.¥ 54 Sonntag, den 6. März 1892. 19.Jahrgang
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«MP* Hierzu eine Beilage.
Deutsches Keich.
Berlin, 4. März.
* Auf eine in der ,Nat.-Ztg.' an den Reichskanzler und die Minister gerichtete Mahnung, sich über die Urtheile der ausländische« Presse «der die letzte Kaiser- rede vollständig zu unterrichten und daraus weiter die Verpflichtung zu entnehmen, dem Kaiser darüber zu berichten, erwidert eine anscheinend offiziöse Berliner Korrespondenz des Hamb. Korr/, der Rath fei in jeder Beziehung übel angebracht. Es treffe weder die Annahme zu, daß der Kaiser über die Urtheile der Presse nicht genügend unterrichtet sei, noch auch die andere, daß abfällige oder feindselige Urtheile des Auslandes einen besonderen Eindruck auf ihn machen könnten. „Was namentlich den ersteren Punkt betrifft, so hat der Kaiser schon alsbald nach dem Antritte seiner Regierung befohlen, daß ihm in den regelmäßigen Zeitungsberichten und Blätterausschnitten nicht blos wohlwollende Urtheile vorgelegt, sondern auch kritische und mißgünstige Aeußerungen der öffentlichen Meinung über sein persönliches Thun und die Maßnahmen seiner Regierung nicht vorenthalten werden sollen. Es liegt kein Grund vor, zu glauben, daß hiervon im Falle der Rede auf dem brandenburgischen Ständemahle abgegangen worden sei."
* Der Kaiser hat den Minister des Innern beauftragt, der hiesigen Schutzmannschaft für ihr besonnenes, umsichtiges und energisches Verhalten bei den in den letzten Tagen des vorigen Monats vorgekommenen Straßenunruhen seine Anerkennung auszusprechen.
* Minister Graf v. Zedlitz bereitet einen Gesetzentwurf vor, wonach die Gemeinden verpflichtet werden, zur Aufbesserung der Gehälter derLehrer höherer Schulen im Wesentlichen dasselbe zu leisten, was für Lehrer an Staatsanstalten vorgesehen ist.
* Ueber die geschäftlichen Dispositionen betreffs des BolkSschulgesetzes schreiben die ,Berl. Pol. Nachr.': „In der Kommission hat man die Hoffnung noch nicht aufgegeben, vor der in reichlich 5 Wochen bevorstehenden Osterpause in die zweite Lesung des Entwurfes einzutreten und somit den Beginn der Ple- narberathungen noch in der zweiten Hälfte des MonatS Mai herbeiführen zu können. Man verhehlt sich aber nicht, daß diese Hoffnung nur dann in Erfüllung gehen würde, wenn der Verlauf der weiteren Verhandlungen sich rascher vollzieht, als dies bisher der Fall war. Bis jetzt sind nicht voll vierzig Paragraphen, darunter allerdings zwei Hauptstreitpunkre, in 13 Sitzungen erledigt. Die zweite Woche des März wird für die Be- rathungen so ziemlich ganz ausfallen und so für den Rest der Arbeit bis Ostern wenig mehr als vier, allerdings an sitzungsfreien Tagen sehr reiche Wochen zur Verfügung stehen. Bedenkt man, daß außer der Novelle zum Landesverwaltungsgesetze noch rund 150 Paragraphen durchzuberathen sind, so erhellt, daß mit
der äußersten Ausnutzung der Zeit ein vergleichsweise rascher Verlauf der Verhandlungen zusammentreffen muß, wenn jenes Ziel erreicht werden soll. Selbst aber, wenn dasselbe erreicht wird, dürfte das Herrenhaus schwerlich vor Ende Juni an die Berathung des Gesetzes herantreten können. Eine sehr erhebliche Ausdehnung der Sessionsdauer erscheint daher als sicher.
