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JW 47 Samstag, den 27. Februar 1892. 19. Jahrgang

FiildakrWZkitlliig

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Br. Ein merkwürdiges Urthetl über die sozialdemokratische Presse.

DaS seit Anfang dieses Jahres von Dr. Heinrich Braun in Berlin herausgegebene Wochenblatt, .So­zialpolitisches Centralblatt', welches überhaupt den sozialdemokratischen Anschauungen und Bestrebungen ein weitgehendes Entgegenkommen zeigt, bringt in Nr. 3 einen Leitartikel: „Die politische Presse der deutschen Sozialdemokratie," in welchem der letzteren folgendes Zeugniß ausgestellt wird:

„Vom sittlichen Standpunkte aus kann man der sozialistischen Presse keinerlei Vorwurf machen, sie hält ängstlich alles Unzüchtige, ja selbst nur Pikante aus ihren Spalten fern."

Dieses Urtheil bedarf durchaus der Korrektur und öffentlichen Berichtigung. Es mag ja sein, daß die sozialdemokratische Presse sich absichtlich von mancherlei bedauernswerthen sittenlosen Auswüchsen der liberalen Bourgoistepresse fern hält, um diese desto besser blos- stellm zu können. Aber derselben deshalb eine größere Sittenreinheii aachzurühmen, dazu gehört sich doch eine bedenkliche Vorliebe für die Sozialdemokratie und ihre Presse. Es mag auch zugegeben werden, daß die sozial­demokratische Presse ihrer ganzen Art nach weniger das Pikante pflegt, aber sie äußert sich dafür andererseits desto ungenirter ä la Bebel.

Es wäre leicht, eine wenig duftende Blumenlese aus der sozialdemokratischen Presse zu machen, welche das angeführte Urtheil des .Sozialpolitischen Eentral- blattes' in grelles Licht stellte, und unsere gegentheilige Ansicht bestätigte. Wir verzichten begreiflicher Weise darauf und wählen einen entschiedeneren Weg, um die angebliche Sittenreinheit der sozialdemokratischen Presse wie des sozialdemokratischen Systems überhaupt ge­bührend zu kennzeichnen. Wir brauchen dazu blos an einige notorische Thatsachen zu erinnern, welche durch­aus unanfechtbar sind. Diese Thatsachen sind folgende:

1 Die sozialdemokratische Presse sammelt und ver­öffentlicht mit Vorliebe alle Skandale der bürgerlichen ' Welt, tritt sie in ihren Spalten breit und bauscht sie nach Möglichkeit auf, besonders auch die politische TageSpresse.

2. Die sozialdemokratische Presse ist dabei weit davon entfernt, das Laster gebührend geißeln zu wollen, sondern es kommt ihr nur darauf an, die gegenwärtige Gesellschaftsordnung als die nothwendige Ursache und Quelle aller Sünden und Laster hinzustellen. Das Laster selbst betrachtet sie als schuldlos, weil es in der bürgerlichen Welt eben nicht anders sein könne.

3. Das einzige Heilmittel gegen alle Unsittlichkeit sieht endlich die sozialdemokratische Presse allgemein und konstant nicht nur in der totalen Umwälzung der wirthschaftlichen, sondern auch der sittlichen Ordnung, nämlich in der völligen Freigebung der natürlichen Triebe des Menschen, in oer Freigebung der Sünde.

Will Jemand noch einen Beweis für die ange­führten notorischen Thatsachen, so verweisen wir ihn speziell auf die Art und Weise, wie in der jüngsten Zeit die Prostitutionsfrage in der gesammten sozial-

Der Gigerl.

Eine psychologisch-naturgefchichtliche Studie aus Wien.

Der Gigerl ... um Verzeihung, heißt es wirklich „der" Gigerl? Heißt es nicht „das" Gigerl? Es heißt „der" Mensch, auch „der" vernünftige Mensch. Also kann es doch nicht wohl . . .

Aber es heißt doch auch „der" Affe!

Richtig! Also kann es auch „der" Gigerl heißen. Man darf aber auch „das" Gigerl" sagen. Wie dem nun auch immer sei: das Gigerl oder der Gigerl ist eine internationale Erscheinung. In London heißt es Dandy, Fop, Fashionmonger; in Deutschland Stutzer, Modegeck, Siegmund Sommerfeld; in Paris Sion, Pschütt, Blau, Ah und so weiter. Aber wenn das Gigerl auch international ist, sein eigentliches Nest ist doch Wien; nur in Wien blühen die Gigerl ersten Ranges; die Haupt- und Staatsgigerl. Deshalb ist auch der Wiener Schriftsteller in erster Linie berufen, das hohe Lied vom Wiener Gigerl zu singen.

