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19. Jahrgang

Donnerstag, den 11. Februar 1892

an zu

sich davor.

„Ich flehe Sie an,“ begann er aufgeregt, „be­handeln Sie mich als Freund, nicht als einen zudring­lichen Fremden. Alle Welt sagt, daß Sie in Gefahr stehen, Ihr Vermögen zu verlieren, um das Jeder Sie beneidet. Ist es wahr? O, bitte, sagen Sie mir: ist es wahr?"

Tante Aglae war edeldenkend; sie mißverstand nicht eine Sekunde das Gefühl, welches den sangen Mann zu dieser Frage getrieben hatte. Ohne sein wirkliches Motiv zu kennen, dachte sie von Francis zu gut, als daß sie hätte glauben mögen, daß er, gleich den Andern, dem Reichthum den ersten Rang in seiner Achtung ein» räumte, und daß er gefürchtet halte, in Folge der Ver­mögenskatastrophe auf Grange-Berte nicht mehr in freundschaftlicher Beziehung zu seinen jetzigen Nach­

Em Gpfer der Pflicht.

Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.

(22. Fortsetzung.)

sammlung mitmachen, flößen uns weder Achtung noch Furcht ein. Das christliche Volk ist unsere Stütze, ruhige, ernste, erfahrene Männer, welche die Bedeutung der christlichen Volksschule gerade in den Stürmen der Gegenwart zu erkennen und zu würdigen wissen.

Die Agitation gegen das neue Wiks schul- gesetz.

Als der neue Entwurf des Volksschulgesetzes im Abgeordnetenhause in erster Lesung berathen wurde, war im Munde der liberalen Gegner des Gesetzes fort und fort die Rede von der ungeheuren Auf r e gun g, welcher dieser Entwurf im „Volke“ hervorgerufen haben sollte. Wer ist denn das „Volk,“ das in einer so furchtbaren Aufregung sich befunden haben soll, noch bevor die Schuldebatte im Abgeordnetenhause begann? Wenn die liberalen Redner im Abgeordneten­hause ehrlich hätten erklären wollen, wir wollen mit unfern Reden das Volk aufregen, so hätten wir uns das gefallen lassen; wie wir es uns auch gefallen lassen' müssen, wenn die liberale und kulturkämpferische Presse die Volksmassen gegen das neue Volksschul­gesetz aufzuregen sich bemüht. Aber von einer bereits vorhandenen Aufregung im Volke, wenn man da­runter die breiten Massen des Volkes verstehen soll, kann doch keine Rede sein. Die Mitglieder der Cen­trumspartei, die Wähler der konservativen Partei und die Polen, — gehören die nicht etroa auch zum Volke? Ist in diesen Kreisen irgend welche „Aufregung“ gegen das neue Volksschulgesetz hervorgetreten, oder findet dasselbe in allen wahrhaft christlich und gläubig ge­sinnten Kreisen nicht vielmehr Zustimmung? Freilich, für das Volksschulgesetz Stimmung zu machen ist nicht nothweudig, wenn die Mehrheit des Abgeordnetenhauses mit der Regierung auf dem Standpunkte der Regierungsvorlage steht und die christ­liche V o l kssch u le erhalten wissen will und sich darüber freut, daß dieselbe jetzt er­halten bleiben soll. Ja, wenn die liberalen Gegner des neuen Volksfchulgesetzes aus katholischen oder aus gläubig-protestantischen Wählerkreisen von einer Aufregung, von einer Beurkundung dieser Auf­regung in Versammlungen oder Protesten reden könnten ! Aber das ist nicht der Fall. Die Mehrheit des Volkes steht auch nach den aufreizenden Reden der liberalen Wortführer und der liberalen Presse auf Seiten des neuen Volksschulgesetzes und nach dieser Seite hin ist also das Gerede von einer Aufregung im Volke nichts anderes als liberaler Schwindel.

