V 18 Samstag, den 23. Januar 1892. 19. Jahrgang
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P. Allderledy? General der Jesuiten, f
Nachdem die Influenza den großen englischen Kardinal Manning (London) und den Kardinal-Präfekten der Kongregation der Propaganda, Simeoni, in der verflossenen Woche aus dem Leben abgerufen, hat sie in der Nacht von Montag auf Dienstag den General des Jesuitenordens, Pater Anton Maria Anderledy, dahingerafft. Der Verstorbene ist auch in Deutschland wohlbekannt und in ehrendstem Andenken. Als am 24. Januar 1863 das zu wohlberechtigtem hohen Ansehen gelangte Kollegium oder Missionshaus zu Maria Laach von den Jesuiten bezogen wurde, ward P. Anderledy als erster Rektor der frisch aufblühenden Niederlassung bestellt, deren Name in den „Laacher Stimmen", der gehaltvollen von den deutschen Vätern der Gesellschaft Jesu herausgegebenen Zeitschrift ruhmvoll fortlebt. Von berühmten Männern des Ordens, die als Schriftsteller und Missionsprediger sich einen Namen gemacht, lebten und wirkten dort mit ihm und unter ihm die Patres: Roh, Deharbe, Wilmers, Schneemann, Schleiniger, Hausherr, Rieß, Raltinger, Cornely, Pesch u. a.
Die ParresAnderledy und Roh waren ocide Schweizer, aus dem Bisthum Sitten gebürtig und durch den schweizerischen Radikalismus 1847 mit ihren durch die Bundesverfassung vom schweizerischen Boden verbannten Ordensbrüdern aus dem Vaterlande vertrieben. In Folge der Ausführung des Jesuitengesetzes vom 4. Juli 1872 aus dem deutschen Reiche ausgeschlossen, mußten die Väter der Gesellschaft Jesu Deutschland verlassen. P. Anderledy war zum zweiten Male verbannt (P. Roh war kurz vor der Ausführung des Gesetzes auf dem Kreuzberg bei Bonn gestorben, froh darüber, daß er nicht zum zweiten Male in die Verbannung wandern mußte) und begegnet uns in der Oeffentlichkeit erst wieder, als er am 24. September 1883 dem damals im 89. Lebensjahre stehenden General P. Beckx als Generatvikar mit dem Rechte der Nachfolge beigegeoen wurde. Der Sitz des Generals der Jesuiten ist, seitdem die italienische Regierung jene am 27. Oktober 1873 aus ihrem Profeßhause in Rom vertrieben hat, zu Fie sole bei Florenz, wo P. Anderledy auch gestorben ist. Vom 11. Mai 1884 an war der Verstorbene ganz mit der Führung der Geschäfte des Ordens betraut und folgte, als P. Beckx am 3 März 1887 zu Rom gestorben war, diesem als der 23. General des im Jahre 1514 mit 7 Mitgliedern gegründeten Jesuitenordens, der bei Anderledy's Tode gegen 13,008 Mitglieder, darunter gegen 6000 Priester, zählt.
P. Anderledy war am 3. Juni 1819 in dem Schweizer- kanton Wallis geboren und stand somit im 73. Lebensjahre, während er im Alter von 29 Jahren, am 29. September 1848 die Priesterweihe empfangen hatte. Unter P. Anderledy hat sich sowohl die innere und äußere Missionsthätigkeit, als die wissenschaftliche und schriftstellerische Thätigkeit des Ordens noch bedeutend er
weitert und erhöht. Er erlebte die Freude, daß Papst Leo XIII. in glänzenden Lobsprüchen 1885 alle Vorrechte, welche der Gesellschaft Jesu jemals von den früheren Päpsten verliehen worden waren, bestätigte und neu verlieh, und daß die drei Ordensgenossen Petrus Faber, Johannes Berchmanns und Alphons Rodriguez bei dem 50jährigen Pciesterjudiläum des hl. Vaters (1887) heilig gesprochen wurden. R. I. P.
Deutsches Keich.
Berlin, 21. Januar.
Der Kaiser hat anläßlich der gestrigen Vereidigung der bei der 1. Matrosen- und 1. Werft-Division eingestellten Rekruten in Kiel, gegen 700 an der Zahl, etwa die folgende Ansprache gehalten:
„Der gnädige Gott und Ich haben Euren Eid gehört. Vor Meinen übrigen Landeskindern leid Ihr dazu berufen, die deutsche Ehre auf Meinen Schiffen in's Ausland zu tragen. Unsere Marine ist i och klein, aber der Kern liegt in der guten Disziplin und in dem Gehorsam der Mannschaften gegen den obersten Kriegsherrn und die Vorgesetzten. Wo Ihr auch sein mög^t, im In- und Auslande, ob zu Kolonial - Zwecken oder sonst wissenschaftlichen Expeditionen, benehmt Euch stets eingedenk Eurer Pflichten als deutsche Matrosen. Eure Vorfahren haben sich schon einen guten Ruf im Auslande erworben, haltet denselbenaufrecht und steht treu zu Kaiser und Reich, wo es auch immer sei, und vergeßt nicht, was Euch Eure Eltern schon gelehrt haben, die Religion. Dann werdet Ihr Euch auch wohl fühlen in Euren Dienst-Verhältnissen."
