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Vf 10 Donnerstag den 14. Januar 1892. 19. Zalngong

FlildakrWZkltuiig

Erscheint töglich. Sonn- und Fr..rtage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Bieririjährlicher Atonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage .Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

* Gin sozialdemokratischer Kalender.

Der .Vorwärts' hat seinen Lesern wieder einen sozialdemokratischen Geschichts-Kalender geliefert. Ein Mitarbeiter der .Magdeb. Zig.' der die Daten durchstudirt hat, charakterisirt ihn in folgenden Angaben:

Bon den Parteigrößen sind nicht nur die Geburtstage und Sterbetage verzeichnet. Für denkende Genossen ist es bedeut­sam, daß Bebel 1868 — damals noch ein mit den Gebresten bürgerlicher Gesinnung behafteter Saulus — in das Zollparla­ment gewählt wurde, oder daß Liebknecht an diesem oder jenem Tage eine Strafhaft angetreten hat. Daneben sind in breitester Weise Attentate, Hinrichtungen von Fürsten und Staatsmännern verzeichnet. Der Kalender führt die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881 und die Februar-Erlasse des jetzigen Kaisers als bemerkenswerthe Ereignisse an, aber sonst nimmt er von ihnen nicht mehr Notiz, wie von den Geburts­und Sterbetagen anderer Fürstlichkeiten, dagegen wird der Tod des Herzogs Karl von Braunschweig, besonders ausgeführt. In wiefern dieser für die Sozialdemokratie eine Bedeutung erlangt, ist bisher unbekannt geblieben. Der 7. Juni ist für die Sozial­demokratie der Tag, an dem P utt kam er's Rücktritt erfolgte. Um so überraschender ist es, daß des Fürsten Bismarck's Rück­tritt falsch angegeben ist. Schmerzlich vermissen wird man in dem neuen Kalender besondere Angaben über des Millionärs und Proletariers Singer Geburtstag, sowie über den Sterbetag der Kartenschlägerin Lenormand. Sie bildeten Zierden des vor­jährigen Kalenders.

Auch die .Germania' beschäftigt sich mit dem Ka­lender und charakterisirt ihn dahin:

Der ,Vorwärts', das Centralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, hat jedem seiner Leser zum 1. Januar wieder einen Wandkalender auf blaßrothem Papier verehrt. Es ist Gift, was in diesem kleinen Blatte Papier nun Tag für Tag den sozialistischen Familien in ihren Wohnungen verab­reicht wird, und es ist tieftraurig, zu denken, daß auch die K i n- ber davon nippen werden und durch Fragen über Unverständ­liches von den Eltern den vollen Genuß bekommen. Denn um nur einen Punkt hervorzuheben, der Kalender erinnert an die Sterbe- oder Geburtstage der Revolutionäre, mögen sie auch ihrem Charakter nach Scheusale gewesen sein und der Menschheit nur Unheil gebracht haben, er erinnert an eine große Zahl von Fürstenmorden und Attentaten; aber an das, was den Menschen wirklich erheben und edel machen kann, erinnert er meist gor nicht, nämlich insofern als er nur hier und da auch solche Handlungen, Staatsmänner, Ge­lehrte, Künstler, Entdecker und Erfinder erwähnt, die Großes für die Menschheit gewirkt haben, ohne spezifisch Sozialistisches an sich zu haben ....

Die Zugaben aber, die man manchen Namen beigefügt, obgleich jedem in dem Kalender nur zwei kurze Zeilen gewidmet sein können, zeigen, daß alles der Verhetzung gegen die besitzende Gesellschaft dienen soll. Am 5. Dezember z. B. wird an Mozart er­innert, da ließ sich doch vieles hervorheben, aber es heißt: „1791 f Mozart, größter Komponist, stirbt im Elend." Am vorausgehenden 4. Dezember heißt es: „1649 f Richelieu. Meister der Lügen-Diplomatie." Am Tage vorher. 3. Dezember: „1851, Dtputirter stirbt auf der Barrikade gegen den Staatsstreich." So ist mit den oben geschilderten Ausnahmen jeder Tag entweder der Aussaat des Hasses und der Verach­tung gegen die bestehende Gesellschaft oder in den anerkannten Personen und Handlungen direkt oder in-

Ein Gpfer der pflidjt.

Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.

(2. Fortsetzung.)

Der dritte Zuhörer, Antoine, hatte sich im Eifer deS Horchens, ohne Sorge um die Regeln des Anstan­des, vor seinem Herrn niedergekauert; er war ganz Ohr; es war ihm unbegreiflich, wie Leute, wie sein Herr, von den Preußen hatten geschlagen werden kön­nen ; dagegen sah er sehr wohl ein, daß man denselben noch Dank wissen müsse, weil sie, während sie doch so mächtig waren, noch Einzelne lebend hatten heimkehren lassen.

So verging eine ganze Stunde, geweiht dem An­denken an jene großen, herzerschütternden Ereignisse. Florence weinte helle Thränen, ein Umstand, der sie in Antoine's Augen bedeutend höher hob, als er sie schon schätzte.

Francis war ganz erregt.

„Mein Gott," ries plötzlich die Tante, „was machen wir! Florence, denkst Du auch nicht daran? Um 12 Uhr erwartet uns ja der Herr Pfarrer von Estrabliu, um uns die Liste seiner Armen zu geben! Ec wird einen schlechten Begriff von unserer Höflichkeit erhalten, da wir ihn vergeblich warten lassen."

Hiermit stand sie schnell auf und wollte sich eben verabschieden, als Florence sie mit einer freudigen Be­wegung festhielt.

direkt der Aufreizung zum Sturze der be­stehenden Gesellschaft gewidmet.

Deutsches Deich.

Berlin, 12. Januar.

* Der Reichstag nahm heute seine Sitzungen wieder auf und begann die 2. Berathung des Reichshaushalts­etats für 1992/93. Zum Etat des Reichstags bean­tragten die Freisinnigen die Bewil ligung von Di­äten und Reisekosten an die Reichstagsab­geordneten. Abg. Dr. Baumbach (dfr.) begründete den Antrag, für welchen die Abgg. Haberlaud (Ctr.), Dr. Lieber (Crr.), Bebel (Soz.), Werner (Antisemit) und Stöcker (cons.) eintraten. Dieselben erklärten die Diätengewährung für nothwendig, damit die Mandate zum Reichstage nicht Monopel der besitzenden Klassen blieben. Uebrigens sei die mit der Diäten- losigkeit bezweckte Fernhaltung des Radikalismus nicht erzielt worden; insbesondere erklärte Bebel, daß seine Partei von der Diätenlosigkeit keinerlei Nachtheil ge­habt. Gegen den Antrag sprachen Abgg. v. Heltdorff (cons.), Graf Behr (Rp.) und v. Bennigsen (natl.), letzterer indeß nur aus Oppertunitätsgründen, weil mit der Anregung von Verfassungsänderungen auch die Frage des Wahlrechts wieder hervorgerufen würde. Abg. Stöcker vertheidigte den Fürsten Bismarck gegen Angriffe des Abg. Dr. Lieber, worauf eine Auseinan­dersetzung zwischen Abg. Stöcker einer- und den Abgg. Richter (frs.) und Singer (Soz.) andererseits folgte, an welcher Seitens der Antisemiten Abg. Pickenbach theilnahm. Schließlich wurde der Diäteu-Autrag angenommen und damit der Etat des Reichstags. Morgen: Etat.

