38 - Mittwoch, den 17. Fevruar 1892. 19.Iamgaug
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♦ Die Vorgänge in Kochum.
Seit Jahr und Tag beschäftigt sich die deutsche Presse mit Herrn Baare und dem Bochumer Verein. Man stand hier vor einem Räthsel. Ein Mann, der eines der ersten und größten industriellen Werke Deutschlands leitet, einer der einflußreichsten Vertrauensmänner des Fürsten Bismarck in wirthschaft- lichen Fragen, einer der Urheber der Schutzzöllnerei, Präsident der Handelskammer, Geh. Kommerzienrath, Mitglied des Staatsraths und des Landeisenbahnraths, geschmückt mit einer ganzen Reihe von Orden, wird gemeiner Betrügereien bezichtigt, verübt aus schnöder Gewinnsucht, verübt auf Kosten der Gesundheit, vielleicht des Lebens derjenigen Personen, welche Eisenbahnen zu benutzen Veranlassung haben. Er, der Vorsitzende des Schienenkartells, soll Schienenflickerei und Stempelfälschungen im weitesten Umfange veranlaßt oder geduldet haben, und an dem Gold, das der Generaldirektor des Bochumer Vereins und feine Genossin in der Form hoher Tantiemen und Dividenden eingestrichen haben, klebt vielleicht das Blut von Unglücklichen, welche einem Eisenbahnunglücke zum Opfer gefallen sind!
Die öffentliche Meinung war mit Recht über die Enthüllungen des großen Bochumer Steuerprozesses erregt. Herr Fusangel, der Redakteur der ,Westfälischen Volksztg.', der die planmäßigen Steuerhinterziehungen Bochumer Bürger zur Sprache brachte, wurde deshalb von der Baare nahestehenden Presse Tag für Tag als nichtswürdiger Verleumder gebrandmarkt, obwohl der Beweis erbracht wurde, daß Baare und 70 andere Bochumer Bürger von ihrem Gesammteinkommen 58,28 pCt. oder 604,850 Mk der Besteuerung vorenthalten hatten.
Doch nicht diese FeMellungen riesig das höchste Aufsehen hervor, sondern die Erklärung des Berthei- digers, daß auf dem Bochumer Werke Jahre hindurch geflickte Schienen als gute mit falschen Stempeln versehen worden seien, und daß Herr Baare erwiderte, Schienenflickerei sei auf allen Werken gebräuchlich; „geflickte Schienen liefen überall mit." Der Ver- theidiger Fusangels behauptete, daß in fünf Jahren nicht weniger als 57 falsche Stempel auf dem Bochumer Werke hergestellt worden seien. Die Forderung, daß Herr Baare wegen dieser Stempelfälschung in Untersuchungen gezogen werde, wurde am 9. Juni mit der Versicherung abgewiesen, daß nach den Akten der Staatsanwaltschaft über die behaupteten Unregelmäßigkeiten überhaupt noch nichts, am wenigsten aber eine Mitwissenschaft des Herrn Baare dargethan sei. Die Baare nahestehenden Blätter bctheuerten, die Stempel seien im Auftrage der Beamten (!) angefertigt worden, welche die Schienen abzunehmen hatten. Es wurden anerkennende Zeugnisse von allen möglichen Verwaltungen gesammelt und veröffentlicht. Ein Eisenbahnbeamter, der es wagte, ein abfälliges Urtheil über
Frühlings-Hoffnung.
Verschneit liegt rings die ganze Welt:
Ich hab' nichts, was mich freuet.
Verlassen steht der Baum im Feld, Hat längst sein Laub verstreuet.
Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume;
Da rührt er seine Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.
Er träumt von künft'ger Frühlingszeit, Bon Grün und Quellenrauschen, Wo er im neuen Blüthenkleid Zu Gottes Lob wird rauscheu.
Joseph Frecherr v. Eichendorff.
M Dem Andenken IohannesIanssens*)
Die wahre Wissenschaft ist diejenige, die zur Erkenntniß Gottes führt, die Sitten bessert, die Gelüste einschränkt, die Neigungen reinigt, die Einsicht alles dessen, was zum Seelenheil nothwendig ist, befördert und das Herz mit Liebe zum Schöpfer erfüllt.
Trithemius f 1518.
Alle Gelehrsamkeit ist verderblich, die mit Verlust der Frömmigkeit erworben wird.
Alex. Hegius f 1594.
Hart, überaus hart greift seit zwei Jahren die Hand des Todes ein in das blühende katholische Leben Deutschlands. Gerade die auf denHöhen dieses LebensWan- delnden, unsere Edelsten, Größten, Besten sind zahlreich wie
*) Nachdruck nicht gestattet.
Bochumer Erzeugnisse in die Presse zu bringen, wurde in Disziplinaruntersuchung gezogen, und Herr Fusangel wanderte ins Gefängniß. Und nun beginnen dennoch die Dinge in Bochum sich kritisch zuzuspitzen, und es scheinen sich noch weit mehr Mißbräuche herauszustellen, als in dem Steuerprozesse Seitens Fusangels angedeutet waren.
