wie viel Mühe, sich auch die Freunde des Regierungs-Entwurfs geben, sie aus dem schneckenartigen Gange in ein schnelleres Tempo hinüberzuleiten. Die Schuld daran tragen natürlich ganz allein die Liberalen, die kultuMmpferischen Elemente der Freikonservativen eingeschlossen, weil sie von der Taktik des Verschleppens das erreichen zu können glauben, was sie auf geradem Wege nicht zu erlangen vermögen. Die von ihren Preßorganen unmittelbar nach der ersten Plenarberathung ausgetheilte und getreulich befolgte Parole, die Regierungs-Vorlage Schritt für Schritt zu bekämpfen, hat selbstverständlich keinen anderen Sinn, als die Sache durch ermüdende Besprechungen auf die lange Bank zu schieben, damit die endgiltige Entscheidung einer späteren Session Vorbehalten bleibe. Allerdings hätte die Mehrheit allen Grund, solchem Verfahren endlich ein Ziel zu setzen; augenscheinlich trägt man aber Bedenken, der Opposition einen Vorwand zu liefern, sich über Vergewaltigung beklagen zu können.
* Offiziös wird mitgetheilt, daß in den betheilig- len Grenzkreisen nichts über den Ausbruch der Rinderpest in den benachbarten russischen Distrikten bekannt ist.
* In der 26. Plenarsitzung vom 7. März nahm das Abgeordnetenhaus in 3. Lesung und endgültig nur die Vorlage über Heranziehung von Militärpersonen
zu Gemeindeabgaben, die über die Amtsaufsicht bei den Berliner Gerichten und die betr. der Helgoländer Kirchen- verhältniffe an. Sodann wird in die 2. Lesung des Kultusetats eingetreten. Abg. Rickert (dfr.) beschwert sich in längerer Ausführung darüber, daß die Lehrer m ihrer persönlichen Freiheit beschränkt würden und zieht die Regierungsdekrete von Frankfurt a. O., Pofen rc. au, welche den Lehrern die Agitation gegen das Schulgesetz verbiete, während man solche für daSfelbe unterstütze. Redner tadelt ferner den angeblichen Versuch eine Verstaatlichung der Bolksschullesebücher und die Verbalisirung der in denselben enthaltenen Lieder. Er tadelt ferner die Berfuche, die Simultanschule zu beseitigen, und begrüßt das neue Volksschulgesetz deshalb mit Freuden, weil es dem Volke zeige, wohin man steure. Minister Graf Zedlitz versichert, daß Niemand in die Privatrechte der Lehrer eingreifen werde; er habe deshalb die von Rickert angezogenen Dekrete gemißbilligt, ebenso die Verbalisirung von Liebem in den Lesebüchern. Der „Unsinn" die Verstaatlichung der Lesebücher machen zu wollen, sei ihm nicht eingefallen. Auch das neue Bolksschulgesetz werde nichts an Respektirung der persönlichen Rechte der Lehrer ändern. Abg. Rickert (dfr.) kommt nochmals auf die Lesebuchfrage zurück- Es sei von der Einführung eines allgemeinen Lesebuchs in einem behördlichm Reskript die Rede gewesen. Minister Zedlitz: Dies sei für Berlin der Fall gewesen, wo man wohl damit einverstanden sein werde. Beim Kapitel 116 „katholische Geistliche und Kirchen" tadelt Abg. Biesenbach (Ctr.) daß die Forderungen für die Altkatholiken hinerngestellt seien. Kapitel 116 sowie Kapitel 116a wurden hierauf genehmigt. Schluß 3^2 Uhr.