Das Gigerl ist an sich unschädlich und von der Polizei erlaubt. Seine Kennzeichen sind erstens Sprache, zweitens Haltung, drittens Kleidung. Die Sprache ist kurz, knapp, telegraphisch möchte ich sagen, deshalb für Nichtgigerl oft unverständlich. Anwendung von Hyper­

demokratischen Presse — freilich nicht in dieser allein — besprochen worden ist. Darnach ist die gräßlich überhand nehmende Prostitution nur eine nothwendige Folge unserer wirthschaftlichen Berhältniffe. Sie ist auch nur verwerflich, sofern sie auf wirthschaftlicher Nothlage und Zwang beruht, eine wirthschastliche und physische Ausbeutung ist. Von moralischen Gesichts­punkten ist da keine Rede. Das einzige Heilmittel da­gegen ist vielmehr die freie Liebe im sozialdemokrati­schen Zukunstsstaote, wo mit den wirthschaftlichen Schranken auch die sittlichen fallen.

Das ist das r-.chttge Urtheil über die Sittlichkeit der sozialdemokratischen Presse und des sozialdemokratt- schen Systems. Die Sozialdemokratie will int eigent­lichen Sinne durch Belzebub den Teufel austreiben. Sie will durch Wegräumung der fundamentalsten Schranken der Sittlichkeit, durch Abschaffung der legi­timen Ehe, der überhand nehmenden Unsittlichkeit steuern. Eine wirklich radikale Kur, um die todtkranke Gesell­schaft rasch zum Ende zu bringen.

Dem neuen .Sozialpolitischen Centralblatt' aber möchten wir rathen, bei aller Vorliebe für die Sozial­demokratie doch nicht die offenbarsten Thatsachen zu übersehen. Der Sozialdemokratie wird die neue Wochen­schrift es doch nicht ganz recht machen, bis sie sich, tote Kautsky in der ,Neuen Zeit' sagt, auf den einzig rich­tigen, d. 6 auf den sozialdemokratischen Standpunkt stellt. Nur von diesem Standpunkte aus, meint Kautsky, ließen sich die wirthschaftlichen Verhältnisse richtig be- urtheilen. Wir aber sind der Ansicht, daß dies ebenso wenig von dem manchesterlichen als von dem sozial­demokratischen Standpunkte aus möglich ist, weil beide Extreme sind. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Hier möge auch das .Sozialpolitische Centralblatt' seinen Standpunkt nehmen, wenn es wirklich neutral sein will.

Deutsches Keich.

Berlin. 25. Februar.

* Die gestrige Rede des Kaisers erregt gewaltiges Aufsehen, hauptsächlich die Worte betreffs der Nörgler, denen anheimgegeben wird, anszutoandern.

* In Berlin fanden heute Demonstrationen arbeits­loser Bauarbeiter vor dem Rathhause, sowie amOpern- hanse statt. Es kam dabei auch zu Zusammenstößen mit der Polizei.

* Zur Reichsanleihe schreibt der .Reichsanzeiger': „Aus die neue dreiprocentige Reichsanleihe im Nomi­nalbeträge von 160 Millionen Mark sind laut Sub­skriptions-Bedingungen bis zum 27. d. M. 40 Milli­onen, also ein Viertel abzunehmen. ES sind jedoch bereits rund 150 Millionen Mark vollgezahlte JnterimS- scheine, also fast der ganze Anleihebetrag abgenommen. Dem entspricht die außerordentlich günstige KurSent- wickelung. Die fragliche Anleihe, welche bekanntlich zum Kurse von 83,60 aufgelegt war, notirte gestern an der hiesigen Börse 84,10 Geld; per Ultimo wurde dieselbe 83,90—84,40, ebenso wie die neue preußische dreiprocentige konsolidirte Anleihe gehandelt. Diese Vorgänge sprechen dafür, daß die Anleihe sich weitaus zum größten Theil in festen Händen befindet."

beln ist sehr beliebt, ebenso werden selbsterfundene Worte und Naturlaute gerne eingeschoben.

„Renne wese?"

„Aeh!"

„Glück abt?"

„Totsteur beinah spreng!"

„Nnnnhmmä!"

„Tschau!"

„Tschau!"

Das ist ein Gespräch zwischen zwei Gigerl. „Sind Sie gestern auf dem Rennen gewesen?" — „Ja, ich war dort!" — „Darf man fragen, ob Sie Glück hatten?" — „Und was für eins: ich habe beinahe den Totalisator gesprengt!" — „Ei, sieh mal da!" — „Adieu." — „Adieu, lieber Freund. Habe die Ehre, mich bestens zu empfehlen. Handkuß an die gnädige Frau. Mahlzeit."

Nach diesem Kommentar wird der Leser wohl im Stande sein, solgende Unterredung ohne Dragoman zu übersetzen:

„Servus. Peppi!"

„Servus! Ach, hast hoh Stiefl? Ferd wesen?" „Aeh! Prater ritten."

„Schöne Madeln seh'n?"

