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55 Dienstag, den 8. März 1892. 19. Jahrgang

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* Frankreich im Jahre 1891.

Die Jahresrückblicke der französischen Blätter ver­zeichnen diesmal eine außergewöhnliche Zufriedenheit; das verflossene Jahr wird als das beste seit Gründung der Republik bezeichnet. Von dem Standpunkt der meisten Franzosen aus kann man dieses Gefühl nicht unberechtigt finden. Niemals seit ihrem Bestände ist die Republik weniger angefochten worden als jetzt. Als ersten Beweis der eingekehrten Ruhe kann man die lange Dauer des letzten Ministeriums anführen, das ohne sonderliche Stürme weit länger ausgehalten hat, als alle seine Vorgänger. Mit der Aussicht auf Er­folg ist auch die Lust am Widerstand in weiten Kreisen erloschen, daher vielen monarchischen Deputaten eine Schwenkung zur Republik angezeigt erscheint. Bor allem aber ist bezeichnend die Schwenkung der Geist­lichkeit, die vorher als die kräftigste Stütze der mo­narchischen Partei gelten konnte. Eingeleitet wurde sie durch die bekannten Erklärungen des Kardinals Lavi- gerie, die zuerst im katholisch-monarchischen Lager Er­staunen, dann aber meist zögernde Billigung fanden, namentlich als man sah, daß der Papst die Auf­fassungen des Kardinals theilte. Während die amt­lichen Vertreter des Papstes und der Republik in Rom und Paris die liebenswürdigsten Erklärungen aus­tauschten, schlossen sich auch in Frankreich einflußreiche Kirchenfürsten den Erklärungen Lavigeries an. Es schien, als ob die Aussöhnung des Papstes mit seiner ältesten Tochter im besten Gange sei. Doch ist ein eigentliches Bündniß zwischen dem Papstthum und der kulturkämpferisch-atheislischen und demokratischen Repu­blik unmöglich. Auf dem Gebiete der Lohnbeweg­ung sind einige große Ausstände zu verzeichnen, doch schlugen diese im allgemeinen nicht zu Gunsten der Arbeiter aus und führten in dem einen Falle zu dem blutigen Zusammenstöße bei Fvutmiers, den dann die revolutionären Sozialisten gegen die Regierung ouszu- beuten suchten. Es gelang ihnen auch, den sozialisti­schen Agatitator Lafurgue zum Deputirten von Lille wählen zu lassen. Einen breiten Raum nahmen die Verhandlungen über den neuen Zolltarif ein, bei denen die Schutzzöllner einen entschiedenen Sieg davontrugen. In dem Augenblicke, wo die Mächte Mitteleuropas sich zu en gern Handelsbeziehungen zusammenschließen, hat Frankreich eine Bewegung im gegenteiligen Sinne gemacht, von der die Freihändler eine schwere Schä­digung der französischen Industrie befürchten. Bei dieser Gelegenheit ist der § 11 des Frankfurter Frie­dens nachträglich zu Ehren gekommen, denn es wird von allen Seiten zugestanden, daß man sich ohne ihn in einer mehr als bedenklichen Lage befinden und der Gefahr ausgesetzt fein würde, sich die europäischen Märkte fast ganz verschlossen zu sehen.

Die auswärtige Politik läßt sich in das eine Wort zusammenfassen: Kronstadt. Seit Jahren war der dringendste Wunsch der Franzosen eine möglichst enge Annäherung an Rußland. Dem Liebeswerben der

des Ministeriums für Handel und Gewerbe, sowie der Etat der Bauverwaltung zur Berathung, und von Re­gierungsvorlagen nur das Polizeikostengesetz für Städte mit königlicher Polizeiverwaltung. Letzteres wurde nach den Beschlüssen der Kommission unverändert angenommen, obschon die Vertreter der von dem Ge­setze betroffenen Städte sich sträubten, die Beiträge zu den Pvlizeikosten in den vorgeschlagenen Sätzen zu be­willigen.

* Die Volksschulkommission des Abgeordnetenhauses erledigte gestern den 2. Abschnitt der Vorlage. — In der Frage der Organisation der Schulverwaltung und der Schulbehörden haben sich die freisinnigen, national­liberalen und freikonservativen Mitglieder der Kommis­sion zu Prinzipalanträgen vereinigt, wonach der 3. Abschnitt des Gesetzentwurfs unter Festhaltung des Grundsatzes der Dezentralisation umzuarbeiten ist. Hierzu gehört auch der Antrag auf Einsetzung einer Subkom­mission zur Umarbeitung des 3. Abschnittes und daß die Weiterberathung des 4. Abschnittes so einzurichten sei, daß der Subkommission ausreichende Zeit für die Erledigung ihres Auftrages verblerbt.

