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~ V 21 Mittwoch, den 27. Januar 1892. 19. Jahrgang

FuIdlltrWZkitlliig

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♦ Kaisers Geburtstag.

teil Wilhelm Dir! Du Deutschlands Hort, heute Dich begrüßen;

Heil Dir! So schallts von Ort zu Ort, Das Echo trägts gewaltig fort Und legt es Dir zu Füßen.

Heil Dir! Ganz Deutschland freuet sich Und eilt mit edlen Trieben 3u Dir und schließt im Geiste Dich In seine Arme inniglich;

Wer wollte Dich nicht lieben?

Heil Wilhelm Dir! Dein Volk so gut Wünscht heut' Dir Heil und Segen. O, möchte Gott mit seiner Hut Beschirmen Dich und Kraft und Much 'Verleih» auf allen Wegen!

Heil Wilhelm Dir! Dein Volk so treu Hebt heute seine Hände Zum Himmel auf, und schwört aufs Neu Dir Liebe, Huld und wahre Treu; Sei stolz auf solche Spende!

Heil Wilhelm Dir! Die ganze Welt Lentt ihre Blicke heute Empor zu Deinem Herrscherzelt Und nennt Dich Friedensfürst und Held, Boll Staunen, Lieb' und Freude.

Heil WUhelm Dir! Mög dieses Wort Noch in den fernsten Zeiten Erschallen froh von Ort zu Ort Bis Gott Dir einst, wie hier, so dort Die Krone wird bereiten. ♦ * *

Heute feiert S. M der Kaiser seinen Geburtstag! Aber nicht nur Er allein, nicht nur die Glieder der Königsfamilie feiern diesen Tag, nicht nur das im­posante Königsschloß an der Spree strahlt wider vom Lichte der Kerzen, nein, in ganz Deutschland und noch weit, weit darüber hinaus, überall wo Deutsche wohnen, wird der heutige Tag festlich begangen, innerhalb der Armee, in Gesellschaften, in Vereinen, in Kirche, in Schule und in Familien. Gilt es doch der Liebe und Verehrung, die wir für unfern Kaiser fühlen, beredten Ausdruck zu geben, gilt es doch ihm zu zeigen, daß die Mehrzahl des deutschen Volkes treu zu Kaiser und Reich hält. Wir Deutsche wissen, was wir an unserem Kaiser haben, der, durchdrungen von dem hohenzollernschen Pflichtgefühl, sich keine Ruhe gönnt, wo es heißt, das Wohl seiner Unterthanen zu fördern, und der mit allen Kräften bestrebt ist, uns den kostbaren Frieden zu erhalten, dessen Segnungen wir nun schon 20 Jahre verspüren. Aber wir wissen auch, daß neben diesem Pflichtgefühl in unserem Kaiser Weisheit gepaart mit einem energi­schen Willen wohnt, eine Garantie für uns, daß auch im Ernstfälle dem deutschen Volke in Kaiser Wilhelm II. ein Kaiser gegeben ist, dessen Führung es sich voll und ganz anvertrauen kann. Fürwahr, wir Deutsche können stolz auf unseren Kaiser sein, der auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, wo nur immer eine Reform nöthig ist, persönlich eingreisend, unermüdlich und schaffensfreudig Allen als leuchtendes Vorbild dasteht. Alldeutschland vereinige sich heute in dem Gebete: „Gott segne, schütze und erhalte untern Kaiser!"

Ein Gpfer der Wcht.

Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.

(11. Fortsetzung.)

Der Blick von Frau Fabries wandte sich zärtlich an ihn. Welch' ein Sohn! Welche Uuergründlichkeit in dieser schönen Seele! Ihre mütterliche Bewunde­rung war aufrichtig und sie entdeckte in allen Dingen, die ihren Sohn betrafen, immer neue herrliche Eigen­schaften desselben. Dieser, welcher alle Sensations- Romane seiner Epoche gelesen, hatte in seinem frucht­baren Schädel einen aufgebaut, den er selbst bewun­derte. Er wollte auf die Phantasie, auf die Einbil­dungskraft des widerspenstigen jungen Mädchens ein­wirken, da dasselbe sich so gefühllos gegen das Martyrium zeigte, das er über sich ergehen zu lassen schien.

Er war der unwiderleglichen Ansicht, daß eine Pariserin von zwanzig Jahren nicht ewig sich gegen ein Gefühl würde abschließen können, das anscheinend seinerseits ebenso loyal wie übermäßig, ihn zu den äußersten, fürchterlichsten Schritten einer wahnsinnigen Leidenschaft treiben könnte.

Er schloß sich, um seine Rolle für die Szene, die

Deutsches Keich.

Berlin, 25. Januar.

