40 Freitag, den 19. Februar 1892.
19. Jahrgang
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W. Die internationale Katholisch - soziale Kewegung.
i.
Die soziale Frage ist eine internationale Frage. Das ist Jedem klar, der auch nur das ABC dieser Frage kennt. Ebenso wenig wie ein einzelner Industrieller unter den heutigen Verhältnissen seinen Arbeitern Existenz-Bedingungen verschaffen kann, die zu erstreben sie als Menschen und Christen ein Recht haben, ohne Gefahr zu laufen, seine und seiner Arbeiter Existenz vollends zu Grunde zu richten, ebenso wenig vermag ein einzelner Staat, auch wenn die leitenden und gesetzgebenden Mächte noch so gut gesinnt wären, den arbeitenden Ständen eine wirthschaftlia e und gesellschaftliche Stellung zu vermitteln, wie sie dieselben in unserem Jahrhunderte haben sollten.
Alle Länder und alle Mächte müssen zusammenwirken, um eine gesunde wirthschaftliche Reform zu schaffen. Das Bewußtsein hat selbst der Arbeirerstand. Daher auch die internationalen Bestrebungen der Sozialdemokratie. Ihr internationales Wirken wird aber ebenso wenig der Menschheit zum Heile und Segen gereichen, als die internationale Verbrüderung der Kapitalisten. Die einzige Macht auf Erden, welche mit dauerndem Erfolge eine internationale Thätigkeit entfalten kann, ist die katholische Kirche. Sie ist wahrhaft eine internationale Macht, weil sie sich ausdehnt über alle Länder und Völker, weil sie Zugang hat zu den Herzen ihrer Kinder aus allen Nationen, weil ihre Lehren und Vorschriften bei Tausenden und Millionen treuen Anhängern der verschiedensten Staatengebilde Gehör und Beachtung finden. Darum wird es ihr verhältnißmäßig leicht werden, durch weise und geschickte Führung das Denken und Streben ihrer Anhänger hinzulenken auf eine allmähliche, stufenweise fortschreitende Umgestaltung unserer modernen gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Zustände nach den untrüglichen Grundsätzen, welche Christus, der soziale König der Menschheit, ihr anvertraut hat. Hätte man diese Grundsätze nicht verlassen, um nach der Afterweisheit des sogen. Liberalismus die Dinge dieser Erde zu regeln, dann ständen wir nicht vor dem wirthschaftlichen Chaos, das wir heute beklagen. Jetzt, nachdem man durch verhäng- nißvolle Erfahrungen und noch verhängnißvollere Aussichten gewarnt, vielfach einer besseren Erkenntniß in den maßgebenden Kreisen Raum gewährt, ist es Aufgabe der Kirche, von Neuem ihre langverschmähte Stimme vernehmen zu lassen, um durch gleichmäßige Aufklärung der Geister in allen Ländern eine christliche Gesellschafts- Reform zu ermöglichen und anzubahnen.
Ein bedeutsamer Schritt nach dieser Seite hin ist bereits geschehen durch dieEncykliken des hl. Vaters und insbesondere durch das herrliche päpstliche Schreiben über die Lage der Arbeiter.
Die Eacyklika über die Arbeiter-Frage ist Ine Magna carta der Lösung der sozialen Fragen der Gegenwart. Sie ist wahrhaft ein soziales P-ogramm, in weiten
Dem Andenken Johannes Janssens.
(Schluß.)
Ungefähr gleichzeitig mit Ranke begann auch der katholische Historiker Prof. Döllinger in München genauere Erforschung des Reformationszeitalters und das Resultat dieser Studien war sein dreibändiges Werk: r®ie Reformation, ihre innere Entwicklung und ihre Wirkungen im Anfänge des Lutherischen Bekenntnisses." (Regensburg 1846 und 1848.) Dieses Werk kann man gewtffermaßen als den Vorläufer des 2. und 3. Bandes des Janssen'schen Geschichtswerkes betrachten. Die Publikationen aus Archiven und die Detailforschungen über die Periode der Reformation waren seitdem zu einer kaum übersehbaren Literatur angewachsen. Manche Punkte waren geklärt, die herrschende Anschauung über 1 die ReformationLperiode war in Fachkreisen durchbrochen ; es galt nun, aus den zahllosen Detailforschungen, Monographien, publizirten Dokumenten und dem bisher noch unbenutzten handschriftlichen Material und insbesondere aus den zahlreichen Schriften der Refor- mationszeit selbst ein Gesammtbild zu gestalten und somit dem alten Bilde ein neues Bild gegenüber zu stellen.
Dieses große, unsägliche Arbeiten und Mühen bedingende Ziel erreicht zu haben, ist das eminente Verdienst von Janssen.
