19. Jahrgang
Sonntag, den 7. Februar 1892
«lixltrMZkitilnz
Br. Die Gewerkschaftsbewegung und die Sozialdemokratie.
IV.
Die allgemeine Geschäftslage ist fteilich den Be- Krebungen der bestehenden Gewerkschaften möglichst ungünstig. Man würde aber sehr irren, wenn man deshalb diese Bewegung ihrem Schicksale überlassen wollte. Es würde sich das bitter rächen. Denn je ungünstiger die Zeitverhältnisse für die Gewerkfchaften in ihren Bestrebungen nach Lohnerhöhung und Verkürzung der Arbeitszeit sind, um fo „günstiger" ist die Zeit, die Gewerkschaften in das fozialdemokratische Lager zu treiben. Das Ende des eben verunglückten Buchdruckerstreiks liefert dafür einen eklatanten Beweis.
Zudem darf der ehrliche Sozialpolitiker sich nicht von zufälligen Umständen beeinflussen lassen und seine Bestrebungen zu Gunsten des Arbeiterstandes von einer zufälligen Geschäftskrisis abhängig machen. Nur das Wohl des Arbeiterstandes und der ganzen Gesellschaft darf uns im Gegensätze zu dem Parteiinteresse der Sozialdemokraten bei allen unseren Maßnahmen leiten. Wir müssen über die augenblickliche Krisis hinausschauen und überhaupt der Arbeiterbewegung ein höheres Ziel stellen. Nur so können wir hoffen, der Sozialdemokratie den Rang abzulaufen, welche heute durch das Phantom einer radikalen Umwandlung der menschlichen Gesellschaft die Arbeitermassen fortreißt. Wir müssen diesem unmöglichen Ziele ein wirklich großes und mögliches Ziel der Arbeiterbewegung entgegenstellen, um ihr die rechte Bahn zu weisen. Und welches ist dieses Ziel? Es erschöpft sich nicht in der Heilung der schwersten Schäden durch den Arbeiterschutz. Es erschöpft sich auch nicht in dem Versuche, durch die vielgestaltige Arbeiterversicherung den Arbeiter vor den dringendsten Nothfällen zu schützen. Nein, das eigentliche Ziel der heutigen Arbeiterbewegung liegt viel höher. Es ist kein geringeres, als die Reorganisation der Gesellschaft durchzeitgemäßeOrgani- sation des Arbeitsstandes.
Die moderne Großindustrie hat die alten Zünfte und Innungen hinweggefegt, ohne neue Bildungen an die Stelle zu setzen. So wurde der Arbeiterstand als Stand vernichtet, die Arbeit und die Arbeiter schutzlos dem ehernen Gesetze von Angebot und Nachfrage überliefert. Die Folge davon ist das Arbeiterelend und die heutige Arbeiterfrage. Die einzig wirksame und dauernde Lösung derselben aber liegt darin, daß man ein neues, den modernen Erwerbs- und Wirthfchaftsver- hältnifsen entsprechendes Arbeits- und Arbeiterrecht schafft, daß man den Arbeiterstand als solchen befähigt, die Konkurrenz zu regeln, daß er im Kampfe um's Dasein seine wirthschastliche Freiheit und Selbstbestimmung zu behaupten vermag. Ein großes Ziel fürwahr, aber auch ein berechtigtes und erreichbares! Man halte nur dieses Ziel einmal den von den Sozialdemokraten irregeleiteten Arbeitermassen vor und man wird ihnen den Rang ablaufen. Freilich läßt sich dieses Ziel in einem Jahre und auch in einem Jahrzehnt nicht erreichen. Aber es ist das na tu rgemäße Ziel der modernen Arbeiterbewegung und daher auch möglich und erreichbar, wenn auch erst in langsamer Entwicklung. Man beobachte nur genau die Entwicklung der langwierigen Krankheit des Gesellschaftskörpers, man scheue eine genaue Diagnose nicht und noch weniger die nothwendigen Heilmittel, wenn sie auch kostspielig sind. Insbesondere beachte man die Zeichen der Zeit und sehe, wie der kranke Gesellschaftskörper von selbst noch reagirt. Da beginne man die Heilung. Als eine solche gesunde Reaktion aber erachten wir an sich die moderne Gewerkschaftsbewegung, fofern sie nach einer neuen Verfasfung des Arbeiterstandes strebt.
Die Zünfte haben im Mittelalter den Bürgerstand gegenüber dem Feudaladel geschaffen. Die moderne Gewerkschaftsbewegung kann das Gleiche für den vierten Stand gegenüber der Bourgoisie leisten, wenn es gelingt, diese Bewegung in christlich-konservative Bahnen zu lenken, wenn man diese Bewegung in ihrem berechtigten Kerne anerkennt und in ihrer naturgemäßen Entwicklung fördert. Es kann dann gelingen, diese gefährlichen Kamp feSorganisationen zu gedeihlichen Friedensorganisationen zu gestalten, welche nicht mehr den Bestand der menschlichen Gesellschaft bedrohen, sondern die Zeichen einer neuen Zeit sind.
