JM 44 • Mittwoch, den 24. Februar 1892. 19, Jahrgang
_ MG.
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* Der deutsche Handwerkertag.
Der vorige Woche in Berlin abgehaltene Deutsche Handwerkertag hat sich zu einer imposanten Kundgebung für die Forderungen der selbstständigen Handwerker gestaltet. Gegen 2600 Delegirte der Innungen, Jnnungsausschüsse, JnnungSverbände und des allgemeinen deutschen Handwerkerbundes waren erschienen, darunter auch Delegirte aus Oesterreich. Zu denDele- girten gesellten sich noch die kleinen Handwerksmeister Berlins, die so zahlreich herbeiströmten, daß die von dem Berliner Komitee getroffenen Vorbereitungen sich als völlig ungenügend erwiesen. Das .Münchener Fremdbl.' hebt aus den Verhandlungen des Handwerkertages folgende wichtige Gesichtspunkte hervor:
Aus den Verhandlungen geht hervor, daß die Handwerker Vertrauen zum Kaiser haben. Es wurde denn auch auf Antrag des Schornsteinfegermeisters und Centrumsabgeordneten Metzner (Neustadt inO.-Schlesien) beschlossen, daß eine Handwerker - Deputation um eine Audienz beim Kaiser nachsuchen und diesem nochmals die Wünsche der Handwerker unterbreiten soll. Dagegen durchzog wie ein rother Faden die Verhandlungen ein gewisses Mißtrauen gegen die Bureaukratie, der man Vernachlässigung, wenn nicht Hintertreibung der Handwerkerforderungen vorwirft. Besonders gegen den merkwürdigen Unterstaatssekretär von Rottenburg, den Vorsitzenden der vorjährigen Handwerkerkonferenz, und gegen den Staatssekretär v. Bötticher richtete sich der Unwille der Versammelten. Diese Abneigung gegen die Bureaukratie durchzog die Verhandlungen ebenso, wie die unbestimmte Furcht, daß schließlich doch ein Theil der Handwerker zur Sozialdemokratie abschwenken könnte, falls die Forderungen der Handwerker nicht mehr Entgegenkommen als bisher fänden, eine Eventualität, die ja Herr v. Rottenburg durch sein ungeschicktes Verhalten auf der vorjährigen Konferenz sehr gefördert hat. „Dann mögen die Handwerker immerhin Sozialdemokraten werden", lautet sein be—rühmter Ausspruch. Um so erfreulicher ist es, daß alle Redner die Nothwendigkeit des Kampfes gegen die fozialdemokratischen Bestrebungen betonten.
Von den Parteien des Reichstags waren das CentrumunddieKonservativen vertreten. Namens dcs Centrums erklärte der Abg. Hitze unter dem jubelndem Beifall der Versammelten, das Centrum werde treu zu dem Handwerkerstand halten und dessen
Die Dressur wilder Thiere.
Ueber die Art, wie eine solche Dressur erzielt wird, herrschen im Publikum vielfach noch dunkle oder unzutreffende Ansichten, den Leser dürfte es interessiren, hier einiges Nähere über das Dressurgeheimniß aus dem Munde eines Mannes zu vernehmen, welcher mit dem Wefen und Wirken der „Artisten" offenbar auf's Beste vertraut ist und daher auch häufig Gelegenheit gehabt hat, mit Thierbändigern zu verkehren und ihre Dressurmethoden zu beobachten. Der Mann, dem wir hier das Wort ertheilen, nennt sich — offenbar mit einem nur angenommenen Namen, der schon nach Manege oder Spezialitätenbühne schmeckt — „Signor Domino". Er hat vor Kurzem im Verlage von S. Fischer in Berlin ein Buch „Wandernde Künstler" erscheinen lassen, dem wir die nachstehenden Ausführungen entnehmen, indem wir zugleich Allen, die sich für das bunte Leben und Treiben der Artistenwelt interessiren, die Lektüre des Buches angelegentlich empfehlen. Signor Domino schreibt nun in einem längeren Kapitel über Dressur, in welcher er sich zunächst über diejenige des Pferdes verbreitet, wie folgt: _
„Anders als bei der Pferdedressur liegt die Sache bei der Dressur aller anderen Thiere, Vierhänder, Vierfüßer, Zweifüßer, Garnichtfüßer (Schlangen) und
berechtigte Forderungen immer vertreten; gleichzeitig warnte aber auch Herr Hitze vor übereilten Beschlüssen. Mit großem Beifall wurde aber auch Herr Stöcker begrüßt, als derselbe eine Ansprache an die Versammelten richtete und die Handwerker vor allen Selbstmordgedanken warnte. Namens der Konservativen richtete Frhr. v. Manteuffel ermunternde Worte an den Handwerkertag.