Janffen redet selbst mit eigenen Worten wenig,
Umrissen allerdings, wie es auch nicht anders sein kann bei einem Programm, welches die Norm bilden soll für das Thun und Treiben des wirthschaftllchen Lebens unter den verschiedensten Zonen und den mannigfaltigsten Lebens-Bedingungen. Aber sie enthält klipp und klar die Grundzüge, aus denen sich die praktischen Folgerungen für die verschiedenartigsten Verhältnisse ohne allzu große Schwierigkeit herleiten lassen.
Ein weiterer bedeutsamer Schritt, um die Katholiken aller Länder zu einheitlichem Vorgehen auf sozialem Gebiete zu bestimmen, sind die Bemühungen des Kirchenfürsten von Lüttich, des hochw. Bischofs D outr eloux. In Aller Erinnerung stehen noch die großartigen Kongresse, welche er in seiner Bischofsstadt veranstaltete. Wenn es da auch Meinungsverschiedenheiten gab bezüglich der Anwendung der katholischen Prinzipien auf das wirthschaftliche Leben, wenn sogar bei der letzten Zusammenkunft die gegenseitigen Ansichten in recht scharfer Form zu Tage traten, um sich Anerkennung zu verschaffen, so haben diese Kongresse doch unverkennbar, als herrliche Frucht, einen gewaltigen Umschwung der Geister zu gemeinsamer Grundlage eingeleitet. Um die Wege zu vereintem Streben noch mehr zu ebnen, hat der hochw. Herr vor Kurzem ein neues Mittel versucht. Darüber im folgenden Artikel.
Deutsches Deich.
Berlin, 17. Februar.
* Gegen das Volksschul-Geseh haben nunmehr auch die ordentlichen Professoren der Berliner Universität eine Eingabe an beide Häuser des Landtags gemacht. Unterzeichnet ist bh von t<9 Professe,en, darunter auch von denen der theologischen Fakultät. Von letzterer haben nur 2 nicht unterzeichnet, während im Ganzen 14 Professoren die Unterschrift verweigert haben.
* Der Entrüstungsrummel über das Volksschulgesetz treibt immer schönere Blüthen. Nicht genug, daß man das deutsche Volk mit Schreckgespenstern in „Erregung" zu bringen sucht, selbst die Franzosen müssen helfen, der Regierung und den Konservativen Angst und Schrecken einzujagen. Das ,Berl. Tgbl.' läßt sich von Paris einen solchen Angstmeier-Artikel verschreiben. Hierin wird das Menschenmöglichste an Unsinn und Verhetzung geleistet. Das ,Tagblatt' läßt einen fingirten Franzosen folgende Kraftiätze sagen: „Der Volksschulgesetzentwurf wird in Deutschland eine Lähmung des Kriegsenthusiasmus (!) herbeiführen . . . Die Freiheit in Deutschland fürchten wir (die Franzosen), nicht die Reaktion..... So sieht man in Frankreich mit
hämischer Schadenfreude (!) auf das preußische Schulgesetz, weil man darin eine freiwillige Schwächung unserer geistigen und materiellen Machtstellung wittert, weil man darin einen politischen Fehler erblickt, der einem frantösischen Staatsmanne
reflektirt Und folgert nur selten; er läßt die historischen Persönlichkeiten oder die unmittelbaren Zeugen der Ereignisse zu uns sprechen, wie sie aus ihren eigenen Worten hervortreten, seine Geschichtsdarstellung ist eine Vereinigung des epischen und dramatischen Geistes. Eine längst verschwundene Zeit scheint zum zweiten Mal vor uns zu leben; die Periode der Reformation zieht mit ihren Personen und Handlungen in so lebendiger Frische vor unseren Augen vorüber, daß man sie nicht mit dem Fernblick des Historikers, sondern mit der Schärfe des Augenzeugen zu überblicken glaubt.
Das der R formation vorhergehende Jahrhundert zeigt uns nach Janssen's Schilderung eine große Glaubenstiefe des Volkes, eine Blüthe von Wissenschaft und Kunst, einen Bildungsdrang, den die Gründung von höheren und niederen Schulen bekundet. Die neu erfundene Buchdruckerkunst rief eine Blüthe der Literatur hervor, Architektur, Plastik und Malerei, Holzschnitt und Kupferstich, Musik, Poesie und Prosa fanden eine herrliche Entfaliung. Und auf gleicher Stufe der Blüthe stand die Bolkswirthschaft, das landwirthschaftliche wie gewerbliche Leben. Die wirthschaftliche Selbstständigkeit der verschiedenen Gewerbetreibenden verschaffte dem ganzen Handwerkerstände in allen Schichten eine große Wohlhabenheit und dadurch Bildung und Macht. Und waS die Zünfte für den Handwerkerstand, das waren die Gilden oder Hansen für den Kaufmannsstand. Die deutsche Hansa erreichte als Handelsmacht ihre höchste
(welchem? D. R.) schon das Wort entrissen hat': „Das ist unsere halbe Revanche!" — Um dem Unsinne die Krone aufzusetzen, wird auf Elsaß-Lothringen hingewiesen, dessen „kaum beruhigtes, hochgebildetes Bürgerthum ob diesem Schulgesetz in neue Aufregung versetzt und mit Sehnsucht nach Frankreich erfüllt werde." Das geht doch noch über den famosen Melinit- und Baracken-Schwindel von 1887!
