19. Jahrgang
Mittwoch, den 20. Januar 1892.
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Ein Opfer der Pflicht.
Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.
(6. Fortsetzung.)
Glücklicherweise hatte Francis nicht weniger Anstandsgefühl, als Lebhaftigkeit und so widerstand er der Versuchung, nahm seinen Weg nach der entgegengesetzten Seite hin und ging an FabrieS vorüber, tote die Damen vorübergegangen waren, steif und unzuftleden.
Gustav Fabries reckte langsam seine lange Figur in die Höhe, ließ die Jammerwiene fahren, die vorhin sein Gesicht aufgesetzt hatte und folgte mit gehässigem Blicke dem Besitzer von La Milliete. „
„Der ist vielleicht noch der gefährlichste von Allen, dachte er, indem er ihm nachfah. ,
Francis hielt gewiffenhaft die Entfernung inne, welche ihn von den Damen trennte, und er würde ganz sicher ohne eine Begegnung mit denselben auf La Milliete angelangt sein, wenn nicht unerwartet Fräulein Aglae bei einem Pflaumenbaume stehen geblieben wäre und die reifen Früchte desfelben zu pflücken angefangen hätte, wodurch der junge Mann in wenigen Minuten dicht bei derselben anlangen mußte.
Eine leichte Röthe stieg auf die Wangen von Florence; doch setzte die junge Dame nach einem artigen Gruße ihren Weg langsam fort.
Br. Gewerkschaftsbewegung, n.
Gefahren.
Die Gewerkschaften haben als Interessenvertretungen der Arbeiter der verschiedenen Gewerbe ihre volle Berechtigung. Ja, sie sind heute eine Noth- wendigkeit geworden, um die Interessen der Arbeiter wirksam zu wahren. Dennoch hat die Gewerkschaftsbewegung auch ihre großen Gefahren, namentlich m der gegenwärtigen aufgeregten Zeit. So lange freilich die Gewerkschaften lokaler Natur sind, ist eine direkte Gefahr kaum vorhanden, weil sie so dem Kapitale kaum ernstliche Schwierigkeiten bereiten können. Anders aber verhält sich die Sache bei großen nationalen oder gar internationalen Verbänden, wohin die Bewegung heute naturgemäß drängt. Da liegt die Gefahr des Terrorismus durch den allgemeinen Ausstand wmigstens sehr nahe. In dem allgemeinen Au^tande der Kohlenarbeiter von 1889 ist uns ja diese Gefahr schon nahe vor Augen getreten. Allein auch hier ist die Gefahr nicht fo gar groß, wenn die Bewegung nicht aggressiv und revolutionär wird. Das Kapital kann immer besser und länger auch den allgemeinsten Streik aushalten, als die Arbeiter. Die eigentliche Gefahr der allgemeinen Gewerkschaftsbewegung liegt in der möglichen Revolution. Durch die Organisation der Gewerke, durch die Gewerkvereine werden die Bataillone formirt, welche unter Umständen die gewalt- same Empörung der Arbeiter herbeiführen können. Diese Gefahr liegt um so näher bei dem großen Einflüsse, den die Sozialdemokratie auf die Gewerkschaftsbewegung, namentlich in Deutfchland, gewonnen hat. Bei weitem die meisten neueren Gewerkschaften Deutschlands sind entweder sozialdemokratische Schöpfungen oder doch unter sozialdemokratischer Leitung. Das ist eine Thatsache, welche bei dem heutigen Umfange der Gewerkschaftsbewegung um fo mehr zu denken gibt, weil die Sozialdemokratie ausgesprochenermaßen sich der Gewerkschaftsbewegung zu politischen Zwecken zu bemächtigen sucht. Wir erinnern desfalls noch einmal an die Worte Bebels auf dem Parteitage zu Erfurt:
Wie will man die politische Macht erobern, ohne die Massen hinter sich zu haben? Wenn wir aber die Massen haben wollen, dann können wir der gewm- schaftlichen Bewegung nicht entrathen. In den Ge- werkschaftm müssen die Arbeiter zum Klassenkampfe erzogen werden." Alfo zu politifchen oder vielmehr revolutionären Zwecken will die Sozialdemokratie die Gewerkschaften mißbrauchen. Wie klug dieses Mittel gewählt ist, sagte Bebel in derselben Rede weiter mit den Worten: „Wenn wir den Arbeitern blos mit unseren letzten Zielen kommen, dann würden wir die Massen niemals gewinnen. Viele Arbeiter würden sich sagen: Wenn uns weiter nichts geboten wird, als ein Ziel, das wir doch nicht erleben, dann fällt es uns nicht ein, dafür zu arbeiten. Wir müssen den Arbeitern zeigen, daß wir bemüht sind, ihnen schon heute so viel als möglich ihre Lage zu verbessern." Mittel
