19. Jahrgang
Freitag, den 29. Januar 1892.
gange in goldenen Buchstaben lesen kannst. Mögen unsere Kinder und Kindeskinder es niemals vergessen!" Und mit lauter Stimme las er: „Irret euch nicht! Gott läßt seiner nicht spotten!" —
Mit Recht hat der Verfasser — der nach der Fassung einzelner Stellen Protestant ist — in der Gottentfremdung den letzten Grund der Sozialdemokratie entdeckt und Rettung von dem Nebel kann uns nur werden, wenn die weiten Schichten des Volkes wieder ein werkthätiges Verständniß gewonnen für die in heiliger Gottesliebe wurzelnde mystische Ascese der Entsagung und des Opfers. Der Himmel auf Erden ist ein Unsinn! Nur wenn wir dieses Erdenleben als Vorbereitungszeit auf ein jenseitiges, ewiges Leben betrachten, werden wir die Räthsel des gegenwärtigen Lebens zu lösen und uns mit den Leiden dieser Zeitlichkeit abzufinden vermögen; sie verbannen wollen ist ein wahnwitziger Titanenkampf.
-8- „Der Himmel auf Grden^
betitelt sich eine soeben im Verlage von F. W. Grünow in Leipzig erschienene eigenartige Schrckt von Emil Gregorovius (Preis 1 Mark). Mr bemerken ausdrücklich: es ist kein Buch, welches man der Heranwachsenden Jugend in die Hand geben konnte, auch ist es kein Buch für die Frauen, aber alle Männer, deren Pflicht es ist, weiterem Uebel vorzubeugen und die zu dem Ende die Folgen der sozialdemokratischen Irrlehren sich recht klar machen wollen, tollten es lesen. Wir haben nie in so anschaulicher Weise die Unmöglichkeit einer dauernden Durchführung der soziademokratischen Ideen darlegen gesehen, wie in der Schrift von Gregorovius. Besonders das Spiel der verschiedenen menschlich en Leidenschaften und deren Einfluß auf die Gestaltung der „neuen Ordnung" drastisch und plastisch zu schildern, ist dem Verfasser in psychologisch meisterhafter Weise gelungen. Wo aber die Leidenschaft herrscht, dort kann der Himmel nicht sein und so ist der Titel der Schrift auch nur ironisch zu nehmen. Auch nimmt der Verfasser keinen irdischen Himmel von unbegrenzter Dauer an, sondern er sucht nur den „Himmel auf Erden in den Jahren 1901 bis 1912" zu schildern — und welchen Himmel! Die Sozialdemokraten stellen ja die Umgestaltung des irdischen Jammerthales zu einem Paradiese als das Ziel ihres Strebens hin; Gregorovius meint nun, wenn man einmal annehmen wollte, daß die Sozialdemokratie bis zum Beginne des nächsten Jahrhunderts in Deutschland zum allgemeinen Siege gelangen würde, daß die dadurch herausbeschworene Mißwirthschaft in wenigen Jahren bereits ein Ende finden werde. Die obigen Blätter — nachträglich als kurzer Abriß einer Geschichte der sozialdemokratischen Schreckensherrschaft im Jahre 1912 ausgeschrieben - versuchen an einer Reihe lebendig gemalter Bilder besonders zu zeigen, wie die Menschen auch unter den nach sozialistischer Anweisung gestalteten Verhältnissen Menschen bleiben, nur mit dem Unterschiede, daß die niedrigen Leidenschaften jetzt erst recht die Eide zu einer Hölle machen. Den Schluß bildet eine Unterhaltung zwischen einem älteren und einem jüngeren Arbeiter, welche einen zusammenfassenden Rückblick über das ganze Büchlein bietet. „Ich habe schon oft gefragt und nie eine genügende Antwort erhalten können," sagt der Jüngling: „wie ist es denn möglich gewesen, daß Menschen an den sozialdemokratischen Zukunfts-Himmel in der Zeit der alten Ordnung glauben konnten.
Woher es kam", antwortet der Alte int Weiter- schreiten, „woher es kam? Heute weiß ich, was ich vor Jahren nicht wußte, als ich mich mit fortreißen ließ von ihren unfeligen, wahnwitzigen und erlogenen Phrasen. Es war eine geistige Krankheit, die dre Menschen ergriffen hatte, ein schwerer, alles Denken, alles Fühlen, alles Wollen beherrschender Wahnsinn war es, ein Fieber, viel schrecklicher als das Fieber,
Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.
(13. Fortsetzung.)
Am Rande des Gehölzes erwartete ihn sein Wagen. Bei dem Kutscher stand ein Mann in blauem Kittel und eine irdene Pfeife rauchend und unterhielt sich mit *Da ist der Herr, den ich fahre," sagte der Droschkenkutscher, als er den Advokaren bemerkte; „er kann Euch besser Auskunst geben, als ich, er kennt die Gegend ganz genau."
Was gibt's denn?" fragte Gustav rauh.