* Der Kaiser hat heute Mittag von dem neuen Erzbischof von Posen-Gnesen, v. Stablewski, den vor- geschriebeuen Erd persönlrch entgegengeuommen. Nach­dem die Präsentation des Erzbischoss durch den Kultus­minister erfolgt war, richtete zunächst Herr v. Stablewski eine Ansprache an Se. Majestät, worin er den Dank für die Bestätigung seiner Wahl aussprach. Er sagte u. A.: „Gott, der meinen reinen Willen kennt, wird meine schwachen Kräfte stützen. Und ich bin schon jetzt dem Herrn zu Dank verbunden, daß er mir die Er­füllung meiner Pflichten erleichtert durch das große, wahrhaft königliche Herz Eurer Kaiserl. und Kömgl. Majestät, welches alle Ihre Untertanen mit gleicher Liebe umfaßt und auch deshalb noch mehr das Recht hat, von Allen nicht bloß äußeren Gehorsam, sondern auch ehrfurchtsvolle Liebe und Hingebung zu fordern und alle Untertanen in unwandelbarer Treue und freudiger Ergebenheit um Ihren erhabenen Thron zu schaaren." Hierauf folgte die Eidesleistung; der Erzbischof gelobte dem König untertänig, treu, gehor­sam und ergeben zu sein und besonders dahin zu stre­ben, daß in den Gemütern der seiner bischöflichen Lei­tung unterstellten Geistlichen und Gemeinden die Ge-

„Er hat erraten, Tante, wo wir sind; da kommt er.

Wirklich sah man durch die mit Epheu bewachsene Gitterthür die würdige Gestalt des alten Pfarrers herankommen.

„Da haben wir's!" sagte er näher tretend, mit dem wohlwollendsten Lächeln, „Ihren Hirten haben Sie ver­gessen, meine Damen, um eines seiner wiedergefundenen Schäfchen zu besuchen."

Nach einem respektvollen und freundschaftlichen Gruß gegen die Damen von Grange-Verte kam er mit weit offenen Armen auf Francis zu; der Lehrer, der väter­liche Freund, hatte seinen Schüler, sein geliebtes Kind, wieder erhalten.

Auf der Chausfee, auf welcher Francis am Morgen angelangt war, halte man ihn gesehen; wie ein Lauf­feuer war es im Dorfe rund erzählt worden und jetzt kamen Alle, der Pfarrer voran, hinter ihm Alt und Jung, Männer, Weiber und Kinder, ihn zu begrüßen und ihn zu seiner Rückkehr zu beglückwünschen.

Auf diesem Fleckchen Erde ist die Menschheit noch unverdorben; man bringt noch den Tribut der Liebe, der Verehrung dem, der sie verdient.

Aber auch aus dem andern Grunde kam man: man wollte sich überzeugen, ob der Krieg nicht dem schönsten Mann des Dorfes zu sehr zugesetzt habe. Dieser Eifer, diese kindliche Demonstration bewegte den jungen Mann tief und freundlich drückte er allen diesen braven Leuten die Hand.

Während dieser Scene, deren Vorgänge besser als

sinnungen der Ehrfurcht und Treue gegen den König, die Liebe zum Vaterlande, der Gehorsam gegen die Gesetze und alle jene Tugenden, die in dem Christen den guten Untertan bezeichnen, mit Sorgfalt gepflegt werden, und daß er nicht dulden wolle, daß von der ihm untergebenen Geistlichkeit im entgegengesetzten Sinne gelehrt und gehandelt werde. — Der Kaffer schloß darauf den feierlichen Akt mit folgender Ansprache an den Erzbischof:

Ich habe es für angezeigt gehalten, Sie, hochwürbiger Herr, bei Antritt Ihres Amtes persönlich zu empfangen unb bas feier- liche Gelöbniß, welches Sie soeben abgelegt unb mit Ihrem Eibe bekräftigt haben, selbst enlgegenzunehmen. Die Aufgaben, welche Ihrer harren, sinb schwer. Sie erforbern bei ben eigenthümlichen Verhältnissen Ihrer Diözese in besonberem Maße Weißheik unb Treue. Wenn Ich Sie, hochwürdiger Herr, Seiner Heiligkeit, bem Papste zur Berufung auf ben Erzbischöflichen Stuhl von Gnesen-Posen in Vorschlag gebracht unb Ihnen nunmehr Meine lanbesherrliche Anerkennung ertheilt habe, so ist dies in dem Vertrauen geschehen, baß Sie in Ihrem verantwortungsvollen Amt allezeit bie Grunbsätze bethätigen werden, die Sie als Christ unb Unterthan Mir Ihrem Lanbesherrn und dem Staat, dessen Bürger Sie sind, schulden. Ich erwarte, daß es Ihnen gelingen wirb, soweit bies Ihres Amtes ist, die Gegensätze zu versöhnen, welche bei Kindern eines Landes keine Berechtigung haben, unb daß Sie in den Ihrer bischöflichen Abhut anvertranten Diöze­sanen ben Geist der Ehrfurcht und Treue gegen Mich und Mein Haus, des Gehorsams gegen die von Gott geordnete Obrigkeit, der Achtung vor den Gesetzen des Landes, sowie der Eintracht unter den Bewohnern desselben pflegen und nähren werden. Ich hege diese Erwartung mit um so größerer Zuversicht, da Sie diese Grundsätze selbst als die Ihrigen ohne Scheu verkündet und Mir dadurch die Gewähr geboten haben, daß der Hirtenstab der Erzdiözese fortan in einer festen, treuen und gerechten Hand ruhen wird. In diesem Sinne heiße Ich Sie, hochwürdiger Herr, in Ihrem Amte willkommen und wünsche Ihnen zur Führung desselben den Segen Gottes.

