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19. Jahrgang

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Dienstag, den 19. Januar 1892

laubte Mittel gebraucht werden. Wer von beiden Theilen mag sich am meisten vorzuwerfen haben? Wir glauben, daß die Arbeiter noch der unschuldigere Theil sind.

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Die Bewegung, welche heute auf sozialpolitischem Gebiete vor Allem die Aufmerksamkeit aller betheiligten Kreise verdient, ist die Gewerkschaftsbewegung. Von kleinen Anfängen ausgegangen, schlägt sie auch in Deutschland immer größere Kreise, so daß bereits etwa 400,000 von den 12 Millionen deutscher Ar­beiter in Gewerkschaften organisirt sind. Und noch steht die Bewegung erst am Anfänge und wird aller Voraussicht nach in wenigen Jahren vielleicht den größten Theil der Arbeiter Deutschlands ergriffen ha­ben. Da lohnt es sich wohl der Mühe, genau zuzu­sehen, was die Bewegung bezweckt, wo sie hinaus will, welches ihre Vortheile, welches ihre Gefahren sind. Das sind Fragen, welche jeden Sozialpolitiker augen­blicklich aufs Höchste interessiren müssen. Man wird uns daher Dank wissen, wenn wir diesen Fragen in einigen kleineren Artikeln etwas näher treten, um die Diskussion über das richtige Thema anzuregen, und besonders um einer prinzipiell berechtigten, aber that- sächlich höchst gefährlichen Bewegung die richtigen Bahnen anzuweisen.

Einem reißenden Strome gleich droht die Gewerk­schaftsbewegung unter sozialdemokratischem Einflüsse aus ihren natürlichen Grenzen auszutreten und das Land verheerend zu überschwemmen. Diesem Strome sich entgegenstellen, halten wir für vergeblich, aber ihn einzudämmen und in richtige Bahnen einzulenken, das ist unsere Pflicht. Mögen Regierung und Parlament und besonders die Arbeitgeber hier das richtige finden, um den berechtigten Interessen der Arbeiter nicht zu nahe zu treten, sich nicht durchaus ablehnend gegen die­selben zu verhalten und so die Bewegung vollends in das sozialdemokratische Lager zu treiben. Gebe Gott, daß auch diese gewaltige Bewegung ein Schritt zum sozialen Frieden statt zum Klassemkampfe werde.

Br. Die Gewerkschaftsbewegung.

I.

Bedeutung und Berechtigung.

Wie seit der Chartistenbewegung in England, so konzentrirt sich heute auch in Deutschland und allge­mein in allen industriellen Ländern die Arbeiterbe­wegung. Die einzelnen Gewerbe vereinigen sich in lokalen, nationalen und internationalen Verbänden, um neben den Interessen der Arbeiter im allgemeinen die besonderen Interessen ihres speziellen Arbeitszweiges zu vertreten. Diese Bestrebungen sind an sich durchaus berechtigt und haben in England seit mehr als fünfzig Jahren, freilich nach langen und harten Kämpfen, viel zum sozialen Frieden, zum Fortschritte der Industrie und namentlich zum Wohle der arbeitenden Klassen beigetragen. Die Geschichte der alten Trades Unions dient dafür zum Beweise. Nur verbohrter Unverstand oder unchristlicher Egoismus können sich daher der Ge­werkschaftsbewegung feindlich gegenüberstellen. Neben den Interessen der arbeitenden Bevölkerung überhaupt

Em Gpfer »er Pflicht.

Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.

(5. Fortsetzung.)

Advokat Fabries, der, nach all' der Zeit zu urtheilen, welche er seinen ländlichen Ausflügen zuwenden konnte, nicht zu viele Clienten haben mußte, sollte die Früchte seiner vorsichtigen Zurückhaltung ernten. Denn, während Tante Aglae über die Belagerung ihres Hauses erbost, den unmaskirten Bewerbern gegenüber die Grobheiten, über welche sie verfügen konnte, nickt ersparte, ertrug sie, ohne unwillig zu werden, die häufigen Begegnun­gen mit dem jungen Advokaten. Wenngleich es aller­dings zu nahe lag, welches Motiv denselben in die Nachbarschaft lockte, so konnte Tante Aglae ihm doch wenigstens nicht den Vorwurf machen, daß er sie mit jenen ungestümen, dringenden Bitten belästigte, womit sie täglich von den verschiedensten Seiten angegangen wurde und die stets zur Folge hatten, daß sie außer sich vor Zorn gerieth.

„Liebes Kind," sagte sie mit funkelndem Blick zu Florence, „da schreibt man mir heute Morgen von Saint-Marcellin; vorgestern kam ein gleicher Brief von der Sorte von Cote-Saint-Andre; allmählig wird das ganze Departement kommen. Grange Verte muß schöne Augen haben."