Es ist im Interesse des ganzen deutschen Eisengewerbes tief zst beklagen, daß sich auf dem Bochumer Verein Jahre hindurch Betrügereien abspielen konnten, welche jetzt 17 Meister und Beamte des Werkes auf die Anklagebank bringen. Gegen zwei Ingenieure wird die Untersuchung noch fortgesetzt. Dem Direktor Baare ist einstweilen eine Anklageschrift noch nicht zugegangen, aber nur, weil seine Mitwissenschaft an Fälschungen, deren er durch Zeugenaussagen überführt erscheint, sich auf solche Fälle beziehe, deren Verfolgung bereits verjährt sei. Ist oieser Bescheid des Staatsanwalts Schlüter an Herrn Fusangel unanfechtbar, so wird der Generaldirektor des Bochumer Vereins allerdings straffrei ausgehen — das moralifche Urtheil über ihn wird von diesem Umstande nicht berührt.
Die neuesten Mittheilungen, welche Herr Fusangel in seinem Blatte begonnen hat, sind geradezu eine Schmach für die deutsche Industrie. Danach sollen sich die Stempelfälschungen von 1876 an bis tief in das Jahr 1891 hinein erstreckt haben. Eine Reihe von Graveuren war angeblich zur Anfertigung der falschen Stempel auf dem Werke angestellt; ganze Werkstätten zu diesem Zwecke sollen bestanden haben, Flickschmieden in regster Thätigkeit gewesen sein; Personen, welche bei der Einschmuggelung von geflickten und mit falschen Stempeln versehenen Schienen ertappt wurden, blieben auf dem Werke — kurzum, die Angaben, welche unter Anführung aller Namen und Einzelheiten, erfolgen, sind derart-belastend, daß die übrigen ^chiemnwerke den dringendsten Anlaß sehen sollten, ft fort die öffentliche Erklärung abzugeben, daß bei ihnc l derlei Betrügereien gänzlich ausgeschlossen seie t und stets waren, und daß auf sie die Aussage des Herrn Baare keine Anwendung finden könne, Schient nfllckereien und Ausbesserungen von „Schönheitsfehlern" kämen überall vor. Wenn aber richtig ist, daß Herr Baare früher von diesen Betrügereien gewußt hat, so darf die öffentliche Meinung weitere Aufklärung erwarten, um zu verstehen, daß er gerade von den noch unverjährten und daher verfolgbaren Fällen keine Kenntniß gehabt habe. Auch hier wird wohl die gerichtliche Verhandlung näheren Aufschluß bringen müssen.
Deutsches Keich.
Berlin, 15. Februar.
* Reichskanzler Graf Caprivi hat Einladungen an Landtags - Abgeordnete zu einem parlamentarischen Esten für den 17. Februar ergehen lassen. Dem Vernehmen nach nimmt auch der Kaiser Theil. Vor
nie zuvor dem Tode zum Opfer gefallen. Mit Frankenstein begann die Reihe unserer großen Torten im Januar 1890, Janssen schloß sie am Vorabend des hl. Weihnachtsfestes 1891 ab, und in dieser kurzen Spanne Zeit verloren wir auch noch unseren unvergleichlichen und unvergeßlichen Führer Windthorst, verloren wir das Würzburger Paar Hettinger und Hergenröther, das Mainzer Paar Moufang und Heinrich. Auch Döllinger gehört noch in jene Todten-Reihe, aber ihn nennen wir mit unnennbarem Schmerz! Was hätte dieser Mann, der in den sechszig ersten Jahren seines Lebens so Großes für die Kirche Gottes gewirkt, bei seinem Wissen und seiner Kraft des Wortes in den letzten dreißig Jahren seines Lebens noch leisten können, 6et den Aufgaben, die gerade sie boten, bei den Kämpfen, in die sie uns stürzten!
In jenen sechsziger Jahren, als die Katholiken zuerst nicht mehr voll billigen konnten, was Döllinger that, und allmählig ernstlich an ihm zu zweifeln anfingen, bis dann sein Abfall zu Anfang der siebenziger Jahre sie auf's tiefste erschreckte und betrübte, gerade in jenen Jahren begann Janssens Stern in mildem Glanze aufzugehen und allmählich immer strahlender zu werden und immer mehr die Blicke auf sich zu ziehen.
Es gibt Leute, tvelche zu einer gewissen Aufgabe geradezu prädestinirt erscheinen, und denen sich in Erfüllung dieser Aufgabe kein Hinderniß entgegenstellen kann, welches sie nicht durch eigene Kraft wegräumen
zugsweise sindMitglieder der Volksschulgesetz-Kommission geladen.