Aber, wo bleibt selbst in liberalen Kreisen die Aufregung? Das die liberalen Abgeordneten frei­sinniger und nationalliberaler Couleur mißvergnügt und aufgeregt gewesen sind, als ihnen der Inhalt des neuen Volksschulgesetzes bekannt wurde, wollen wir gerne glauben, ebenso wollen wir auch zugeben, daß es „auf­geklärte“ Liberale im Lande gibt, welche der „modernen Weltanschauung“ huldigen, welche diese Auffassung theilen. Aber keineswegs können wir zugestehen, daß alle Wähler, welche einen liberalen Wahlzettel abge­geben haben, das Volksschulgesetz verurtheilen, und nur von den „zielbewußten“ Sozialdemokraten, die hier wieder einmal mit ihren Halbbrüdern Arm in Arm gehen, läßt sich das voraussetzen. Die Sozial­demokraten zeigen sich denn auch am rührigsten in der

Ohne auf die Frage zu antworten, selbst ohne den Austausch von Begrüßungen und Redensarten denken, die eine Unterhaltung stets einzuleiten pflegen, ließ sich Francis auf einen Stuhl nieder Als er so nahe daran war, die Wahrheit zu erfahren, fürchtete er

Agitation gegen das neue Volksschulgesetz, während die „gemäßigten“ Liberalen erst die weiten und breiten Massen des Volkes in Aufregung zu bringen suchen. Die liberalen Redner gegen das Volksschulgesetz im Abgeordnetenhause haben von der „Aufregung“ ge­sprochen, aber nicht einmal eine allgemeine Aufregung hei vorzubringen vermocht, und nun muß die liberale Presse das Üebrige thun, um die Volksmassen aufzu­hetzen, mit allen Mitteln, und nicht zum wenigsten mit der Verlogenheit, welche der Abg. Dr. Porsch bei der Schuldebatte gebührend geißelte. Die reformjüdische Presse spielt dabei die erste Geige, und wenn Arthur Levysohn im .Berliner Tageblatt' das „protestantische Bewußtsein der Nation“ zum Kampfe gegen das Volks­schulgesetz aufruft, so möchten wir doch wissen, wie gerade ein Mann mit dem christlich-deutschen Namen „Levysohn“ dazu kommt, sich als den Zionswächter des Protestantismus aufzuspielen, und ob auch die liberalen Protestanten einen solchen Mann als ihren Vorkämpfer und Heros anerkennen. Gewiß, auch andere als jüdisch-liberale Blätter lassen jetzt Sturmsignale gegen den Katholizismus und gegen die protestantische „Orthodoxie“ ertönen. „Frisch auf zum Kampfe gegen das Volksschulgesetz.“ ruft die .Danziger Zeit.', welche dem freisinnigen Abg. Rickert sehr nahe steht, aus, aber würde sie diesen Kampfruf wohl erlaffen, wenn die vom Abg. Rickert behauptete ungeheure Aufregung im Lande bereits vorhanden wäre, und wenn nicht erst das „Volk“ zu diesem Kampfe ermuntert werden sollte! „Heraus aus der Gleichgiltigkeit“ ruft die ,Danziger Zeitung' ihren Getreuen zu; sie muß also wohl die Erfahrung gemacht haben, daß selbst in frei­sinnigen Kreisen eine „Gleichgiltigkeit" herrscht, welche das Gegenstück zu der erlogenen „Aufregung“ bildet.

