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Sonntag, den 17. Januar 1892

19. Jahrgang

ulimerWZeiluiu;

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Gratisbeilage

N. Todesnachrichten.

Berlin, 15. Januar 1892.

Der älteste Sohn des Prinzen von Wales, Herzog von Clarence, gestorben, Kardinal Manning in London gestorben, Kardinal Simeoni in Rom ge­storben: Drei erschütternde Todesnachrichten an einem Tage. In England, Italien und Spanien ist die In­fluenza mit ihren schweren Folgekrankheiten, besonders Lungenentzündung, in der letzten Zeit besonders scharf aufgetreten. Im einzelnen Falle, wie z. B. bei dem Prinzen Albert Victor, ist es schwer festzustellen, ob eine wirkliche Influenza oder bloß eine schwere Er­kältung der tödtlichen Entzündung vorhergegangen ist. Aber wenn man auch die Schuld auf das ungesunde Wetter und auf den Ansteckungsstoff vertheilt, dies ändert nichts an der Thatsache, daß jetzt erschrecklich aufgeräumt wird unter den schwächlichen und hochbetagten Personen.

Der arme Herzog von Clarence, der älteste Sohn des Prinzen von Wales, der zu dem Thron von Eng­land berufen zu sein schien, war von schwächlichem Körper; aber wenn man ihm auch das Alter seiner Großmutter nicht in Aussicht stellte, so hatte man doch keine Ursache anzunehmen, daß er noch vor seinem Vater hinsterben werde. Der 27jährige Prinz war seit Kurzem verlobt mit der Prinzessin Mary von Teck; statt des Hochzeitskleides, das man schon vorbereiten wollte, legt sie jetzt das Trauergewand an. Der Tod ist ein Fanatiker der Gleichheit; er sucht die hoch­stehenden und von Tausenden so arg beneideten Ge­schlechter mit derselben Unerbittlichkeit heim, wie die im Staube geborenen und im Staube ringenden Familien. — Auch der Vizekönig von Aegypten wurde soeben in der Blüthe der Mannesjahre hingerafft.

Kardinal Manning, der Erzbischof von West­minster und Primas von England, ging heim nach einem Leben von 84 Jahren und von überreichem, herrlichen Inhalt. Er gehörte zu den bevorzugten Menschen, die schon im irdischen Leben ganz Geist zu fein scheinen und die Bedürfnisse ihres Körpers unge­fähr auf Nichts znrückgeführt haben. Der Dichter sagt: „Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, lag — was uns Alle bändigt, — das Gemeine." Und doch war dieser Mann, der das Essen und Trinken für seine Person nahezu überwunden hatte, einer der verständniß- und liebevollsten, erfolgreichsten Freunde und Vor­kämpfer derjenigen Klaffe, die den schweren Kampf um das tägliche Brod an jedem Morgen von Neuem auf­nehmen muß. Ein heiligmäßiger Kirchenfürst und zu­gleich ein thatkräftiger Volksmann im vollsten Sinne des Wortes! Jeder erinnert sich gewiß noch, wie in der Krisis des Londoner Dockarbeiterstreiks der Kar­dinal Manning als Vertrauensmann der Arbeiter hin und her fuhr, bis er die Einigung zu Stande gebracht hatte, auf die der Handel und Wandel in England und in ganz Europa sehnsüchtig wartete. Das war eine wunderbare Rolle für einen katholischen Bischof in dem Lande der Anglikaner, deren Zungen oder wenigstens Ohren noch an das No popery-@efdjrei, an den wilden „Haß gegen Rom" gewöhnt waren. Um so auffallender, als Kardinal Manning in den Augen der englischen Romhasser als „Abtrünniger" gelten mußte; denn er gehörte zu jener Blüthe der anglikanischen Geistlichkeit, die um die Mitte dieses Jahrhunderts den Weg zur katholischen Kirche fand. Unter all' den „Bischöfen" der anglikanischen Kirche gab eS Niemanden, der an Ansehen, Beliebtheit und Einfluß auf die öffentlichen Dinge auch nur annähernd mit dem katholischen Erzbischof sich gleich stellen ließe.

Kardinal Simeoni war der verdienstvolle Leiter der Propaganda. Sein Wirken an der Spitze der Hauptleitung der katholischen Missionsthätigkeit trat weniger an die große Oeffentlichkeit; vorher hat er einige Zeit als Kardinal-Staatssekretär dem hl. Vater zur Seite gestanden und als solcher auch zur erfolg­reichen Abwehr des preußischen Kulturkampfes das ©einige beigetragen.

Die Influenza und ihre Folgekrankheiten lichten bedeutend die Reihen des h. Kollegiums der Kardinäle. Es erklärt sich das ja auch durch das hohe Alker der meisten Kardinäle. Glücklicher Weise scheint der h. Vater selbst eine wunderbare Widerstandsfähigkeit und Zähig­keit des Körpers zu besitzen, obschon die Zeitungs­berichterstatter in Rom ihm immer von Neu-m eine alters gemäße Krankheit anzudichten suchen.

