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obgleich sie heute vornehmlich Kampf-Organisationen sind, doch Friedens-Organisationen werden können. Wie groß die Gefahr ist, daß die Sozialdemokratie sich der Gewerkschaften gänzlich bemächtigen wird, so ist doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß sie auch ein Bollwerk gegen die Sozialdemokratie werden können. Oder -wodurch ist in England die revolutionäre Char­tistenbewegung überwunden worden? Durch die Or­ganisation der Gewerkvereine. Mit der gesetzlichen An­erkennung derselben hat dort die Arbeiterbewegung im­mer mehr einen ruhigeren Charakter nach jahrlangen heftigen Kämpfen angenommen. Wollen wir uns diese erbitterte Kämpfe fparen, so finben wir uns mit den berechtigten Ansprüchen der Arbeiter, speziell mit den Gewerkschaften friedlich ab. Die industriellen Verhält­nisse fordern heute auch in Deutschland eine ähnliche Organisation der Arbeiter, wie sie in England schon vor mehr als einem halben Jahrhundert nothwendig ge­worden und auch im Ganzen als nützlich sich erwiesen hat. Das leuchtet dem deutschen Michel freilich schwer ein. Aber die unerbittliche Logik der Thatsachen führt von selbst dahin, ob man will oder nicht. Man hat nur zwischen Krieg und Frieden zu wählen. Die Ge­werkschaftsbewegung birgt Beides in ihrer Toga. Eine große soziale Aufgabe, momentan wohl die wichtigste, liegt hier den Gesetzgebern und Arbeitgebern, wie auch den Arbeitervereinigungen ob, sollen wir anstatt er­bitterten Krieges das Loos des Friedens ziehen. Ver­suchen wir wenigstens Alles, bevor es zu spät ist.

Em Gpser der Pflicht.

Roman nach dem Französischen des Kotier Didier von H. von Remagen.

(7. Fortsetzung.)

IV.

Und Gustav Fabries war nicht der Mann dar­nach, daß er zurückwich, wenn ein Entschluß sich ein­mal bei ihm festgesetzt hatte. — Er besaß Talent, Er­ziehung und ein gewisses Vermögen. Es ist allerdings wahr, von Klienten war er noch nicht überlaufen, aber seine Zukunft ließ sich an, als ob er der einstige Ver­treter aller schweren Prozesse sein würde, welche das Tribunal von Vienne künftig entscheiden sollte.

Er war noch jung und bei mäßiger Thätigkeit mußte seine Stellung eine solche werden, die Jeder zu beneiden oder zu bewundern sich geneigt fühlt.

Seine alte Mutter, im Genüsse einer ehrenvollen Wohlhabenheit, war eine jener zärtlichen Mütter, die schwach und nachgiebig, für den Sohn immer und trotz Allein nur Bewunderung im Herzen hegen und über­glücklich» sind, wenn derselbe ihnen einen Schein mütler- licher Autorität gönnen will. — Ihre Hoffnungen gipfelten darin, ihren Sohn glücklich verhcirathet zu sehen, ihn stets in ihrer Nähe zu Haden und, wenn sie ihn dann einst nach dem ewigen Gesetze der Natur

Br. Gewerkschaftsbewegung, in.

Abwehr ihrer Gefahren.

Die Gewerkschaftsbewegung unter vorwiegend sozial­demokratischem Einflüsse bedeutet eine große Gefahr, welche dringend der Vorbeugung und Abwehr bedarf. Aber wie ist zu helfen? Soll man sich der ganzen Be­wegung argwöhnisch gegenüberstellen oder gar dieselbe gewaltsam zu unterdrücken suchen? Für das Erstere ist leider schon zu viel Grund vorhanden. Das Letztere ist gänzlich unmöglich, wenn auch die Berechtigung da­zu vorhanden wäre. Das ist aber nicht der Fall. Die Gewerkschaften an sich sind berechtigt, eine Forderung der Zeit. Die Bewegung läßt sich nicht mehr rück­gängig machen. Man wird also mit ihr rechnen müssen. Vorsicht ist allerdings geboten, unberechtigtes Mißtrauen würde nur schaden. Der Versuch einer Unterdrückung derselben würde noch mehr Fiasko machen, wie das ver­flossene Sozialistengesetz. Sie würde die ganze Bewe­gung erst recht der Sozialdemokratie in die Hände treiben und sie zu einer geheimen Organisation und ge­fährlichen Konspiration machen. Was ist also zu thun? Man erkenne unumwunden die Berechtigung der Ge­werkschaften an sich an, gebe ihnen volle Freiheit der Organisation auf gesetzlichem Boden, um die Interessen ihrer Gewerke gesetzmäßig zu vertreten. Man schaffe gesetzliche Formen, in denen sie sich ausgestalten und friedlich entwickeln können. Dadurch wird man sie am ehesten vor dem sozialdemokratischen Einflüsse bewahren bezw. demselben entziehen können. Man gebe ihnen nicht nur freies Koalitionsrecht auf gesetzlichem Boden, sondern auch Korporationsrecht, wo es geboten erscheint. Noch mehr: man füge sie allmählich gleich den englischen Gewerkvereinen regelrecht in den Organismus der Ge­sellschaft ein. Ohne dar tottb'8 nicht friedlich Hergeyen. Wie man sieht, steht hier ber Gesetzgebung noch eine große Aufgabe bevor. „Manschaffe", sagt Hitze: Schutz dem Arbeiter! S. 203, „gesetzliche Rechtsformen (Ein­tragung, Normativbestimmungen für Gewerk- resp. Be­rufsvereine und Einigungsämter), daß die Arbeiter sich in ruhigen Zeiten organisiren, daß sie die besten und tüchtigsten ihres Standes mit ihrem Vertrauen aus­zeichnen und an die Spitze stellen können; man gebe ihnen die Möglichkeit einer regelrechten Verwaltung, Organe, um mit Umsicht und Besonnenheit über die Möglichkeit und Aussichten einer Lohnerhöhung zu be- rathen, mit den Arbeitgebern resp. deren Vertretung in Unterhandlung zu treten, und erst dann, wenn die Mittel des Friedens erschöpft sind, die Kündigungsfrist eingehalten ist, in den Krieg einzutreten, einen Krieg, der aber auch wieder in jedem Stadium einen Waffen­stillstand und Friedensschluß ermöglicht." Man wird freilich Seitens der Regierungen und besonders Seitens der Arbeitgeber vor solchen Kampf-Organisationen zu­rückschrecken. Allein zunächst ist es doch, wie Hitze a. a. O. bemerkt, „besser, wir haben es mit Kampf-Or­ganisationen zu thun, als mit unorganisirten Massen, die wohl den Krieg proklamiren, aber nicht Frieden schließen können." Dazu kommt, daß die Gewerkschaften,

