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JV 27 Donnerstag, den 4. Februar 1892. 19. Jahrgang

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Br. Die Gewerkschaftsbewegung^ und die Sozialdemokratie.

in.

Politisch starke Arbeitermassen, nicht einen ökono­misch starken Arbeiterstand, das ist es, was die Sozial­demokratie für ihre Zwecke braucht. Die wirthschaft- liche Hebung der Arbeiter ist ihr nicht nur Nebensache, sondern im Grunde ihren Zielen zuwider. Alles ist ihr dagegen die politische oder vielmehr revolutionäre Kräftigung der Arbeiterklasse. „Jede Kräftigung der Arbeiterklasse, sei sie durch ökonomische, sei sie durch politische Maßnahmen erlangt, bedeutet nichts Anderes als eine Kräftigung der Kämpfer für den Sozialismus. Das Proletariat in seinem Kampfe nach Verbesserung seiner Lage in der heutigen Gesellschaft nach Kräften zu fördern, ist nicht nur nicht unverträglich mit den Prinzipien der Sozialdemokratie, es ist vielmehr eine ihrer wichtigsten, vielleicht ihre wichtigste Aufgabe." So schrieb die sozialdemokratische Revue »Neue, Zeit" im vorigen Jahre (Bd. II. Nr. 50, S. 754) in einer ausführlichen Besprechung des neuen Partei-Programms und zur Empfehlung der neuen Taktik. Wie der Ver­fasser, der Redakteur Kautsky, einer der bedeutendsten jüngeren Sozialdemokraten, diese sozialdemokratische Kräftigung der Arbeiterklasse versteht, sagt er im Fol­genden gleich näher: „Man vergesse nicht, daß wir stets von einer Hebung der Arbeiter-Klasse sprechen. Die Verbesserung der Lage einzelner Individuen oder Schichten innerhalb der Arbeiter-Klasse auf deren Kosten, wodurch diese gespalten und geschwächt wird, bedeutet allerdings keine Förderung, sondern ein Hemmniß für das vorwärts drängende Proletariat. Produkliv-Genossenschaften, selbstGewerkschaften können ein solches werden, wenn sie nicht unter dem Einflüsse einer starken Bewegung der gesammten Arbeiter- Klasse, d. h. einer selbstständigen politischen Arbei­ter-Bewegung stehen. Dagegen kann eine Arbeiterschutz- Gesetzgebung, die der Arbeiter-Klasse in ihrer Gesammt- heit zu Gute kommt, eine solche Wirkung nicht haben." Wenn man diese Auslassungen recht beachtet, so wird man uns wohl das Zeugniß nicht versagen, daß wir die neue Taktik der Sozialdemokratie überhaupt und insbesondere ihr eigentliches Verhältniß zur Gewerk­schafts-Bewegung richtig gezeichnet haben. Es ist immer die politische Stärkung der Arbeiter-Klasse als solcher, der Arbeitermassen, welche im Vordergründe steht. Da­für nimmt man auch selbst den Arbeiterschutz halb wider Willen mit in den Kauf. Einer wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Organisation der Arbeiter durch Pro- duktiv-Genossenschaften oder gar einer wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Organisation des Arbeiter -Stan­des durch Gewerkschaften steht die heutige Sozialdemo­kratie diametral gegenüber. Ebenso wenig wie Pro- duktiv-Genossenschaften und noch weniger kann die kon­sequente Sozialdemokratie Marx'scher Richtung, welche heute in Deutschland die Alleinherrschaft führt, eigent­liche und unabhängige Gewerkschaften fördern, weil sie auf Organisation der Gewerkschaft hinauslaufen, wäh­rend Marx die Desorganisation der heutigen Gesellschaft

Ein Gpfer der Pflicht.

Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.

(17. Fortsetzung.)