zum Zwecke sind die Gewerkschaften der Sozialdemokratie. Als solche sind sie sowohl auf dem letzten internationalen Sozialistenkongresse zu Brüsfel wie auch auf dem letzten Parteitage der deutschen Sozialdemokraten zu Qrfutt ausersehen worden. Die Verhandlungen beider Versammlungm drehten sich hauptsächlich um die Gewerkschaftsbewegung. Ihre Organisation und Beherrschung, das ist insbesondere die Tattik der deutschen Sozialdemokraten, wie sie zu Erfurt von den maßgebenden „Alten", im Gegensatz zu den stürmischen „Jungen", festgesetzt wurde. Gewiß eine kluge Taktik, welche nicht geringen Erfolg verspricht, wenn man bedenkt, wie groß und zeitgemäß die Gewerkschaftsbewegung ist und welchen Einfluß die Sozialdemokratie allenthalben, besonders aber in Deutschland, bereits über dieselbe besitzt. Zwar haben die alten englischen Trades Unions sich noch ziemlich von sozialdemokra- tischen Tendenzen ferngehalten. Aber auch sie waren auf dem Brüsseler Kongresse vertreten, wenn auch als konservatives Element. Desto größeren Einfluß besitzt aber die Sozialdemokratie auch in England schon über die neuen Gewerkvereine der ungelernten Arbeiter. In allen anderen Ländern noch mehr und in Deutschland, dem klassischen Lande der Sozialdemokratie, am meisten. Das gibt zu denken. Aber was ist zu thun? Wie sind die Gefahren der Gewerkschaftsbewegung zu überwinden? Das ist die größte Frage, von der m gewissem Sinne der Bestand der Gesellschaft abhangt. To be or not to be, that is the question.
Während der vorigjährige Entwurf bestimmt, daß grundsätzlich kein Kind ohne den Religionsunterricht seines Bekenntnisses bleiben soll, sagt der neue, daß grundsätzlich kein Kind ohne den Religionsunterricht durch einen Lehrer seines Bekenntnisses bleiben soll. — An konfessionell eingerichteten Schulen dürfen nur Lehrer der betreffenden Konfession beschäftigt werden, mit Ausnahme des Religionslehrers für die Kinder anderer Konfefsionen; der Goßler'sche Entwurf enthielt eine derartige Bestimmung nicht.
Ueberdie Leitung des Religionsunterrichts in der Volksschule bestimmt § 18:
Mit der Ertheilung des Religionsunterrichts dürfen nur Lehrer beauftragt werden, welche ein die Befähigung dazu aussprechendes Lehramtszeugniß besitzen. Der mit der Leitung des Religionsunterrichts beauftragte Geistliche hat das Recht, dem Religionsunterrichte beizuwohnen, durch Fragen sich von der sachgemäßen Ertheilung desselben und den Fortschritten der Kinder zu überzeugen, den Lehrer nach Schluß des Unterrichts sachlich zu berichtigen, sowie dementsprechend mit Weisungen zu versehen. Die kirchliche Oberbehörde ist befugt, im Einvernehmen mit dem Regierungspräsidenten einen Ortsgeistlichen ganz oder theilweise mit der Ertheilung des Religionsunterrichts zu beauftragen. Falls von der kirchlichen Oberbehörde eine andere Bezeichnung nicht erfolgt, gilt der Pfarrer bezw. der erste Pfarrer, als gesetzlich zur Leitung des Religionsunterrichts für die Volksschule innerhalb seiner Pfarrei beauftragt. Eine Zurückweisung des Beauftragten ist zulässig, wenn derselbe die Ordnung der Schule gestört hat; sie erfolgt durch Beschluß des Regierungspräsidenten nach Benehmen mit der kirchlichen Oberbehörde. Im Beschluß sind die That- sachen anzügeben, welche die Zurückweisung begründen.
Der Goßler'sche Entwurf dagegen bestimmte: Die Einführung neuer Lehrpläne in Bezug auf den Religionsunterricht erfolgt im Einvernehmen mit den Organen der Religionsgesellschaft. Vor der Einführung neuer Religionsbücher ist die Erklärung der betreffenden Organe einzuholen, daß gegen die im Buche enthaltenen Lehren nichts einzuwenden sei; endlich haben die von den Religionsgesellschaften hierzu beauftragten Perfonen das Recht, dem Religionsunterricht in der Schule beizuwohnen, durch Fragen sich von der sachgemäßen Er- theilung zu überzeugen, den Lehrer nach Schluß sachlich zu berichtigen und an der Ausstellung der Zeugnisse in der Religion mitzuwirken.
Die Bestimmung über den Pfarrer als gesetzlich beauftragten Relionslehrer und über die Zurückweisung stimmt mit der des neuen Entwurfs überein. — Die Kommission hatte den Goßler'schen Entwurf dahin abgeändert, daß die mit der „Leitung" beauftragten Perfonen mit Genehmigung der Bezirksregierung den Religionsunterricht selbst übernehmen könnten.
Im Anschluß hieran erwähnen wir gleich den 12 Paragraphen umfassenden Zusatz des neuen Entwurfs, Differenz, die zwischen dem Kataster- und Spezialplan von La Milliete besteht, daß sie Ihrem ganz gehorsamen Diener gehören."