Nachdem der Kaiser vom Erzbischof entlassen war, wurde ihm die Anerkennungsurkunde ausgehändigt, wo­rauf er das über den Hergang bei der Eidesleistung aufgenommene Protokoll unterschriftlich vollzog.

'* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht an der Spitze seines amllichenTheils folgendes Telegramm des Kaisers an den General der Infanterie C. von Alvenslebcn in Berlin: „Der heutige Tag ruft in Mir die Er­innerung an den für das III. Armeekorps bedeutungs­vollen Abschluß einer Zeit großer kriegerischer Erfolge wach, — an ben Entscheidungstag von Le Mans. — Ich habe daher beschlossen. Ihnen und damit Ihrem früheren braven Korps eine Auszeich­nung zu verleihen, von der Ich überzeugt bin, daß sie zugleich im Sinne Meines in Gott ruhenden Herrn Großvaters erfolgt. Ich verleihe Ihnen hiermit Meinen hohen Orden vom Schwarzen Adler. Wilhelm R.“

* Der Kaiser hat, dem ,Hambg. Correip.' zufolge, über Vorkehrungen zu Rettungserleichternug-n in den vom Hochwasser beschädigten Gegenden Berichte ein­gefordert. Geistliche, Armenkommissare, Freiwillige und Privat-Organifativnen sollen schon jetzt Bedacht auf eventuelle Hochwasfergefahr nehmen. Offiziere sollen ebenfalls jetzt schon daran denken, welcher Art bei Eingreifen der Truppen in der Stunde der Roth ihr Verhalten zu sein hat.

alle Lobeserhebungen bewiesen, welcher Sympathien sich Francis Audebrand zu erfreuen hatte, nahmen die Tante und ihre Nichte kurz Abschied.

„Mein Herr," sagte Erstere, „wir haben vergessen, das Wichtigste zu besprechen: die zwölf Pappeln; ich hoffe, Sie werden so bald als möglich nach Grange- Verte kommen und uns von unseremZweisel befreien."

Kaum waren die Beiden im Hohlwege verschwun­den, als Francis sich mit der hastigen Frage an den Pfarrer wandte:

„Lieber Herr Pfarrer, was ist denn das für eine neue Nachbarschaft?"

Der Pfarrer lächelte. „Ei, sieh' da! Schon neu­gierig?"

„Nein, das nicht: aber wenn einen doch das Loos trifft', in derselben Nachbarschaft zu wohnen....."

Eine Wolke glitt über das offene, weichgestlmrnte Gesicht des Pfarrers, das in jedem Falle die reinste Güte widerspiegelte.

„Die Eine ist ausgezeichnet," sagte er, mit dem Blicke dem Schatten der beiden Frauen folgend, die bereits im Grunde der Landschaft verschwanden; aber die Andere ist erhaben, bewundernswerth!"

Vor Ueberraschung über diese Mittheilung wußte Francis seine Miene nicht zu beherrschen; seine schon von Natur großen Augen öffneten sich noch weiter.

„Bewundernswerth, erhaben?" Wiederholteer; „diese alte Jungfer?"

„Aber, wer sagt denn, daß ich von Der spreche?"