nißvertrag nicht abgeschlossen worden war; sodann sahen die französischen Heißsporne, daß Rußland nicht gewillt war, nun auch sogleich über Deutschland her­zufallen, und endlich mußten die Franzosen nicht ohne Schmerzen die russische Freundschaft in Gestalt von Anleihen recht theuer bezahlen, an denen sie noch heute zu tragen haben. Man muß ihnen aber zugestehen, daß sie das mit Würde zu tragen wußten, und daß die glühende Freundschaft noch heute anhält. Man mischt jetzt einen friedlichen Ton in dieses nichts weniger als friedliche Bünd.niß, und von allen Seiten können wir hören, daß erst recht durch dasselbe der Friede gesichert sei. Wir wollen uns nicht damit aus­halten, zu beweisen, wie viele Heuchelei in diesen Er­klärungen steckt, sondern lieber mit einer gewissen Ge­nugtuung feststellen, daß man heute wenigstens auf eine sofortige Störung des Friedens verzichtet hat. Im Uebrigen steuerte die französische Diplomatie ganz im Fahrwasser der russischen und machte sich namentlich deren Orientpolitik ganz zu eigen.

Berlin, 5. März.

* Im Abgeordnetenhause nimmt die Kommisfions- Brrathung über das neue Bolksschulgefch ih-en ruhigen Fortgang, — langkam aber sicher. Nach den polemischen Erörterungen des Abschnitts über die konfessionelle Schule, wobei noch der § 18 über den Religionsunter­richt ausgesetzt wurde, beschäftigt die Kommission sich gegenwärtig mit einem weniger aufregenden Abschnitt des Gesetzes, mit äußeren Einrichtungen der Volks­schule. Um der Volksschulgesetz-Kommission Zeit zu ihren Beratungen zu belassen, wurden die Plenar-

Franzosen stand eigentlich nichts anderes entgegen, als die Abneigung des Kaisers von Rußland gegen die republikanische Regierungsform. Von Frankreich ge­schah das Mögliche und Unmögliche, um den Kaiser zu überzeugen, daß diese Abneigung nur auf einem Borurtheil beruhe und daß das selbstherrlich regierte Rußland keinen besseren und treuem Freund finden könne, als die rothe französische Republik. Die Grund­sätze von Freiheit und Gleichheit litten dabei freilich Schiffbruch und auch auf die Wahrung nationaler Würde wurde kaum Gewicht gelegt, wenn es sich darum handelte, dem Zaren die unbedingte Ergebenheit der französischen Republik zu beweisen. Ueberall bot die Republik dem Zarenreiche ihre diplomatische und sinan- zielle Unterstützung an, und gleichzeitig wurde in Frank­reich mit zielbewußtem Eifer daran gearbeitet, in der Bevölkemng alle Bedenken niederzukämpfen, die sich aus so vielen Gründen einem russischen Bündniß ent­gegenstellten. Es fiel dem französischen Radikalismus nichr leicht, seine nihilistischen Freunde zu Gunsten ihres „Henkers" zu verleugnen; aber derHaßgegen Deutschland trug den Sieg davon, und von dem Augenblick an, wo man hoffen konnte, daß sich der Zar den französischen Revanchegelüsten als Genosse an- schließen würde, ging man über die alten Freunde ruhig hinweg. Erleichtert wurde dieser Wechsel durch den Umstand, daß man in Frankreich von Rußland so gut wie gar nichts weiß und sich daher mit Hilfe reger Phantasie und sehr guten Willens ein Anschauung von russischen Verhältnissen bilden konnte, die der Wahrheit zwar in Nichts entsprach, dafür aber die Fran­zosen in ihren " eigenen Augen entschuldigte. So war der Boden vorbereiter, und dann kam Kronstadt. Die Ereignisse sind noch so frisch, daß auf eine eingehendere Schilderung verzichtet werden kann. Der frenetische. Jubel, mir -em dic frrmzöfischeii "Seeleute in Kron ­stadt und Petersburg empfangen wurden, die große Freundlichkeit, die der Zar den französischen Gästen bewies, und die Selbstüberwindung, mit der er die Marseillaise stehend anhörte, das alles fand einen ge­waltigen Widerhall in Frankreich und riß die Fran­zosen zu einem Begeisterungstaumel bin, der, wie bei ihnen üblich, das Maß alles Vernünstigen überschritt. Als dann gar russische Kriegsschiffe französische Häfen besuchten, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr, und Frankreich legte sich dem Zarenreiche in einer Weise zu Füßen, die man bei der einst so stolzen Nation früher nicht für möglich, gehalten hätte. Auch die Ruffen, die vorher eine gewisse Kühle gezeigt hatten, wurden allmählich mit fortgerissen, und selbst die russische Diplomatie wurde warm. Die Bewegung dauernd auf dieser Siedehitze zu erhalten, war un­möglich, und viele Franzosen erkannten doch zuguter­letzt, daß sie sich mit kindlichen Uebertreibungen nicht nur in den Augen Europa's lächerlich machten, sondern auch an Achtung bei den russischen Freunden einbüßen mußten. Es kamen auch Enttäuschungen hinzu: Zu­nächst wurde es offenkundig, daß ein förmlicher Bünd-

Uom Kode erstanden.