Tante Aglae dagegen, stets unruhig, fortwährend veränderlich wie ein Märztag, ging zehnmal in einer Stunde von dem lebhaftesten Geschwätze plötzlich in Nachdenken oder nervöse Abspannung über.

Mit Paris, das sie ja doch erst in diesem Jahre verlassen, hatte sie nicht mehr Verbindung, als mit Vienne. Der Landbriefbote kam selten nach Grange- Verte, und die geschwätzige Magd hatte erzählt, daß ein Brief, der Morgens aus dem Süden an Fräulein Aglae angekommen war, bis andern Tages geschlossen auf dem Tisch derselben liegen geblieben war, ohne daß sie es der Mühe werth gefunden hatte, sich von dem Inhalte desselben zu überzeugen.

AlleIdiese Nichtigkeiten, die vor seiner Unterredung mit dem alten Pfarrer in der Meinung Francis keinen Pfifferling gewogen hatten, nahmen nunmehr den Werth und die Gestalt handgreiflicher Thatsachen an, seit er wußte, daß ein Geheimniß auf den beiden Frauen laste. Offenbar war es, daß sie die Gesellschaft flohen und die Indiskretion, den Vorwitz der Provinz fürchteten; und sie mußten einen triftigen Grund haben, um das

in erster Linie bezweckt. Und ebenso wegwerfend, wie sich heute die Sozialdemokratie über die Lassalle'schen Produktiv-Genossenschaften äußert, ebenso wegwerfend und noch wegwerfender wird sie sich über die Gewerk­schaften äußern, wenn es gelingt, sie aus dem unnatür­lichen Bündnisse mit der Sozialdemokratie zu befreien und ihren eigentlichen Zwecken und Zielen wieder zu­zuführen. Das scheint uns eine der größten Auf­gaben der Gegenwart auf sozialem Gebiete zu sein. Um sie aber zu lösen, muß man von der Bedeutung und prinzipiellen Berechtigung der Gewerkschafts-Bewegung sich recht überzeugen, muß in ihr ein vorzügliches Mit­tel erbllflen, den Arbeitern eine ständische Organisation wiederzugeben, welche den modernen Gewerbs-Verhält­nissen entspricht, wieder einen Arbeiter-Stand zu schaffen, den die moderne Industrie fast vollständig zer­trümmert hat. Dem Arbeiterschutze muß sich eine weise und naturgemäße Sozialreform anschließen. Den ein­fachsten, weil spontanen Weg dazu finden wir vielleicht in der Organisation der Gewerke auf gesetzlichem Boden.

* Zum Kampfe um die Schule.

Der sich um das Volksschulgesetz drehende heftige Kampf spitzt sich zu der einen bedeutungsvollen Frage zu: Wer soll herrschen in der Schule, der Glaube oder der Unglaube? Es ist ein Kampf so bedeutungsvoll, wie es keinen zweiten gibt, denn es handelt sich um das Seelenheil der Jugend und somit um den Bestand aller gesellschaftlichen Faktoren.

Derselbe Kampf, der sich jetzt im Abgeordneten­hause abspielt, besteht schon seit längerer Zeit in der Lehrerwelt, es ist nämlich der Kampf zwischen mo­derner und christlicher Pädagogik. Christen- thum oder moderne Wissenschaft, ist auch hier das Streitobjekt. Liberalismus und moderne Pädagogik sehen sich so ähnlich, wie ein Ei dem an­deren.