Nach der Ansprache wurde u. A. auf Befehl des Kaisers eine von ihm an den Prinzen Heinrich erlassene Ordre publizirt, nach welcher derselbe von dem Kommando der Makrosen-Division, welche der Prinz über ein Jahr befehligt hat, entbunden und zur Dienstleistung zum Reichs-Marineamt kommandirt wird.
* Das Volksschulgesetz betreffend ist in nationalliberalen Organen in Zweifel gestellt worden, daß der Kaiser beim Empfang; der Präsid'en de- Landtags über das Volksschulgesetz sich geäußert und der Hoffnung auf das Zustandekommen dieses Gesetzes Ausdruck gegeben habe. Wir haben mitgetheilt, daß der Kaiser beim gemeinschaftlichen Empfange der Landtags-Präsidien nicht allein, wie behauptet wird, im Allgemeinen den Arbeiten des Landtags einen gedeihlichen Fortgang gewünscht, sondern insbesondere auch das Schulgesetz berührt hat, und wir haben diese Aeußerung in der Form wiedergegeben: es seien zwar Bedenken gegen den neuen Entwurf des Volksschulgesetzes erhoben, aber er hoffe, daß diese Bedenken auch gehoben werden würden. Für jeden Leser war damit hinlänglich klar ausgedrückt, was mit diesen Worten des Kaisers gemeint war. Die ,Kreuzzeitung' berichtete positiv, daß der Kaiser der Hoffnung auf Annahme des Volksschulgesetzes Ausdruck gegeben habe. Auch uns, sagt die ,Germania', ist ein solcher Bericht zugegangen, und es wird uns von dem in parlamentarischen Dingen gut unterrichteten Berichterstatter versichert, daß dieser Bericht auf Wahrheit beruhe. Aus eigener Information können wir aber von Neuem bestätigen, daß die Aeuße- rungen des Kaisers die Mitglieder des Präsidiums des
Landtags nicht in Zweifel gelaffen haben, daß der Kaiser der Hoffnung auf das Zustandekommen des vorliegenden Volksschulgesetzentwurfs habe Ausdruck geben wollen. Außerdem hat der Kaiser nicht nur beim Empfange der Präsidien des Landtags, sondern auch anderweit in unzweideutiger Form der bestimmten Hoffnung auf das Zustandekommen des neuen Volksschulgesetzentwurfs Ausdruck gegeben.
* Sehr bezeichnend für die augenblickliche Situation, so schreibt die .Germania', ist das Bestreben der liberalen Preffe, den Unterstaatssekretär im Kultusministerium Herrn Dr. v. Wehrauch, einen gläubigen Protestanten, von seinem Posten — hinweg zu wünschen. Nachdem bereits unlängst liberale Blätter berichtet hatten, Herr v. Weyrauch habe seine Entlassung nachgesucht, bringt neuerdings die in Kassel erscheinende ,Hess. Schulzeitung' die gleiche Meldung. Die ,Kreuzzeitung' bemerkt dazu: „Was die Sache selbst anlangt, so ist zunächst daran zu erinnern, daß Dr. v. Weyrauch erst Anfang Mai 1891 in das Kultusministerium berufen worden ist. Diese Zeit von dreiviertel Jahren hat genügt, um ihn mit seinem jetzigen Amte und dessen Aufgaben vollständig vertraut zu machen. Wie verlautet, denkl er nicht nur nicht an seinen Rücktritt, sondern ist jetzt erst recht in dem Ministerim heimisch. Ueber- dies ist der Unterstaatssekretär mit dem Kultusminister selbst in solchem Einvernehmen, daß jeder Grund zum Rücktritt fehlen würde." Es konnte von vornherein keinem Zweifel unterliegen, daß bei Verbreitung der Rücktrittsgerüchte lediglich der liberale Wunsch der Vater des Gedankens war. Man kennt ja die „Gebresten" dieser Leute.
* In der 2. Plenarsitzung, vom 21. Jan., erledigte das Abgeordnetenhaus zunächst die vom Abg. v. Eyneru eingebrachte Interpellation bezüglich der Maßregeln, welche die Regierung zu ergreifen gedenke, uni das Ge- heimniß der Selbsteinschätzung genügend zu wahren. Der Minister Herrfurth beantwortete die Interpellation sofort dahin, daß über, die Angelegenheit von den betreffenden Behörden Bericht eingefordert sei und die etwa nöthige Abhilfe geschehen werde. In der daraus folgenden 1. Lesung des Etats sprach sich Abg. Rickert (dsr.) gegen das jetzt herrschende Finanzsystem, weil auf den schwankenden Einnahmen aus den Staats- bahnen ausgebaut, aus. Er wendet sich sodann gegen die Getreidezölle und polemisirt mit der konservativ- agrarischen Presse, welche fälschlich behaupte, die maritime und militärische Machtstellung Deutschlands stütze sich auf dieselben. Redner bezeichnet sodann ben Tag des Einbringens des Schulgesetzes als den unglücklichsten Tag des Ministeriums Caprivi und prophezeit aus der Annahme desselben einen Kampf, heftiger als der frühere Kulturkampf. Frhr. v. Huene (Ctr.) fertigte Rickert unter großem Beifall des Centrums und der Rechten ab. Der Charakter der Staatsschule bleibe unverändert, aber innerhalb derselben wolle das Cen- trum die christliche Schule, während die Liberalen da» Christenthnm aus der Schule verdrängen wollten.