Deutsches Keich.

Berlin, 19. Januar.

* liebet die Aussichten des Schulgesetzes etwas zu sagen, ist in diesem Augenblick noch nicht möglich. Fast die ganze Linke hat sich gegen dasselbe erklärt, und zwar die National-Liberalen mit einer kulturkämpferi­schen Erhitzung, deren man diese politisch abgewirth- schaftete Partei kaum mehr für fähig halten sollte. Auch auf der Rechten befriedigt das Gesetz keineswegs all­gemein; am nächsten steht dasselbe wohl der Auffassung derjenigen Gruppe gläubiger Protestanten, weiche zur ,Kreuzzeitung' hält. Die großen Bedenken der Centrumsfraktion vom prinzipiellen Stand­punkte aus sind schon hervorgehoben worden. Bei ein­gehenderer Beschäftigung mit dem Entwürfe vermehren sich diese Bedenken noch ganz erheblich. Es bleibt gewiß bestehen, daß der Entwurf des Grafen Zedlitz besser ist, wie der Entwurf des Herrn v. Goßler war. Man hätte aber doch von dem neuen Kurs im Kultusmini­sterium, nachdem die grundsätzlichen Bedenken des Cen­trums im vorigen Jahre in so scharfer und nachdrück­licher Weise zum Ausdruck gebracht worden waren, ein weiteres Abgehen von der bureaukratischen Schablone und der Theorie von der allein selig machenden Staats­schule erwarten dürfen. Daß die Vorlage den Katho­liken entgegenkomme, ist nur mit großer Einschränkung zuzugestehen. Sie kodifizirt, was unter v. Goßler Praxis geworden war. Sie kommt also so weit entgegen, als auch schon Herr v. Goßler in der Praxis entgegen«

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verlassen mußte, sich von seinen kleinen Kindern, blond und eigensinnig, wie er selbst, umringt zu wissen, — das war der Traum ihres Lebens.

Gustav Fabries begnügte sich nicht mit solch' be­scheidenen Ansprüchen an die Zukunft. Im Weichbilde von Vienne Zeitlebens zu bleiben, selbst die erste Stelle in demselben einzunehmen, das war fein Ideal nicht. Es zog ihn zur großen Stadt, nach Paris hin. Zu . unserer Zeit, die den Advokaten so gerne alle Thüren und Thore öffnet und dem Ehrgeiz derselben allen Vorschub leistet, konnte es nur Paris sein, wohin ihn seine innersten Herzenswünsche zogen. Paris war der glänzende Rahmen, mit dem er die lachenden Bilder seiner Zukunft zu umgeben sich gewöhnt hatte.

Bei solchen Plänen für die Zukunft waren aller­dings die mütrerlichen hunderttausend Franken kein Vermögen, das Bahn brechen konnte, zumal die väter­liche Erbschaft, die in liegendem Grunde bestand, fast für ihres Gesammtwerth mit Hypotheken belastet war. Letzteres hatte er freilich mit der größten Sorgfalt zu verheimlichen bemüht, da er fürchtete, daß Entdeckungen so kowpromittirender Natur der angestrebten Heirath gefahrbringend sein könnten.