Die moderne Pädagogik träumt von einer Er­ziehungswissenschaft, welche keinen Bezug nimmt auf die Religion, sie baut ihre Erziehungssysteme einzig und allein auf die „voraussetzungslose Vernunft/ ihr Ideal ist ein Religionsunterricht, der da abstrahirt von allem Konfessionellen. Sie träumt und faselt von einem „CHristenthum Christi." Deshalbrichten sich die Waffen unserer sämmtlichen modernen Päda­gogen mit aller Macht gegen die Kirche, da diese — nach ihrer Lehre — das „Christentum Christi" ge­fälscht habe und ein Institut der Geistesknechtung sei. Wer nun hat nicht in diesen Tagen von der Tribüne des Abgeordnetenhauses dieselben Lehren vortragen hören? Wogegen richtet sich der ganze Kampf? Doch nur gegen die Kirche. Daß aber ohne Konfession jede Religion nur Konfusion bedeutet, leuchtet jedem ein. Klar lehrt es uns die moderne Pädagogik. Ihr sind Trinität, Erbsünde, Erlösung, Transsubstantiation rc. unerwiesene und unbeweisbare Sätze, die nicht in ein Erziehungssystem passen und die vor allem nicht in die Schule gehören.

Urtheil der Nachbarn, die sich so gern zu unberufenen Richtern aufzuwerfen pflegen, zu scheuen.

Aber es kam Audebrand nicht in den Sinn, daß die Vergangenheit dieser sanften, schönen Florence Ver­anlassung zur Verleumdung hätte geben können, noch auch, daß die würdige Tante Aglae persönlich die ge­ringste Mißachtung Seitens der Provinzialen hätte ver­dienen können.

Er setzte vielmehr voraus, daß eine Vermögens­katastrophe ihre Familie betroffen hatte, eine jener finanziellen Erschütterungen, aus der die Opfer der­selben, je nach dem Grade ihres Selbstgefühls, das eine Mal moralisch heil hervorgehen, das andere Mal der Verzweiflung anheimfallen.

Eines Tages hatte er in der Unterredung mit Flo­rence, ohne zu ahnen, daß er derselben etwas Unan­genehmes sagte, von ihren Eltern gesprochen und sie gefragt, welche Stellung dieselben in Paris eingenom­men hatten. Florence war erröthet und hatte, ohne ein Wörtchen mehr zu sagen, geantwortet: „Mein Vater war Notar."

In der Idee Audebrands mußte dieser Vater als Notar das Glück seiner Familie durch irgend eine leicht­sinnige Spekulation zerstört und wahrscheinlich außer sich und seiner Familie auch noch Andere in seinen Ruin verwickelt haben. Deshalb sprach man nicht von

Ist es solchen Theorien gegenüber nicht höchst noth- wendig, daß den Eltern und der Kirche Garantien ge­boten werden, daß ihre Kinder auch in ihrem Glaubm erzogen werden? Man werfe nur einen Blick in die Presse unserer modernen Pädagogik, und man wird schaudern, wie man sich da über das uns Heiligste ausspricht. Und doch sind es die Erzieher unserer Kinder, die derartiges vortragen. Und doch haben Kirche und Eltern jetzt kein Mittel in der Hand, um zu verhüten, daß ihre Kinder an Leib und Seele Schaden leiden. Der Unglaube ist es, der mit aller Macht gegen das Volksschulgesetz kämpft, weil er, wenn das Gesetz in Kraft treten sollte, nicht mehr unter falscher Flagge segeln kann, sondern offen Farbe be­kennen muß. Hie Glaube, hie Unglaube ist deshalb die Signatur des Kampfes.

Deutsches Keich.

Berlin, 2. Februar.

* Der ,Reichsanzeiger" veröffentlicht an der Spitze seines amtlichen Theils folgenden kaiserlichen Erlaß:

„Die Feier Meines Geburtstags, auf welche leider die jüngsten tiefschmerzlichen Ereignisse in Mir nahe verwandten und engbefreundeten Fürstenhäusern ihre Schatten warfen, hat wiederum in den weitesten Kreisen Anlaß gegeben, Mir mannig­fache Beweise liebevoller Theilnahme darzubringen. Groß ist die Zahl schriftlicher und telegraphischer Glückwünsche, welche Mir aus allen Gauen des engeren und weiteren Vaterlandes, sowie von außerhalb lebenden Deutschen zugegangen sind. Ich bin durch diese Aufmerksamkeiten zu Meinem Geburtstage aufs freudigste bewegt, kann Ich doch in ihnen den erneuten Aus­druck treuer Gesiunung und zuversichtlichen Vertrauens Seitens Meines Volkes erblicken, auf dessen Wohlergehen unausgesetzt bedacht zu sein die vornehmste Pflicht Meines fürstlichen Berufes ist. Es drängt Mich daher, Allen, welche Meiner — fei es einzeln, sei es als Mitglieder von Behörden, Korporationen und Vereinen oder als Theilnehmer an festlichen Veranstaltungen — in sinniger Weise gedacht haben, hierdurch Meinen wärmsten Dank zu erkennen zu geben", und beauftrage ich Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.

Berlin, den 1. Februar 1892.

(gez.) Wilhelm L B.

An den Reichskanzler.

* Die Kommission des Abgeordnetenhauses zur Be- rathung des Bolksschulgesetzes ist heute Vormittag ge­wählt worden und hat sich konstituirt. Sie besteht aus nachfolgenden Mitgliedern: Abgg. Bartels, v. Buch, Graf Clairon d'Hauffonville, v. Heydebrand, Korsch, v. Koseritz, Kropatfcheck, Graf Limburg-Stirum, Meyer zu Selhausen (Konservative); Hansen, Dr. Ritter, Wessel, Freiherr v. Zedlitz (Freikonservative); Hobrecht, Dr. Enneccerus, Dr. Friedberg, Grimm, Ludowieg, Seyffardt-Magdeburg (Nationalliberale); Dauzenberg, Frhr. v. Huene, Dr. Lieber, Dr. Porsch, Rintelen (Centrum); Dr. Bruel, Hospitant des Centrums, v. Jazdzewski (Pole), Dr. Virchow, Rickert (Deutsch-Frei­sinnige). Vorsitzender ist Graf Clairon d'Hauffonville, dessen Stellvertreter Abg. Wessel, zu Schriftführern sind bestellt die Herren Dauzenberg, Grimm, Kropatfcheck und Ritter. — Die Kommission wird am Montag, 8. Februar, zur ersten Sitzung zusammentreten. Es wird beabsichtigt, zwei Lesungen der Vorlage vorzunehmen.

* Der Präsident des Abgeordnetenhauses, v. Köller, der an der Influenza erkrankt war, ist nunmehr

ihm; daher erklärte er sich die Zurückhaltung, die Trauer und die Furcht des guten Pfarrers, daß sein „lieber Sohn"' eine Verbindung eingehen möchte, die sein Vater, der verstorbene Richter Audebrand, nie ge­billigt haben würde.

Diese Ansicht hatte schon so feste Wurzeln bei ihm gefaßt, daß er bereits begann, bei sich die Inkonsequen­zen zu tadeln, die seine Nachbarinnen in ihrem Ein­siedlerleben» begingen.

„Es scheint mir," dachte er, „diese armen Frauen leiden unter dem Gewichte eines jener großen Falli­mente oder jener tollen Börsenspiele, die Paris so ost der Welt zum Besten gibt. Sie denken nicht daran, daß das Echo solcher Krachs nicht über das Weichbild der großen Stadt hinaushallt! Ach, wenn ich doch ihr Vertrauen erlangen könnte; wie angenehm würde es für mich sein, ihre Skrupel zu beseitigen, sie in ihrem Schmerze zu trösten und ihre scheue Rechtlichkeit zu überzeugen, daß Niemand ihnen etwas vorzuwerfen hat. Ich versuche es, ja, ich will es versuchen.

Dies war daS, freilich unerwartete, Resultat der Empfehlungen, die Pfarrer Gelis dem jungen Manne auf die Seele gelegt, und dies Resultat führte ihn spornstreichs nach Grange-Verte.

Als er dort ankam, fand er Florence vor dem Hause sitzend, um die laue Septemberluft zu genießen;