* Der Reichstag, dem die Urheberschutzkonvention mit Nordamerika zugegangen ist, berieth den Etat des Auswärtigen Amts, und zwar zunächst den hierzu von einer Anzahl deutschfteisinniger und nationalliberaler Abgeordneten gestellten Antrag auf Einleitung von Verhandlungen mit den auswärtigen Mächten zum Zwecke, durch Uebereinkunst von Staat zu Staat die Freiheit des Privateigenthums zur See in Kriegszeiten zu einem vertragsmäßig anerkannten Grundsatz des Völkerrechts zu erheben. — Reichskanzler Graf Caprivi erklärte, er würde mit Vergnügen die Sache in die Hand nehmen, wenn er sich einen Erfolg davon verspräche. Nach seiner Ueberzeugung würden aber derartige Verhandlungen der Sache der Humanität mehr schaden als nützen. Die Stimmung zu Gunsten des Schuhes des Privateigenthums in Kriegsfällen sei in den letzten Jahrzehnten, wenn man von Deutschland absehe, zurückgegangen. — Für den Antrag sprachen Abgg. Jebsen (nl.), Dr. v. Bar und Dr. Barth (dfr.), während Abgg. Dr. Hartmann (kons.) und Örteret ((Str.) denselben nach der Erklärung des Reichskanzlers für nutzlos erkannten und die Antragsteller um die Zurückziehung des Antrags ersuchten, damit nicht die Meinung erweckt werde, als ob der Reichstag dem in dem Anträge niedergelegten Prinzip ablehnend gegenüberstehe. — Der Antrag wurde zurückgezogen. — Eine Debatte veranlaßte schließlich die Forderung von 500,000 M. für geheime Fonds. — Auf Anregung Les Abg. Rickert (dfr.) gab Reichskanzler GrafCapMi die Erklärung ab, daß das Auswärtige Amt vom 1. April d. I. ab keinen Pfennig mehr aus dem Welfen- fonds erhalte, daß in Zukunft keine Beträge mehr aus dem Welfenfonds zu Zwecken der hier in Frage stehenden Ausgaben verwendet werden und daß die preußische Regierung ernstlich mit einer anderweiten gesetzlichen Regelung der Verwendung des Welfenfonds beschäftigt sei. — Abgg. Ballestrem (Ctr.) und v. Bennigsen (nl.) nahmen mit Genuthuung von dieser Erklärung Kenntniß und erklärten sich daraufhin für die Bewilligung der Forderung, während Abg. Richter (dft.) die Erklärung nicht für ausreichend erachtete, sondern erst Vorlegung des Gesetzentwurfs über die künftige Verwendung des Welfenfonds an den preußischen Landtag verlangte. — Die Forderung wurde darauf gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Richters und einiger anderer Mitglieder der Linken angenommen. — Bei den einmaligen Ausgaben wurde die Weiterberathung auf morgen vertagt.
* Der Plan, die ReichStagssksfion vor Ostern zu schließen, ist, wie die ,Magd. Ztg.' hört, noch keineswegs aufgegeben; es wird dafür geltend gemacht, daß nach den neuesten Erfahrungen ein Haus, welches auch
nur aufS Rothdürftigste den äußeren Schein der Beschlußfähigkeit wahrt, schlechterdings nicht mehr zusammenzuhalten ist. Ein so ftühzeitiger Schluß würde allerdings das Fallenlassen der meisten in allerjüngster Zeit eingebrachten Gesetzentwürfe bedingen. Allgemein ist der Wunsch, daß die Regierung sich jetzt in einem so vorgerückten Stadium der Session des Einbringens neuen Arbeitsstoffes enthalten möge.
* Gegen Rektor Ahlwardt ist wegen Beleidigung des Justizministers, Dr. v. Schelling, in der Broschüre „Jüdische Taktik" die Untersuchung eingeleitet worden In dieselbe sind auch der Verleger und der Drucker mit einbezogen.
