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Dienstag, den 2. Februar 1892.

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Sb Wegen des Festes Mariä Lichtmeß er­scheint die nächste Nummer ds. Bl. erst am Mittwoch.

Br. Die Gewerkschaftsbewegung und die Sozialdemokratie.

n.

In den Händen der Sozialdemokratie droht die Ge­werkschaftsbewegung eine gefährliche, vielleicht die ge­fährlichste Waffe zu werden. Wenn es ihr gelingt, sich derselben dauernd zu bemächtigen, dann wird sie noch mehr als bisher an der Spitze der Arbeiterbewegung marfchiren und den gesellschaftlichen Umsturz langsam vorbereiten. Mögen dies sich Alle klar machen, welche an einer friedlichen Lösung der Arbeiterfrage Interesse haben. Dazu gehören aber nicht nur die Regierungen und Arbeitgeber, sondern auch die Arbeiter selbst. Auch sie können von einem gewaltsamen Umstürze nichts ge­winnen, sondern nur verlieren. Namentlich können anch die Gewerkschaften unter sozialdemokratischem Ein­flüsse nur verlieren.

Gewiß bemühen sich die Sozialdemokraten augen­blicklich am meisten um die Gewerkschaften und das ist ja bei den schlechten Geschäftsverhältnissen der Haupt­grund, warum die Gewerkschaften mit fliegenden Fahnen in das sozialdemokratische Lager ziehen. Dennoch kön­nen sie damit nur verlieren. Abgesehen davon, daß sie sich auf diese Weise der Sympathie der Regierungen, der Arbeitgeber und aller Männer der Ordnung be­rauben, werden dadurch die Gewerkschaften ihrem eigent­lichen Ziele entrückt, auf falsche Bahnen gelenkt und schließlich werden sie nichts erreichen, als die Revo­lution. Gerade die Sozialdemokratie ist darum schein­bar zwar und momentan die größte Freundin, in Wirk­lichkeit aber und auf die Dauer die größte Feindin der Gewerkschaften. Oder welches ist das wahre und be­rechtigte Ziel der Arbeiterbewegung überhaupt und der Gewerkschaftsbewegung insbesondere? Es ist nicht nur die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen. Das ist nur ein Theil der heutigen Arbeiterfrage, wenn auch der nächste und dringendste. Das eigentliche Ziel der heutigen Arbeiterfrage ist die Befreiung der arbeitenden Klaffen, des vierten Standes, von wirthschaftlicher Be­drückung, die selbständige Organisation des Arbeiter­standes als einheitliches, gleichberechtigtes Glied der menschlichen Gesellschaft, gleichberechtigt nicht blos dem Namen nach, politisch und gesetzlich, sondern in der That und Wirklichkeit. Die politische und gesetzliche Gleichberechtigung brauchen die Arbeiter nicht erst zu erringen. Sie steht längst auf dem Papier in den Ver­fassungen aller europäischen Staaten. Aber die that- sächliche Gleichberechtigung fehlt, weil eben kein Ar­beiterstand mehr vorhanden ist, sondern nur Ar­beiter, Arbeitermassen. In den Gewerkschaften schickt sich nun die Arbeiterklasse an, sich wieder als Stand zu organisiren. Das macht diese Bewegung so popu­lär. Aber kann und will die Sozialdemokratie hier helfen?

Nichts liegt den sozialdemokratischen Anschauungen

Ein Gpfer der Wicht.

Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.

(16. Fortsetzung.)

Der Advokat fragte nach seinem Kousin, um ihm irgend eine wahrscheinliche Geschichte zu erzählen, wes­halb der Arbeiter die Werkstätte verlassen hatte: ein eiliger Auftrag nach Grange-Verte, den nur dieser hätte besorgen können.

Leponchet war seit diesem Morgen so leidend, daß er ihn nicht empfangen konnte; statt dessen kam Frau Leponchet, eine hübsche Person, ein wenig kokett und in ihrem Herzen gekränkt, daß sie die Frau eines ein­fachen Fabrikanten war, in den Salon herunter, um ihm zu antworten.

Der Advokat hatte diese Kousine etwas vernach­lässigt; früher, zur Zeit seines Aufenthaltes in Paris, hatte man sich alle Mühe gegeben, sie mit ihm zu ver- heirathen, und aus seinem tollen Leben in Paris allein läßt sich erkennen, daß er so wenig Eifer dafür ge­zeigt.

