Mtttwoch, den 13. Januar 1892.
frei. Sv hübsch dies alles klingt, so hat Deutschland in seinem Calcül diesem Bündniß Rechnung zu tragen und zwar um deswillen, weil England Rußland zwar haßt, aber Frankreich fürchtet. Man kann sagen, der Dreibund und der Zweibund balancirt, und Englands Entscheidung gibt den Ausschlag. Wir müssen auch ohne England fertig werden und kön- "en es auch; ich baue auf die Volkskraft der beut= schen. Nation. Aber vorläufig sehe ich aus den oben angeführten Gründen keinen Krieg in Sicht. Wir werden weder Rußland noch Frankreich angreifen: wir wünschen nur eins, daß man uns in Ruhe läßt.
* Die Session des Landtags wird Donnerstag nicht- vom Kaiser selbst, sondern vom Grafen Caprivi durch Verlesung einer sogen. Thronrede im Weißen Saale des Schlosses eröffnet werden. Da in diesem Theile des Schlosses ein Umbau stattfindet und die Tribünen ^zugänglich sind, auf denen sonst Journalisten und Publikum der Eröffnung beiwohnten, so wird der Er- öffnungs - Akt sich gewissermaßen mit Ausschluß der Oeffentlichkeit vollziehen.
* Zwischen Preußen und Mecklenburg - Schwerin soll, wie m Schwerin verlautet, demnächst eine erweiterte Militärkonvention in Kraft treten
* Die ,Kreuzzeitung' erklärt die Nachricht für unzutreffend, daß sich der Abg. van Rauchhaupt vom parlamentarischen Leben zurückzuziehen gedenke.
* Der Landtagsabgeordnete, Landesökonomierath Kiepert (natl.) in Marienfelde bei Berlin ist
offenbar, damit der Bauer sich durch die Centrums- Devlse angezogen fühle und so unbemerkt die soziali- tische Lehre m sich aufnehme. Eine Wirkung hatte der papierne Apostel natürlich nicht, aber für die „Ehrlichkeit" der Sozialdemokratie bietet er ein neues Beispiel."
d?nn eine Reihe von sehr deutlichen Auslassungen an die Adresse des Kaisers.
* Die sozialdemokratische Land-Agitation hat bekanntlich bisher so gut wie gar keine Erfolge aufzuweisen. Charakteristisch ist in dieser Beziehung fol- gende Aeußerung der Magdeburger sozialdemokratischen ,Volksstimme', die der,Vorwärts' als „sehr beachtens- werth" bezeichnet: „Bei der Agitation wird auch sehr häufig von den Parteigenossen selbst gesündigt. So eme Agitationsreise ist ein ernstes Geschäft. In drei auf einander folgenden Häusern kann man hinter einander^ freundlichem Entgegenkommen, mißtrauischer Verschlossenheit und offen zur Schau getragener Erbitterung gegen die Sozialdemokratie begegnen. In diesen wechselnden Situationen nach den besonderen Umständen em besonderes Benehmen zur Schau tragen ist eine mißliche Sache und jedenfalls für Leute, deren ganzes Thun und Lassen von der Ueberzeugurig diktirt wird, unwürdig. Da ist es denn das Gerathenste jeder Behandlung würdig, fest und ruhig gegenüber zu treten, eine Mahnung, die besonders mit Rücksicht auf unsere jüngeren Genossen nicht genug wiederholt werden kann. Der Landmann, wie die ländlichen Bewohner überhaupt, pflegen nach dem Benehmen der Genossen ihre Schlüsse auf die Partei zu ziehen, weshalb es als eme doppelte Pflicht erscheint, das persönliche Benehmen mit der hohen Aufgabe, welche unserer Partei obliegt, m Einklang bringen." Ja, wenn man nur mit den „rohen Patronen unter den Bauern" — wie der sozialdemokratische .Vorwärts' sich ausdrückt — ftrtlg werden könnte! Da scheint man, um noch eine Einzelheit anzuführen, in Bayern, und zwar in der Nahe von Rosenheim, die Sache „volksthümlicher" ver- ucht zu haben. Man vertheilte nämlich einSchriftchen
* Zur Sriegssrage.
Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht die,Deutsche Revue' m ihrem neuesten Monatshefte ein Schreiben, welches den früheren kommandirenden General des IX Armeekorps, General der Infanterie von Les- zcynskl zum Verfasser hat. Wir entnehmen dem hochbedeutsamen Schriftstück Folgendes:
Das gebildete Bürgerthum gibt der deutschen Armee eine große Zahl tüchtiger Offiziere und Unteroffiziere, Elemente, die in Frankreich spärlich, in Ruß- land so gut wie gar nicht vertreten sind. Diese militärisch ausgebildeten Männer gestatten aber die Neubildung von Truppen, sie geben Ersatz für die Verluste an Offizieren, erhalten uns also die Armee schlagfähig. Augenblicklich sind wir den Russen in den Waffen überlegen; der jetzige Augenblick zum Kriege wäre überhaupt der denkbar ungünstigste für. dieses Land. Ich kann daher nicht glauben, daß man an der Newa jetzt Krieg will; die leitenden Männer sind tüchtige Offiziere und müssen die Dinge abwägen, wie sie liegen. Man führt nicht ungezwungen Krieg, wenn man in der Neubewaffnung ist, und dies ist man bis 18 9 4 trotz aller französischen Unterstützung. Eine Armee von einer bis zwei Millionen Menschen läßt sich nicht in Feindesland ernähren; selbst im reichen Frankreich wurden wir 1870/71 zum größten Theil aus der Heimath ernährt. Wie will Rußland dies de, der jetzigen Hungersnoth machen? Schon die erste Versammlung der Truppen würde binnen 8—14 Tagen zu Zuständen führen, die erschütternd wirken müssen.
* Aus Kairo wird gemeldet, daß die Nachricht französischer Blätter, daß Major v. Wißmann in englische Dienste zu treten gedenke, von seiner Seite für völlig unbegründet erklärt wird.
k * Mit Rückkehr zur republikanischen Gesinnung iroht die .Köln. Ztg.', wenn die Regierung die „Vertauschung von rechts und links, die im verflossenen vwhre immer schärfer hervorgetreten sei, andauern lasse und em Volksschulgesetz vorlege, welches beweise, „daß )le Regierung das ultramontane Joch auf ihre Schultern genommen habe." .... „Nicht wenige von uns", 0 die ,Köln. Ztg.' fort, „waren von Haus aus republikanische freiheitstrunkene Idealisten und sind erst )urch Bismarck und durch den großen und guten Kaiser innerlich in Vernunftsmonarchisten umgewandelt wor- den." Sie ist „nachdenklich und besorgt", „daß manche dieser Männer in den letzten Jahren in aller Stille begonnen Haben, ihre politische Grundanschauung an der Hand der jüngsten Erfahrung einer nachprüfenden Revision zu unterziehen; die Ergebnisse dieses leise fortschreitenden Denkprozesses könnten sich eines Tages m ganz überraschender Weise offenbaren." Es folgen
Das junge Mädchen erschrack einen Moment und jagte dann lächelnd, halb vorwurfsvoll:
r „ -’®' Antoine, Sie hätten uns auch gleich sagen sollen, weßhalb Sie so aufgeregt waren —"
„Ja", entgegnete dieser in froher Verlegenheit, „Herr Audebrand ,st zurückgekommen."
Der junge Mann trat jetzt ganz hinter der Hecke hervor und grüßte ehrerbietig die Damen, fand aber nicht Zeit, ein Wort zu sagen, da die alte Dame, nach- öent sie seinen Gruß höflich erwidert hatte, ihn ohne Weiteres anredete: „Da Sie da sind, mein Herr, was wir freilich nicht ahnten, und da Sie auch gehört haben, wovon gerade die Rede war, so werden Sie die Güte haben, meine Nichte Florence und mich über diesen Punkt aufzuklären."
„Ich stehe mit dem größten Vergnügen zu Ihrer Verfügung, Madame," sagte Francis, sich verbeugend; „übrigens bin ich freudig überrascht, zu gewahren, welche schmeichelhaften Verbindungen mein alter Antoine während meiner Anwesenheit angeknüpft hat."— Diese artigen Worte, sowie der ungezwungene Ton, rn welchem sie gesprochen waren, verfehlten nicht, der Unterhaltung die rechte Stimmung zu geben.
„Ihr Antoine hat uns seit unserer Ankunft hier die nützlichsten Gefälligkeiten erzeigt", erwiderte die Tante, während ihre Nichte dem guten Alten einen freundschaftlichen Blick zuwarf. Francis hatte Letzteres wohl bemerkt und dachte, daß Antoine intelligenter sein
Deutsches Keich.
Berlin, 11. Januar.
Ein Gpser der Pflicht.
Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.
(1. Fortsetzung.)
„Nun, Antoine, was haben Sie denn? Sie scheinen ja etwas besonderes Wichtiges auf dem Herzen zu haben! Haben Sie Neuigkeiten von Ihrem Herrn? Hoffentlich ist doch nichts Schlimmes vorgefallen?"
„O nein, gnädiges Fräulein," stotterte der Alte, „ganz im Gegentheil . . ."
„Es geht Ihrem Herrn also besser?"
„Ich will es meinen!" Ich bin närrisch vor Freude!"
„Nun, mischte sich die inzwischen auch heranqe- kommene alte Dame mit sauersüßem Tone in die Unterhaltung, „dann wird Ihr Herr wohl bald zurück- wmmen und wir erfahren dann auch endlich einmal, wem. eigentlich die zwölf Pappelbäume dort unten am Bache gehören!"