* Das wiirtternbergische Kimigspaar traf mit Be­gleitung Sonntag Abend 8 Uhr auf dem Anhalter Bahn­hofe in Berlin ein, woselbst denselben ein feierlicher Empfang bereitet worden war. Auf dem Bahnhofe waren der Kaiser mit den königlichen Prinzen, den Prinzen aus regierenden deutschen Häusern, welche z. Z. in Berlin anwesend sind, Generalfeldmarschall Graf Blumenthal, Generaloberst v. Pape, der Gouverneur und Kommandant von Berlin, der Kriegsminister und die gesammte Generalität, die Admirale und Regiments­kommandeure der hiesigen Garderegimenter, die hierher kommandirten württembergischen Offiziere, die württem- bergische Gesandschast u. s. w. zur Empfangsbegrüßung erschienen. Nach der Begrüßung, die eine überaus warme und herzliche war, geleitete der Kaiser das wittt- tembergische Königspaar vom Bahnhofe aus unter Es» körte einer Eskadron des Gardekürassierregiments und unter brausenden Hochs der bis zum Schlosse dicht ge­drängt stehenden Menschenmenge nach dem königlichen Schlosse, woselbst um 9 Uhr engere Familientafel statt­fand. — Heute Mittag nahmen die württembergischen Majestäten in der württembergischen Gesandtschaft das Dejeuner ein. — Am heutigen Abend 7 Uhr fand int Weißen Saale des königlichen Schlosses bei den Kaiser­lichen Majestäten ein Galadiner von ca. 190 Gedecken statt, an welchem u. A. die hier anwesenden Fürstlich­keiten, die Herren der württembergischen Gesandtschaft, Reichskanzler Graf v. Caprivi, die aktiven Staatsmi­nister u. s. w. theilnahmen.

* Die ,Post' schreibt: „Zu den verschiedenen Mit- theilungen in Betreff der Abstimmung über den Bolks- schulgesktzentwurf innerhalb des Staatsministeriums können wir aus sonst sehr unterrichteter Quelle melden, daß die beiden Minister, die gegen den Entwurf stimmten, die Herren v. Bötticher und Thielen waren.

* Im Abgeordnetenhause fand heute die erste Lesung des Volksschul-Gesetzes statt. Die Tribüne ist überfüllt. Außer dem Kultusminister ist auch der Reichskanzler anwesend. Abg. Wessel begründete die ablehnende Haltung der Freikonservativen mit Rücksicht auf die geringe Leistungsfähigkeit der Gemeinden im Osten und wegen der angeblichen hierarchischen Richtung des Ent­wurfes. Redner fritifirte auch die Polenpolitik und beantragte Verweisung an eine Kommission. Abg. Buch begrüßte Namens der Konservativen den Entwurf, wünschte aber Hinausschiebung des Inkrafttretens, bis das Kommunalsteuer-Gesetz und die Landgemeinde-Ord­nung durchgeführt seien, um deren Wirkungen zu über­setzen. Redner erkennt an, daß der gegenwärtige Ent­wurf gegenüber dem vorigjährigen den Wünschen der Konservativen bezüglich der Kouzessionalität weiter ent­gegenkomme. Die religiöse Erziehung sei nur auf kon­fessioneller Grundlage möglich. (Lebhafter Beifall rechts.) Die ganze Schule muß vom konfessionellen Charakter getragen sein. (Lebhafter Beifall rechts und im Cen­trum.) Redner meint auch, nur grundsätzliche Gottes-

er ins Werk zu scheu beabsichtigte, ungestörter ftubiren zu können, in sein Arbeitszimmer ein; er übte den Ausdruck seines Gesichtes, den Blick seiner Augen so ein und lernte mit solcher Grazie das Knie beugen, daß er, als er nach stundenlanger Arbeit dieser Art sein Kabinet verließ, sich selbst seine vollkommene Zufrieden­heit aussprach. Hauptsächlich war eine Bewegung, die er herrlich fand: es war seine Hand, wie sie mit Ver­zweiflung seine blonde Frisur zerstörte, während die andere Hand, unter dem Ueberzieher versteckt, die fürchterliche Ahnung eines Revolvers aufkommen ließ. Und welche Drohungen lagen in dieser Bewegung seiner Hand, freilich Drohungen für ihn selbst: „Fürch­ten Sie Nichts, die Sie mich zur ewigen Verzweiflung verdammen! Denn ich werde auf immer verschwin­den. Aber enteilen auch Sie von hier, damit nicht das Blut eines Unglückseligen Ihr fleckenloses Kleid röthe."