Anais Leponchet schien sich dieses Projektes nicht zu erinnern und behandelte ihren Kousin als reiche Frau allerdings mit Vertraulichkeit, aber nichr ohne einen kleinen Anflug von Verachtung.

und Bestrebungen ferner, als Organisation der Stände, speziell des vierten Standes. Sie spricht es in ihrem Programme offen aus, daß sie mit allen Ständen auf­räumen will. Und dazu bedient sie sich der politischen Macht der zahlreichsten Menschenklasse, der Arbeiter. Sie will nicht Organisation der Gesellschaft, sondern Nivellirung derselben, worin ihr der Liberalismus, wie auf allen Gebieten, so trefflich vorgearbeitet hat. Ihr Ziel ist nicht nur die Abschaffung der Klassenherrschaft, ondern, wie das Erfurter Programm sagt, „derKlas- en selbst" und der Weg dazu ist nicht die wirthschaft- iche Hebung der Arbeiterklasse, sondern die politische Macht derselben, der Klassenkampf.

So sehr liegen die Ziele der Gewerkschaftsbewegung und der Sozialdemokratie auseinander. Möchten die Arbeiter sich das bei Zeiten noch recht klar machen. Trotz aller scheinbaren Vortheile, welche die Sozial­demokratie ihnen augenblicklich in dem an sich berechtigten Streben nach wirklicher und thatsächlicher Gleichberech­tigung bietet, steht gerade sie am meisten der Organi­sation des Arbeiterstandes, seiner ökonomischen Befrei­ung, seiner Kräftigung und Entwickelung zu einem or­ganischen Glieds der Gesellschaft entgegen. Sie führt nur zum Chaos, zur Zertrümmerung der Gesellschaft, also zum geraden Gegentheil dessen, was die Gewerk­schaftsbewegung an sich bezweckt oder doch bezwecken soll.

Deutsches Keich.

Berlin, 30. Januar.

Daß neue Anleihen aufgelegt werden sollen, wird jetzt auch offiziös bestätigt, trotzdem der .Reichsanzeiger' noch vor Kurzem alle Nachrichten über eine solche be­vorstehende Ausgabe als unrichtig bestritten hat. Es handelt sich um eine Gesämmtsumme von 340 Mill. Mark 3proz. Anleihe, von denen etwa zwei Drittel auf das Reich entfallen werden. Als Emissionskurs wird vorläufig die Ziffer 83,90 pCt. genannt. Die Auf­legung wird voraussichtlich am 9. Februar stattfinden. Nach Informationen der ,Nat.-Ztg.' werden sich die Einzahlungen bis in den August oder September d. I. erstrecken; es sind vier Einzahlungen von je 25 pCt. bestimmt worden. Bei der Zeichnung ist eine Kaution von 5 pCt. in Baar oder in Effekten zu leisten. Zeich­nungen nehmen an: die Seehandlung, die preußischen Regierungshauptkassen, die Reichsbankhauptstalle und alle ihre Filialen, ferner die hiesigen Banken, einige auswärtige Institute und mehrere Finanzfirmen. Be­merkenswerth ist und abweichend von dem in der vor­jährigen Auflage beliebten Modus, daß keine Scrips, sondern Jnterimsscheine ausgegeben werden. In den leitenden Kreisen rechnet man nicht mit einem Ueber- maß von Zeichnungen, die einen spekulativen Charakter verrathen, wie es in der vorjährigen Ausgabe der An­leihen der Fall war. Der Appell geht an die Kapita­listenkreise, die in diesen inländischen Staatstitres eine Anlage machen wollen, die ihnen die Sicherheit des Kapitals und des Zinsgenusses garantirt. Die ,Voss. Ztg' hört, daß an die maßgebenden Stellen von außer­halb Anerbieten auf feste Uebernahme großer Beträge

Stehend hörte sie den wenig klaren Worten des Advokaten zu und antwortete, daß ein Arbeiter mehr oder weniger den Gang der gewöhnlichen Arbeit nicht schädige; daß sein Schützling zurückkommen könne, wenn es ihm gefiele, und daß der Zustand ihres Mannes es ihm nicht erlaube, sich um solche Lappalien zu kümmern.

„Aber was fehlt denn Deinem Manne?" fragte er.

„Der Arzt fürchtet einen Lungenschlag. Aber, bitte, entschuldige mich, ich muß wieder zu dem Kranken."

Sie grüßte chn gemessen, gab ihm eilig die Hand und ging leichten Schrittes wieder die Treppe hinauf.

„Im Hinausgehen traf der Advokat den Arzt, der der gerade ankam.

„Nun, wie ist es mit Leponchet?" fragten diesen.

„Schlecht, schlecht," erwiderte der Arzt, mit dem er befteundet war; zuviel Blut, ungeheures Asthma; er erstickt fast. Guten Abend, Fabries."

Der Hofraum, den er durchschritt, stand voll Ar­beitern, die ausruhten. Zahllose Waarenballen lagen am Ende desselben aufgeschichtet; Wagen und Karren stan­den umher, und die mächtigen Maschinen, die niemals stille stehen, machten ein ungeheures, monotones Getöse im Innern der Fabrikräume. Alles zeugte von Fleiß und Reichthum.

