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Dienstag, den 9. Februar 1892.

19. Jahrgang

Erscheint täglich, Sonn- und Festtage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher AbonnementSpreiF ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen" und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage .Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen" in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

-U- Zur Handwerker-Frage.

Vom 14. bis 16. Februar d. I. soll in Berlin bekanntlich ein deutscher Jnnungs- and allgemeiner deutscher Handwerkertag stattfinden, um zu den Aus­lassungen des Staatssekretärs v. Bötticher über die Handwerker-Frage in der Reichstags-Sitzung vom 24. November v. I. Stellung zu nehmen. Herr v. Böt­ticher hat damals auf die Interpellation der Abgeord­neten Hitze und Genossen u. A. erklärt, daß es „nahezu unmöglich" sei, die Einführung des Befähigungs-Nach­weises und der obligatorischen Innungen durchzusetzen. Der Herr Minister stellte indessen eine „Organisation" des gesammten Handwerks durch Einrichtung von Hand­werker- oder Gewerbe-Kammern in Aussicht, kündigte ferner eine anderweite Regulirung des Lehrlingswesens, Maßnahmen gegen die Abzahlungs-Geschäfte und den Hausirhandel, sowie die Verleihung der Korporations­rechte an die Innungs-Ausschüsse an, dabei aber fort­während betonend, daß die Lösung der Handwerker- Frage auf große Schwierigkeiten stoße, daß die Frage keine einseitige sei, daß namentlich auch die Interessen der Groß-Industrie berücksichtigt werden müßten, und daß es Aufgabe der Regierung sei, diese Gegensätze auszusöhnen.

In Handwerker-Kreisen sind diese Auslassungen des Herrn Ministers zum Theil mit recht gemischten Ge­fühlen ausgenommen worden. In dem Auftufe zur Beschickung des bevorstehenden allgemeinen deutschen Jnnungs- und Handwerkertages zu Berlin wird aus­drücklich hervorgehoben, daß wegen der Ablehnung des Befähigungs-Nachweises sich unzweideutig eine große Erregung der Gemüther unter den deutschen Handwerks­meistern bemächtigt habe und daß man sich deshalb schon verpflichtet halte, einen Jnnungs- und allgemeinen deutschen Handwerkertag einzuberufen, auf welchem über die Weiterführung der Frage des Handwerks und über die Feststellung des ferneren Handwerker-Programms bestimmte Beschlüsse gefaßt werden sollen. Wie weit die Mißstimmung in gewissen Handwerker-Kreisen geht, das beweist schon ein vom Jnnungs-Ausschüsse in Frank­furt a. M. zu dem Berliner Handwerkertage gestellter Antrag, welcher auf nichts Geringeres, als auf eine Selbstauslösung der Innungen hinausläuft. Dieser Antrag, der voraussichtlich eine heftige Debatte Hervorrufen wird, lautet: „In Erwägung: daß auf Grund der im Namen der Reichsregierung Seitens des Staatsministers v. Bötticher in der Reichstags-Sitzung vom 24. November v. I. abgegebenen Erklärung ein Entgegenkommen der jetzigen Regierung gegenüber den feit Jahren auf allen Handwerkertagen fest formulirten Wünschen des deutschen Handwerkerstandes in Bezug auf Einführung des gewerblichen Befähigungs - Nach­weises, sowie der obligatorischen Innung nicht mehr zu rechnen ist; in fernerer Erwägung: daß die freien In­nungen erwiesenermaßen nicht im Geringsten die Mittel bieten, den Zerfall des Handwerkerstandes aufzuhalten,

Em Gpfer der Pflicht.

Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.

(20. Fortsetzung.)

„Wenn das so steht," sagte er zurückweichend, „dann werden wir nicht als Freunde auseinander gehen. Das ist schade. Ich hätte Ihnen nützlich werden können, um in der Gegend rund zn erzählen, daß ich den Vater Raymond in den Gesandtschaften kennen gelernt habe."

Mit cynischem Lächeln grüßte er linkisch und wandte sich der Thüre zu, indem er ein Bein schleppte.

Florence eilte zum Kamine; auf demselben stand den ganzen Tag über eine Büchse mit kleinem Silber­geld für Almosen bestimmt und stets so gefüllt, daß die Damen des Hauses nie genöthigt waren, das Almosen, um das sie gebeten wurden, in einem anderen Zlmmer zu holen. Die Büchse war Morgens erst ge- fullt worden und Florence wußte es wohl. Sie schüttete M *n ^te ^iden Hände und folgte dem

Dieser hatte die Absicht verstanden und hielt ihr JSLt des Hausflurs den Hut hin. Die zahlreichen Silberstücke fielen klingend in den Hut, an dessen plötz­licher Gewichtszunahme Charbonneau merkte, daß sein Gang nicht schlecht bezahlt war.

»Das nenne ich reden," brummte er.