Vor nicht gar langer Zeit hatte ber Gegenstand seiner Bestrebungen Jeanue geheißen, später hieß er Marie; beide Male war die Mitgift anständig; aber

gekommen war. Der Bortheil der Kodifizirung lieg nur darin, daß durch dieselbe einer neuen Periode der Simultanisirung ein Riegel vorgeschoben wird. Die erste Lesung der Vorlage wird wohl nicht vor Montag, 25. Januar, stattfinden, wahrscheinlich aber an diesem Tage. Von der Stellung, welche dann die einzelnen Parteien osfiziell zu dem Entwurf einnehmen werden, wird es abhängen, wer zum Vorsitzenden der Kommission, der das Gesetz zur Vorberathung zu überweisen ist, ausersehen wird. Bekanntlich ist eS parlamentarischer Brauch, daß der Vorsitz in der Korn- mifsion jeweils einem Mitglied des Hauses übertragen wird, welches der vorzuberathenden Vorlage grund­sätzlich freundlich gegenübersteht und dementsprechend bereit ist, zum Zustandekommen eines entsprechendm Gesetzes beizutragen. Aus diesem Grunde fiel der Vorsitz in der Kommission zur Vorberathung des Goßler'schen Entwurfs im vorigen Jahre dem nationalliberalen Abg. Francke zu. Nach der geradezu leidenschaftlichen Stellungnahme der nationalliberalen Blätter gegen den jetzigen Entwurf wird dieser Abgeordnete selbst wohl kaum mehr erwarten, auch mit dem Vorsitz in der diesjährigen Kommission betraut zu werden. Derselbe wird richtiger einem Mitgliede der Rechten zu über­tragen fein. Das Centrum wird sich seine endgültige Entscheidung bis zur dritten Lesung Vorbehalten müssen, wie das bei einer Vorlage von so großer grundsätz­licher Tragweite selbstverständlich ist. Es wird nichts versäumen dürfen, um die großen Bedenken gegen die Vorlage durch Amendirung in der Kommission zu be­seitigen. Davon, in welchem Maße das gelingt, sowie davon, in wie weit die heißen Verschlechterungswünsche der Nationalliberalen in Erfüllung gehen, wird es ab­hängen, sagt die .Köln. Vztg.', ob das Centrum schließ­lich für die Vorlage wird eintreten können.

* Die Erhöhung ne8 Schulgeldes für die höheren Lehr-Anstalten, welche Finanzminister Miquel in seiner Etatsrede als nothwendig bezeichnete zur Deckung der Besoldungsverbesserungen der Lehrer, würde wieder die Mittelklassen treffen, welche durch die Sozialgesetzgebung, die Reform der Einkommen­steuer za. in den letzten Jahren ohnehin beständig be­lastet worden sind. Das Schulgeld an den höheren Lehranstalten ist ohnehin schon sehr beträchtlich.

* Dr. Frhr. v. Schorlemer-Alst wurde gestern Mit­tag in einer halbstündigen Audienz vom Kaiser und sodann auch von der Kaiserin in Audienz empfangen.

♦ Der Reichstag überwies heute den Gesetzentwurf, wonach die Bestände ausländifchen Getreides, welche am 1. Februar innerhalb des Zollgebietes in den Transitlägern u. s. w. vorhanden sind, bis zum 30. April ohne Ursprungs - Nachweis zur Entrichtung der ermäßigten Zollsätze zugelassen werden, an eine 21er Kommission. — Staatssekretär Frhr. v. Maltzahn sagte in seiner Begründung, daß es politisch nicht richtig sein würde, die Zollermäßigungen auch auf Erzeugnisse aus Staaten, mit denen wir keine Verträge abgeschlossen, auszudehnen. — Die Abgg. Rickert und Richter da­gegen erklärten eine Aufrechterhaltung ber bifferentiellen Zollbehandlung als undurchführbar und verlangten jetzt hieß er Florence und das hatte nicht weniger als dreihunderttausend Franken zu bedeuten.

Gustav Fabries wäre nicht er selbst gewesen, hätte er sich ein solches Beutestück entgehen lassen sollen.

Am folgenden Tage gegen zwölf Uhr hielt vor Grange - Berte eine anständige Lohnkutsche, deren Aenßeres die in dieser Beziehung schon urtheilfertigen Damen des Hauses keinen Augenblick im Zweifel über den Zweck lassen konnte, der sie hersührte.

Eine alte Dame, die man für eine Sechzigerin halten konnte, stieg aus, sie war ganz in Schwarzge­kleidet und ihre schon mehr alltägliche Physiognomie wurde nur dadurch sympathisch, daß sich die ausge­suchteste Herzensgüte in derselben kund gab.

Sie wurde zu Fräulein Aglae geführt, die ohne Ueberraschung auf der Karte den Namen „Madame Fabries" gelesen hatte und mit einer vollendeten Naive­tät brachte sie sie ohne Umschweife die romantischen Worte hervor:

„Nun, Fräulein, ich bin gekommen, um Sre um das zu bitten, was einem Mutterherzen das Theuerste in der Welt ist, um das Glück eines geliebten Sohr.es."

Tante Aglae hatte seit einiger Zeit so viele Phra­sen dieser Art zu hören bekommen, daß dieselben auf­gehört hatten, sie auch nur im Geringsten zu berühren. Sie hatte sich im Gegentheil daran schon ge-

19. Jahrgang

Donnerstag, den 21. Januar 1892.

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