Deutsches Keich.
Berlin, 5. Februar.
* Der Kaiser hat dem italienischen Ministerpräsidenten, Marquis di Rudini, den Schwarzen Adlerorden verliehen. t
* Die Nachricht, daß die Grundzüge des Volks- schulgesetzentwnrfs bereits der letzten Fuldaer Bischofskonferenz vorgelegen und von dieser gebilligt wären, wird auch von der ,Köln. Volkszeitung' energisch de- mentirt. , ..
* In verschiedenen Blättern verlangen die Gegner der Schulvorlage eine Auflösung des Abgeordnetenhauses. Während die,Vossische Zeitung' sich bei einer Art von Plebiszit der „Gebildeten" beruhigen zu wollen scheint, sagt die .Kölnische Zeitung' geradezu: „Unseres Erachtens würde die Regierung in der würdigsten Weise aus der Sackgasse herauskommen, wenn sie durch Auslösung des Landtags der Nation Gelegenheit gebe, ihr Urtheil über die Vorlage zu formuliren." Das ist — bemerkt die ,Nordd. Allgem. Ztg.' — eine sonderbare Art von konstitutionellem Staatsrecht, welche damit die ,Köln. Ztg.' verkündet. Das Auflösungsrecht ist em Mittel, um an dasLand gegen eine Parlaments- Mehrheit appelliren zu können; jetzt will es die Köln. Ztg.' dazu angewendet wissen, um aus emer oppositionellen Minderheit eine Mehrheit zu machen. Man sieht, daß dem rheinischen Blatte eine politische Naivität noch nicht ganz abhanden gekommen ist."
* Mit dem 1. Februar sind wir in die Aera der handelspolitischen Tarifverträge eingetreten. Tarifvn- träge sind bekanntlich abgeschlossen mit Oesterreich- Unqarn, Italien, Belgien und der Schweiz. Die Tarifsätze welche diesen Staaten deutscherseits eingeräumt worden sind, finden auch auf alle diejenigen Länder Anwendung, mit denen wir noch laufende Melstbegünsti- gungsverträge haben. Es sind blos sehr wenige Staaten, zu denen wir nicht in einem Bertragsver- hältniß stehen; ausgeschlossen sind namentlich Rußland und Rumänien. Der Meistbegünstigungsvertrag mit Spanien hat eine vorläufige Verlängerung bis zum 30. Juni erfahren, allerdings unter Ausschluß der gerade für die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Spanien wichtigsten Erzeugnisse, nämlich deutschen Alkohol und spanischen Wein. Es scheint in den leitenden Kreisen die Erwartung auf eine Verständigung mtt denjenigen Staaten zu bestehen, mit denen wir noch kein Vertragsverhältniß haben.
* Der Bundesrath genehmigte gestern die Aussuh- rungsbestimmungen zu den neuen Handelsverträgen und stimmte dem Gesetzentwurf für Elsaß-Lothrmgen, betreffend die Kreisstraßen, zu. .
* Die über den Berliner Centtalviehhof verhängte Sperre ist vom Polizeipräsidium endgiltig aufgehoben worden. t ,
* In der 12. Plenarsitzung, den 5. Februar, erledigte das Abgeordnetenhaus in 2. Lesung eme Reche von Etats, wobei aus dem Hause eme Reche lokaler Wünsche geäußert wurden, denen in den meisten Fällen wohlwollende Erwägung regierungsseifig zugesichert wurde. Beim Spezialetat des Auswärtigen Amts wurde gemäß Kommissionsantrag unter Widerspruch vom Re- aierungstisch der Gehalt des Gesandten in Stuttgart um 6000 M. herabgesetzt. Erledigt wurden der Etat des Finanzministeriums, der Etat der Domainen und Forsten, der Etat der landwirthschaftlichen Verwaltung. Bei letzterem wurde die Ausdehnung der Entschädigung des mit ansteckenden Krankheiten behafteten und polizeilich getödteten Vieh's auf solches mit Milzbrand gewünscht. Regierungsseitig wurde eine dahm gehende Vorlage in Aussicht gestellt. Nachdem noch der Etat der landwirthschaftlichen Verwaltung und der Gestuts- verwaltung erledigt worden, vertagt sich da8 Haus. Morgen: Polizeikostengesetz, Berg- und Salinenetat. Schluß 4 Uhr. s
* Der Reichstag debatttrte heute die zum Etat des Reichsjustizamts vom Abg. Dr. v. Bar (dft.) beantragte Refolufion auf Vorlegung eines Gesetzentwurfs über die Auslieferung verurtheilter und angeschuldigter Per- fonen an auswärtige Regierungen. Der Gesetzentwurf soll bezwecken, das AuSliefemngswesen ausschließlich der Kompetenz des Reiches zu überweisen, die Bewilligung der Auslieferungen von der Mitwirkung der Gertchis- höfe abhängig zu machen und die Regierungen zu verpflichten, die Aufhebung bereits beschlossener separater Auslieferungs-Verträge herbeizuführen. — .Gegen dre Resolution sprachen Staatssekretär deS Reichs;ustizamts,
* Die Dotationsfrage nach dem alten und dem neuen Schulgesetzentmurfe.
