M 37
Dienstag, den 16. Februar 1892.
19. Jahrgang
FilldaklWZkitliii«
Erscheint täglich, Sonn- und Fer.rtage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
ivirrttljährlicher LbonnemeutSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage Mathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Br. Die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften. ZU!
lieber daS Verhältniß der Sozialdemokratie zu den Gewerkschaften gibt eine Rede neuen Aufschluß, welche Bebel am 21. Januar d. I. in einer von 5000 Personen besuchten Volksversammlung im Feenpalast zu Berlin gehalten hat. Bebel verbreitete sich im Anschlüsse an den unglücklich beendigten Streik der Buchdrucker über die Streiks und ihre ungünstigen Aus- sichten unter den heutigen Verhältnissen. Man müsse daher auf die Erringung einzelner Erfolge verzichten und der Kapitalistenklasse als solcher den Krieg an- tonbigen. Das könne aber nur dann geschehen, wenn die Gewerkschaften sich politisch organifirten, der Sozialdemokratie sich anschlössen und deren Bestrebungen für eine gesellschaftliche Umwandlung von Grund aus unterstützten. Er schlug deshalb folgende Resolution vor, welche nach kurzer Diskussion allgemeine Annahme fand.
„Die Versammlung erklärt: Gegenüber dem Bestreben der Unternehmerklasse, die wirthschaftliche Lage der Arbeiterklasse immer tiefer herabzudrücken und die letztere in die vollständigste ökonomische Abhängigkeit von der Unternehmerklasse zu bringen, ist die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterklasse eine Noth- wendigkeit. Da aber die gewerkschaftliche Bewegung ihrer Natur nach auf die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterklasse innerhalb der bestehenden Gesellschaft gerichtet ist, so genügt dieselbe nicht, um auch die Befreiung der Arbeiterklasse aus den Fesseln des Kapitalismus herbeizuführen.
Das ist vielmehr Aufgabe des politischen Kampfes, wie ihn die Sozialdemokratie führt, eines Kampfes, dessen Endziel die Aufhebung des Klassenstaates, die Verwandlung des Privateigen- thums an Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigenthnm und die Umwandlung der Waarenprodnktion in sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion ist.
Die Versammlung betrachtet es daher als die Pflicht aller Arbeiter, sich der Sozialdemokratie anznschließen und ihre Bestrebungen thatkräftigst zu unterstützen."
Hier wird mit dürreu-Wortm ausgesprochen, welche Absichten die Sozialdemokratie in Bezug auf die Gewerkschaften verfolgt. Sie sollen ihrem eigentlichen Zwecke, der wirthschaftlichen Organisation und Hebung des Arbeiterstandes, entzogen und zu reinen politischen Kampfes- organisationen im Dienste der Sozialdemokratie gemacht werden. Das legt uns aber im Interesse der Gewerkschaftsbewegung selbst, wie überhaupt im Interesse einer friedlichen und gesunden Lösung der Arbeiterfrage die dringendste Pflicht auf, der Gewerkschaftsbewegung unser ganzes Interesse zu widmen, um die drohende Gefahr abzuwenden, daß die Gewerkschaften zu Kerntruppen der Sozialdemokratie und für den gewaltsamen Umsturz der Gesellschaft herangezogen werden. Wir haben hier viel zu thun und nachzuholen. Nicht unrichtig hat jüngst auf dem sozialdemokratischen Parteitage zu Koblenz der Vorsitzende desselben, der Kölner Delegirte Woldersky bemerkt: „Es gebe kein Gebiet, auf welchem die ultra- montane Partei nicht organisirt sei. Die einzige Schwäche derselben sei, daß sie auf gewerkschaft- lichem Gebiete der sozialistischen nicht gleichkommen könne."
Die verhiiugmßvolle Mse.
Humoreske von H. Kott Witz.
