Dienstag den 12. Januar 1892.
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Deutsches Deich.
Berlin, 9. Januar.
* Der Kaiser hat dem heiligen Baler anläßlich des Neujahrs ein in freundlichen Ausdrücken abgefaßtes Glückwunschtelegramm übersandt. Der Papst antwortete mit Segenswünschen für die Regierung des Kaisers. Er soll insbesondere dem Kaiser allen Erfolg im Kampfe gegen den Sozialismus, den Feind der Religion wie des Reiches, gewünscht und die Hoffnungen ausgedrückt haben, daß der Vatikan stets gute Beziehungen mit Deutschland aufrecht erhalten werde. Der Kaiser soll in seinem Glückwunschtelegramm den Wunsch ausgesprochen haben, der Ewige möge ein für die religiösen Interessen wie für die Aufrechterhaltung der freundschaftlichen Beziehungen mit bem Reiche so wichtiges Leben erhalten. — Möge die in diesen Worten bekundete Eintracht zwischen der Regierung und dem heiligen Stuhle die reichsten Früchte für das Wohl der katholischen Kirche in Deutschland zeitigen!
* Die Eröffnung des preußischen Landtages erfolgt nach einer Bekanntmachung des Ministers v. Herrfurth am 14. d. Mts., Mittags 12 Uhr, im Weißen Saale des hiesigen Königlichen Schlosses. Zuvor wird Gottesdienst um 11 Uhr im Dome und um halb 12 Uhr in der St. Hedwigskirche stattfinden.
* Die angekündigte Novelle zum Unterstützungswahnfitz-Gesetz beabsichtigt, wie verlautet, eingreifende Aenderungen, betreffend die Pflicht der Heimaths-Ge- meinde zur Fürsorge für ihre anderwärts unterstützungsbedürftig gewordenen früheren Angehörigen, wodurch begründeten Beschwerden, namemlich der ländlichen Gemeinden, abgeholfen werden soll. Die Altersgrenze, von welcher ab der Unterstützungswohnsitz durch zweijährigen Aufenthalt erworben wird (jetzt das 24. Lebensjahr) foll herabgesetzt werden.
* ZurChicagoerWettaussteklung find bis jetzt deutscherseits 1500—2000 Anmeldungen gesichert. Hauptsächlich haben sich bisher der Buchhandel, die Textilindustrie, die chemische Industrie und die Technik betheiligt. Die Kunstindustrie hat sich noch nicht erheblich betheiligt, obgleich dies gerade erwünscht ist. Angemeldet ist u. A. die Meißener Porzellanmanufaktur.
* Für die Entscheidung von Streitigkeiten der in Bergwerken, Salinen, Aufbereitungsanftalten und unterirdisch betriebenen Brüchen und Gruben beschäftigten Arbeiter sollen in Preußen 4 Gewerbegerichte und zwar in Saarbrücken, Dortmund, Beuthen und Waldenburg errichtet werden.
* Erzbischof v. Stablewski wird am 12. d. Mts. in Berlin den Homagialeid leisten und zwar hat nach Angabe des ,Dziennik Pozn.' der Kaiser den Wunsch ausgesprochen, diesen Eid im Berliner Schlosse persönlich entgegenzunehmen, was seit dem Jahre 1866 überhaupt noch nicht geschehen ist. Die Konsekration findet Sonntag, den 17. d. Mts. int Dom zu Gnesen statt. Zum Empfange werden große Vorbereitungen
Em Gpftr der Dflicht.
Roman nach dem Französischen des Xaver Didier von H. von Remagen.
I (Nachdruck verboten.)
Als im Jahre 1870 der Besitzer von Grange-Verte das Zeitliche segnete, konnte man überall im ganzen Jsere-Departement in Frankreich, in den Häusern von Arm und Reich, der Frage begegnen: „Wer soll nun Vater Jean Grandin beerben?"
Hieraus erhellt schon, daß Jean Grandin, trotz seines bäuerlichen Aeußern, in der Gegend etwas gegolten hatte und daß Grange-Berte nicht zu den mittelmäßigen Ackergütern zählte, wie es deren in jedem größeren Dorfe mehrere gibt.
Der verstorbene Gutsherr, der im Besitze jenes ländlichen Reichthums gelebt hatte, welcher der Einfachheit des Landlebens keinen Eintrag zu thun pflegt, war seit Jahren Wittwer, hatte nie Kinder gehabt, kannte keine Verwandten und hatte sich stets ängstlich gehütet, Wohlthaten zu erzeigen, und zwar nur aus dem Grunde, um Niemand die Möglichkeit an die Hand zu geben, sich ihm gegenüber durch Undank zu versündigen; denn Undank ernten, wo man Wohlthaten erwiesen, schlägt dem Herzen tiefere Wunden, als die gröbste Beleidigung.
Man mochte daher wohl nicht ganz unrecht haben,
getroffen. Nach Posen reist der Erzbischof am 20. d. Mts. von Gnesen ab. Für die Empfangsfeierlichkeiten in Posen und die Inthronisation hat der Weihbischof Likowski bereits das Programm festgestellt.