Der Mann lüftete leicht seinen Strohhut, wodurch ein kahler Schädel und eine auffallend niedrige Stirn zum Vorschein kam, unter welcher ein paar häßliche Augen lauerten. „ <_ „, ,
Unwillkürlich kam dem Advokaten der Gedanke:
„Ein ecdter Verbrecherkopf!"
„Ich bin nicht von hier, mein Herr, fügte der Bauer, aber ich habe die Idee, Verdienst hier zu finden; deshalb komme ich direkt von Lyon herüber/
„Dann müßt Ihr Euch an den Maire von Estra- blin wenden."
„Ist das weit?"
„Eine Viertelstunde." ,
„Dann will ich hingehen. Wenn Sie mir aber
Deutsches Deich.
Berlin, 27. Januar.
* Berlin, das im reichen Flaggenschmuck und am Abend im strahlendem Lichterglanz prangte — wenigstens gilt dies für die verkehrsreichen Bezirke der Stadt — sah eine große Anzahl fürstlicher Gäste in seinen Mauern, die gekommen waren, dem Kaiser zu seinem Geburtstage persönlich ihre Glückwünsche abzustatten. Seit einigen Tagen ist bereits das württembergische Königspaar hier anwesend. Am Dienstag waren der König von Sachsen und sein Neffe, der präsumtive Thronfolger, Prinz Friedrich August nebst Gemahlin hier eingetroffen, ferner der Herzog von Anhalt, die Erb- großherzöge von Mecklenburg-Strelitz und Oldenburg, Herzog Wilhelm von Württemberg, Fürst Reuß j. L. u. A. Die Glückwünsche des Zaren überbrachte Großfürst Alexis von Rußland, der gleichfalls am Dienstag Abend direkt von Petersburg hier eintraf. Nachdem der Kaiser früh die Glückwünsche seiner nächsten Umgebung entgegengenommen, begab er sick nach dem Palais der Kaiserin Friedrich, welche infolge leichter Erkältung ans Zimmer gefesselt ist. Bald nach der Rückkehr erfolgte die Beglückwünschung durch bte anwesenden Fürstlichkeiten, woran sich Gottesdienst und dann die große Gratulationscour schlossen. Nach der Cour begab sich der Kaiser mit den fürstlichen Gästen und der Generalität nach dem Lustgarten, woselbst die feierliche Ueber- gabe der neuen Fahne an das 3. Garde-Regiment ,Königin Elisabeth' und an das Garde-Jäger-Bataillon sich anschloß. Am Nachmittag war die kaiserliche Familie mit den fürstlichen Persönlichkeiten zu einer Familientafel vereinigt. Abends fand Galavorstellung im Opernhause statt. — In der Universität, der königl. Akademie der Künste, in allen höheren, wie Volksschulen fanden festliche Akte statt. Die Mitglieder des Reichstages sowohl, rote dre des Abgeordnetenhauses waren zu Festmählern vereinigt Aus Anlaß des Tages hat der Kaiser zahlreiche Auszeichnungen verliehen: Kultusminister Graf v. Zedlitz-Trützfch- ler erhielt den Rothen Adlerorden II. Cl. mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe, der Minister für Landwirth- schaft v. Heyden und der Oberst-Truchsaß Fürst v. Radolm die Rothen Adlerorden I. Cl. mit Eichenlaub, der Minister der öffentlichen Arbeiten .Thielen' den Stern zum Rothen Adlerorden II. Cl., der Staatssekretair des Reichspostamts
bei Seite, dann können wir etwas näher darüber sprechen. ^nn ^lgte ihm schleppenden Schrittes. Als sie ungefähr fünfzig Meter weit gegangen waren, blieben sie stehen.
Hört, ich kenne Fräulein Raymond sehr gut, unv ich kann Euch über dieselbe vielleicht mehr mittheilen, als ihr wünscht; aber vorher muß ich wissen, was für einen Grund Ihr habt, Euch nach Ihr zu erkundigen.
Nun denn, Herr, ihr Vater war mein Kamerad; seit acht Tagen habe ich ihn verlassen. Man erzählte drüben, daß seine Tochter in der Gegend von Vienne wohne und sehr reich sei. Ich wollte mich nun überzeugen, ab das wahr sei."
„Könnt Ihr mir den Vornamen des jungen Mäd- chensngeben2^ , ^mond hat mir so ost von ihr erzähl-, und er wurde jedesmal traurig, wenn er von seiner kleinen Florence sprach."
Der Advokat konnte nicht länger zweifeln.
Gut", sagte er; „Ihr seid auf dem richtigen Wege; sagt mir nun zunächst noch wo Ihr mit diefem . . . Raymond zusammen roant?"
