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19. Jahrgang

Dienstag, den 23. Februar 1892.

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Entsagung.

Skizze von I. D i r k i n k.

(Nachdruck verboten.)

Die See ging hoch. Der Wind wurde immer heftiger, dar Schiff schwankte stark. Er war ein Dampfer, der nach einem Nordfeebade fuhr und über 100 Passagiere an Bord hatte. Auf dem Vorderdeck unter den Paffa­gieren dritter Klaffe stand ein schlankes, blasser, städtisch gekleideter Mädchen und schaute sinnend in die Schaum­kronen der bewegten See. Wie die Maschine arbeitete! Im tollen Jagen schossen die haushohen Wellen vor­über, unaushaltsam die eine nach der andern. Der Ansturm war ein furchtbarer; die Matrosen rannten hin und her; ein Unwetter war im Anzuge. Die meisten der Passagiere hatten sich in die Kajüten ge­flüchtet, aber das juuge bleiche Mädchen rührte sich nicht vom Fleck, bis eine Sturzwelle ihr einen Sprüh­regen zusandte und sie fast umwarf. Nun raffte sie sich empor und schritt langsam auf einen der Feld­stühle zu. Sie wollte das Verdeck nicht verlassen. Da hörte sie neben sich bekannte Stimmen. Unter dem überhängenden Dach der Kajüte plauderten zwei Männer, die ihr den Rücken zugewandt hatten. „Bagessen hat dar Gut des alten Boes gekauft und wird Nachbar vom Colon Berndsen. Sein Vater war ein Achtund­vierziger und mußte außer Landes sterben, und der Sohn macht nun doch sein Glück."

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□ Zur Dienstboten-Frage.

Allgemein, und deshalb gewiß nicht unberechtigt, sind die Klagen der Herrschaften über die Dienstboten, namentlich die Dienstmädchen. In einer Gegend ist es besser, in der anderen schlimmer, aber an Beschwerden fehlt es nirgends. Bor einer Reihe von Jahren machte ein Witzblatt die Bemerkung, früher habe ein Dienst­mädchen sein Jubiläum gefeiert, wenn es fünfzig Jahre bei derselben Herrschaft gewefen, jetzt feiere es dasselbe, »ernt es bei der fünfzigsten Herrschaft eintrete. Ganz unrecht hat der Scherz nicht, der Wechsel des Dienst­botenpersonals ist ein so häufiger in allen größeren und vielfach auch in kleineren Städten, daß man von einem krankhaften Zustande sprechen darf. Es liegt mir fern, die Schuld dafür den Dienstboten allein zu­zuschreiben, auch die Herrschaften haben ihr Theil da­ran, und eine Abstellung der Mängel, oder bester eine Linderung kann nur dann erfolgen, wenn beiderseits Abhilfe geschaffen wird.

Von Seiten der Herrschaften ist der größte Fehler, daß die Dienstboten nur als Personen betrachtet wer­den, von welchen man für ein bestimmtes Geld be­stimmte Dienste zu verlangen hat, weitere Berpflich- tungen aber nicht kennt oder nicht kennen will. Das Verhältniß zwischen Herrschaft und Dienstbotm ist des­halb ein äußerst kühles; die erstere sagt sich: „Wmn das Mädchen fortgeht, habe ich nichts dagegen, fofern ich ein anderes bekomme, das mir gleiche oder bester« Dienste leistet"; die Dienstboten aber denken: „WaS bindet mich an die Herrschaft, finde ich eine andere, wo ich es bequemer habe, mehr Ausgänge mir gestat­tet werden und ich weniger unter Aufsicht stehe, so wechsele ich lieber heute als morgen den Dienst". Aber wenn auch eine Herrschaft von dem besten Willen be­seelt ist, wenn sie sich auch bemüht, die Dienstboten nach Möglichkeit als Familienangehörige zu betrachten, so wird sie doch sehr oft die Erfahrung machen, daß alle ihre Bemühungen auf unfruchtbaren Boden fallen. Die Erziehung mancher Dienstboten, besonders der weiblichen, die wir hier speziell im Auge haben, ist eine derartige, daß sie die Fürsorge als Zwang auffassen und in der Ungebundenheit ihre Freiheit sehen, die ihnen nicht verkümmert werden darf. Wer, namentlich in den Jndustriebezirken, die Zustände in den Arbeiter­familien und die Erziehung der Töchter zu beobachten

Städter fuchen ländliche Dienstmädchen, weil sie die selben für unverdorbener, fleißiger und folgfamer hal­ten, als die städtischen. Bei der ersten Herrschaft sind solche Mädchen vielfach unzufrieden, weil sie sich in die neuen Verhältniffe und Arbeiten nicht gleich schicken können und zunächst nicht leistungsfähig und beweglich genug sind; haben sie etwas gelernt, kommt alsbald die Versuchung zur Genußsucht und Bequemlichkeit, welche in den meisten Fällen die Triebfeder zum Zuzug in die Stadt bildeten; alsbald sind sie nicht besser, vielfach noch fchlechter, wie die gefürchteten „städtischen Mädchen". An ihrer Stelle werden immer neue „Äar- niturm" ländlicher Dienstmädchen in die Stadt gezogen, eine Welle überstürzt die andere.