Es liegen allerdings mehrfache Proteste gegen das neue Volksschulgesetz vor. Aber wo ist der Sitz dieser „Bewegung" gegen das Gesetz? Die .Nationalliberale Korresp.' erklärt es offen, daß der Sitz dieser Be­wegung bisher nur die städtischen Magistrate und Stadtverordnetenversammlungen gewesen sind, und da­rum wünscht sie, daß der parlamentarische Widerstand gegen das neue Volksschulgesetz einen kräftigen Wider­hall im Laude finden möge, den sie bis jetzt vermißt. Das sollte dem offiziellen Parteiorgan doch Zeichen genug fein. Die Agitation gegen das neue Volksschul» gesetz ist sogar über die Grenzen Deutschlands hinaus- getragen worden ; in Hamburg z. B. hat eine Volks­versammlung startgefunden, in welcher gegen das preußische Volksschulgesetz Protest erhoben wurde. WaS geht denn die Hamburger unsere preußische Gesetz­gebung an? Uedrigens ist ja dieser Appell an das Ausland von Seiten der Liberalen, die sich so gar „national" nennen, nicht ohne Präcedenz: Als der Kulturkampf eingeleitet wurde, haben sie ebenfalls das Ausland mobil gemacht. Wir erinnern in dieser Be­ziehung nur an die Versammlung in London und an die „Dank"- und „Sympathie“-Veisammlung, welche darauf im Berliner Rathhause abgehalten wurde.

Die liberale Agitation fürchten wir nicht; die „Ra- daupolitiker", welche gern eine stürmische Protesiver- barinnen bleiben zu können. Ruhig, als ob es sich um die gleichgiltigste Sache von der Welt gehandelt hätte, erwiderte sie ihm:

„Das ist Sache meiner Nichte, die absolut ent­schlossen ist, bei ihrer Großjährigkeit alte Familien­schulden zu löschen.“

„Dieselben sind wohl bedeutend?“ fragte Francis weiter, ohne sich darüber zu beunruhigen, daß er die größte Indiskretion beging.

„Ja, sehr bedeutend,“ sagte Fräulein Aglae lächelnd. „Ich wünsche nur, daß Grange-Verte zureichen möchte."

„Dann werden Sie also arm werden?" „Mein Gort ja; ich bin daran gewöhnt." Er ergriff die Hände der alten Dame mit einer fast wahnsinnigen Hast.

„O," rief er aus, „dann werde ich Ihnen wohl reich erscheinen, wenn Sie nicht mehr dieses abscheu­liche Vermögen besitzen?"

„Reich wie ein Fürst, mein lieber Herr Nachbar.“ „Gott, welches Glück! . . . Dann werden Sie mir Florence nicht verweigern?"

Er war von seinem S tze aufgesprungen und stand vor Tante Aglae, um aus nächster Nähe ihre Ein­willigung zu vernehmen.

„Was? . . . WaS meinen Sie? ..." rief sie, in­dem sie versuchte, ihre Hände loSzumachen.

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Deutsches Deich.

58 erI in, 9. Februar.

* Der Kaiser wird der morgigen Trauer feier für den verstorbenen italienischen Botschafter, denGrafen Sau» nah, in der Hedwigskirche beiwohnen. — Ter .Reichsan­zeiger' schließt einen Nachruf für den Grafen Launay mit folgenden Worten: Die kaiserliche Regierung be­klagt aufrichtig das Scheiden dieses ausgezeichneten Staatsmannes, der während einer mehr als 36jährigen Thätigkeit überall, aber bei uns vor Allem, das An­denken einer edlen Persönlichkeit und den Eindruck eines scharfblickenden Politikers zurückläßt.

* In der gestrigen Sitzung der Kommission zur Berathung des Volksschul - Gesetzes bemerkte der Abg. Rickert u. 91.: „ Es werde behauptet, der Minister habe vor Einbringung der Vorlage mit den Bischöfen Über das Schulgesetz verhandelt. Es sei von Interesse, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, ob solche Verhandlungen direkt oder indirekt stattgefunden haben." Die von Herrn Rickert gewünschte Antwort hat Herr Abg. Dr. Porsch schon vor 8 Tagen in einer in Breslau ge­haltenen Rede mit aller wünschenswerthen Deutlichkeit gegeben. Anknüpfend an den dem Centrum gemachten Vorwurf, das Centrum treibe mit dem Volksschul-Ge- fetz Handels-Geschäfte, führte Herr Dr. Porsch ans:

„Wenn man uns aber den Vorwurf macht, Handels-Geschäfte zu treiben, dann darf ich wenigstens das noch im Allgemeinen darauf erwidern: die Centrums-Fraktion kann es ruhig darauf ankommen lassen, daß man die Thaten aller Parteien einmal auf die Waage legt, und daß man die Thaten aller Parteien dahin abwägt, welche von den Tharen selbfklos und patriotisch und welche eigennützig waren; ich bin sicher: wir können vor der Geschichte bestehen. (Zustimmung.) Nun, m.H., das angebliche Handels-Geschäft ist aber in der That auch in höchst merkwür­diger Weise abgeschlossen worden. Der Herr Kultusminister hat im Abgeordnetenhause erklärt: Den Mitgliedern aller Parteien des Hauses habe ich den Gesetzentwurf mitgetheilt, ehe ich ihn eingebracht habe, mit Ausnahme des Centrums, und es ist in derThat richtig, kein Mitglied des Centrums hat von demselben etwas mitgetheilt bekommen, bis er im Druck vor­gelegt war. (Hört! Hört!) Also meine Herren, da wären wir doch furchtbar bescheidene Handelsleute, wenn wir dem andern Theil vollständig die Bestimmung seiner Gegenleistung überlassen wollten MH.! Ich glaube, es war besonders die freisinnige Zeitung', welche diese Frage sehr eingehend behandelt hat. Sie und auch andere Zeitungen haben geschrieben: ja, es braucht ja nicht gerade einem Mitglieds der Centiums-Fraktion selbst mit- getheUt worden zu sein, es gibt noch andere Männer, die mit dem Centrum Fühlung haben, die nicht formell zum Cen­trum gehören, und durch deren Vermittelung die ganze Geschichte gemacht wurde. Sie werden vielleicht in manchen Blättern auch die Namen solcher katholischer Herren gelesen haben, die nicht formell zum Centrum gehören, mit denen der Entwurf festgestellt worden sein soll. Aber dem gegenüber kann ich aus das Posi­tivste erklären, daß auch alle diejenigen katholi chen Männer, die man über den Kreis des Centrums hinaus genannt hat, erst durch das gedruckte Exemplar Klnntniß von dem Inhalt des Volksschul-Gesetzentwurfs erhalten haben. (Hört! Hört!) Ich weiß überhaupt (abgesehen natürlich von den Männern, die Ministerial-Beamte sind), keinen Katholiken

„Da sie aim fein wird, fo wage ich, um ihre Hand anzuhalten! S hen Sie denn nicht ein, daß das Ver­mögen Ihrer Nichte allein es war, das mich abhielt? Sehen Sie nicht ein, daß ich vor Kummer zu Grunde ging, weil ich sie fo reich wußte?"

„Ich weiß, daß Sie ein rechtschaffener Mensch sind, ein wenig närrisch zwar, der sich nicht aufs Rechnen versteht," sagte sie mit mehr Gemüthsbewegung, als sie zeigen wollte.

„Aus's Rechnen! Gibt das Friede, Liebe, Glück? Nein, nicht wahr? Also warum sollte ich mich damit befassen? Verkaufen Sie schnell, bezahlen Sie schnell! la Mill öte ist groß, glauben Sie mir's, obwohl es nicht so scheint. Gott! das schöne große Zimmer nach Süden, luftig und hell, das ich von hier sehen tarnt, wie froh wird es aussehen, wenn die liebe Tante Aglae dahinein zieht!"

Und fast närrisch von dieser Aussicht, von welcher er nur der weniger süßen Hälfte Ausdruck gegeben batte, nahm er den grauen Kopf der alten Tante zwischen seine beiden Hände und küßte sie feurig auf die Wange. Gänzlich außer Fassung Über diese uner­hörte Gefühlsäußerung verthetdigie sich Tante Aglae, halb lachend, halb überwunden, als die Thüre sich leise öffnete und Florence eintrat.

Francis stieß einen Freudenschrei au8.