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M 25 Sonntag, den 31. Januar 1892. 19. Jahrgang

Md ii erM Zeitung

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Br. Die Gewerkschaftsbewegung und die Sozialdemokratie.

i.

Die Sozialdemokratie hat aus eigenstem Interesse von Anfang an der neueren Gewerkschaftsbewegung sich zu bemächtigen gesucht, weil sie überhaupt keine selbstständige Arbeiterbewegung neben sich aufkommen lasten will und besonders in einer selbstständigen Ge­werkschaftsbewegung ihren größten Feind erblicken muß. Es ist ihr das auch im höchsten Maße gelungen. Während die fortschrittlichen Hirsch - Dunker'schen Ge­werkevereine auf dem Aussterbe-Etat stehen und kaum noch 50—60,000 Mitglieder zählen, vereinigen die meist unter sozialdemokratischer Führung stehenden Ge­werk- resp. Fachvereine bereits 3—400,000 Mitglieder in organisirten und größtentheils centralisirten Ge- genossenschaften. Ueber 60 Gewerke sind in Deutsch­land schon centralisirt.

Man braucht nun freilich den Hirsch-Dunker'schen Gewerkvereinen, welche die Arbeiter mit bloßer Selbst­hilfe und zweifelhafter Bildung abzufinden suchen, keine Thräne nachzuweinen. Um so mehr aber ist es zu bedauern, daß sich die Sozialdemokratie der Gewerk­schaftsbewegung bemächtigt, dieselbe vergiftet, ihrem eigentlichen Ziele entfremdet, um sie den eigenen Parteiinteressen dienstbar zu machen. „Jeder Vortheil", sagte Bebel auf dem Parteitage in Erfurt, „den man für die Sache der Arbeiter erreichen kann, darf nur aufgefaßt werden als ein Mittel, die Kampfstellung der Partei zu verbessern, um endlich den letzten Schlag kräftig führen zu können". Dieser Grundsatz, welcher die Führer der Sozialdemokratie bei allen ihren Be­strebungen leitet, ist auch für ihre Thätigkeit in den Gewerkschaften maßgebend. Es ist nicht das Interesse der Arbeiter, was sie leitet, sondern das eigene Partei­interesse, die endgiltige Untergrabung , der heutigen Gesellschaftsordnung, der gewaltsame Umsturz. An sich hält die Sozialdemokratie, wie derselbe Bebel es in Brüssel offen ausgesprochen hat, die Wunden am Gesellschaftskörper am liebsten offen oder reißt sie viel­mehr noch weiter auf, weil sie den Unfrieden der großen Maste vermehrt und die soziale Revolution fördert. Nur gezwungen durch die Verhältnisse ar­beitet die sozialdemokratische Fraktion des Reichstags an der Arbeiterschutz-Gesetzgebung mit. Eigentlich ist sie ihr ein Dorn im Auge, wie sie durch ihr lang­jähriges Verhalten bewiesen hat. So find der So­zialdemokratie auch die Gewerkschaften in ihrer wirth- *■ fchaftlichen Bedeutung nicht genehm, sofern sie die ''Lage der arbeitenden Klassen verbessern. Sie betrachtet ^dieselben vielmehr nur als Kampfesorgamsationen, in welchen die Arbeiter zum Klassenkampfe erzogen wer­den müssen, wie Bebel auf dem Erfurter Parteitage ebenfalls erklärte.

Das ist die Lage der Dinge nach den heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der sozialdemokratischen

Ein Gpfer der Wcht.

Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.

(15. Fortsetzung.)

Und wahrhaftig, der Advokat machte keinen Um­weg. Das war nicht mehr die „Trauerweide" von der Gere; und schon an der Manier, wie er sich in den Sessel zurücksetzte, konnte man den Erzähler erkennen, der seines Zuhörers sicher ist.

„Mein Fräulein", sagte Fabries, sofort auf seinen Gegenstand losgehend, „haben Sie nie darüber nach­gedacht, daß . . . eine bedauerliche . . . Situation Ihres Herrn Bruders eines Tages seiner Tochter ernst­liche Schwierigkeiten schaffen kann?"

Die alte Dame machte einen Sprung aus ihrem Fauteuil; ihre Stirne wurde purpurroth und mit er­stickter Stimme brachte sie mühsam die Worte hervor:

„Mein Bruder? .... welche Situation? . . . . Was ^wollen Sie damit sagen?"

„Ich spreche von Herrn Anatole Raymond, dem ehemaligen Notar."

Die Purpurfarbe auf dem pergamentenen Gesichte von Tante Azlae ging in einem Momente in's Grün­liche über.

„Seine Abenteuer, ich kenne sie, sind sorgfältig durch die liebenswürdige Schwester todtgeschwiegen worden."

Dies sagend machte Fabries eine Verbeugung.