Das alte Fräulein machte einen Sprung vorwärts. „Davon bin ich nicht so Überzeugt," rief sie aus.
Haben Sie denn so genaue Planstudien gemacht?
',Das wundert Sie wohl? Freilich; ich gebe mir gerne von allen Sachen, die mich angehen, Rechenschaft, nnd ich habe durchaus den Beweis nicht finden können, daß diese Pflanzug sich genau auf der Grenze unserer gegenseitigen Besitzungen befindet, sondern daß sie absolut auf'unserer Seite steht, wenn Ihnen das nicht mißfällt."
Das war Francis ganz neu. Er ließ sich durch ! die alte Dame, die in ihrer Erregung ihn beim Arm -rgriffen, mit der größten Gutwilligkeit auf die streitenden Objekte führen, indem ihm fein Gewissen den Trost gab," daß ja nichts seinerseits geschehen sei, um diese Begegnung mit Fräulein Florence zu veranlassen; er fühlte sich in dieser Hinsicht frei von jebem Vorwurf Florence, für welche die Frage wegen des Besitzes der zwölf Pappeln nicht das leidenschaftliche Interesse hatte, wie für die Tante, ging schweigend neben her und legte für die Unterhaltung nur eine zerstreute Aufmerksamkeit an den Tag. Ihre Gedanken, vielleicht : auch ihr Herz, schienen anderswo zu weilen.
In Francis regte sich daher fest der Entschluß, diese
«.«tchährücher Abonn-mentSpr-.L °§ea”g^^nSanbroirt^aaftz @arten6au und Hauswesen" in Fulda und auswärts 1 Mark -,0 Ps-nmg.
Ueber das Volksschulgesetz
schreibt die C. P. C.-Korrespondenz: Wir heben zunächst die wichtigsten Abweichungen des neuen Entwurfs von dem vorjährigen hervor. Bei der Einrichtung der Volksschulen sollen die kvnfefifionellen Verhältnisfe möglichst berücksichtigt werden. Den im tiorigen Entwurf enthaltenen Bestimmungen fügt der neue noch hinzu, daß, soweit nicht an einem Orte bereits eine cmderweite Schulverfassung besteht, neue Volksschulen nur auf konfessioneller Grundlage eingerichtet und die vorhandenen Volksschulen vorbehaltlich anderweiter Anordnungen in ihrer gegenwärtigen Verfassung bestehen bleiben sollen. Ueber- iteigt die Zahl der Kinder einer Relrgiousgesellschaft in einer Schule anderer Konfession 30, so kann d e r R e g i e r u n g s p r ä s i d e n t (der überall bei Leitung und Beaufsichtigung der inneren Volksschulangelegenheiten an die Stelle der Schulaufsichtsbehörde des vorigen Entwurfs tritt) bei Zustimmung der Gemeinde die Errichtung einer besonderen Volksschule für dieselben anordnen. Er muß sie anorbnen, wenn die Zahl 60 übersteigt. Die versagte Zustimmung kann durch den Kreis-Ausschuß bezw. Bezirks-Ausschuß ergänzt werden. In dem Goßler'schen Entwürfe hieß es einfach, wenn die Zahl der Schulkinder einer anderen Religionsgesellschaft 60 übersteigt, kann die Schulaufsichtsbehörde die Errichtung einer besonderen Schule für sie anorbnen.
Das war allerdings wenig ermuthigenb; Francis fühlte es nur zu wohl und beabsichtigte, um nicht zu belästigen, vorüberzugehen, als Fräulein Aglae einen Freudenschrei ausstieß.
„Ei, sehen Sie da, Herr Audebrand, das nenne ich zur rechten Zeit kommen! Schon seit drei Monaten strenge ich mich an, um in's Klare zu kommen und ich kann keine Lösung der Frage erlangen; jetzt soll mir die Gelegenheit nicht entgehen."
„Was gibt es denn, mein Fraulein? fragte der junge Mann fast erschrocken.
„Bitte, wie nennen Sie die Linie dort drüben, die, unten schwarz, oben grün, sich links von uns hinzieht?"
„Das? Aber, das sind Pappelbäume, Fräulein Raymond."
„Schön; und wie viele sind ihrer an der Zahl?" „Zwölf, wenn ich meinen Augen trauen darf." „Richtig; nun werden Sie mir doch endlich einmal sagen wollen, wem diese zwölf Pappelbäume gehören."
Als Florence aus dem Munde ihrer Tante diese wenigen Worte hörte, die den Anfang ihrer gutnachbarlichen Beziehungen zu einander gebildet hatten, blieb sie stehen und wendete sich mit lächelndem Munde und freundlichem Blicke halbfeits dem jungen Manne zu.
Aber, Fräulein Raymond," stotterte er, mehr verblüfft durch das freundliche Lächeln, als durch die Frage, „ich habe allen Grund, zu glauben, trotz der