„Großes Geschäft, schönes Vermögen," dachte der Advokat, der unter der Gewalt einer fixen Idee dahin

eingelaufen sind. Gestern wurde ein Betrag von 1 Million Mk. mit 3/8 pCt. Prämie verlangt.

* Eine am Donnerstag Abend abgehaltene sozia­listische Versammlung verpflichtete sich laut dem .Vor­wärts', gegen den Entwurf des neuen Volksschul- Gesetzes zu protestiren, indem sie von der Anficht ausging, daß, wenn der Entwurf Gesetz würde, sich im Kinde der freie Geist nicht entwickeln könne, son­dern schon im Keime erstickt werden würde. Die Ver­sammlung war stark besucht, auch viele Damen warm zugegen.

* Petitionen gegen das Bolksschnlgesrtz werden, laut einem Inserat des sozialdemokratischen .Vorwärts' in allen Stadttheilen Berlin's ausgelegt.

* Ueberaus fromm werden plötzlich gewiffe Leute, welche sonst nicht genug Spott und Hohn auszugießen wissen über jedes religiöse Bekenntniß, über Kirche und positives Christenthum, seitdem auch Ministerpräsident Graf v. Caprivi bei der Debatte über das Vo lks- schulgesetz im Abgeordnetenhause richtig hervorge­hoben hat, daß,sich die Scheidung der Geister unter dem Schlachtrufe vollziehe: Hie Christenthum, hie Unglaube. Die „sittliche Entrüstung" steigert sich, je mehr man nach links gelangt. Das jüdisch­atheistische Merl. Tageblatt' und die protestantenver- einliche ungläubige.Voss. Ztg.' marschiren an der Spitze, letzteres Blatt „faltet sogar gelegentlich fromm die Hände, so gut wie der Kultusminister." Nun gut, ruft ihnen die .Germania' zu, mögen die Herren, welche so entrüstet sich gegen den Vorwurf des Atheismus wehren, einmal klipp und klar erklären, ob sie sich be­kennen zum Glauben an Christus, dm menschge­wordenen Gottessohn? Das ist die Kernfrage, da gibts kein Herumdrücken. Wer diesen Fundamental- grundsatz des Christenthums leugnet, der hat keinen Antheil mehr am Namen eines Christen. Also heraus mit der Sprache, nur keine Heuchelei!

* Das Abgeordnetenhaus setzt die Berathung des Volksschulgesetzes fort. Stöcker weist darauf hin, daß die Debatten sonst nur drei Tage zu dauem pflegten, wie die Schlacht bei Leipzig, die jetzige Rede­schlacht dauere aber bereits eine Woche, wie die Hunnen­schlacht, wobei die Geister des Nachts weitergekämpst hätten. Auch die jetzige Debatte sei ein Geisterkampf geworden. Redner tritt nochmals den National- Liberalen und Freisinnigen entgegen und führt ihnen zu Gemüthe, daß das Centrum durch die Annahme des Gesetzes eine schonende Staasaufsicht über den Religionsunterricht als mit dem Wesen der katholischen Kirche vereinbar erkläre, womit der Schulkampf auch nach dieser Richtung hin im Wesentlichen beendigt sei. Der Schulkampf der National-Liberalen werde am ge­sunden Sinne des christlichen Volkes scheitern. (Beifall rechts.) Abg. Knörcke (deutsch-frei.) meinte, es handle sich nicht um Atheismus oder Christenthum, sondern um die modern-altkirchliche Anschauung. Durch die Freigebung der Privatschulen werde die Volks­schule zur Armeuschule herabgedrückt. (Widerspruch im Centrum.) „Die Freiheit, die Sie meinen, ist nicht )ie Freiheit, die ich meine." (Heiterkeit im Centrum).

gekommen war, so daß er alle Dinge in Zahlen über- etzte.

Die Arbeitersstanden an der Mauer angelehnt und llauderten.

„Der Herr ist doch sehr krank; er überlebt's wohl nicht."

„Und keine Kinder* für diese Erbschaft; ich habe echs für nichts."

„Ich habe gehört, daß er im vergangenen Jahre, als er an einer Brustkrankheit so schwer darniederlag, Alles seiner Frau vermacht hat."

Dabei schnalzte der Arbeiter mit der Zunge in einer ! Seife, die in dieser Unterhaltung sprechender war, als Worte.

„Eine schöne Wittwe, Madame Leponchet!" sagte ein Anderer.

Dieses Wort, welches der Zufall in das Ohr des Advokaten jagte, als er eben vorüberging, machte ihn aufhorchen.

„Eine schöne Wittwe! Eine reiche Wittwe! Ei, beim Henker! Wer könnte sagen ..."

Fabries schritt langsam davon.

vn.

Francis Audebrand war ein Charakter der Art, daß die Schwierigkeiten, die ihm in den Weg traten, seine Beobachtungsfähigkeit zu einem bedeutenden Grade ent-