* Trier, 8. Jan. Generalvikar Dr. Henke ist gestorben.
Ausland.
* Die mit der Prüfung des deutsch-belgischen Handelsvertrags betraute Centralsektion der Repräsentantenkammer in Brüffel hat den Vertrag mit 4 gegen 3 Stimmen angenommen.
* Paris, 9. Jan. Der Erzbischof von Cambrai ist in Folge von Influenza gestorben.
* In Wiener maßgebenden Kreisen glaubt man, daß Rußland und Frankreich die Gelegenheit benutzen werden, um einen gemeinsamen Schritt bei der Pforte zu unternehmen und dahin zu wirken, daß England Egypten räume.
* Der Streik der Lohnkutscher in Rom ist beendet. Die Kutscher beschlossen, den Dienst sofort wieder aufzunehmen.
* Madrid, 9. Jan. Am Montag findet die erste Lesung des Gesetz - Entwurfs betr. die Verlängerung der Handelsverträge in den Cortes statt.
* Die Beisetzung der Leiche des Chedive hat unter dem dort üblichen Ceremoniell gestern stattgefunden. Der Thronfolger, Prinz Abbas, hat sich gestern von Wien auf die Reise nach Kairo begeben. Der Kaiser von Oesterreich Hai demselben zwei höhere Offiziere zur Begleitung bis nach Alexandrien beigegeben. Vor der Abreise stattete der Prinz sowohl dem Kaiser Franz Joseph als auch dem Grafen Kalnoky Abschiedsbesuche ab. — Wie aus Kairo gemeldet wird, ist der 17jäh- rige Kronprinz Abbas Bei nach muselmanischem Gesetz für mündig erklärt worden. — Der »ffiziöse Telegraph meldet, daß der Sultan den Kronprinzen Abbas zum Chedive ernannt habe. Abbas Bey wurde inNabresina vom Triester General-Konsul Äxalos Effendi, welcher demselben bis dorthin entgegengefahren war, begrüßt und nahm von diesem die Meldung einer Ernennung zum Chedive Seitens des Sultans entgegen.
* Rewyork, 8. Januar. Ein furchtbares Grubenunglück ereignete sich gestern in einem Bergwerk bei Krebs, im Indianer - Territorium. Um 5 Uhr Nachmittags, nachdem die Tagesschicht des Schachtes Nr. 5 der Osage-Kohlen- und Bergwerksgesellschaft aus der Grube war, sah man Rauch aus der Grube aufsteigen. Ein donnerähnlicher Knall folgte bald darauf. Es war klar, daß sich eine Explosion unten im Bergwerk ereignet hatte. Die Mündung des Schachtes war durch Gerölle und Trümmer versperrt. Zur Zeit der Explosion waren 350 Mann im Bergwerke. Die Meisten von ihnen gehörten zur Tagesschicht und warteten unten beim Fahrstuhl, in die Höhe gezogen zu werden. Es liegt deshalb an der Stelle, wo der Fahrstuhl ist, ein wirrer Knäuel von Leichen. 85 Arbeiter retteten sich durch die alte Einfahrt, 42 durch den
wenn man sagte, Jean Grandin habe für Nichts in der Welt Liebe und Gefühl, außer für sein Grange- Verte.
Auf diesem lebte er allein; sein Dienstpersonal, das ihn mehr scheute, als liebte, beaufsichtigte er mit Strenge; aus seinen Aeckern zog er allen Vortheil, den dieselben zu gewähren im Stande waren, und dieselben waren ihm gleich theuer und werth im Schmucke des Frühlings oder des Sommers, wie unter dem imposanten Leichentuche des Winters.
Freilich ist Grange-Verte auch eine Besitzung mit herrlichen Vorzügen; das Nützliche ist mit dem Angenehmen daselbst gepaart; sie ist weitläufig und prächtig angepflanzt; auf den verschiedenen Ackerstücken gediehen mit gleichem Erfolge Weizen und Wein, Maulbeeren und Früchte, und die üppigen Wiesen, die wie ein Smaragdgürtel sich um das Gut herumlegen, haben ihm den Namen Grange-Verte (d. h. Grüne Scheune) gegeben. Es erstreckt sich mit seinen fruchtbaren Feldern über mehrere Gemeinden bin- und in der ganzen Umgegend von Vienne ist Niemand, der es auf weniger als dreihunderttausend Franken Werth schätzt.
Das Wohnhaus ist ungewöhnlich groß, alt und massiv; von dem Oekonomiegebäude ist es durch einen mit Maulbeerbäumen bepflanzten Hof abgefondert und in feinem rechten, stets verschlossenen Flügel war es unbewohnt; der Eigenthümer bewohnte mit seinem Dienstpersonal nur den linken Flügel, den er mit einer
neuen Schacht. Alle diese haben aber starke Brandwunden erlitten und es wird kaum die Hälfte von ihnen mit dem Leben davonkommen. Die Ursache der Explosion war die Abfeuerung einer Patrone, obgleich Gase im Bergwerk waren. Die Beamten der Osage- Gesellschaft in St. Louis haben eine Depesche erhalten, welche meldet, daß 143 Arbeiter gerettet worden sind. 207 sind somit bei der Explosion verunglückt.