* Die internationale Maifeier soll dies Mal, nach den Versicherungen der sozialdemokratischen Presse, großartig werden. Bekanntlich fällt dieses Jahr der erste Mai auf einen Sonntag. In London, Wien, Berlin und Paris sind bereits vorbereitende Komitees in Thätigkeit. Wie aus England berichtet wird, soll dies Mal die Betheiligung der Gewerkschaften eine allgemeine sein. In Berlin hat, nach dem .Vorwärts', in den letzten Tagen eine private Zusammenkunft bekannter Parteigenossen, Vertreter der Gewerkschaften und der politischen Arbeiterbewegung stattgefunden, um die Maifeier zu erörtern. Die Vorbereitung der Feier soll in Deutschland dies Mal durch die sozialdemokratische Parteileitung erfolgen, um jede Zerfahrenheit zu vermeiden. Eine eigene „Maifestnummer" soll erscheinen, außerdem soll ein „Festzeichen" hergestellt werden. Man hofft, so zugleich eine große Summe zur Unterstützung der Achtstunden-Bewegung zusammenzubringen. In der .Fränkischen Tagespost' des sozialdemokratischen Abg. Grillenberger kündigt Frau M. Grillenberger zur Maifeier den Parteigenoffen und Fachvereinen bereits Fahnen (in Roth) mit diversen Sinnsprüchen und Inschriften in allen Preislagen an. Besonders bedeutungsvoll dürfte sich die Maifeier dies Mal in Frankreich gestalten, weil dort in diesem Jahre die Gemeinderathswahlen im ganzen Lande (Paris ausgenommen) ebenfalls auf den 1. Mai fallen. Die französische Presfe hat bereits darauf hingewiesen, daß das Zusammentreffen der internationalen Kundgebung mit den Erneuerungswahlen der Gemeindebehörden für die bestehende Ordnung verhängnißvoll sein könne, und sie hat deshalb der Regierung gerathen, den Wahltermin zu verlegen. Auch aus Italien, der Schweiz und Spanien werden große Vorbereitungen für die Maifeier gemeldet.
* Die Bolksschulgesetz-Kommisfion hielt in der ver- flossinen Woche vier lange Sitzungen, in denen die ersten 13 Paragraphen des Gesetzes erledigt wurden. Doch wurde dabei noch namentlich der dritte Absatz von § 6, wonach die Einführung neuer Lehrpläne und Schulbücher für den Religionsunterricht im Einvernehmen mit den zuständigen kirchlichen Organen erfolgen foll, zurückgestellt, um im Zusammenhang mit § 18 berathen zu werden. Wesentliche Aenderungen sind bisher an Der Vorlage nicht vorgenommen werden, so daß weder der Standpunkt der Liberalen, noch derjenige des Centrums und der Konservativen, noch endlich derjenige der Regierung zu der Vorlage verrückt sein dürfte. Zu großen prinzipiellen Erörterungen ist es einstweilen noch nicht gekommen. Was bisher nach dieser Richtung geschehen ist, kann nur als Vorpostengeplänkel betrachtet werden. Dieselben werden aber in der nächsten Woche sofort bei § 14 beginnen. Die Paragraphen 14—18 werden die erste und auch gleich die wichtigst- große Schlacht entbrennen sehen. Wenn
oder ivelches nicht in Folge eines Zusammentreffens eigenthümlicher Umstände verschwindet.
An diese allgemeine Wahrheit werden wir erinnert, wenn wir hören, daß unser verewigter Janssen eigentlich Kupferschläger werden sollte. Aber Gottes Vorsehung hatte den schwächlichen Knaben und Jüngling zu einem Schlagwerk ganz anderer Art ausersehen. Lüge und Schwindel sollte er auf seinen Ambos nehmen und mit dem wuchtigen Hammer wissenschaftlicher Forschung platt schlagen. Das war offenbar die ihm von Gott gesetzte Aufgabe und unsere Zeit ist staunender Zeuge, wie der Frankfurter Geschrchtsprofesfor in der späteren Geschichte des deutschen Volkes einen historischen Nebel nach dem andern aufgelöst hat. — Der Lebensgang des nach menschlichem Ermessen uns zu früh Entrissenen ist folgender: Geboren am 10. April 1829 in der schon in der deutschen Sage berühmten Stadt Xanten von braven und ziemlich wohlhabenden Bürgersleuten, besuchte er zuerst die Rektoratsschule zu Xanten. Als er im 13. Jahre seine Mutter verlor, sollte er nach dem Willen des Vaters, wie bereits angedeutet, Kupferschmied werden. Allein sein Lehrmeister hatte bald gefunden, daß dieser „Lehr- bube" wenig Anlage zu einem Kupferschmied, dagegen desto mehr zum Studium habe. In Folge dessen vertauschte Janssen die Werkstätte wieder mit der Rektoratsschule und blieb dort bis zum Herbst 1846, um welche Zeit er in das Gymnasium zu Recklinghausen trat. Im Herbst 1849 bestand er das Abiturientenexamen