Was würde sie auf solch fürchterliche Beredsamkeit erwidern können? Gustav Fabries zweifelte keinen Augenblick, daß das arme Kind, durch diesen Grad der Leidenschaft, die bis zum Verbrechen zu gehen fähig sein würde, in Schrecken versetzt. dem Unglücklichen die Hand reichen und damit Hoffnung auf Erhörung geben würde. Sobald er seine Rolle eingeübt hatte,

leugnet könnten den Religions-Unterricht für Dissiden- ten-Kinder bekämpfen. (Zustimmung rechts, Widerspruch links.) Die Zeit läge nicht fern, wo Mancher beten lerne, der heute nur Verachtung ftir die Religion übrig habe. (Lebhafter Beifall rechts und im Centtum.) Auf die Einzelheiten des Gesetz-Entwurfs eingehend, erklärte Redner, daß die Konservativen einverstanden seien, daß die Möglichkeit der Uebernahme des Religions-Unter­richts durch die Geistlichen eröffnet werde, sonst könnte ja jeder Lehrer eine selbst zurechtgemachte Kirchenlehre vortragen. (Zustimmung rechts und int Centtum.) Be­züglich des Privat-Schulwesens erklärte Buch, dieKon- servattven wären ebenfalls einverstanden. Allenfalls möge man weitere Sicherheiten gegen den Mißbrauch in der Kommission beschließen. Die Grundbesitzer wollen auch Opfer für die Durchführung des Gesetzes tragen; sie wehren sich nur gegen das schablonenhafte Gleich­machen, wie solches durch die Landgemeinde-Ordnung bewirkt worden sei. Redner begrüßt besonders die kon­fessionelle Einrichtung der Seminare und findet die Be­fugnisse des Staates und der Kirche richtig abgegrenzt. Die Ansprüche der Kirche seien vollauf befriedigt; weiter gehende Ansprüche würden die Konservativen entschieden ablehnen. Redner begrüßt die Einrichtung des konfessio­nellen Schulvorstandes, wodurch der konfessionelle Friede gefördert werde. (Zustimmung rechts und im Centtum.) Die Konservativen hätten aber Bedenken gegen die Nöthigung der Gemeinden zur Annahme von strafver­setzten Lehrern und gegen die Feststellung des Grund­gehalts von 1000 Mk., sowie gegen die Entnahme von 9 Millionen Mark aus den zu erwartenden Ueberschüssen der Einkommensteuer zur Durchführung des Volkschul- Gesetzes. Diese Kosten solle man auf den allgemeinen Etat übernehmen. Diese Bedenken seien aber leicht in der Kommission zu beseitigen. (Lebhafter, wiederholter Beifall rechts und im Centtum.) Abg. EnnecceruS (nat.-lib.) ist durch die Rede Buch's enttäuscht und ge­drückt. Er möchte wissen, ob derselbe Namens aller Konservativen gesprochen. (Zuruf von rechts: Ja!) Er verwirft die Vorlage vollständig und weist auf die etwaigen Folgen der Annahme derselben hin: an Stelle der Forschung die Tendenz zu setzen. Abg. Reichens­perger (Ctr.) findet in den Auslassungen des Vor­redners unlösbare Widersprüche; er ist mit der Vor­lage voll einverstanden, die die Signatur eines Staats­mannes trage, der den Geist seiner Zeit erfaßt habe. Redner bezeichnet die Vorlage als kräftige Waffe gegen die Sozialdemokratie. Minister v. Zedlitz bedauert, daß zwischen Regierung und Nationalliberalen so wenig Berührungspunkte bestehen. Sie fürchten mit der Vor­lage die Lehrer zu Heuchlern zu machen. Wo gebe es aber einen Beamten, der immer nach subjektiver Ueber- zeugung handeln könne? Das Interesse der Eltern sei das Wichtigste. Redner betont nochmals, daß in der Bevölkerung gar keine Sympatien für Simultanschulen vorhanden feien. Abg. v. Eynern (nl.) konstatirt, daß nur die Geschäftsordnung Schuld sei, daß seine Partei nicht sofort dem Minister, wie er es verdiene, antworte. Abg. v. Jazdzewski (Pole) spricht die Ueberein- ftimmung seiner Partei mit der Vorlage aus. Weiter- berathung morgen.

ließ er seine Haare frisiren, wie ein Bühnenheld und nahm in einer Droschke den Weg nach Grange- Verte.

Es war an einem Samstag. Aus seinen häufigen Stationsgängen um das Gut hatte er allmählich Kemttuiß von den Gewohnheiten der Bewohnerinnen desselben erhalten und so unter Anderem erfahren, daß Florence in Begleitung einer schwer beladenen Magd dm Weg nach Esttablin emWug, um dort bei den Armen als barmherzige Samariterin ans die ver­schiedenste Weise die Noch zu lindern. Bei diesen Samstagsvertheilungen pflegte sie an Alles zu denken und der große Korb am Arme der Magd enthielt neben der Fleischsuppe für den Greis den Zucker für den Kranken, den guten Wein für die Wöchnerin und das Spielzeug für die Kinder. Häufig kam es vor, daß nach der Vertheilnug die Magv nach Grange- Verte zurückging, um wieder ihre Hausarbeiten zu übernehmen, während Florence am Belte eines Kran­ken verspätete oder in langem Gebete vor dem Altäre der Kirche von Esttablin die Flüchtigkeit der Zeit ver­gaß. Auf einen Zufall dieser Art hatte Gustav Fabries gebaut, um die Frucht der großen dramatischen Szene genießen zu können, zu deren Helden er sich selbst er­sehen hatte.