Partei zu Erfurt, daß die maßgebenden Faktoren unter dem Einflüsse Vollmars von rechts und noch mehr unter dem Druck der Verhältnisse gegen die stürmischen Jungen nach links die Betheilignug an der Arbeiterschutzgebung und speziell die Förderung der Gewerkschaftsbewegung beschlossen haben. Das und nichts Anderes ist die neue Taktik, welche man nicht ans dem Auge verlieren darf, wenn man die neuen Bestrebungen der Sozialdemokratie verstehen und dieselben durchkreuzen will. Liese Lage der Dinge hat zwar auch etwas Erfteuliches an sich, insofern die Sozialdemokratie sich nicht mehr bloß verneinend ver­halten, sondern auf dem Boden der heutigen Gesell­schaftsordnung mit rathen und thaten will. Allein man lasse sich durch den äußeren Schein nicht täMen. Die Sozialdemokraten sind noch dieselben geblieben, wie Liebknecht und Bebel in Erfurt wiederholt hervorge­hoben haben. Sie sind nur klüger, vielleicht darum gefährlicher geworden. Sie glauben so, langsamer zwar, aber sicherer, zum Ziele zu kommen. Insbesondere halte man sich die Gefahr vor Augen, welche sie auf dem Gebiete der Gewerkschaftsbewegung herbeizuführen drohen. Diese Bewegung ist heute die zeitgemäßeste und wichtigste. Wer sich ihrer bemächtigt, der be­kommt die Arbeiterbewegung überhaupt in die Hände. Das haben die Sozialdemokraten richtig erkannt. Was sollen wir thun?

Konisches Keich.

Berlin, 29. Januar.

* Der Kaiser geleitete heute Vormittag das würt- tembergische Königspaar zum Anhalter Bahnhofe und verabschiedete sich dort auf das herzlichste von dem­selben. Letzteres ist Mittags V/2 Uhr in Weimar zum Besuche des Großherzoglichen Hofes eingetroffen.

* Die Besserung im Befinden der Misertn Friedrich schreitet fort, doch ist dieselbe noch genöthigt, das Zimmer zu hüten.

* Die .Köln. Volkszeitung' schreibt: Was die von Juden geleiteten Berliner Blätter sich in jüngster Zeit gegen die katholische Kirche herausgenommen haben, erinnert an die Kulturkampfszeit. Wir wollen dabei nicht rügen, daß sie Gegner des Volksschul­gesetzes sind; das ist ihr Recht, aber man kann doch alles mit Maß betreiben. Auch haben wir nicht allein das Volksschulgesetz, sondern auch andere Dinge im Auge. So befleißigt sich einer besonders gehässigen Sprache das echt jüdische .Kleine Journal', ein politisch ganz unbedeutendes Blatt, aber so voll Gift und Galle gegen die Katholiken, daß es kaum einen andern Feind kennt, als die katholische Kirche. Wenn das Blatt so „freisinnig" ist, daß es über jede positive Religion spotten zu müssen meint, warum „ulkt" es denn auch nicht über den Talmud, das heilige Reli­gionsbuch der Juden? Wir thun das in keiner Weise, wollen aber doch darauf Hinweisen, daß vor einigen

„Aber Geschichten dieser Art kommen immer wieder, wäre es auch erst nach fünfundzwanzig Jahren, in das Gedächtniß der Mitwelt zurück. Und dann ist der Familienfriede, der so manche Mühe und Opfer kostete, für immer dahin; die Stellung eines jungen Mädchens zumal, das den gerechtesten Anspruch auf die Achtung aller Welt hat, erleidet dadurch die unerwartetsten Ver­änderungen."

„Weiter . . . weiter . . . mein Herr!" stöhnte die arme Frau.

„Dazu bedarf es nur eines Wortes oder eines Zu­falles ; bloß ein Charbonneau braucht einmal durch die Gegend zu kommen."

Fabries hatte fest darauf gerechnet, daß der Name Charbonneau die alte Dame fürchterlich erschrecken würde. Zu seinem großen Erstaunen war dem nicht so.

„Was ist mit diesem Charbonneau?" fragte sie.

„Charbonneau ist ein armer Teufel von losge- lasfenem Züchtling ... der Elendsgenosse . ."

Er hatte keine Zeit, seinen Satz zu vollenden. Fräulein Aglae war wie eine Wahnsinnige aufge­sprungen, in einem Satze war sie an der Thüre, welche sie verschloß, und dann wieder mit einem Satze stand sie vor dem Advokaten mit fürchterlich verzerrter Miene, so daß denselben Angst überkam.

„Ha, das wissen Siel Sie wissen, was ich seit neunzehn Jahren auf Kosten meines Vermögens, meiner Neigungen und meiner geistigen und körperlichen Ruhe verberge. Auf Alles hatte ich verzichtet, selbst auf die

Tagen die gut deutsch-freisinnige und sehr philosemi- tische ,Weser Zeitung' aus dem Talmud allerhand lästerlichen und lächerlichen Unsinn citirte. Will das ,Kl. Journal' nicht auch darüber feine cymschen Witze machen? Es wird sich hüten, denn das Jndenthum ist „sakrosankt", spotten darf der Zeitungs- und Reform- Jude nur über christliche Gebräuche. Wer so handelt, darf aber auch nicht empfindlich werden, wenn einmal ein kräftiges Wörtlein gegen die Inden geredet wird. Mögen die besonnenen Israeliten ihren Einfluß auf­bieten, daß eine gewisse Presse es nicht zu toll treibt.