* Dauzig, 4. März. Der Magistrat ließ, um dm Arbeitslosen Arbeit zu beschaffm, heute Morgen die Erdarbeiten auf ben Rieselfeldern beginnen. 220 Arbeiter sollten mittels Dampfers befördert werdm, 800 waren an der Landungsstelle des Dampfers erschienen. Die Zurückgebliebenen begingen Ausschreitungen, besonders gegen Bäckerläden und Brodträger. Ein Wagen mit Fleisch wurde geplündert. Jetzt sind zahlreiche Gruppen Arbeitsloser in Bewegung, welche von der Polizei ohne Mühe zerstreut »erben.
* Frauenburg, 1. März. Den Gegenstand des diesjährigen Fastenhirtenbriefes des hochw. Herrn Bi- ichoss Dr. Thiel bildet der Bibelvers „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet" (Matth. 26, 41 ff.). Der hochw Herr Bifchof ermahnt, dm Gefahren der gemischten Ehen, den Auswanderungen in ferne Gegenden gegenüber zur Wachsamkeit. Dm menschlichen Leidenschaften sei schon in ihrem Entstehen entgegenzutreten; besonders zu empfehlen seien in der hl. Fastenzeit die Tugenden der hl. Mäßigkeit und Nüchternheit. Der zweite Theil des HirtenschreibenS handelt vom Gebete, welches das erfolgsamsteMittel sei, imwdirSridmfchaften -a bekämpfen, und die mannigfachen Versuchungen zurückzuweism.
* Zum Xantener Kuabenmsrde bringt die neueste Nummer des ,Xantener Boten' höchst beachtmswerthe Eröffnungen. Der ,Bote' schreibt:
Wie wir schon mittheilten, hat das amtliche,Clever Kreisblatt', von dem man annehmen darf, daß es vom Herrn I. Staatsanwalt gelesen wird, sich erdreistet, nicht nur einen hiesigen Geistlichen in der grundlosesten, gehässigsten Weise öffentlich zu verdächtigen, sondern auch die Richtigkeit unserer eigenen Mittheilungen in Sachen der hiesigen Mord-Affairr zu bestreiten. Durch das Auftreten jenes amtlichen Blattes finden wir uns genöthigt, etwas mehr aus der Reserve herauszutreten, welche wir uns von Anfang an in dieser peinlichen Angelegenheit auf- erlegt hatten, und sprechen babei die Hoffnung aus, daß wir nicht gezwungen werden, noch weiter gehen zu müssen. Wir brachten in Nummer 15 dieses Blattes in Form einer Berichtigung das Urtheil des Herrn Dr. Steiner über den Mord- schnitt am kleinen Hegmann. Dasselbe lautete dahin, daß er (Herr Dr. Steiner) kein Hehl daraus gemacht habe, daß nach seiner Ansicht der Schnitt mit einem langen, haarscharfen Meffer vollführt sein niüsie, und daß der Thäter es verstanden haben müsse, mit einem solchen Messer umzugehen. Den Ausdruck Schächtschnitt selbst habe er nicht gebraucht, weil er den Schächt- schnitt nicht kenne. Hierzu erklärte uns Herr Dr. Steiner mündlich noch ausdrücklich, daß sämm tliche Adern des Halses vollständig durchschnitten gewesen seien. (Daraus begreift man auch die totale Blut - Entleerung der Leiche. Bom Blute des Kindes selbst fand sich nachweisbar nur em kleiner
bauende Worte.
gebet
zu- er-
anzuklagen.
Dazu kommen an allen Festtagen Predigten, und an allen Sonntagen allgemeine Konferenzen. Und dazwischen findet er immer noch Zeit, der heiligen Mutter Gottes und dem heiligen Joseph vor den ihnen geweihten Altären seine Anliegen, Sorgen Bitten rc. vorzutragen! —
Insbesondere ist es nächst der heiligen Jungfrau und Goltesmutter der heilige Joseph, dem er innigst ergeben ist, und dem er allein seinen oft nicht geringen Kummer und feine Sorgen mit der Verwaltung des
Hauses anvertraut. Er ist unobläffig bemüht, die Verehrung dieses großen Heiligen zu verbreiten, und ich habe ihn selbst sagen gehört, daß der heil. Joseph fein Schaffner sei und ihm schon oft auf wunderbare Weise Hilfe zugekommen ist.