In einigen ländlichen Gegenden — wir meinen hier das „Emsland", den Wahlkreis Meppen — ist noch die Sitte allgemein,-daß die Dienstboten außer ihrem Lohne ein festbestimmtes Quantum Leinen zu Hemden und Schürzen, Stoff zu Unterröcken und Garn zu Strümpfen beziehen; dasselbe ist so reichlich bemessen, daß es in der Regel im Jahre nicht verbraucht wird. Hat dort ein Mädchen eine Reihe von Jahren gedient, so verfügt eS über eine ansehnliche Menge der noth- wendigsten Kleidungsstücke, die, wenn es in die Ehe getreten ist, noch eine geraume Reihe von Jahren vor­halten. ES wird sich schwerlich ermöglichen lassen, eine solche Sitte, wo sie geschwunden ist, wieder einzuführen; manche städtische Mädchen würden zudem das Seinen rc. und wären es auch fertige Hemden, alsbald „ver­silbern" und oft genug zu Spottpreifen. Nur mit Hilfe der Sparkassenbücher läßt sich noch in etwa der Verschleuderung des Lohnes entgegentreten — wenn nur nicht manche Mädchen die Herrschaften, welche sie zum Sparen anhalten wollen, als ihre Feinde oder Neider ansähen!

Mit kleinlichen oder äußerlichen Mitteln und Ver­ordnungen hier thaffächliche Abhilfe schaffen zu wollen, wäre ein vergebliches Beginnen. Es läßt sich gewiß Manches durch eine Reform der Dienstboten-Ordnung bessern, aber nur dann, wenn eine innerliche Er­neuerung vorangeht, mitgeht und nachfolgt. Bei den Herrschaften muß das Bewußtsein der Pflichten gegenüber den Dienstboten im Sinne des Christen- thums wieder lebendig werden und sich zu Thaten gestalten, bei den Dienstboten aber kann eine wirksame Abhilfe nur stattfinden, wenn die Erziehung in den unteren Volkskreisen in Haus und Schule eine gründ­liche Aufbesserung erfährt. Es ist zu bedauern, daß namentlich der untrennbare Zufammenhang von Er­ziehung und Unterricht nicht entfernt genug Würdigung findet. Ferner ist von großer Bedeutung die Errich­tung von Haushaltungsschulen, in welchen die jungen Mädchen Unterricht in allen Zweigen der häuslichen Arbeit erhalten, sowie das Sammeln der weiblichen Dienstboten in Kongregationen oder sonstigen religiösen Vereinen, welche zugleich auch vielleicht für eine paffende Unterhaltung ihrer Mitglieder an den freien Sonntag- aber hier brach der Faden ab. Die Beiden hatten ihren Platz wohl zu kühl gefunden und waren die Kajütentreppe hinabgestiegen. Starr schaute das ein­same bleiche Kind vor sich hin. Gust war also ein Bewerber auf Befehl und ein VermögenSjägrr?! „O mein Gott, mein Gott!" stahl es sich über die feinen blaffen Lippen. Sophie Berndsen hatte den Todes­streich empfangen, indem sie Zeugin des Gefpräches wurde, das ihr Aufklärung über Alles gegeben, was ihr bis jetzt ein Räthsel gewesen war. Sie dachte in diesem Momente wieder an den Tag, als ihr Gust Bagessen zum ersten Male begegnet war. Wie auf­merksam war er gewesen, wie gut und freundlich zu ihr! Nicht eben viel freundlicher als alle Welt zu ihr war, aber der Unterschied war der, daß er sie ge­flissentlich aussuchte, so oft er zu Besuch gekommen war. Zuerst hatte er ihr einen Brief von ihrer Stlesichwester gebracht, die in der Stadt in Pension war. Er hatte ihr lachend erzählt, daß er zusällig mit der „kleinen Wetterhexe" bekannt sei, die das Heimweh verzehre. Sie hatten dann stets so viel miteinander zu plaudern, über Alles, Alles, — den Namen ihrer fernm Schwe­ster nannte er fast nie. Wie hätte sie auf den Ge­danken kommen können, daß sein Herz ihr, der Agnes, gehörte, — und daß er erst dann um sie, bie Steilere, angehalten, als der Vater ihm die Hand der Jüngsten verweigert hatte? O, wie erbärmlich war er! — Wie ein Nebel legte es sich vor ihre Augen. Sie fühlte