Als ich aus der Schule entlüften worden war, stellte sich mein Vater mit besonders feierlichem Gesicht mir gegenüber, legte mir die Hand auf die Achsel und hielt mir eine Rede mit einem Reichthnm guter Lehren, die ungefähr in dem Punkte gipfelte:,: „Strebe stets dahin, daß Du keinen Feind hast!" Ich war natürlich tief gerührt. Hinter mir stand Mutter, die ein leises Schluchzen hören ließ, und hinter dem Vater standen zwei Schwestern, die nun auch die Taschentücher vor die Augen drückten. Es wurde nun doch dem Vater ein bischen zu viel des Weinerlichen und er brach mit einer aufheiternden Wendung ab: „Junge, wie sieht doch Deine Nase so roth, gerad als hätt'st ein Roth- kehlchen im Gesicht sitzen."
Da lächelten sie alle und die Stimmung kam wieder in ruhiges Gleichgewicht. Ich halte damals noch keine Ahnung davon, daß die letzte Bemerkung in der Rede meines Vaters der allerwichtigste Theil derselben gewesen war und in genauer Wechselwirkung mit der Mahnung stand: ich solle mir keinen Feind machen. Meine Nase wurde mein größter Feind und der war entweder mein Geburtserbthril, oder ich hatte ihn mir auf der Eisbahn geholt — wer weiß es! Sicher ist, daß mit jedem zunehmenden Jahre meines Alters auch
Suchen wir daher auch hier der Sozialdemokrasie den Rang abzulaufen. Was sie den Gewerkschaften bieten kann, das und noch mehr können wir denselben bieten. Zeigen wir das durch die That.
Freilich werden wir auf die Gewerkschaften wenig Einfluß gewinnen können, welche, bereits vom Geiste des Umsturzes beherrscht, nur den Klassenkampf suchen. Allein es gibt noch eine viel größere Anzahl derer, welche ihr berechtigtes wtrthschastliches Interesse verfolgen. Kommen wir diesen zu Hülfe, um sie vor dem sozialdemokratischen Einflüsse zu bewahren und in ihnen eine solide Grundlage für einen christlich-konservativen Arbeiterstand zu schaffen. Das thut unserer Zeit vor allem noth.
Doppelt nothwendig erscheint diese Aufgabe angesichts des bevorstehenden Kongresses der deutschen Gewerkschaften am 14. März zu Halberstadt. Nach einer vorläufigen Darlegung des Programms dieses Kongresses durch den Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften, C. Legien in Hamburg, in Nr. 5 des 'Sozialpolitischen Centralblattes' wird der Kongreß vor allem daraus hinarbeiten, die gesummte Gewerkschaftsbewegung unter das Zeichen des politischen Klassenkampfes d. h. unter das Zeichen der Sozialdemokratie zu stellen. Und es ist nur zu sehr zu befürchten, daß diese Bestrebungen auf dem Kongresse die Oberhand gewinnen werden. Der Vorsitzende der Generalkommission bezeichnet es als besondere Aufgabe der Gewerkschaften „durch geeignete Agitation die Arbeiter zum Klassenkampfe zu erziehen" und gibt der Meinung Ausdruck, „daß die Gewerkschaften insbesondere diejenigen Schichten der Arbeiterbevölkerung zu gewinnen vermögen, welche dem politischen Leben und der politischen^Thätigkeit verständnißlos gegenüberstehen." ' Als. besondere Ausgabe der nep zu nnjoniftrenben und mehr zu centralisirenden Gewerkschaften wird daher auch neben der Erringung besserer Lohn- und Arbeitsbedingungen durch den Strike „die Agitation unter den nichtorganisirten und für die Teilnahme am öffentlichen Leben noch nicht gewonnenen Arbeitern" bezeichnet. Eine 'Schwierigkeit stehb jedoch der Cen- trafifation und besonders der politischen Organisation der Gewerkschaften entgegen. Das sind die staatlichen Vereinsgesetze in Deutschland. Hierüber äußert sich Legien in folgender Weise:
„Den schwierigsten Punkt bildet die Bereinsgesetzgebung. Hier kommt es zunächst in Betracht, daß es in einzelnen Bundesstaaten Vereinsgesetze gibt, welche nach ihrem klaren Wortlaut eine Centralisirung der Gewerkschaftsorganisationen unmöglich machen. Dann aber ist in den Bundesstaaten, nach deren Ber- einsgesetzen die gewerkschaftliche Centralisation zulässig ist, seitens der Behörden -und Gerichtshöfe eine solche Auslegung der Gesetze beliebt, daß es auch hier möglich ist, den Centralorganisationen Schwierigkeiten zu bereiten, ja sie völlig zu vernichten. So bedauerlich eine solche Sachlage mit Rücksicht auf die hohe kulturelle Aufgabe der Gewerkschaften ist, so muß mit dieser Thatsache gerechnet werden und es wird des ganzen Scharfsinnes, der größten Ueberlegung der Vertreter auf dem Kongresse bedürfen, um diese gesetzlichen Klippen zu umschiffen."
