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19. Jahrgang

Freitag den 22. Januar 1892

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vereine bestehen. Sind diese bereits vom sozialdemo- kratischen Einflüsse beherrscht, so kann nur da von einem Anschlüsse der christlich-konservativen Arbeiter die Rede sein, wo gegründete Aussicht vorhanden wäre, diesen Einfluß zu brechen. Wo aber der Fachverein neutraler Natur ist — und er kann das in den meisten Fällen nur sein - so steht der Betheiligung der christ­lich-konservativen Arbeiter prinzipiell nichts entgegen. Sie werden dem Vereine gerade in vielen Fällen die rechte Richtung geben können, wenn sie anders selbst in ihren christlich-konservativen Ueberzeugungen fest­stehen. Dafür aber kann und soll neben den Fach­vereinen durch die christlichen Arbeitervereine gesorgt werden. — Das wären im Allgemeinen die Gesichts­punkte, welche für das Verhältniß der christlichen Ar­beiter und Arbeitervereine zu den Fachvereinen und Gewerkschaften maßgebend sind. Wir wollen freilich in dieser schwierigen Frage nicht entscheiden. Aber immer­hin dürfte die Möglichkeit zugegeben werden, die Ge­werkschaftsbewegung in christlich-konservative Bahnen zu lenken, wenn man ihr noch bei Zeiten die nöthige Beachtung schenkt. Insbesondere müssen die Regie­rungen und Arbeitgeber den engherzigen Standpunkt aufgeben, als ob eine durchgreifende Vertretung ihrer Interessen Seitens der Arbeiter gleich eine Gefahr für das Gemeinwohl oder den Staat bilde. Die Gefahr liegt ganz anderswo. Man muß vielmehr den Arbeitern die Ucberzeugung beibringen, daß Niemand der legi­timen Vertretung ihrer berechtigten Forderungen ent­gegentreten darf, daß vielmehr die Sozialdemokratie nicht die Interessen der Arbeiter, sondern eigene In­teressen verfolgt, daß sie speziell der Gewerkschaftsbe­wegung zu politisch-revolutionären Zwecken sich bedienen will, während dieselbe nur ökonomischen Zwecken dienen soll

Ein Gpftr der Pflicht.

Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.

(8. Fortsetzung.)

Kaum hatte die Droschke, welche die arme Frau unten erwartete, den Hof von Grange-Verte verlassen, als Tante Aglae Florence rief. Diese saß auf der Terrasfe, an einer Stelle, wo das lichtere Grün des Laubes dem Auge die Aussicht über das Thal von Grange Verte bis nach La Milliete hin erlaubte und schien in eine tiefe Träumerei versunken.

Ihre sonst stets thätigen Hände ruhten auf dem Kinderjäckchen, das sie für einen neuen Weltbürger des Dorfes zu nähen begonnen hatte. Ein offenliegendes Buch in ihrem Nähkörbchen zeigte, daß etwas anderes sie mehr hatte interessiren müsfen, als die unterbrochene Lektüre.

Eine große Thräne rollte langsam über ihre weiße Wange hinab, die unter dem Eindrücke einer steten, verborgenen Trauer ihre frische Färbe eingebüßt hatte. Ganz in der Ferne fiel ein Sonnenstrahl in da» Fenster von La Milliete und der Widerglanz dieses brennen­den Schimmers zitterte im starren Blicke ihres Auges.

Hätte Frau Fabries Gelegenheit gehabt, das junge Mädchen so unter dem Drucke eines geheimen Schmerzes zu sehen, so würde sie sofort die eitle Nichtigkeit der Aussichten ihres lieben Gustav eingesehen zu haben.

Br Gewerkschaftsbewegung.

IV.

Heilung in christlich-konservative Bahnen.