In Berlin ist nun der Bacillus der Influenza auf­

gefunden worden, und zwar gleich von zwei Forschern auf einmal. Mit der Entdeckung wird es also wohl seine Richtigkeit haben; aber was für einen Nutzen sie uns bringt, müffen wir erst noch geduldig abwarten, so lange uns der Bacillus Zeit zum Abwarten läßt. Den Cholerabacillus kmnt man längst; aber gegen die Cholera gibt es noch immer kein Mittel. Die Ver­besserung unseres Wasserbezuges und die vernünftigere Behandlung unserer Schmutzstoffe schienen freilich eine zuverlässige Schutzwehr gegen den Cholerabacillus zu sein. Aber seit dem schrecklichen Triumphzug der In­fluenza muß man doch wieder mit der Möglichkeit von Epidemien rechnen ttotz aller hygienischen Fort­schritte. Der Influenza-Bacillus kümmert sich gar nicht um die vorttefflichsten Einrichtungen der Gesundheits­pflege. Und obendrein erschrickt auch dieser Bacillus durch seineVerwandlungsfähigkeit. Er ist offenbar in diesem Winter nicht mehr derselbe Gesell' wie vor zwei Jahren; er ist bösartiger, die Folgekrankheiten sind schwerer, die Sterblichkeitsziffer größer. Auch ist die Wirksam­keit des Bacillus in den einzelnen Gegenden und Län­dern so verschieden, daß man die Befürchtung nicht abweisen kann, es könne uns eine noch viel schlimmere Influenza-Epidemie beschieden sein, falls einmal eine besonders schlimm gerathene Abart des Bacillus hier Boden fassen sollte. Werden die Bacillen der andern Epidemien nicht vielleicht auch sich so verwandeln können, daß sie auch in höchst civilisirten Gegenden wieder einen passenden Nährboden finden?

Das Ausfinden von Bazillen ist sehr schwer; aber noch viel schwerer ist es, die Krankheitskeime zu be- seitigen. Die Leidensgeschichte des Tuberkulin zeigt ja recht deutlich, wie schwach und ungeschickt der „Herr der Schöpfung" ist im Kampfe gegen diesen winzigen, mit dem bloßen Auge nicht einmal zu erkennenden „Stäbchen". Zur Dämpfnng der Hoffnungsseligkeit trägt nun auch noch folgende-Erwägung bei /Als wir den Kampf gegen den Cholera-, den Tuberkel-Bacillus rc. aufnahmen, dachte Niemand an den Influenza- Bacillus. Die Krankheit ist freilich nicht aus Nichts entstanden, sondern schon früher beobachtet worden; aber es ist doch eine Wiederbelebung eines Krankheits­keimes, den man für erloschen hielt. Wenn wir nun wirklich Heilmittel gegen alle gegenwärtig wuchernden Bacillen entdeckt und somit diese Krankheitskeime so zu sagen überwunden hätten — wer bürgt uns dafür, daß nicht schlummernde Bacillen aus grauer Vorzeit sich wieder beleben und regen, daß nicht neue Krank­heitskeime den Platz einnehmen werden, den wie durch die Tödtung der bekannten Keime gesäubert zu haben glaubten? — Es kommt schließlich Alles auf den alten Spruch der Ergebenheit heraus: Unser Leben steht in Gottes Hand! Die Menschenhand wird nie so geschickt und stark werden, daß sie dem Erdenbewohner Sicher­heit geben kann gegen Seuche und Sterben, nicht ein­mal in der sogenannten Blüthe der Jahre.

Unter den Lehrern und Lehrerinnen giebt es gewiß viel jugendfrische und sorgenlose Menschenkinder, die gar nicht daran denken, daß ihnen etwas passiren könnte, die alle Berichte von Krankheiten und Tod mit demselben Gleichmuth lesen, wie die Nachricht von einem Erdbeben in Patagonien. Es ist noch nicht lange her, daß ich dasselbe Gefühl hatte. Mir scheint, daß man erst als Familienvater ein offenes Auge für die Gefahren und das rechte Bewußtsein vom Werthe der Gesundheit bekommt. Wenn man draußen hört von Scharlach und Diphtheritis ringsum und dann bei der Ankunft zu Hause in die Kinderstube eilt, um sich zu vergewissern, daß der Würgengel noch einmal vor­übergegangen ist — dann ist der Ausruf: Gott sei Dank! etwas mehr als eine"gewohnte Phrase.

„Bange machen gilt nicht." Ei bewahre, wir wollen uns den Frohsinn nickt anfressen lassen von dem Bacillus der Angst vor Krankheiten. DieAengst- lichkeit nützt zu nichts; aber der Uebermuth und die Gefahrenblindheit sind auch nicht gut und schön. Man muß sich bewußt sein, welch' ein hohes Gut die Ge­sundheit ist; daraus folgt die vernünftige Sorge für die eigene und der Angehörigen Gesundheit. Für die Jugend, die vom Kraftbewußtsein strotzt, ist es von ganz besonderem Werthe, vor dem Irrwahn bewahrt zu werden, den sie mit manchem Gewinner eines großen Looses theilt: es wird darauflos gewirthfchaftet, als ob der Schatz unerschöpflich sei. Geht sparsam um mit dem Schatze der Gesundheit und Lebenskraft; sonst reicht er nicht aus und es, tritt die Ebbe der Schwäche und des Siechlhums schon ein, während ihr

zum Himmel seufzt, daß gerade jetzt erst recht das Leben euch lebenswerth und das Schaffen euch lohnend erscheine!