Auch wir sind von der hohen kulturellen Aufgabe der G ewerkfchasten für unsere Zeit innig überzeugt und meine Nase an Röche und Umfang gewann und schon in der höheren Schule, die ich besuchte, meine Mitgenossen oftmals diesen meinen Gesichtsoorsprung zum Stichblatte von Witzeleien machten, die manchmal fade genug waren. Einer, dem die Geographie nicht sehr an's Herz gewachsen war, äußerte einmal, ich hätte das „Kap des Feuerlandes" im Gesicht, und davon gab mir die verruchte Baude den Namen „Feuerländer."
So sina es an und dann ging’» weiter in's Unendliche. Ich kam als Lehrling in ein Kaufmann sge- schäft, welches unter Anderem feine Siqueure führte. Obschon ich nun der ehrlichste, mäßigste und gew.ssenhaf- tefte Mensch war, kam ich doch mit der Zeit in einen schlimmen Verdacht; der Prinzipal guckte mich immer so argwöhnisch an, eines Tages nahm er den Geschäftsführer bei Seite, deutete mit den Augen auf mich und ich hörte, wie er ihm etwas von „Liqueurfluschen in Acht nehmen" zuraunte. Das war nun ganz und gar schändlich, aber in der stillen Empörung, d ie mich darüber ergriff, fühlte ich, daß meine Nase ordentlich feuerte.
Ich las damals zufällig in einer Zeitschrift — ich glaube, es war „das Neue Blatt" — das beste Mittel zur Hautpflege sei reines, frisches Wasser. — Wie habe ich meine junge Nase mit reinem, frischem Wasser gerieben. Aber was hals's? Sie glühte nach jedem solchem Bade wie eine Pfingstrose.
haben dieser Ueberzeugung wiederholt^entschieden Ausdruck gegeben. Wir würden es daher aufs höchste be dauern, wenn die sozialdemokratische Agitation zu einer Beschränkung der rechtmäßigen Freiheit der Gewerkschaften oder gar zu einer gewaltsamen Unterdrückung derselben führte. Wir wünschen vielmehr volle Freiheit der Gewerkschaften auf ökonomischem Gebiete. Insbesondere das Cent rum beschäftigt sich feit lange schon mit dieser Frage und hat bereits einen bezüglichen Antrag im Reichstage angemeldet, um den Berufsge- ttosseitschaften Korporationsrechte zu verschaffen. Nimmer aber können wir eine Aenderung der bestehenden Vereinsgesetze'wünschen, um der politischen Agitation der Gewerkschaften zum Klasienkammpfe Vorschub zu leisten. Das wäre heute ein nationales Unglück und würde jäh zum kulturellen Rückschritte, ja zur Auflösung der Gesellschaft führen. Wir müßten das am meisten im Interesse einer gedeihlichen Entwickelung der Gewerkschaftsbewegung, im Interesse des Arbeiterstandes bedauern. Möge auch diese Erwägung auf dem bevorstehenden Kongresse entschiedenen Ausdruck und Vertretung finden!