Das war das erste Mal, daß Francis erfuhr, es fei jemand tm Zweifel über das Eigenthumsrecht auf wr Zwölf Pappeln, die, wie Jeder wußte,
X iur Hälfte zu Grange-Verte gehörten; er war daher so überrascht von diesen Worten, daß er hinter der ihn verbergenden Hecke eine so lebhafte Be- wegung machte, daß feine Anwesenheit dadurch verlachen wurde.
Fr ankrei ch steht mit uns in den Waffen gleich. Die Orgamsatton ist aber bei uns fester, die Berufs- tEe ist bei uns gleichmäßiger. Höchst zweifelhaft ist es, ob die zentrale Leitung Frankreichs im Stande ist, die Armeen einheitlich zu leiten. Die niedere Führung entbehrt des felbstständigen Entschlusies. Die taktischen Verhältnisse sind ungefähr gleich, man darf diesen Beziehungen nicht ein sehr großes Gewicht beilegen, denn im Ganzen entscheidet Führung und Disziplin.
Was nun unsere Bundesgenossen betrifft fo muß man freudig zugestehen, daß in Oesterreich wel gebessert, viel gelernt ist. Die Taktik ist recht gut, die Disziplin gut, ebenso die Berufstreue. Die Intelligenz ist m Oesterreichs Armee erheblich größer wie in Rußland, die Waffen sind gut. Rumänien bringt den Vortheil, daß es immerhin zwei krnssifche Korps auf sich zieht. Italien zieht ebenfalls Kräfte auf sich und von uns ab, und dies ist die Hauptsache Ob es offensiv werden wird, ob die Armee in größeren Verbänden operiren kann, dies hängt von anderen Verhältnissen ab. Sehr wichtig ist es, ob England neutral bleibt. Schließt es sich uns an, so ändern sich die Stärken erheblich. Rußland muß sodann in Finnland und Livland 2 Korps lassen, Riga muß stark besetzt werden. Wir bedürfen keiner Truppen zum Küstenschutz und haben die See für Lebensmittel
, ■ ---------------------------------- 19. Jahrgang
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täglich, Sonn- und Fn.rtage ausgenommen. '
* Zur Freimaurer-Lüge über Papst Pius IX. schreibt der ,Fränk. Kurier' in Nürnberg:. „Gegenüber der von verschiedenen Zeitungen erwähnten Streitfrage, ob Papst Pius IX. ein Freimaurer gewesen ist, und der Veröffentlichung eines bezüglichen Dokuments durch de» .Diritto', des Inhalts, daß durch die Nürnberger Loge „Zur deutschen Treue", Tochterloge der Drei Weltkugeln« in Berlin, mit der Unterschrift „Wilhelm Wittelsbach, Großmeister der Großloge von Bayern und bayrischer Prinz" bezeugt werden könne, daß im Archiv der Loge unter Nr. 18,715 ein Schriftstück eftftire, das mit dem Siegel der Loge Luce perpetua (Zum immerwährenden Licht) von Neapel versehen und in italienischer Sprache abgefaßt fei und besage, daß m der Loge „Aeterna catena“ (Ewige Kette) zu Palermo in der ersten Hälfte des Monats August 1839 Giovanni Feretti Mastai (der nachmalige Papst Pius müsse, als er bisher gewußt hatte, da er es verstanden hatte, sich eine so beneidenswerthe Freundschaft zu erwerben. Weniger begehrcnswerth fand er die Sympathie der Tante.
„Auf diese Weise", nahm letztere wieder das Wort, indem sie, verbindlich lächelnd, eine Reihe gelber Zähne blicken ließ, „erhielten wir auch Kenntniß von Ihrem Dasein, Herr Nachbar, während Sie noch nicht wissen, wer wir sind."
„Sie sagen es mir ja in diesem Augenblicke und ich bin ganz entzückt über die Entdeckung: Nachbarinnen! Das ist eih Segen des Himmels, Madame."
„Bitte, nennen Sie mich nicht „Madame", mein Herr, ich bin Fräulein und danke dem Himmel, es zu sein. Ich habe in meinem Leben so viele arme Wesen durch die Heirath unglücklich werden gesehen, daß ich selten Lust zum Ehestände verspürt habe. Uebrigens glaube ich fest, daß ich auch nie mehr Lust dazu erhalten werde." — Francis betrachtete ihr Gesicht und er konnte nicht umhin, sich jener Ueberjeugung anzu- schlreßen. — „Wir sind", fuhr sie fort, „die Bewohnerinnen Ihrer Dauphinee, Fräulein Aglae und Florence Raymond, Eigenthümermnen von Granae- Verte." 9
„Ei, mein Fräulein, das war eine Eingebung vom Himmel, daß Sie Grange-Verte erwarben. Ich spreche Ihnen meine aufrichtige Freude darüber aus und die ganze Gegend wird gleich mir froh deshalb fein. Auf
vierteljährlicher AL°nnem-nts?r-iS Fne Bringerlohn°Z'SefW» mitVÄet^ *aum « M-, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
,Rathgeber für LandwirthVst, GarteLu^ « Tage erscheinenden Gratisbeilaae