Der von verschiedenen Seiten (so von Frankfurt, Hanau, Hamburg u. s. w.) gestellte Antrag auf Auflösung der bestehenden freien Innungen wurde nach längerer Debatte erfreulicher Weife abgelehnt. Von den Antragstellern wurde der Antrag als eine Antwort auf die Äeußerung des Staatssekretärs von Bötticher gelegentlich der Handwerker-Interpellation im Reichstage bezeichnet. So begreiflich die Mißstimmung, der dieser Antrag entsprungen ist, immerhin sein mag, so würden andererseits doch die Handwerker durch die Auflösung ihrer jetzigen Organisation geradezu einen Selbstmord begehen; und daß hier die bessere Einsicht siegte, dürfte nicht zuletzt den Warnungen der auf dem Kongreß erschienenen parlamentarischen Handwerkerfreunde zuzuschreiben sein.. Das gleiche Schicksal der Ablehnung erfuhr auch der von ostdeutscher Seite (Breslau) gestellte Antrag, eine eigeneHandwerker- Partei zu bilden. Schon das zahlreiche Erscheinen von handwerkerfreundlichen Reichstagsabgeordneten des Centrums und der konservativen Partei mußte den Handwerkern zeigen, daß ihre parlamentarischen Freunde auf dem Posten sind, und daß etwaige Vertreter einer selbstständigen Handwerkerpartei im Reichstage die Interessen ihrer Standesgenossen kaum besser zu wahren im Stande sein würden, als es die Freunde des Handwerks bisher schon gethan.
So wurde denn auch beschlossen, die,Kandidaten des Centrums und der Konservativen zu unterstützen. Zu lebhaften Kundgebungen kam es, als über die wunderbaren Vorgänge auf der vorjährigen Berliner Handwerkerkonferenz Bericht erstattet wurde. Die Mißverständnisse, die sich an diese Konferenz knüpfen, beweisen aufs Neue, wie wenig Ge- heimnißkrämerei bei derartigen Verhandlungen am Platze ist. Die Mißverständnisse beziehen sich bekanntlich haupt- sächlich auf die Frage des Befähigungsnachweises, in Betreff dessen durch die jetzigen Verhandlungen indessen nun wohl vollkommene Klarheit ge- schaffen fein wird. Die Mittheilungen über die Stellung der Regierung zur Frage des Befähigungsnachweises riefen wiederholt den stürmischen Unwillen der Versammlung hervor. Als der Berichterstatter, Obermeister Beutel-Berlin, u. A. mittheilte, daß Unterstaatssekretär von Rottenburg, welcher der vorjährigen Handwerkerkonferenz präsidirte, auf die Bemerkung, die Handwerker würden vielleicht in größerer Zahl nach links abschwenken, kalt lächelnd erwidert habe: dann möchten die Handwerker immerhin Sozialdemokraten werden; das Deutsche Reich sei stark genug, die sozialistischen Umtriebe zu besiegen — erfolgte ein minutenlang anhaltender Sturm des Unwillens, aus dem laute Pfui- Rufe herauszuhören waren.
sogar Sechssüßer (nämlich mit Permission zu sagen: Flöhe) werden uns dressirt vorgeführt; Löwen, Tiger, Hyänen, Elephanten, Affen rc. sind schon fast überwundene Standpunkte auf dem Dressurrepertoire. Von bewunderungswürdigem Geschick in ihren Produktionen finden wir Schweine und Strauße; Rinder, Esel und Seehunde, unserer intelligenten Freunde vom Geschlecht der Landhunde gar nicht erst zu gedenken; Katzen, Mäuse, Gänse, Enten; Känguruhs und Steinböcke (letztere nebenbei bemerkt, diejenigen Thiere, die als die schwerst dressirbaren von allen gelten); Wölfe, Schafe, Hühner (ein Franzose Lemaiftre, der zur Zeit auf einer Tournee im Süden der Vereinigten Staaten Sensation erregt, führt zwanzig dressirte Kochinchina- hühner vor, die er nach Kommando militärische Schwenkungen machen läßt); Wildschweine, Störche, Ratten, und der Himmel weiß, was noch alles für überraschende Angehörige der Thierwelt.