„Nun, Du willst mich wohl nicht verstehen; ich möchte Dich verheirathet sehen."
„Daran habe ich auch schon gedacht, Herr Pfarrer." „Ei, der Tausend! Und? Wie heißt sie?" „Aufgegeben! Aufgegeben, ehe ich den Muth hatte, die Heirath für möglich zu halten."
„Aber, wie heißt das Mädchen?" Francis wandte den Blick ab.
„Sie weiß nichts davon."
„Aber die Eltern?"
„Ich habe mit Niemanden davon gesprochen."
„Dann bist Du also von Deiner Absicht zurück- gekommen?"
Der junge Mann kämpfte leit einigen Minute« gegen das Bedürfniß, fein Herz auszuschütten, bal ihm geschwollen war; er hatte diese Wendung der Unterhaltung nicht gesucht, die in seiner Seele eine Welt von Gefühlen aufwühlte, die zu ersticken er sich bisher alle erdenkliche Mühe gegeben hatte. Die Gelegenheit hatte ihn vielmehr aufgesucht und er zögerte nicht, dieselbe zu ergreifen, um sich Klarheit darüber zu schaffen, wer Recht habe: sein Herz ober sein Verstaub.
„Mein theurer Lehrer," sagte er, „feit zwei Monaten habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß daS einzige Glück meines Lebens darin bestehen kann, Fräulein Florence Raymond zu meiner Frau z« machen. Ebenso suche ich mich feit zwei Monaten zu
Ein Gpftr der Pflicht.
Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.
(9. Fortsetzung.)
Damit eilte Fräulein Aglae Raymond, die plötzlich wieder an ihre hochwichtigen häuslichen Angelegenheiten erinnert war, von bannen, um in ber geräumigen Küche zu verschwinden, in deren entferntester Ecke, trotz dem heißen Wetter, ein halber Baum im Herde flammte.
Florence blieb allein inmitten der sie umkränzenden wilden Weinranken; sie hob ihre großen träumerlfchen Augen zum azurnen Himmel und betete mit Glauben und Ergebung:
„O, mein Gott, das Leben ist ein Kampf, bewahre mich in Versuchung."
Fast in derselben Stunde saß der Pfarrer von Estrablin, der erst später zum Diner nach Grange- Verte kommen sollte, im kleinen Salon von la Milliöte und sprach mit dem jungen Eigenthümer des Hauses, den er so gerne „seinen lieben Sohn" nannte.
Die Unterhaltung hatte in ihrem Verlaufe alle jene ländlichen Fragen berührt, die den Beiden vertrant waren und sie dadurch stets wieder interefsirten, bis sie auf ein wichtigeres und ernsteres Thema gericth. Sie hatten eben von Paris gesprochen nnd das allver- jehrende Leben in biifem Brennpunkte der menschlichen
Leidenschaften mit dem ruhigen Frieden des Landlebens verglichen.
„Glücklich diejenigen, welche den Segen zu genießen und zu würdigen wissen, womit das Landleben die Seinen überschüttet. Ich danke der göttlichen Vorsehung, die mich zum einfachen Pfarrer eines kleinen Dorfes bestimmt hat; ich wäre nicht an meinem Platze gewesen in den großen Städten, deren geräuschvolles, ewig unruhiges Leben ihren Bewohnern keine Zeit gönnt, um Gott zu dienen."
„Diejenigen, welche dennoch Zeit dazu finden, sind die Bevorzugten, die das Geräusch ber Welt, gleich dem „ungestümen Winbe" ber heiligen Schrift, nicht wanken macht," sagte Francis.
„Lobe Gott, mein lieber Sohn, daß du heil und glücklich dem Sturme entronnen bist und in einen hübschen, kleinen Hafen hast Du Dein Schiffchen gelenkt; findest Du la Milliöte nicht so?"
Francis lachte munter; war er doch nicht so ganz wohlbehalten in diesen seinen Hafen eingelaufen; aber der alte Pfarrer wollte sich dessen nicht mehr erinnern.
„Jetzt, mein Sohn, müßtest Du, um den Hafen ganz und gar schön und namentlich sicher zu gestalten, ihn ein wenig lebendig und froh emrichten."
„Finden Sie denn mein Nest nicht angenehm genug?" fragte Francis, indem er sich stellte, als verstände er die Anspielung nicht.