Als im vergangenen Jahre jene vielgerühmte, große Erwartungen erweckende Verfügung des Unterrichts- Ministers Grafen Zedlitz erschien, wonach das Einkommen der Lehrer für unzureichend erklärt und überall Konferenzen behufs Aufftellung neuer Befoldungsplane angeordnet wurden, da setzten die Lehrer m Bezug auf die Lösung der Dotaiionsfrage im angekündigten Schul- gesetzentwurfe große Hoffnungen. Der Schulgesetzentwurf kam, und die Lehrer waren um eine Enttäuschung reicher. Nur an sehr wenigen Stetten zeigt der neue Entwurf gegenüber dem alten ein freundlicheSGe- sicht. Graf Zedlitz hat für den ersten Lehrer ein Mindestgehalt von 1000 Mark festgesetzt. Die
Dr. Bosse, und die Abgeordneten Dr. Hartmann (kons.) Gröber (Centr.), Frhr. v. Gültlingen (Rp.) und Spahn (Centr.), Dieselben vermochten ein Bedürfniß für die beantragte Neuregelung nicht anzuerkennen und wandten sich speziell gegen die unitarische Tendenz des Antrags. — Für denselben traten ein außer dem Antragsteller die Abgeordneten Dr. Meyer (dfr.) und Bebel (Soz.), Abg. Dr. Osann (nat.-lib.) erklärte, mit seinen Freunden dem Anträge sympathisch gegenüberzustehen und beantragte kommissarische Vorberathung desselben. Bei der Abstimmung hierüber stellte sich die Beschlußun- fähiqkeit des Reichstags heraus. — Morgen: Etat.
* München, 5. Febr. Nach den ,Neuesten Nachr.' wurden drei Unteroffiziere des Leibregiments weqen übler Behandlung der Soldaten entlassen.
* Regensburg, 5. Febr. Die Mitglieder des Domkapitels werden dem hochw. Herrn Bischof Senestrey zu seinem 50jähr. Priesterjubiläum (19. März) einen kostbaren Hirtenstab überreichen.
Ausland.
* Wien, 4. Febr" Das Abgeordnetenhaus beendigte die Generaldebatte über die B ö r s e n st e u e r, für welche sich fämmtliche Redner aussprachen. Einzelne Redner verlangten höheren Steuersatz und Verstaatlichung des Arrangementsbureaus. Auf Anfiag des Antifemiten Lueger beschloß daS Haus einstimmig: „Die Regierung wird aufgefordert, dem Haufe sowohl die Akten der bei der Wiener Börsenkammer wie dem Wiener Strafgerichte anläßlich der am 14. November im ,Wiener Abendblatte' über die Audienz Jaworski's veröffentlichten Nachrichten gepflogenen Untersuchung vorzulegen." Die Akten sind einem Sonderausschüsse zur Prüfung und Berichterstattung zuzuweisen.
• In französischen parlamentarischen Kreisen verlautet, daß eine Anzahl freihändlerischer Deputirter beabsichtige, beim Wiederbeginn der Kammersitzung zu beantragen, daß die Regierung ermächtigt werde, die Zollsätze sür Lebensmittel auch unter den Minimaltarif herabzusetzen. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß dieser Antrag durchdringen wird. — Infolge der ungenügenden Hammelzufuhr ist der Preis für Hammelfleisch in den Centtalhallen seit einigen Tagen um 20 Frcs. per 100 Kilogr. gestiegen.
* In Italien machen die brod- und beschäftigungslosen Arbeiter viel zu schaffen. In der Kammer wurde die Anfrage gestellt, was die Regierung für Beschäftigung der brodlofen Arbeiter zu thun gedenke. Der Minister des Innern erwiderte, daß die Regierung das denkbar Möglichste thun werde. Wer den Arbeitern von einem Recht auf Arbeit fpreche, bethöre sie. Die unbeschäftigten Arbeiter sollten heimkehren. Er werde die Ordnung aufrecht erhalten. — In Mailand kam es zu einem Konflikt. Die Arbeiter hatten sich vor der Suppenanstalt der Gemeinde versammelt, und schrieen: „Wir wollen Arbeit und keine Almosen!" Die Polizei mußte, da sie von den Arbeitern angegriffen wurde, von ihren Revolvern Gebrauch machen, wobei mehrere Personen verwundet wurden.
* Das Gerücht von der im Frühjahr beabsichtigten Reise des italienische« KönigSPaars nach England erhält sich noch immer. Die Reise soll zur See zurückgelegt werden und der Herzog v. Genua die Flotte befehligen.
* Nach Meldungen aus Peking wären alle int Verlaufe der letzten Ereignifse durch ihre feindselige oder zweifelhafte Haltung bloßgestellten Mandarinen abgesetzt worden. Die chinesische Regierung regele fast alle Seitens der geschädigten Fremden aufgestellten Forderungen auf Entschädigung.
—75«» ** xs ««ä—
vrertrhährllcher Äl Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark oO Psenmg.__