„Zu schöne," lächelte Florence; „sie verschaffen mir

hat jedes Gewerke seine besonderen Interessen, Bedürf­nisse und Bestrebungen, welche nur durch Vereinigung von Fachgenossen nachdrücklich vertreten werden können. Ja, bei dem jetzigen Fortschritte der Industrie, bei der allgemeinen Arbeitstheilung sind die Gewerkschaften ein naturgemäßes Bedürfniß. Sie sind daher auch keineswegs künstliche Gebilde, sondern der Natur unserer heutigen Arbeiterverhältnisse entsprechend, wenn sie auch heute von sozialdemokratischer Seite noch so tendenziös gefördert werden. Wie in England der Fortschritt der Industrie die Trades Unions nothwen- dig gezeitig hat, so treten jetzt auch auf dem Konti­nente und in der neuen Welt ähnliche Gebilde in Folge des industriellen Fortschrittes hervor. Es läßt sich darum aber auch diese Bewegung nicht mehr igno- riren und noch weniger rückgängig machen. Es wäre dies ein thörichtes und zudem unberechtigtes Beginnen. Thöricht, weil aussichtslos und die Gegensätze nur ver­schärfend; unberechtigt, weil den berechtigten Interessen der Arbeiter, speziell den verschiedenen Gewerben ent­gegengesetzt. Was die Zünfte und Innungen für das Mittelalter waren, das sind und werden die Gewerk­schaften für die Neuzeit. Erst wenn man das beachtet, dann versteht man ihre Bedeutung, Berechtigung nnd Nothwendigkeit. Was jene zum Schutze des Handwerks waren, das sind und werden diese zum Schutze der Industriearbeiter. Und ebenso wenig, wie eine Zunft oder Innung die verschiedenen Handwerke vertreten konnte, ebenso wenig kann heute ein allgemeiner Ar­beiterverein die verschiedenen Gewerke vertreten. Ein allgemeiner deutscher Arbeiterverein oder gar eine Internationale waren nur so lange möglich, so lange die Arbeiterbewegung eine allgemeine und rein negative war, so lange sie nur der allgemeinen Unzufriedenheit Ausdruck geben wollte und konnte. Die Zeit ist schon bald vorüber. Die Arbeiterbewegung gibt sich heute eine positive Gestaltung in den Gewerkvereinen zu dem positiven Schaffen und Wirken. Das ist die eigentliche Bedeutung der Fachvereine. Wer will sich diesem Bestreben prinzipiell gegenüberstellen? Das kann nur derjenige, welcher von einer Arbeiterfrage und deren Lösung nichts wissen will. Das kann nur der­jenige, welcher berechtigte Forderungen der Arbeiter nicht kennt. Nur derjenige, welcher bei unseren neuen Arbeitsverhältnissen die Nothwendigkeit auch eines neuen Arbeitsrechtes und einer neuen Arbeiterorgani­sation verkennt. Das können mit einem Worte nur jene verblendeten Manchesterleute, welche nur Rechte der Arbeitgeber und nur Pflichten der Arbeiter kennen, welche drrch jede selbstständige Bewegung der Arbeiter ihren starren Egoismus bedroht sehen. Aber so gut die Arbeitgeber sich in Cartellen, Ringen und Trusts zusammenzuschließen berechtigt sind, um die speziellen Interessen ihrer Industriezweige zu vertreten, ebenso gut und weit mehr sind die Arbeiter als der schwächere Theil berechtigt, sich in Gewerkvereinen zu sammeln. Es kommt nur darauf an, daß weder hüben noch drüben unberechtigte Interessen vertreten oder uner-

Aufmerksamkeiten, die schmeichelhaft sein könnten, wenn sie nicht so langweilig wären."

„Willst Du, daß ich Dir nicht mehr davon spreche?" „Ja, liebe Tante, um so mehr, als mein Entschluß, nicht zu heirathen, um so unerschütterlicher wird, als der Zeitpunkt herankommt, wo . . ."

Sie hielt inne und wendete ihre klaren Augen ab, in welchen eine dicke Thräne perlte.

Tante Aglae sühlte ein nervöses Frösteln, gegen welches sie ankämpfte.

„Wir wollen nicht daran denken," sagte sie; „es ist Zeit dazu, wenn die Verhältnisse, die Du vorher siehst, eintreten."

Die beiden Frauen, mit demselben geheimnißvollen Gedanken voll beschäftigt, blieben einige Minuten schweigsam.

So spazierten sie die Gere entlang, von welcher Fräulein Aglae nach und nach alle die Fischer zu ver­scheuchen gewußt hattet

„Siehst Du," sagte sie, indem sie mit zufriedenem Blick dem Laufe des kleinen Baches folgte, in welchem die sinkende Sonne sich spiegelte, „ich glaube, ich habe Dich von diesen Glücksrittern doch endlich befreit, die nicht böse gewesen sein würden, wenn sie mit Deinem Gelde ihre Taubenschläge hätten neu verputzen können."