* lieber die Gestaltung der Sonntagsruhe im Han­delsgewerbe, für welche in der Gewerbeordnungs- Novelle nur eine Minimalgrenze vorgesehen ist, find die wirthschaftlichen Korporationen, vornehmlich die Handelskammern, aufgefordert worden, sich gutachtlich zu äußern. In nächster Zeit laufen die für die Ein­lieferung der Gutachten gefetzten Fristen ab. Die Be­hörden werden also demnächst in die Lage versetzt werden, das von den Handelskammern zusammenzu­stellende Material zu sichten und zu ordnen. Die Ar­beiten, welche behufs einer endgiltigm Regelung der Sonntagsruhefrage noch zu bewältigen find, sind fo zeitraubend, daß, wie offiziös verlautet, mit ziemlicher Sicherheit behauptet werden kann, die Sonntagsruhe- Vorschriften der letzten GetoerbeordnungSnovelle wür­den nicht gleichzeitig mit dem Haupttheil der fonstigen Bestimmungen der letzteren in Kraft treten.

* In der 21. Plenarsitzung vom 25. Februar setzte das Abgeordnetenhaus die 2. Berathung des Etats beim Etat der Bauverwaltung fort. Die ganze Sitzung wurde ausgefüllt durch Aeußerung lokaler Wünsche aus dem Haus und deren Beantwortung vom Regierungs­tisch. So forderten Abg. Schmieding (nl.) raschere Förderung der Staatsbauten, um so Arbeitslosen da­durch Beschäftigung zu geben, ferner wurden Wünsche bezüglich Regulirung der oberen Pegel, Kanalisation der Puse, der Führung der sog. Mittelland-Kanal- Linie und Herstellung eines neuen Elb-Ostsee-Kanals geäußert. Letzteren verwarf Abg. v. Schalscha und verknüpfte damit die Anfrage, wie es denn eigent­lich mit der vielversprochenen Regulirung der Oder stehe. Vom Regierungstisch wurde die Verwunderung ausgesprochen, daß Herr v. Schalscha als geborner Oberschlesier nicht wiffe, daß diese Arbeit bereits längst begonnen und ein gut Theil derselben fertig gestellt fei. Weiter wurde über den Stand der Nogatregulirung angefragt und regierungsseitig dahin geantwortet, daß auf diese bereits 7 Millionen verwendet worden und sie bis 1895 fertig gestellt sei. Aus den Wunsch einer Besserstellung der Baubeamten wird geantwortet, daß dieselbe in Aussicht genommen. Abg. v. Neumann (kons.) legt die Ueberschwemmungsverhältnisse im Oder­bruch dar und gibt sie dem Umstand schuld, daß zwischen Bau- und Landwirthschaftsministerium keine Fühlung bestehe. Schließlich wird der Rest des Ordi- nariums bewilligt. Im Extraordinarium entspinnt sich keine weitere Debatte und wird dasselbe genehmigt. Morgen: Etat des Handelsministeriums. Schluß 33/< Uhr.

* Der Reichstag setzte heute die zweite Berathung des Telegraphengesetzes fort. Unter die Telegraphen­anlagen, welche ohne Genehmigung des Reichs errichtet werden können, wurden auf Antrag des Abg. v. Hülst (ntl.) diejenigen ausgenommen, welche dem inneten Dienst von Sieb- und Entwässerungsverbänden ge­widmet find. Die von der Kommission aufgenommenen Bestimmungen über die Benutzung der Telegraphen- und Fernsprechanlagen (Unzulässigkeit von Vorrechten, Erhöhung der Gebühren nur auf Grund des Gesetzes, Un­verletzlichkeit des Telegraphengeheimnisses) finden un­veränderte Annahme, nachdem weitergehende Anträge

„Aehihihi . . ."

„Grüß Dich! Aeh!"

„Addiv! Aeh."

Die zweite bestimmende Eigenschaft der Gigerl ist die Haltung. Wilhelm Fuchs cheilt unS darüber im .Deutschen Bolksblatt' folgende Einzelheiten mit:

Die Haltung des Gigerl ist nahezu die eines dres- sirten Affen, wenn er, auf den Hinterhänden gehend, einen dummen Jungen darzustellen hat. Der Körper hat in stumpfen: Winkel zur Mutter Erde geneigt zu sein, der Kopf hängt dermaßen vor, daß jeden Augen­blick eine Entgleisung des Halswirbels zu befürchten steht. Die Arme hängen lose von den aufgezogenen Achseln herab und bilden in den Gelenken eckige For­men, und zwar ist der rechte Arm «ach der Gigerl- Vorschrift am Ellenbogen in einem rechten Winkel ab­gebogen und weit vorgestreckt, dessen Hand stütz, sich am Stocke. Bei Schirm-Benutzung wird dieses Schutz­mittel von der rechten Hand in der Balance gehalten und mit dem Schritt vor- und rückwärts gependelt. Die Seine haben beim Gehen oder Stehen stets in den Knieen eingesunken zu sein. Beim Gehen, das stets in langsamer Gangart erfolgt, benutzt der Gigerl lange Schritte und federt sich mit Vorliebe in den Knieen, die Schwingungen des vorgeneigten Oberkörpers damit