Dieser ehrwürdige Greis ist zwar der erste im Range feiner Gemeinde, aber er selbst betrachtet sich als den letzten, als ben Diener aller Uebrigen und nur in Einem will er ber erste sein, nämlich im guten Beispiele, womit er seinen Untergebenen allezeit und überall voranleuchtet.
Er ist aber auch der Beichtvater des bei weitem größten Theiles der Gemeinde und da jedes Ordens- mitgüeb wöchentlich einmal zu beichten vetpflichiet ist, so ist das wahrlich keine kleine Aufgabe, die noch vermehrt wirb dadurch, daß er erkrankte Beichtkinder in ihren Zellen aufsuchen muß, um sie ixt Bette Beichte zu hören.
Ist der hochwürdigste Abt der liebende Vater aller seiner Kinder, so ist ‘er dieses in erhöhtem Maaße feinen kranken Brüdern. Er besucht sie öfters des Tages, seine Lippen träufeln ihnen Worte süßen Trostes ein mit solcher Kraft, daß ber Schwerkranke auf seine Schmerzen vergißt, mit glühender Andacht das heil. Kreuz küßt, und voll Freude dem nahen Tode entgegensieht. —
Wie oft bringt dieser gute Hirte ganze Rächte
Täglich erscheinen zu bestimmter Stunde eine wisse Anzahl von Religiösen zur Privatkonferenz ihm, in der er sich nach dem Seelenzustande jedes Einzelnen, seinen etwaigen Wünschen und Bedürfnissen, seinen Hindernissen im geistlichen Fortschritte re. liebevoll erkundigt.
Täglich nach der Prim erklärt er den Mönchen die Regel, um sie in der Kenntniß und Pflichten ihres Standes zu uuterrichten und dann hält er Anklage- Kapitel, um Jedem Gelegenheit zu geben, sich öffentlich über seine Fehler gegen die Regel seines Klosters
Zimmers sieht man immer belagert von seinen vielen Äinbern, die in ihren tausenderlei Anliegen Hilfe und Trost bei ihm suchen, und Jeder geht froh und frieden wieder fort, für Jeden hat er freundliche,
Drei Gage bei den Trappisten.
(5. Fottfetznng.)
Weil ich nun schon einmal auf die außerordentliche Thätigkeit dieses so ausgezeichneten Kirchenfürsten zu sprechen gekommen bin, so will ich gleich diese Gelegenheit benützen und meinen lieben Lesern auch etwas über die internen Beschäftigungen desselben mittheilen, deren Kenntniß ich der Liebenswürdigkeit des P. Dominicus, Prior von Mariastern, und den begeisterten Schilderungen meines lieben alten Freundes P. Ange- licuS verdanke.
Diese Geschäfte werfen zugleich ein Helles Licht auf bie Lebensweise ber Trappisten, die kennen zu lernen ja ber Zweck meiner Reise war.
Die früher erwähnten äußeren Geschäfte nennt der hochwürdige Herr Abt selbst „seine kleinen Erholungen", und leider gönnen ihm die Sorgen und Geschäfte seines hohen Amtes diese seltener, als es für fein hohes Alter und fein Gesundheit zu wünschen wäre.
Er ist stets der Erste beim gemeinsamen Chorgebete nach Mitternacht. Und auch während des Tages bemüht er fick, Geschäfte und Besuche zu verlassen, sobald bie Glocke bie Mönche in den Chor ruft.
Der größte Theil des Tages aber vergeht mit der Leitung der ihm anvertrauten Seelen, die er für bie wichtigste Pflicht feines Amtes hält. Die Thür feines