* Der Reichstag berieth heute den Kolomal-Etat. Die . Forderungen für Kamerun und Togo wurden ohne bemerkenswerthe Diskussion angenommen, dagegen entspann sich eine längere Debatte über daS südwestafrikanische Schutzgebiet, welches Abg. Dr. Bamberger aufgegeben wissen wollte, weil es die schlechteste und hoffnungsloseste unserer Colonien sei. Das Scheitem der deutsch - englischen Gesellschaft für Südwestafrika beweise am besten die Werthlosigkeit des Gebiets. Geh. Rath Kayser, Chef der Colonialabtheilung, bestritt dies. Das Nichtzustandekommen des Vertrags habe lediglich finanzielle und politische Gründe. Es gehe das u. A. auch), daraus hervor, daß der Regierung neuerdings wieder eine Offerte wegen Südwestafrika gemacht worden sei. Hinsichtlich der landwirthschaftlichen Ausnutzung der Colonie lägen hoffnungsvolle Berichte vor. Mit Arbeit und Geduld werde man auch guteFrüchte aus dem Schutzgebiete ziehen, welches die Regierung zu behauptm fest entschlossen sei. Abg. Dr. Hammacher (nl.) bestätigte und ergänzte die Ausführungen des Geh. Raths Kayser, wünschte aber, daß ausreichender als bisher für Ruhe und Ordnung in dem Schutzgebiete gesorgt werde. Abg. Graf Arnim (Rp.) sprach sich für Besiedelung des Schutzgebietes aus und als Vorbedingung dazu für Schaffung gesicherter Zustände. Auf Anregung des Grafen Arnim wiederholte Staats-
Uom Tode erstanden.
Novelle von I. Rüttgers.
(1. Fortsetzung.)
2.
Im Erdgeschosse lag ein ziemlich großes Zimmer, dessen Kamin die Bewunderung eines Kenners und Antiquitätenliebhabers erregt haben würde.
Zwei Säulchen an jeder Seite stützten einen mit großer Kunst und noch größerer Geduld geschnitzten Kaminsims. Die Wände waren mit ziemlich geschmackvoller Holztäfelung bekleidet, aber all' diese Reste eines früheren Luxus waren sicherlich älter als ein Jahrhundert, während das Mobiliar, offenbar etwas moderner, mehr als bescheiden zu nennen war.
Ein einziges Bett mit ziemlich verschossenen Vorhängen diente beiden Schwestern als Lagerstätte, und sehr viele Besuche schienen sie gleichfalls wohl nicht zu empfangen, denn nur zwei Stühle lehnten einsam wider den Kamin.
Ein großer nußbaumener Schrank und eine Art Küchentisch mit ziemlich altem, werthlosen Porzellan, an welchem die Zeit nicht spurlos vorübergegangen zu sein schien, machten das ganze Möblement dieses Gemaches aus, welches als Schlafzimmer, Empfangsraum und Speisesalon zu gleicher Zeit diente.
Der übrige Theil des Hauses war leer und diente den Ratten und Mäusen als Tummelplatz, auf welchem sie ungestört ihr Wesen treiben kynntey.
So war e8 nun schon einige dreißig Jahre gewesen. Der ärmste Fischer aus dem St. Laurent- Viertel, welcher vielleicht mit seiner Familie in einer rauchgeschwärzten Spelunke wohnte, deren Fenster keine ganze Scheibe mehr hatten, und die er dazu vielleicht noch theuer genug bezahlen mußte, hätte um keinen Preis in diesem Hause seinen Aufenthalt nehmen wollen.
Die beiden Frauen, welche in dieser Weise ganz allein wohnten, waren übrigens in ganz Marseille stadtbekannt, und ebenso war niemals auch nur der leiseste Zweifel an ihrer Rechtlichkeit und Wohlanständigkeit laut geworden. Gleichwohl flößten sie jedermann eine gewisse Abneigung, um nicht zu sagen einen unwillkürlichen Schrecken ein — Niemand wußte freilich anzugeben, weshalb.
Vor einigen fünfzig Jahren waren sie eines Tages arm und ohne alle Stütze hier hingekommen. Da sie keine andere Arbeit, von welcher sie sich hätten ernähren können, verstanden, fo widmeten sie sich der Krankenpflege, und da sie sehr gewissenhaft und aufopfernd waren und auch nicht ohne Kenntnisse in diesem Berufe zu sein schienen, so hatten sie sich sehr bald eine ziemliche Kundschaft erworben
fekretär Frhr. v. Marschall die in der Kommission abgegebene Erklärung, daß die kaiserliche Regierung sest entschlossen sei, die Schutzherrschast in Südwestafnka aufrecht zu erhalten. Es würde nur unser Ansehen untergraben, wenn wir ein Gebiet, das wir einmal besitzen, um verhältnißmäßig geringer Opfer willen, auf- geben wollten. Abg. Richter (dfr.) wiederholte femen ftüheren Ausfpruch, daß Süowestastika ein elendes Sandloch sei, daS aufzugeben im Interesse des Reiches liege. — Zwischen dem Grafen Arnim und dem Dr. Bamberger kam es schließlich zu einer scharfen persönlichen Auseinandersetzung, welche in der Ankündigung einer Duellforderung des Ersteren gipfelte, die schließlich aber auf Mißverständnisfe zurückgeführt wurde. — Die Forderung für Südwestafrika wurde genehmigt, ebenso das Etatsgesetz für die Schutzgebiete. — Morgen Schutz des Urheberrechts und Etat.