Deutsches Keich.
Berlin, 13. Februar.
* Auf dem heutigen parlamentarischen Diner bei Bötticher blieb der Kaiser bis halb zwölf Uhr, obwohl man schon um 7 Uhr vorn Tische aufgestanden war. Mit Dr. Lieber vorn Centrum und dem Freisinnigen -@bertt), die ihm neu vorgestellt wurden, führte der Kaiser eine kurze Unterhaltung, bann stand er etwa eine Stunde in intimem Gespräch mit Miquel, Herr- furth und Manteuffel, später in einer Gruppe Helldorff, Clairon d'Hauffonville und Erffa. Schließlich 4ieß sich der Kaffer in einem Nebensalvn mit Stumm, Krupp und dem Gesandten Lerchenfeld zu einer langen Unterhaltung nieder. Es verbietet sich aus begreiflichen Gründen, über Einzelheiten solcher Gespräche öffentlich: Mittheilungen zu machen, doch ließ schon die Begrüßung, die der Kaiser an Stumm richtete, keinen Zweifel darüber, daß ihm dessen Rede vom Freitag gegen die Sozialdemokratie genau bekannt war und seinen Beifall hat. Ueberhaupt wurde auch durch diesen parlamentarischen Abend der Eindruck verstärkt, daß man in den leitenden Kreisen sich mit der Sozialdemokratie sehr lebhaft beschäftigt und, verleitet durch die wachsende Zuversicht und den zur Schau getragenen Uebermuth einzelner Wortführer und Organe dieser Partei, sich mit der Sorge einer energischen Bekämpfung derselben trägt. Die Bewilligung der Forderungen für die Marine im Reichstag intereftirt den Kaiser lebhaft.
* Der Berliner Stadthanshalts-Elat für 1892/93 schließt in Einnahme und Ausgabe mit 80,6 Millionen ab.
* Die Re'ckistags-Kommission auf Abänderung des Watzlgc,rtres (Abgabe der Stimmzettel in KouvertS) t>en beantragten Entwurf mit einigen Abänderungen angen. atmen.
Als ich in die Jahre kam, wo des Jünglings Herz sich zu den Mädchen hingezogen fühlt, fühlte auch meine Wenigkeit einen solchen zartbesaiteten Zug, aber wenn mich bann bie Mädchen so ansahen, und unter sich kicherten, da fiel mir der Muth bis in bie Socken hinab. „Sie lachen über Deine rothe Nase", buchte ich unb mein liebesehnenbes Herz Iprach sich nur in bem stummen Erglühungen meiner Nasenspitze aus.
Am ärgsten war's im Winter, ba nahm bas rosige Roth meines Vorgebirges eine bläuliche Färbung an, unb kam ich au« ber Kälte in bie Wärme, so hatte ich bie Empfinbung, als trüge ich einen kleinen Öfen im Gesicht.
Zum Militär affentirt, hätte ich doch wahrlich an- nehmen bürfen, baß wenn man bem Vater lande dient, es doch schließlich egal ist, ob die Rase alle Regenbogenfarben zeigt ober nicht, aber fehlgeschossen! Eines Tages — auch mitten im Winter — als meine Kompagnie im Kasernenhofe exerzirte, faßte mich der Hauptmann — ich staub im ersten Gliebe— mit seinem Mo- nocle fest in's Auge unb näselte: „Rekrut Poftelt scheint ferne einen hinter bie Binbe zu jießen! Uistarthaft, so'n Thermometer mit sich herumzutragen. Ver'chänbet junze Kompagnie!"
Da hatte ich's! Ich unb hinter bie Binde jießen Nicht ein Autom von Schnaps kam über meine Lippen Ader nnn ging's los bei ben Sameraben. Bei jebe