Novelle von I. Rüttgers.

(Nachdruck verboten.)

Es ist an einem falten, düstern Winterabend des Jahres 17 . . . Träge durchschneidet ein kleiner Nachen die Finthen des Hafens zu Marseille, um zwei alte Frauen, welche sich in demselben befinden, zu ihrer Wohnung in der Rue St. Laurent zu bringen.

Das Wetter war rauh und und unfreundlich, kalt und eisig strich der Wind durch das Segelwerk der Schiffe und hielt die Laternen derselben, welche ein zweifelhaftes, unbestimmtes Licht auf den öden Quai warfen, in fortwährendem Schwanken. Die beiden Frauen hatten ihre großen Kapuzen über den Kopf ge­zogen und wärmten, so gut es ging, abwechselnd ihre Hände an einer kleinen Laterne mit Horngläsern, welche ihre Gesichtszüge mit etwas unheimlichem Scheine röthete.

Aus Leibeskräften ruderte der Fährmann, während er zugleich, als ob er sich einer gewissen Furcht nicht erwehren könne, mit lauter Stimm- eine wild klingende Melodie vor sich hin sang und ab und zu einen ver­stohlenen Blick auf die beiden Personen, welche zwei schwarzen Schatten gleich vor ihm da saßen, warf.

Während der ganzen Fahrt, welche vom „Neuen Ufer" bis zum Fort St. Jean ging, wurde zwischen unseren drei Persönlichkeiten fein Sterbenswörtchen ge­wechselt.

Endlich war man an Ort und Stelle angefommen. Behende sprang der Fäbrmann an's Land und befeftigte sein Fahrzeug an der Quaimauer.

Dann blieb er lautlos stehen, ohne im Geringsten Miene zu machen, seine schwielige Hand auszustrecken, um den ihm gebührenden Fahrlohn in Empfang zu nehmen. Seine Fahrgäste waren mittlerweile gleich­falls ohne seine Hilfe auZgestiegen.

„Hier, Meister Tonnin," sagte jetzt eine der beiden Frauen, indem sie ein großes Geldstück hervorzoq, „hier ist Euer Lohn!"

„Gott soll mich davor bewahren!" rief der Ange­redete, einen Schritt zurücktretend, aus. „Gebt's lieber morgen irgend einem armen Schlucker als Almosen!"

„Sie müssen wohl große Reichthümer besitzen und nur zum Vergnügen sahren," erwiderte die andere Alte etwas bitter. „Ihr verstorbener Vater war gerade nicht so hochherzig, er spendete sich die Almosen' selbst und fonnte sie wohl in seinem Haushalte gebrauchen, Jedermann weiß es."

„Ich bin ebenso wenig reich, als er es war," gab jetzt der Fährmann, welchen die Antwort der Alten etwas verblüfft hatte, zurück; „gleichwohl fann ich dieses gute Werk thun, ohne heute Abend hungrig zu Bette gehen zu müssen."

„Gut denn, so verrichtet dies gute Werk mit eigenen Händen, Meister Tonnin, das wird uns mehr Segen bringen," sagte die Alte jetzt wieder, indem sie dem

Fährmann mit etwas unzufriedener Miene das Geld­stück hin hielt.

„Zurück!" rief der Fährmann erregt und erschrocken zugleich aus. „Euer Geld würde mir nur Unheil brin­gen, so wahr Gott lebt! Ich will's nicht, um feinen Preis — nehmt'» zurück, es ist Todtengeld!"

„Oh, oh!" versetzte die Alte gereizt, „hütet Euch, daß wir nicht bald so viel verdienen, daß wir Almosen spenden fönnen, indem wir Euch in den letzten Mantel hüllen!"

Bei dieser Drohung erbleichte der Fährmann und begann zu zittern, Hann faßte er sich wieder elmas und schrie, indem er einenSchritt vorwärts that und drohend seine Hand erhob:

„Alte Zauberin, Dienerrn des lebendigen Gottsei­beiuns ! Du wirst mich weder tobt noch lebendig bet­ten, sag' ich Dir! . . . Deine Seele wird noch eher als die meinige in die Gluth der Hölle fallen!"

Bei diesen Worten und besonders angesichts der drohenden Geberde des Mannes wollten sich die beiden Frauen eiligst entfernen, aber er pflanzte sich vor ihnen auf und fuhr mit seinen Verwünschungen fort.

In diesem Augenblicke tauchte im nächtlichen Halb­dunkel ein junger Mann auf, welcher den Quai herauf­kam; als er die drei Personen in hefttgem Wortwechsel mit einander begriffen sah, griff er unwillkürlich nach seinem Degen.

„Ach, lieber Herr!" riefen die beiden alten Frauen,