Um der Arbeiterbewegung überhaupt den revolu­tionären Charakter zu nehmen, dazu ist das vorzüg­lichste Mittel die Errichtung von christlich-konservativen Arbeitervereinigungen der verschiedensten Art. Das gilt in erster Linie auch von den Gewerkschaften oder Fach­vereinen, welche unter allen Arbeitervereinigungen heute die populärsten und wichtigsten sind. Will man sie dem sozialistischen Einflüsse entziehen, so muß man sie in christlich-konservative Bahnen lenken. Freilich hat das gerade bei den Fachvereinen seine besonderen Schwie­rigkeiten, die schon längst allgemein gefühlt werden. Leicht kann man Arbeitervereine mir allgemeineren Zielen auf christlich-konservativer oder auch konfessio­neller Grundlage errichten, um der Sozialdemokratie einen Damm entgegenzustellen, weil solche lokale Ver­einigungen ihrem allgemeinen Zwecke an Ort und Stelle genügen können. Anders ist das mit den Fachvereinen, welche die Interessen eines bestimmten Gewerbes ver­treten. Auch sie vertreten dieses Interesse zwar zu­nächst an Ort und Stelle, aber zugleich das Interesse ihres Gewerbes überhaupt, wenigstens in einem be­stimmten Bezirke oder Lande. Bei den heutigen Ar- beits- und Verkehrsverhältnissen kann ein einzelner Fachverein die Interessen seines Gewerbes ohne Füh­lung mit seinen Fachgenossen in weiterem Umfange kaum mehr wirksam wahren. Wir sehen daher auch allgemein die Fachvereine sich zu Gewerkschaften ver­einigen und zu nationalen, ja internationalen Verbän­den sich gestalten. Die selbstständige Gründung von Fachvereinen außerhalb des allgemeinen Rahmens hat daher fast unüberwindliche Schwierigkeit und kaum Aussicht auf Erfolg. Dennoch soll uns das nicht ab­halten, die Gründung von Fachvereinen auf christlich­konservativer oder konfessioneller Grundlage überall da zu versuchen und zu befördern, wo die. Verhältnifse es gestatten. Namentlich ist das da gerathen, wo noch keine Fachvereine bestehen. Freilich können solche Ver­eine schwerlich isolirt bleiben. Sie werden Anschluß an eine bereits bestehende Organisation oder wenigstens Fühlung mit ihren Fachgenossen suchen müssen, wenn sie ihren speziellen Zweck erreichen wollen. Es ist dies auch so lange unbedenklich, ja höchst rathsam, als die bestehende Organisation noch nicht im sozialdemokra­tischen Fahrwasser segelt. Denn je mehr christlich­konservative Vereine in dem Verbände sind, um so mehr wird sich auch der ganze Verband so gestalten. Anders liegt die Sache, wenn der Verband bereits ausgesprochen oder thatsächlich sozialdemokratischen Ten­denzen dient. Da kann von einem Anschlüsse christlich­konservativer Vereine nicht die Rede sein, sondern nur, wie es bei den Bergarbeitern bereits geschehen ist, die Gründung eines neuen Verbandes in Aussicht ge­nommen werden. Aehnlich verhält es sich mit den christlich-konservativen Arbeitern da, wo bereits Fach-

Lrlcheint töglich, Sonn- und Fr..rtage ausgenommen. — Inserate kosten die einspalt,ge Zeile oder deren Raum 15 Pf., bet Wiederholungen f"^"chender Rab. . @ i56ej(aQc idee^teliLbrlicker LLonnementLpreiF ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen und der alle 14 Tage ersche »«.leiMrUcher «ronuemcni.p ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark oO Pfennig.

eingestellt: 4prozentigekonsolidirte Anleihe 3,592,667,850 Mk. mit einer Zinslast von 143,706,714 Mk.; 3'/,- prozentiae Konsols 1,895,150,200 Mark (Verzinsung 66,298 407 Mk.), 3prozentige Konsols 315,000,000 Mk. (Verzinsung 9,450,000 Mk.). Von diesen wur­den im vorigen Etatsjahr ausgegeben 250 Millionen Mark. Es werden für im Etatsjahr neu aufzunehmende Anleihen ausgeworfen 3,120,000 Mark Es würden demnach je nach dem Typus des Zinses für die neuen Anleihen 78—104 Millionen Mark Nominalbetrag ausgegeben werden.

* Die .Politischen Nachrichten' erfahren, daß es in dem demnächst dem Landtag vorzulegenden Polizeikostens gesetzt den Städten mit königlicher Polizeiverwaltung freigestellt würde, ob und wieviel Zweige der Wohl- fahrtspolizei sie in eigene Verwaltung übernehmen wollen.

* Der Reichstag ermächtigte den Präsidenten S. M. dem Kaffer zu dessen Geburtstag die Glückwünsche des Hauses zu übermitteln und erledigte sodann An­träge aus dem Hause. Ein Antrag des Abg. Siegle (nl.) auf Herbeiführung einer statistischen Ausnahme über die Lage der arbeitenden Klassen wurde einstimmig angenommen. Unterstaatssekretär v. Rottenburg erklärte dabei auf bezügliche Anfragen, daß die kürzlich ange­kündigte Kommiffion für Arbeiterstatistik eine dauernde Institution sein nnd die Aufgabe haben solle, der Ge­setzgebung statistische Unterlagen zu schaffen, nicht aber Gesetzentwürfe aufzustellen. Eine längere Debatte ver­anlaßte ein Antrag des Abgg. Rickert und Dr. Barth (frs.) auf Abänderung des Wahlgesetzes. Der Antrag will, daß die Wahlbezirke mindestens 400 Einwohner umfassen und daß die Stimmzettel in geschlossenen Couveris abgegeben werden. Bezweckt wird damit eine größere Sicherung des Wahlgeheimnisses und damit die Wahlfreibeit. Gegen den Antrag sprachen nur Abgg. von Strmau (kons.), welcher die beantragten Einrichtungen für undurchführbar erklärte, und Abg. v. Meyer-Arnswalde (konf.), welcher gegen das ge­heime Wahlrecht als unvereinbar mit dem Wesen des Konstitutionalismus und als einer Beleidigung der Wähler überhaupt ist. Für den Antrag sprachen außer den Antragstellern die Abgg. Gröber (Ctr.) und Auer (Soz.) Abg. Heim (Soz.) empfahl das australffche Wahlverfahren. Abg. Dr. v. Marquardsen (nl.) sprach gegen den Vorschlag einer Couvertirung der Stimm­zettel, befürworiete aber Prüfung des Antrags Rickert in eine Kommission, was dann auch beschlossen wurde. Schließlich begründete Abg. Dr. Reichensperger (Ctr.) seinen Antrag auf Einführung der Berufung in Straf- fachen. Staatssekrerär Dr. v. Bosse sagte wohlwollende Prüfung des Antrags zu, wies aber auf die darüber im Bundesrathe bestehenden Meinungsverschiedenheiten hin. Nachdem noch Abgg. Schneider-Hamm (nl.), Munkel (frs.) und Stadthagen (Soz.) für Einführung der Berufung gesprochen, wurde von einer Kommissions- berarhung des Antrags abgesehen und derselbe zur demnächstigen 2. Berathung im Plenum gestellt