Sie flüchrele sich nach der Treppe hin, war aber

sondern den Innungs-Mitgliedern nur schwer zu tragende Lasten und Pflichten auferlegen, welche leider noch sehr ost durch die Maßnahmen der aufsichtführenden Behörden erschwert werden, beschließt der Allgemeine Deutsche Jnnungs- und Handwerkertag: „ „Den bestehenden freien Innungen die Auflösung zu empfehlen und dafür die Umwandlung derselben in unabhängige Vereine oder Genossenschaften zu veranlassen.""

Die Tagesordnung des Handwerkertages umfaßt 6 Punkte, unter denen sich natürlich auch die Forderung des Befähigungs-Nachweises und der Handwerker-Kam­mern befindet. Außerdem soll auch über die Ausbil­dung des Genossenschaftswesens im deutschen Hand­werkerstande gemäß § 97 a Nr. 4 der R.-G.- O. auf der Grundlage des Genossenschafts-Gesetzes mit be­schränkter Haftpflicht verhandelt werden. Diesen Punkt halten wir für ganz besonders wichtig; denn nach § 97 a Nr. 4 steht den Innungen das Recht zu, zur Förderung des Gewerbe-Betriebes der Innungs-Mit­glieder einen gemeinschaftlichen Geschäfts- Betrieb einzurichten. Es ist unverkennbar, daß die Handwerker bisher viel zu wenig darauf bedacht ge­wesen sind, sich die Vortheile des Großbetriebes durch gemeinsame Thätigkeit, namentlich durch gemeinsamen Bezug der Rohstoffe, gemeinsame Beschaffung und Be­nutzung von Maschinen, sowie durch Errichtung ge­meinsamer Verkaufsstellen zu Nutze zu machen. — Was nun das Handwerker-Programm der Regierung betrifft, so läßt sich natürlich der sozialpolitische Werth der ver­heißenen Organisation erst dann beurtheilen, wenn man ihre Grundlinien kennt. Herr v. Bötticher hat sich in dieser Beziehung vollständig ausgeschwiegen, und es wird deshalb an den Handwerkertag die Nothwendigkeit herantreten, zunächst abzuwarten und keine übereilten Beschlüsse zu fassen. Eine solche Uebereilung liegt u. E. in dem Anträge des Frankfurter Jnnüngs-Ausschusses vor, der auf nichts Geringeres hinausläust, als auf die freiwillige Auflösung der zur Zeit in Preußen bestehen­den 7823 Innungen. Eines ist unbedingt nothwendig: Die Regierung wird bald und entschieden Stellung nehmen müssen. So sehr wir anerkennen, daß ihr zwischen Handwerk und Großindustrie eine gewisse Ver­mittler-Rolle zusteht, so können wir doch nicht zugeben, daß vielleicht gerade an der entscheidenden Stelle Halt gemacht wird, um den Interessen der Großindustrie nicht zu nahe zu treten. Es wird viel zu wenig ge­würdigt, daß wir bereits an einem Uebergewichte der Großindustrie leiden.

Ob nun die Vorlagen der Regierung noch in dieser Tagung des Reichstages eingebracht werden ober nicht, so möchten wir doch wünschen, daß einmal der Berliner Handwerkertag sich vor übereilten Beschlüssen hüten, und daß andererseits die Regierung den Wünschen der Handwerker mehr als bisher entgegenkommen möge. Brachte doch erst kürzlich wieder das sozialdemokratische Central-Organ .Vorwärts" unter der Ueberschrift: „ Keine Rettung!" einen Artikel, in welchem ausgeführt wurde,

nicht schnell genug, um die Begegnung mit ihrer Tante zu vermeiden.

Wüthend, nach Athem ringend, kam dieselbe aus dem Zimmer in demselben Augenblicke, als das Geld in Charbonneau's Hut klang und sie warf Florence einen vernichtenden Blick zu.

„Du bist unsinnig!" sagte sie rauh; „mit Deiner ängstlichen Freigebigkeit hast Du jetzt den unersätt­lichsten Blutegel an unser Fleisch gesetzt."

Florence öffnete die Thüre ihres Zimmers, zog die Tante hinein und bewog sie, sich niederzusetzen.

„Beruhige Dich, beruhige Dich", sagte sie mit engelgleicher Sanftmuth, „und höre mir zu."

„Dir zuhören! . . . Während du alle meine Pläne umstürzest."

Das junge Mädchen fiel vor dem Fauteuil, auf dem die Tante saß, auf die Kuiee, und nahm die beiden Hände derselben.

„Ach, liebste Tante, ich fürchte, ich werde sie noch mehr umstürzen."

„Du?"

„Ja. Ich habe in diesen zwei Stunden ein volles Leben durchgelebt. Zwei ganz entgegengesetzte Auf­regungen, die eine so schmerzlich wie die andere, haben ein neues Licht über meine Lage verbreitet."'

„Was ist denn noch vorgegangen, mein Gott?"