* Das Abgeordnetenhaus setzte die Berathung des Volksschulgesetzes fort. Abg. Virchow be­kämpft das Gesetz als politisch-theokratisches und bestritt, daß es nur eine konfessionelle Moral gebe. Man solle nur über die Landesgrenze hinausgehen. (Rufe: Zu den Wilden!) „Jawohl, zu den Wilden! Die Wilden sind oft bessere Menschen". (Heiterkeit.) Die Nach­giebigkeit gegen den katholischen Klerikalismus sei schon viel zu weitgehend. Noch vor kurzem glaubte Nie­mand, daß wir so weit herunterkommen würden. (Widerspruch Rechts und im Gen!rum.) Die öster­reichischen Gelehrten befürchteten, daß das preußische Beispiel dort nachgeahmt würde. (Bravo im Centrum.) Reichskanzler Graf Caprivi erwiderte, er würde es scheuen auf das Ausland sich zu berufen, welches unsere Verhältnisse nicht kenne. Selbst in Deutschland habe von Tausend gewiß nur Einer da? Volksschulgesetz gelesen. Das genüge aber nicht, man müsse das Gesetz studiren, sich durcharbeiten und dasselbe mit dem jetzigen Rechtszustande vergleichen. Die Regierung halte am Volksschulgesetz fest und werde gegen den Strom schwimmen, wie bei der Nothstandsdebatte im Vorjahre. (Beifall Rechts und im Centrum). Virchow's Rede zeichne sich übrigens durch Ruhe aus, während die Nationalliberalen den Kriegston, anschlagen. Die Re­gierung konnte bei der Ausarbeitung des Gesetzes nicht wissen, mit welchen Parteien sie dasselbe durchsetzen werde, und nicht voraussehen, daß eine große liberale Partei geplant werde. (Heiterkeit). Die Regierung suche keinen Kampf und sie wäre erfreut von dem gleichen Bekenntniß von Seiten der Nationalliberalen. Der Reichskanzler erkannte die frühem Verdienste der Nationalliberalen an, aber heute sei ganz Deutschland national. Die Nationalliberalen müßten entweder das Gewicht auf das liberal legen oder uational-conservativ werden. Der Reichskanzler fuhr fort, er wisse nicht, wie der Bundesrath über die Wiederzulassung der Je­suiten beschließen werde; er glaube sich aber nicht zu irren, wenn er sage, daß Preußen dagegen stimmen werde. Graf Caprivi sprach dann den Nationalliberalen sogar einen gewissen Idealismus zu und war über dessen Vertretung erfreut. Aber hier liegen die Gegensätze tiefer. Dem Abg. Porsch glaube er, daß es sich nicht um protestantisch und katholisch, sondern in letzter Linie um die Frage handele, ob christlich oder atheistisch. (Lebhafter Beifall Rechts und im Centrum. Ungeheurer

Liebe eines Bräutigams; ich habe für mein tägliches Brod gearbeitet, indem ich meine Nichte unter Mühen und Opfern und in der Verborgenheit erzog. Das Alles that ich, um einen Unglücklichen zu vergessen. Und da kommen Sie, um meine neunzehnjährige Arbeit zu zerstören! Sie kommen und erzählen mir kalt, daß Sie wissen, ich sei die Schwester des Unglücklichen, und daß ein Elender es allerwärts erzählen kann.....

Desto schlimmer, mein Herr, für Ihren Anstand, wenn Sie noch welchen haben . . . Hören Sie, ich kaufe Ihnen Ihr Schweigen ab . . . Wie viel fordern Sie?"

Gustav Fabries hatte, obgleich entschlossen, allen Verlegenheiten zu trotzen, doch nicht daran gedacht, daß ihm ein so verächtlicher, beleidigender Handel würde vorgeschlagen werden.

„Mein Fräulein ... Sie mißverstehen mich . . ." begann er stotternd.

„Ich mißverstehe Sie nicht, mein Herrn; aber ich will den Handel kurz abmachen. Wie viel müssen Sie haben?"

Der Advokat reckte sich mit einer um so bewun­derungswürdigeren Entrüstung in die Höhe, als er ja vorher keine Zeit gehabt hatte, dieselbe vorher einzu- ftubiren.

„Ach, das ist schrecklich," rief er auS, „so verkannt zu »erben; ich, bet herkam, mit gebrochenem Herzen über eine solche Entdeckung, die der Zufall mir erlaubte, an ihrer Verbreitung zu hindern, — um Ihnen mit» zutheilen, daß Ihre Opfer nicht vergeblich fein würden,