„Es ist schmerzlich," erwiderte Florence, „zu denken, daß dies Vermögen einzig Motiv und Zweck so vieler und hartnäckiger Anstrengungen ist und daß Keiner 1

Deutsches Keich.

Berlin, 16. Januar.

* In Vertretung des Kaisers bei den Beisetzungs- feirrlichkeiten für den verstorbenen Herzog von Clarence wird sich Prinz Friedrich Leopold in Begleitung des Flügeladjutanten des Kaisers, OberstlieutnantS v. Bülow, van hier nach London begeben. DieKaiserinFried- rich wird durch ihren Kammerherrn, Grafen Secken­dorfs vertreten sein. Sämmtliche Herren werden am Montag früh ihre Reise nach England ansteten. Die Beisetzungsfeier findet am Mittwoch in Windsor statt.

* Der Entwurf des neuen Volksschulgesetzes be­zeichnet einen bedeutenden Fortschritt zum Bes­seren. Aber wenn die Liberalen und Kulturkämpfer behaupten, er sei die volle Befriedigung aller Ansprüche der Kirche und der katholischen Eltern, so ist das — zu unserm Bedauern! — noch eine arge Uebertreibung Graf Zedlitz hat den höchst an- erkennenswerthen Versuch gemacht, die sog. „preußische Schultradition" und die unerläßlichen Forderungen der Gerechtigkeit und Freiheit in Einklang zu bringen auf dem Boden der V e r f a s s u n g und der bisherigen Verwaltungspraxis. Mögen die Liberalen ihn noch so schwarz anstreichen, so darf er sich doch rühmen, die „Staatshoheit" über die Schule gewahrt zu haben, so sehr, daß sogar die „Leitung" deS Religions­unterrichts in der letzten Instanz bei der Staats­behörde bleibt. Die Kirche hat nach dem Entwürfe die Möglichkeit, einem Schulamtskandidaten, der bei seiner Prüfung „ungenügende Leistungen in der Religion" aufweist, die Befähigung zur Ertheilung des Religions­unterrichts vorzuenthalten. Aber wenn der junge Mensch auf „genügende Leistungen" hin daS Befähig- ungszeugniß erhalten hat, dann kann ihm nur mit Zustimmung des Regierungspräsidenten der Religionsunterricht wieder genommen werden. Die konfessionelle Schule ist im Entwurf mit großer Entschiedenheit durchgeführt, so wie die Verfassung eS vorschreibt. Es verdient ferner Anerkennung, daß die Gemeinde, die Herr von Goßler seiner Zeit so stiefmütterlich zurückdrängte; wieder zu ihrem ver­fassungsmäßigen Rechte auf dem Schulgebiete kommt. Die Selbstverwaltung wird von dem als „reak­tionär" verschrieenen Grafen Zedlitz viel besser ent­wickelt, als es von seinem Vorgänger geschah, der bei den Liberalen so sehr beliebt war. Besonders ist es zu loben, daß ein konfessioneller Schulvorstand eingerichtet werden soll, in dem sowohl der Geistliche, der den Religionsunterricht ertheilt, als auch ein Lehrer Sitz und Stimme hat. Aber auch dabei ist die Staatshoheit sehr sorgsam gewahrt, indem der Ortsschulinipekior den Vorsitz führt. Es gibt kaum von all' diesen liebentbrannten Mitgiftjägern an die arme Florence denken würde, wenn ich noch Unter­lehrerin in der Rue Saint Jaques zu Paris wäre."

„Da hast Du recht, liebes Kind; und selbst der dort nicht einmal, der doch von Allen der wenigst Unverschämte ist," sagte Tante Aglae, indem sie mit einer schnellen Bewegung mit dem Sonnenschirm auf Gustav Fabries zeigte, welcher mit melancholischem Blicke in das Wasser des Baches sah.

„Der arme Mensch steht da wie eine Trauerweide", lachte Florence, „gib Acht, Tante, jetzt geht er weg und sogleich begegnen wir ihm wieder."

„Es ist zwar offenbar ungefährlich; aber soll ich Dich doch von ihm befreien?" fragte Tante Aglae lächelnd.

Florence hatte Erbarmen mit dem armen Menschen.

„Lass' ihn nur, Tante," sagte sie gleichgültig, „er wird's schon von selbst müde werden."

Nach wenigen Minuten langten bie beiden Frauen in der Nähe „der Trauerweide" an, die sie mit jener lang einstudirten Weise grüßte, welche darauf Anspruch haben sollte, in sich schon ein ganzes Glaubensbekennt- niß, ein nicht mißzuverstehendes Geständniß zu ent­halten.

Die Damen konnten nicht umhin zu danken, was Florence jedoch nicht ohne einen gewissen-, verachtenden Spott that. Wenn sie gewußt hätte, wie ein anderes offenes und gerades Herz sich ob diesen Grußes gegen

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