Stadt. Uremm? uad MchdargedLet.
Fulda, 11. Januar.
* Eine Normak-Fabrikordnung hat der linksrheinische Verein für „Gemeinwohl" in M.-Gladbach bereits 1889 ausgearbeitet, die auch über den engem Bezirk hinaus vielfache Anerkennung gefunden hat. Einige kleinere Abänderungen, die in Folge des neuen Arbeiterschutz-Gefetzes nothwendig geworden sind, sind inzwischen von der bez. Kommission (unter Vorsitz des Fabrikbesitzers Herrn Franz Brandts jr.) durchberathen und festgestellt. Da mit bem 1. April c. alle Fabriken mit mehr als 20 Arbeitern eine „Arbeitsorbnung" zu erlassen verpflichtet sind, unb auch bie bereits bestehenden Arbeitsordnungen mit den gesetzlichen Bestimmungen in Einklang gebracht werden müssen, so können wir obige Normal-Arbeitsordnung nur dringend zur Benutzung empfehlen. Dieselbe wird zugleich mit einem eingehenden Kommentar von Herrn Generalsekretär Hitze-M.-Gladbach in den nächsten Tagen bet I. P. Bachem in Köln erscheinen. Beigefügt ist das Normal-Statut eines Arbeiter- Ausschusses (ebenfalls mit Kommentar), sowie sämmtliche Bestimmungen des neuen Arbeiterschutzgesetzes (Text), so daß die Schrift gewiß bei Abfasfung einer ArbeitsOrdnung höchst dankenswerthe Hülfe bietet. Die ganze Anordnung 4st außerordentlich zweckmäßig; die Erläuterungen sind klar und erschöpfend. Auszüge aus bewährten Fabrikorduungen verschiedener Industrien erleichtern. die Benutzung. Wir können die Ausgabe nur dringendst empfehlen.
Z Der hochw. Herr Dechant H. F Müller in Amöneburg, Komponist des bekannten Weihnachts- Oratorium, welches bereits in nahezu 1000 Städten des In- und Auslanves mit glänzendem Erfolge zur Aufführung gekommen, und der geistlichen Festspiele: „Die hl. drei Könige" und „St. Elisabeih" ist in Anerkennung seiner Thätigkeit als Komponist auf bem Gebiete der Kirchenmusik von der Akademie St. Cäcilia in Rom, der ältesten Musik-Akademie der Welt, zum Ehrenmitglied ernannt worden. Derselbe hat soeben ein neues großes Werk vollendet: „DiePassion" in 7BildernfürSoli und gemischten Chor mit Klavierbegleitung, welches im Februar von A. Maier's Kirchenmusik-Verlag dahier, woselbst auch die übrigen Werke des hochw. Verfassers erschienen sind, herausgegeben wird. Die Komposition, ganz im klassischen Oratorien - Stil gehalten und von inniger Andacht und warmer Empfindung durchweht,
bis ins Kleinliche gehenden Sorgfalt unterhielt, allerdings nicht aus Hang zum Luxus, sondern nur, um den Kosten größerer Reparaturen vorMbeugen.
Jean Grandin erlebte nicht den Ausbruch des folgenschweren Krieges von 1870. Eines Abends — er hatte gerade die diesmal prächtige Heuernte mit seinen Leuten beendet — kam er in seine Wohnung und klagte über heftiges Kopfweh; er genoß allerdings sein Abendbrod noch, aber des andern Morgens fand ihn seine alte Haushälterin zu ihrem Schrecken tobt in seinem Bette; ein Schlagfluß hatte ihn getöbtet. Man konnte nicht behaupten, daß Jemand große Trauer in Folße dieses Ereignisses gefühlt hätte. Nur fanden die guten Leute es gar zu kurios, daß, was sie nie erlebt, der Schlagfluß sich an einen Mann gewagt, der in feinem ganzen Leben nie etwas Anderes getrunken hatte, als klares Wasser.
Niemand kannte einen Erben des Verstorbenen und das Gericht ließ daher vorläufig, bis sich ein solcher fände, die Siegel anlegen und stellte die vorgeschriebenen Nachforschungen nach den Rechtsnachfolgern an.
Noch war kein Resultat derselben' bekannt, als Francis Audebrand der nächste Nachbar vom Vater Grandin und zu Lebzeiten desselben so befreundet mit ihm, als es zwischen einem alten Landmann unb einem neununbzwanzigjährigen, jungen Manne von guter Familie nur möglich war, für bie Dauer des Krieges als Freiwilliger in ein Linienregiment eintrat.