Gelegenheit hatte, wird sich fagen müssen, daß von einer Anleitung derselben zu häuslicher Thätigkeit und Tüchtigkeit in sehr vielen Fällen gar keine Rede ist, und wenn es dennoch in etwa geschieht, kommt die eigentliche Küchenarbeit erst in letzter Linie. Die Mäd­chen haben für den Kochherd zum großen Theile gar kein Interesse; auch wenn sie gerne Anleitung haben können, lehnen sie es ab, als ob es Arbeiten wären, die für sie keinen Werth besitzen. Und was verstehen sie sonst? Grobe Arbeiten, die keine besondere Geschick­lichkeit erfordern, können sie schon leisten, aber sie sind „zu gut dazu", wie die Eltern nur zu oft ihnen ein­reden, ober sie sinb „zu schwach", können es nicht aus­halten — wenn es zum Tanze geht, sinb dafür bie hoppelten Kräfte vorhauben. Mit bem Putzen ist es zumeist auch schlecht bestellt, namentlich wenn es auf Genauigkeit ankommt, bas macht zu viel Mühe, bazu „hat man bie Gebuld nicht". Waschen, unb es sei auch nur nebenbei, ist eine Arbeit, welche nur wider­willig übernommen wirb, babei stellt sich sehr oft her­aus, baß baS Zeug entweber verdorben ober nur halb rein wird. ES kommt schon häufig vor, daß in ge­wöhnlichen Bürgerfamilien Dienstmädchen ihren Eintritt von dem Vorhandenfein einer Waschmaschine abhängig machen! An feinere Arbeiten, wie Bügeln, Nähen, Ausbesfern, und fei eS auch nur Stopfen, ist bei dem GroS des gegenwärtigen Dienstmädchenpersonals in den Großstädten überhaupt nicht zu denken.

Jndeß gibt es auch Mädchen, welche „kochen kön­nen", aber mancher Herrschaft kann man es kaum ver­übeln, wenn sie meint, vor solchen müsse man sich am meisten hüten. Sind die Kenntnisse am Kochherde auch noch so unbedeutend, die Mädchen, und gerade diejeni­gen, welche am wenigsten verstehen, am meisten, halten sich dann für einer besonderen Kategorie angehörig, sie wollen ans Gnade und Barmherzigkeit „einige.Haus- arbeit mit übernehmen", aber gegen einen bedeutend er­höhten Lohn und Befreiung von jeder „groben Arbeit." Diese letztere ist bann für bie älteren AuShilsfrauen: es macht wahrlich keinen schönen Einbruch wenn man gewahrt, wie junge, kräftige Mädchen sich an Werk­tagen fein putzen und alte, schwächliche Frauen mit der Sackleinenschürze unb Holzschuhen bei ben „groben Ar­beiten" sich abmühen.

Von Ersparnissen ist unter Dienstmädchen vielfach absolut keine Rebe mehr; was verbient wirb, geht an Putz darauf. Mädchen, welche über eine ordentliche Garderobe, namentlich an Unterkleidern, verfügen, sind in manchen Städten geradezu eine Seltenheit geworden. Ebenso schrumpft bie Zahl berjenigen Mädchen immer mehr zusammen, welche ihre Eltern unterstützen; weit häufiger aber, unb besonbers in Garnisonsstädten, legen sie sich Opfer auf für ihren „Bräutigam" oder „Schatz" — ein „Verhältniß" müffen sie haben, obwohl au Hei- rathen nicht zu denken ist.

Auch in ländlichen Streifen vernimmt man schwere Klagen über die Dienstboten; dazu kommt der steigende Zuzug von Mädchen vom Lande in die Stadt; die

„Wie so?" fragte der Andere, „hat er das große Loos gewonnen?"

„Hm, fast fo gut, er wird sich mit der Tochter deS Berndsen verloben. Sie hat baS viele Geld, auf diese Weise kann er mit Glanz den Gutsbesitzer spielen."

„Die älteste Tochter, das Kind der ersten Frau, der reichen?" verwunderte sich der Andere. „Das bleiche kranke Huhn wird wohl nur sein Geld her­geben müssen. Die hat den Krankheitskeim der schwind­süchtigen Mutter mit auf die Welt gebracht. Ob Ba­geisen daS nicht weiß?"

„Möglich, daß er es weiß, aber diese Heirath hat der alte Berndsen auf dem Gewissen. Er, Gust Ba- geffen, hat zuerst um die jüngste Tochter vom Bernd­sen gefreit. Aber der Sitte hat seinen Starrkopf auf­gesetzt und gesagt: „Es geht bei uns Alles nach der Reihe. Ich weiß auch, meine Weiteste hat ihr Auge auf Dich geworfen. Ihr paßt gut zusammen, denn wenn Du Deinem Alten nachschlägst, wie ich höre, dann bist Du ein Brausekopf; meine Sophie ist still, fanft und gut. Das gleicht sich wunderschön aus; die Kleine ist aber hitzig, weißt Du, kleine Häfen kochen leicht über, — unb bas gäbe einen Landkrieg zwischen Euch Beiden, dafür danke ich."

„Woher weißt Du Alles fo genau, Wort für Wort; vom Alten oder vom Gust?"

Mit Spannung horchte das junge Mädchen, —