„Vielleicht würoest Du die Gründe nicht verstehen, liebe Tante. Wir kämpfen gegen das Unmögliche. Das, was Du seit zwanzig Jahren verbirgst, kommt mit

daß es für das Kleingewerbe, den Kleingrundbesitz, überhaupt den Kleinbettieb keine Rettung mehr in der kapitalistischen Gesellschaft gebe. Der Mittelstand werde zwischen Proletariat und Großkapital erbarmungslos zerrieben. Es wird höchste Zeit, daß der durch solche Artikel gestärkten pessimistischen Strömung in Hand­werkerkreisen durch staatliche Maßnahmen entgegenge­treten wird.

Deutsches Keich.

Berlin, 6. Februar.

* Der Sultan hat dem Kaiser ein Oelgemälde zum Geschenk gemacht, das die Ankunft des Kaisers in Konstantinopel und die Begrüßung durch den Sultan in Dolma Bagdscha darstellt und von einem osmani­schen Maler ausgeführt ist.

* „Das Schicksal des Schulgesetz-Entwurfs hängt jetzt in erster Reihe von dem Tempo ab, mit welchem die Kommissions-Berathung einsetzt." So schreibt ein freisinniger parlamentarischer Mitarbeiter der ,Pos. Ztg.", und er berührt sich mit der,Krenzztg.", die mit Recht davor warnt, der Verzögerungs-Taktik der Natio­nalliberalen über einen gewissen Grad hinaus nachzu­geben. In der That, man deutet auf nationalliberaler Seite schon offen an, daß man viele Monate lang die Einzel - Berathung über die 200 Paragraphen des Entwurfs hinzuschleppen hofft. Bis zum Sommer kann sich ja noch dieses oder jenes glückliche Ereigniß in den maßgebenden Kreisen des Beamtenthums ober im Par­lament einstellen, bas ber liberalen Sache zu Hilfe kommt. Unb wenn nicht, so ftnb doch durch eine solche Verschleppung die Parteien und die Regierung schließ­lich vor die Wahl gestellt, entweder aus dem Entwurf noch schnell ein Schuldotations-Gesetz herauszuschälen, oder mit ganz leeren Händen in btt! Ferien zu gehen. Ein Dotations-Gesetz wäre aber ben Mittelparteilern sehr erwünscht, weil es ihnen bie weitere Verschiebung ber Regelung ber grundsätzlichen Schulfragen erleichtern würde — bis sie einmal einen Kultusminister und zu­gleich eine Mehrheit nach ihrem Herzen haben. Man will auf Verschleppung undVersumpfung aus­gehen, bis die persönlichen Stimmungen und die Verhältnisse für die Liberalen günstiger sind. So­bald dieser Augenblick eingetreten, werden die Herren mit uns und unseren Interessen wenig Federlesens machen. Wollen die Konservativen so gutmüthig sein, sich bis dahin an der Nase herumführen zu lassen? Oder halten sie entschlossen fest an dem Programm, das ihr Redner, Herr v. Buch, entwickelt hat? Dann müssen sie mit dem Centrum zusammen schnelle Arbeit leisten. Das Eisen muß geschmiedet werden, so lange es heiß ist.

* In der 13. Plenarsitzung vom 6. Februar trat das Abgeordnetenhaus in die Berathung des Gesetzent­wurfs betr. die Kosten der Kgl. Polizeiverwaltungen in Stadtgemeinden ein. Abg. Dr. Langerhans (dft.) hält eine Regelung der Grundsätze dieser Kostenver- einem Schlage an den Tag. Heute war es dieser Mensch, über dessen Charakter man keinen Zweifel hegen kann, der uns bedroht, morgen wird es ein anderer ungeahnter Mitwisser unseres Geheimnisses sein, der uns in Todesangst versetzt. Schon weiß, wenn ich recht gehört habe, Advokat Fabries die Geschichte. Du darfst sicher fein, liebe Tante, daß vor Ende dieser Woche ganz Vienne sie kennen wird."

„Nein, nein, ich will's nicht, ich will's nicht!" schrie Tante Aglae, heftig mit den Armen gestikulirend.

„Ach, Tante, was kann unser Wille, gegen die kalte, nackte Thatsache? Laß uns sie annehmen, ich füge mich schon darein."

„Du willst Dich in bie Schmach fügen?" „Unser Heiland fügte sich unter sein Kreuz!" „Ja, ja, er war Gott! . . . ich bin ein armes, schwaches Weib, das Alles gelitten hat, um ein Ge- heimniß zu begraben. Ich sterbe, wenn es bekannt wird!"

„Fabries ..."

„O, der wird schon schweigen, dessen bin ich sicher. Sein Stolz wird es ihm zur Pflicht machen, es ge­heim zu halten, daß er sich alle denkbare Mühe um die Tochter eines ..."

Sie vollendete den Satz nickt. Ihr Zorn wich und sie sank ermattet in den Sessel zurück.

Florence nahm wieder ihre demüthige, sanfte Stel­lung von vorhin ein. „Beste, liebste Tante," sagte sie, „dieser Mensch hat schon geschwätzt. Nun, wohlan