* Die Bolksschulgesetzkommisfion des Abgeordnetenhauses hat nunmehr über den § 14, welcher über die konfessionelle Schule die grundlegenden Bestimmungen trifft, abgestimmt, und zu Absatz 2 ein redaktionelles Amendement des Centrums, zu Absatz 3 einen Antrag der Konservativen, im Uebrigen aber die Regierungs-Vorlage unverändert gegen die Stimmen der Freisinnigen, Nationalliberalen und Frei- konservativen angenommen. Der § 14 hat nach diesen Beschlüssen der Kommission folgenden Wortlaut: „§ 14. Bei der Einrichtung der Volksschulen sind die konfessionellen Verhältnisse möglichst zu berücksichtigen. Der Regel nach soll ein Kind, welches einer vom Staate anerkannten Religionsgesellschaft angehört, den Unterricht durch einen Lehrer seines Bekenntnisses empfangen. Soweit nicht an einem Ort bereits eine ander weite Schulverfassung besteht, sollen neue Volksschulen nur auf konfessioneller Grundlage eingerichtet werden. Die vorhandenen Vols- schulen bleiben, vorbehaltlich anderweiter Anordnung im einzelnen Falle (§ 6) in ihrer gegenwärtigen Fassung bestehen. Diese Anordnung bedarf der Zustimmung der Gemeinde (Gutsbezirk, Schulverband); die versagte Genehmigung kann bei ländlichen Schulbezirken durch dm Kreisausschuß, bei städtischen Schulbezirken durch den Bezirksausschuß ergänzt werden. Sind in einer konfessionell eingerichteten Schule Kinder, welche einer andern Konfession angehören, vorhanden, so kann ein Lehrer dieser Konfession angestellt und es darf demselben außer dem Religionsunterricht mit Zustimmung des Schulvorstandes die Ertheilung anderer Lehrstunden übertragen werden." Die Aenderurgen, welche die Regierungsvorlage erfahren hat, sind durch den Druck besonders hervorgehoben.
* Der allgemeine Handwerker-Znnu« gstag hat gestern Anträge auf Auflösung von Innungen mit allen gegen 5 Stimmen abgelehnt. In der Debatte gab es Angriffe gegen die Regierung, namentlich gegen die letzte Reich stagsrede Bötticher's gegen den Befähigungsnachweis, der die Geschäfte der Sozialdemokratie besorgt habe. Schließlich gings etwas stürmisch zu. Ein Antrag, heute noch eine Sitzung abzuhalten, fand zwar keine Mehrheit, trotzdem wurde eine Sitzung anberaumt.
* Der Reichstag hielt heute zwet Sitzungen ab. In der ersten stellte sich gleich zu Anfang bei der Abstimmung über die vom Abg. von Bar zum Justizetat gestellten Resolutionen betr. die reichsgesetzliche Regelung des Auslieferungsverfahrens Bescblußunfähigkeit
Blüthe im 15. Jahrhundert: ihr Handelsgebiet erstreckte sich damals beinahe über ganz Europa. Keineswegs war auch die kirchliche Korruption eine so allgemeine und tiefgreifende, daß das Vorgehen Luthers dadurch gerechtfertigt erscheinen konnte. Janssen ist weit davon entfernt, die tiefen Schäden zu verbergen, welche Ueppigkeit und Ungebundenheit in dem sittlichen Leben des Volkes, wie in dem fast ausschließlich adeligen höheren Klerus angerichtet, ferner die Verweltlichung vieler Orden u. s. w., aber er hebt auch die angegebenen Lichtseiten jener Zeit hervor, wie sie aus den Geschichte quellen hervorgehen. Und was die Schattenseiten des ausgehenden Mittelalters betrifft, so nahmen diese nach der Reformation erst recht zu.
Die sogen. Reformation Luihers ist eine kirchliche und zugleich soziale Revolution. N cht die Begeisterung des Volkes für die kirchlichen Neuerungen der Refor- maters, sondern soziale Motive, die auf der einen Seite in der sozialen Revolution jener Periode, aus der anderen Seite in der Konfiskation des Kirchengutes von Seiten der Landesfürsten, Edelleute und städtischen Magistrate ihren Ausdruck sanden, haben im Verein m«t Fürstengewalt und weltlicher Politik den Ideen Luther's in einem großen Theile Deutschlands zum Siege Der» Holsen. In ihren Wirkungen und Folgen aus sozialem, sittlichem und religiösem Gebiete war die Reformation ein nationales Unglück.
Das ist in kurzen Zügen die von Janffen mit dem