„Nun," erwiderte die Tante begütigend, „es handelte sich heute um diesen schandsüchtigen Menschen, der ge­krümmt wie eine Todtenurne hier Herumschlich und dem wir täglich begegneten, wenn er den Winden seine Seufzer anvertraute."

„Du hast ihm doch nein gesagt!"

„Natürlich!"

„Natürlich," wiederholte Florence mit unbeabsich­tigter Bitterkeit.

„Wie Du das sagst; es ist das erste Mal, daß ich höre, daß Du einen freiwillig gefaßten Entschluß zu bedauern scheinst."

„Ich hedauere Nichts, ich beklage mich über Nichts," sagte Florence weicher, „es gibt lachende Existenzen und es gibt solche, die nur aus Pflichten bestehen. Jedem ist die seine zugetheilt, man wählt sie sich nicht."

Tante Aglae wußte sich selbst keine Rechenschaft darüber zu geben, was sie aus den Worten des jungen Mädchens herauSgefühlt hatte: es klang wie die Em­pörung der Jugend gegen die Schwierigkeiten der Lebensaufgabe; obgleich durchaus nicht sentimental, fühlte sie sich heftig bewegt.

Zum ersten Male auch bemerkte sie die Veränderung der Züge, die leise Abmagerung und das allmählige Verschwinden der Frische ihrer kürzlich noch so frischen Nichte.

„Aber, liebes Kind," sagte sie, indem sie die folg«

Deutsches Keich.

Berlin, 20. Januar.

* Das neue Bolksschulgesctz betr ffend theilt die freisinnige Zeitung' eine Zuschrift aus Schlesien mit, „daß der Kuliusminister, ehe er den Entwurf des Voiksschulges. tzes eingebracht, sich der Zustimmung der Centrumsführer in den enffcheioenden Punkten versichert habe". Auf Grund persönlicher Rücksprache mit hervorragenden Mitgliedern und Führern des Centrums kann dir .Germania' diese Nachricht auf das Bestimmteste dementiren.

* Das kürzlich als vom Reichskanzler für den 22. d. M. beabsichtigt erwähnte parlamentarische Diner (zu welchem auch S. M. der Kaiser sein Erscheinen in Aussicht gestellt hatte), ist abgesagt worden.

• Die Staatsschuld Preußens beträgt nach dem Etat für 1892/93 6 061,747,916 Mk., gegen 1891/92 mehr 226,965,312 Mk. Die Ausgabe im Etat für 1892/93 beläuft sich für die Verzinsung der Staats­schuld auf 232,989,290 Mk., für ihre Tilgung auf 17,530,587 Mk. Es sind an Titres der Staatsschuld

„Florence!" rief Tunte Aglae.

Ein schmerzliches Zittern durchlief die Glieder des jungen Mädchens, ohne Zweifel wurde sie aus einem traurigen, aber süßen Traume h^rausgeschreckt; die Hand fuhr instinktmäßig nach den Lippen, um die Thräne wegzuwischen, die sich, ohne daß sie es gefühlt hatte, dorthin verirrt hatte.

„Ich komme, Tante," sagte sie ausstehend.

Sie ging gegen das Haus hin, ohne sich zu eilen, mit jener festen Resignation des Schrittes, die man bei denen zu beobachten meint, welche die Täuschungen dieser Welt als solche erkannt haben. Freilich war sie erst zwanzig Jahre alt und noch konnten nicht alle Blüthen der schönsten Träume des Lebens für sie ver­welkt fein.

Das alte Fräulein stand auf dem Balkon des Hauses, der sich sehr niedrig über dem Boden befand; er war ganz von wildem Wein umkränzt und rahmte malerisch den runzeligen Kopf Tante Aglae's ein, welche eine eigene Freude belebte.

„Schon wieder eine Mutter mit dem Tode im Herzen heimgeschickt, schon wieder ein schöner, junger Mann in Verzweiflung!" rief sie spottenden Tones ihrer eintretenden Nichte entgegen, welche sie zu sich an's Fenster zog.

„Aber, liebe Tante, ich glaubte, Du würdest mir nicht mehr davon sprechen," sagte Florence mit dem Tone der Ermüdung.