Der Mensch zauderte, sah mit scheuem Blicke nach allen Seiten um sich und sagte bann, indem er die Schultern zog, wie Einer, der einen unwiderruflichen Entschluß gefaßt hat:
das den Leib zerstört. Aerzte gab es genug, die hätten heilen können und auch heilen wollten; aber wer von uns Arbeitern hörte auf ihre Stimme, wer von uns glaubte, daß sie es gut mit uns meinten, wer hörte von uns auf die Stimme der Wahrheit? Niemand, Niemand, denn die Lüge herrschte allem, ihr allem glaubten wir, ihr allein folgten wir, als sie uns ms Verderben führte. Und doch war unter den Führern Anfangs mancher redliche Mann, Mancher, der es wirklich und wahrhaftig ehrlich mit dem ganzen Wahnwitz meinte, der die Wahrheit in den Händen festzuhalten glaubte, obgleich es die Lüge war. Und es wäre ja vielleicht auch alles gut geworden und der Himmel auf Erden, mit dem sie uns arme Arbeiter immer und immer wieder gelockt hatten, der sozialdemokratische Himmel auf Erden, er wäre vielleicht doch gekommen, wenn in der Berechnung der Führer und Gefährten nicht ein Fehler, ein einziger Fehler gewesen wäre." — „Und der war?" rief gespannt fern Begleiter. „Wir nahmen an, daß, wenn Alles gleich gemacht würde, wenn Keinem etwas, Allen aber Alles gehören würde, daß alsdann sich Jedermann als ein Glied der ganzen Menschheit fühlen und in ihrem Dienste willig arbeiten würde, daß bann alle Selbstsucht, aller Eigennutz aufhören, daß Jeder, ob Manu ob Weib, ob 'alt ob jung, alle seine Wünsche, Hoffnungen, Begehrungen und Leidenschaften dem Wohle Aller unterordnen würde, daß Niemand mehr für sich allein, sondern für alle Anderen leben, schaffen, wirken, handeln, leiden und dulden würde. Es war Wahnwitz, so etwas zu glauben! Als ob der Mensch aus seiner Haut heraus 'könnte, als ob einer so ohne weiteres ein vollkommenes Wesen werden könnte, selbst wenn er eins werden wollte! Kann man aus einem Wolf ein Lamm und aus einem Habicht eine Taube machen? Wahnwitz war ein solcher Glaube, aber wir hatten ihn alle, bis uns die Augen aufgingen und wir gewahrten, daß die neue Ordnung der Dinge nur das Unvollkommene, das Bestienhafte int Menschen zur Entfaltung brachte."
Währenddessen waren die Beiden in die Nähe einer herrlichen Kirche gelangt, die auf einem Hügel gelegen, weithin in die Lande schaute. Die Strahlen der unter» gehenden Sonne trafen sie und hoben ihre edlen Formen wirkungsvoll vom Abendhimmel ab. Wie Feuer funkelte und blitzte das goldene Kreuz, das die Kuppel krönte und sandte seine goldenen Strahlen über die große Stadt, die sich zu den Füßen der Kirche ausdehnte. Es war die Sühnekirche, die das von der furchtbaren Krankheit genesene Volk seinem alten Gott geweiht hatte. Beide Männer standen still und blickten schweigend hinauf auf das herrliche Gotteshaus, ein Denkmal, errichtet zur Mahnung für kommende Geschlechter.
„Der tiefste, letzte und eigentliche Grund," sagte der Alte, sich mit einem ernsten Blicke an seinen jungen Gefährten wendend, „der Urgrund für die schwere Krankheit der vergangenen Zeiten ist, daß wir Menschen ein altes Wort verlachten und verspotteten und bann vergaßen — das Wort, das Du dort über dem Ein- zufällig sagen könnten, wo Fräulein Raymond wohnt, dann wäre mir der Lauf erspart."
„Ihr wollt also nach Grange-Verte?"
„Das weiß ich nicht, Herr; zunächst möchte ich daS Fräulein sehen, weil es ihr wohl Freude machen wird, ganz frische Mittheilungen von ihrem Vater zu erhalten."
„Von ihrem Vater?" wiederholte überrascht der Advokat.
„Und dann, wenn sie hört, woher ich komme, sollte eS mich wundern, wenn sie mir kein Verdienst ver-
„Woher Ihr kommt! Woher kommt Ihr beim?“ fragte Fabries, indem er den Menschen mit einem durchbohrenden Blick betrachtete. Dieser verzog den häßlichen Mund zu einem unheimlichen Lachen, während er zwei Schritte zurückwich.
„Das kann Ihnen nichts ausmachen, Herr, antwortete er mit einer Biegsamkeit der Stimme, die sonst bei einem gewöhnlichen Bauer nicht zu finden ist ; „aber Fräulein Raymond macht sich viel daraus — wenn es b ie ist, die ich suche."
Das Interesse des Advokaten wurde plötzlich rege. Er kannte sich aus Verbrecherpbysiognomieen. und die, welche er unter seinem forschenden Auge hatte, war bte vollendetste, die er je angetroffen batte.
„Hört einmal," sagte er, indem er dem Kutscher ein Zeichen gab, auf ihn zu warten, „kommt ein wenig
sv,e»teliahrlrcher Rathgeber für Landwirthschast, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark r>0 Lienmg.