Die Gesetzgebung schafft Maßregeln, um die vor­zeitige Erschöpfung der Kräfte durch übermäßige Ar­beit zu verhindern. Es werden mindestens ebenso viel Menschen vorzeittg ruinirt durch übermäßige un­vernünftige Erholungen. Wo sind Mittel zur Ein­schränkung der Vergnügungsgefahren zu finden? Rufe nicht nach Staatshilfe auf diesem Gebiete, sondern hilft dir selbst, und denen die dir anverttaut sind. Vorsicht bei der Arbeit; aber doppelt und drei­fach Vorsicht, wenn es von der Arbeit zum Ver­gnügen geht! Nichts ist anstrengender als die „Erholung" — wenn sie nicht vom Berstend und Gewissen streng geregelt bleibt.

Deutsches Keich.

Berlin, 15. Januar.

* Der hiesige königliche Hof legte aus Anlaß des Ablebens des Herzogs v. Clarence auf 10 Tage die Trauer an. — Das für heute Abend bei den Maje­stäten in Aussicht genommene Botschafter-Diner ist aus Anlaß der Hoftrauer wieder abgesagt; dagegen wird das Krönungs- und Ordensfest am nächsten Sonntag in der hergebrachten Weise stattfinden, nur mit dem Unterschied, daß das hierbei übliche Musik-Programm fortfällt. Am Montag findet sodann das Kapitel vom hohen Orden zum Schwarzen Adler statt.

* Zur Erinnerung an den verewigten Centrums­führer Tr. Windthorst findet am Sonntag, als seinem Geburtstage, ein feierliches Requiem statt. Nachmit­tags vereinigen sich die dem Centrum angehörigen Mit­glieder des Reichstags und Landtags zu einem Erin­nerungsmahl im Kaiserhof.

* Die Mittel zur Durchführung des in unserem gestrigen Blatte bereits besprochenen neuen Bolksschul- gesetzes sollen, wie im Entwurf zum letzteren bestimmt wird, aus den Erträgen der neuen Einkommen­steuer genommen werden und zwar sind dieselben auf 9 Millionen berechnet. Um diefe 9 Millionen würde also der Betrag der aufgekommenen Einkommensteuer, welche im Jahre 1892—93 die Summe von 80 Milli­onen übersteigt und zur Ueberweisung von Grund- und Gebäudesteuer an die Kommune verwendet bezw. zu­nächst thesaurirt und später zum Erlaß von Monats­raten der Einkommensteuer benutzt werden soll, verkürzt werden. In dem vom Minister v. Goßler eingebrach­ten Volksschulgesetzentwurf waren 71/3 Millionen zur Durchführung in Aussicht genommen. Dieselben sollten den nach der lex Huene zu verwendenden Fonds ent­nommen werden.

* Der Deutsche Handelstag wurde Vormittags im Börsensaal eröffnet. In der vorher stattgehabten Ausschußsitzung waren mehrere Resolutionen ange­nommen worden, namentlich, daß die nächste Weltaus­stellung in Berlin abzuhalten und für ganz Deutsch­land eine gütige Einheitszeit einzuführen sei.

* Der Gesetzentwurf betreffend die Bekämpfung der Trunksucht ist in der gestrigen Sitzung des Bundes- rathes angenommen worden, und zwar im Wesentlichen in der von den Ausschüssen vorgeschlagenen Fassung. Es sollen nur zwei mehr redaktionelle Abänderungen, die eine, betreffend den Ausschank von Branntwein in Räumen, welche noch anderen Zwecken dienen, die andere betreffs der Strafbestimmungen über das Hau- siren mit Branntwein angenommen sein.

* Das Herrenhaus hat heute nach einer kurzen ge­schäftlichen Sitzung sich auf unbestimmte Zeit vertagt.

* Das Abgeordnetenhaus wählte heute das frühere Präsidium wieder. Finanzminister Miquel brachte den Etat ein, welcher in Ausgabe und Einnahme mit 1851 Millionen abschließt, und zwar ohne Zuhülfe- nahme außerordentlicher Einnahmen, wozu es aller­dings, wie Miquel bemerkte, großer Standhaftigkeit des Finanzministers und großer Resignation einzelner Ressortminister bedurfte. (Heiterkeit.) Die Eisenbahn- Verwaltung ergab im Vorjahre einen Ausfall von 31 Millionen; "in Folge dessen sei größte Vorsicht bei Aufstellung des jetzigen Etats nöthig. Das gesammte Staats-Interesse gehe dem Ressort-Interesse vor. In dieser Beziehung stimme der Eisenbahnminister mit ihm überein. (Heiterkeit.) Er müsse auch die Ansprüche anderer Ressortminister ablehnen. Der Mehrertrag der neuen Einkommensteuer sei auf nur 7 Millionen veranschlagt, da die Wirkung der neuen Veranlagung