Von dem berühmten Löwenbändiger Batty, der seine sechs gewaltigen Könige der Wüste in einem hocheleganten mit Rädern versehenen Wagenkäfig, der in die Manvge gefahren wurde, vorfühlte und seine Thiere in der That in ganz erstaunlicher, in nervenerschütternder und doch wieder auch fast märchenhaft „gemächlicher" Weise beherrschte, fabelte man seiner Zeit, daß er seine wunderbare Macht über die Thiere
Hier sei eingeschaltet, daß das sozialdemokratische Centralorgan „Vorwärts" seine Hand- werkerfreundlichkeit durch einen Leitartikel bekundet, welcher „Wolkenkukuksheimer" überschrieben ist und die Jnnungsmeister als Leute hinstellt, die, „mit der Schürze behängt und etwas Werkzeug in der Hand, den halben Tag im Wirthshaus sitzen und zu Hause Gesellen und Lehrlinge bei elendem Lohn und schmaler Kost für sich arbeiten lassen." Das Handwerk könne nicht gerettet werden, und wenn die Hanvwerkerkammern, welche die Regierung Vorschlägen wolle, auf eine Rettung oder auch nur Kräftigung des Handwerks hinausliefen, so seien sie genau so überflüssig, wie die Zwangsinnungen. Der Großkapitalismus sei im Begriffe, die Welt zu erobern; wie eine ungeheure Walze rolle er über die Länder hinweg, und diesem Ungethüm stelle man das Spielzeug der Handwerkerkammern in den Weg, damit es vor demselben stillestehen oder gar umkehren solle. — Alle selbständigen Handwerker, welche sich etwa zur Sozialdemokratie hingezogen fühlen sollten, mögen diesen Begrüßungsartikel des sozialdemokratischen Centralorgans beherzigen.
Mit großer Entschiedenheit hat sich der Kongreß nach eingehenden Vorträgen der Herren Biehl (München) und Faßhauer (Köln) für den Befähigungsnachweis ausgesprochen, obgleich Herr Biehl der Befürchtung Ausdruck gab, daß zur Zeit wenig Hoffnung vorhanden sei, diese Forderung durchzusetzen. Nichtsdestoweniger hielt der Kongreß mit aller Entschiedenheit an dem Befähigungsnachweis fest, „in der Ueberzeugung, daß alle Wiederbelebungsversuche des Handwerks ohne Einführung desselben nicht durchschlagend sein könnten."
Der Gesammtcharakter der Verhandlungen war der, daß man allgemein von dem Gesühle beseelt zu sein schien, es dränge Alles zu einem Entscheidungskampf, es handle sich um Sein oder Nicht-Sein des deutschen Handwerks, aber auch zugleich darum, ob dieser Kampf an der Seite der Reichsregierung durch- gesochten werden foll oder ob der deutsche Mittelstand den Staat im Bunde mit dem Großkapital erblicken wird. Das wird die Frage sein. Vorläufig enthalten die Forderungen der Handwerker in gewissem Sinne nichts Anderes, als die notwendigen Erfordernisse einer Uebergangszeit; das Endziel muß die Begründung großer Produkttv-Genossenschasten bilden, die dem Großkapital Trotz zu bieten vermögen. Dazu gehört freilich Geld, und so wird, wenn anders man dem Handwerkerstand auf die Dauer helfen will, nichts weiter übrig bleiben, als diesen Produttiv-Genossenschaften den Kredit des Reiches durch Vermittlung der Reichsbank zugänglich zu machen. Für diese Genossenschaften müßten dann selbstverständlich die Innungen den festesten Unterbau bilden.
Deutsches Keich.
Berlin, 22. Februar.
* Der Kaiser unternimmt auch in diesem Sommer eine größere Nordlandfahrt. Das Programm dazu ist einer geheimnißvollen asiatischen Pflanze verdanke, deren Einwirkung sie unterlägen. Batty war eine sensationelle Erscheinung auf seinem Gebiet, er machte Epoche, er machte Schule, man ahmte seine Produktionen nach, seinen Löwenkäfig, sein ungarisches tressengeschmücktes Kostüm; sein Name wurde fast Gatturmsname. Die „Battys" schossen nach ihm wie die Pilze aus dem Boden und sind noch heute zahlreich auf dem Gebiete der „Dompteure," der Thierbändiger. Ein wohlhabender Berliner Thierhändler, Hempel, wurde von Battys Auftteten so begeistert, daß er sein Geschäft aufgab und selbst Löwenbändiger wurde, sich „Batty-Hempel" nannte und schließlich den ersteren Namen unter Aufgabe seines früheren Namens ofsiziell annahm.
Batty „arbeitete" in der That brillant, mit einem Feuer, einer von allem „Herkulischen", allem Rohgewaltsamen sich fernhaltenden Kühnheit und Eleganz, die überwältigend wirkten. Er war in der That eine Größe in seinem Fach, — und ich habe es nicht versäumen dürfen, ihn zu meiner ersten Spezralbekannt- schäft auf dem Gebiet der Thierbändiger zu machen, um ihn und fein Genre zu „studiren", — (theoretisch nur im Interesse meiner heilen Haut und Gliedermaßen, wie ich Dir eingestehen muß, lieber Leser!) — und dem Verkehr zwischen ihm und seinen fürchterlichen Schülern in aller Vorsicht so weit näher zu treten, wie mir dies