* Wiesbaden, 6. März. Die heute Nachmittag im „Römersaal" hier abgehaltene Katholiken-Ver- sammlung, nahm unter überaus starkem Zudrange den glänzendsten Verlauf. Den Vorsitz führte Herr Oberbergrath Brüning. Der erste Redner, Herr Prälat Dr. Keller beleuchtete in meisterhafter Ausführung die jüngst hier von ben Herrn von Reichenau und Oberlehrer Güth zu Gunsten der Simultanschule gehaltenen Reden, während der folgende Redner, Herr Reichstags- und Landtagsabg. Dr. Lieber die Unwahrheit der Phrase nachwies, daß die Simultanschule der ganzen Bevölkerung an's Herz gewachsen sei, und unter stürmischem Beifalle der Versammlung darlegte, daß es sich bei dem gegenwärtigen Schulkampfe in der That um einen Kampf zwischen Christenthum und Atheismus handle. Kurz vor 6 Uhr wurde nach 21/2» stündiger Dauer die imposante Versammlung geschlossen.
Ausland.
* Die Finanzminister Oesterreichs und Ungarns sind übereingekvmmen, Ende April die Vorlage über die Währungsreform in den Parlamenten einzubringen.
* In der Schweiz ist zu Ende der vorigen Woche der allgewaltige Eisenbahndirektor Marti gestürzt worden. Derselbe war als Direktor der Jura-Simplon- Bahn der unumschränkte Gebieter über mehr als ein Drittheil des schweizerischen Eisenbahnnetzes. Die Katastrophen von Mönchenstein und Zoüikofen hatten seine Stellung zunächst erschüttert, bann kam die Verwerfung der Bahnverstaatlichung und der Rücktritt Weltis und zuletzt ein Zwist int Verwaltungsrathe selbst. .Die Macht der radikal-demokratischen Linken, zu deren obersten Führern Marti gehörte, wird in Folge seines Rücktrittes bedeutend geschwächt werden — und daS ist kein Unglück.
* In Belgien hat die geplante Verfaffungsrevlsion unter den sozialistischen Arbeitern wieder eine lebhaftere Agitation für das allgemeine Wahlrecht hervorgerusen. Eine Delegirtenversammlung in Brüssel hat beschlossen, nicht nur für den Achtstundentag, sondern auch für das allgemeine Wahlrecht große Massendemonstrationen zu veranstalten. Sollte das Parlament die Ber-
Man rief sie also in allen besseren Familien, sobald Jemand schwer erkrankte, und so hatten sie denn im Laufe eines halben Jahrhunderts so Manchem die Augen zugedrückt.
Als das Alter und körperliche Gebrechlichkeit sich geltend zu machen begann, hatten sie ihren Beruf als Krankenwärterinnen aufgeben müssen» und so wurden sie denn jetzt nur mehr gerufen, um bei dem Tobten zu wachen unb sie zur letzten Ruhestätte zu geleiten. So- balb man sie ein Haus betreten sah, wußte man, daß hier Jemand in ben letzten Zügen liege. Man sah sie übrigens stets in' der nämlichen Kleidung und im nämlichen Aufzuge, ein Kleid von schwarzer Sergette bedeckte ihren Leib, und mit düsterem Blicke und, nach damaliger Sitte mit einer Kerze in der Hand, betraten sie gewöhnlich die Stätte, wo man ihrer Dienste bedurfte. ,
Ihre beständige Trauerkleidung, ihre hageren, blassen Gesichtszüge, dazu die ungewöhnlich dürre, knochige Gestalt, hatten etwas Unheimliches, Schreckenerregendes, und so hatte sie denn im Lause der Zeit der Volksmund, um diese äußeren Eindrücke in Wotten wiederzugeben, kurzweg „die Raben" genannt, so daß sie nur unter dieser nichts weniger als eimiehmenden Bezeichnung bekannt unb ihre eigentlichen Namen , Veronika unb Susanna, sozusagen ganz der Vergessenheit anheimgefallen waren.