19. Jahrgang
Sonntag, den 10. Januar 1892.
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aus Bürgerschaft besonders am Herzen liegt und ich die der ernsten Bemühungen der städtischen'Verwaltung, die
durch das schnelle Anwachsen der Reichshauptstadt und
Arbeiterpilgerfahrten und auf den 2. Oktober beziehen, die Gründung des maronitischen und portugiesischen Kollegiums, die Plenarversammlungen der Bischöfe und deren theils örtliche, theils nationale Thätigkeit, endlich der verschärfte Charakter der Forderungen für die Freiheit des heiligen Stuhles, die ganze Reihe dieser Ereignisse kennzeichnet das Werk des Pontificates in seiner ganzen Ausdehnung und in seiner glücklichen Modernität. All diese Akte stehen miteinander im Einklang und halten sich das Gleichgewicht. Es ist die peinlich genaue Analyse in der vollen Synthese. Es ist ziemlich schwierig, den Eindruck wiederzugeben, den man davon erhält; wenn es aber sein müßte,
allen seinen Kräften nach dem intensiven Leben der Kirche strebt, um dasselbe in noch reichlicheren Fluthen über die Welt strömen zu lassen. Vermehrung der inneren Reichthümer, um dieselben fruchtbringender unter die Gesellschaft zu vertheilen, ist fein Ideal, wie es das Ideal jedes Papstes sein muß, der seine Zeit versteht. Dank dieser obersten Richtung war es ihm gestattet, die Führung aller zeitgenössischen Strömungen zu übernehmen: Kolonisation durch die Missionen und beit Kreuzzug gegen die Sklaverei; soziale Frage durch Ansprachen, durch die Encyklika Berum novaruni und die Pilgerzüge, demokratische Orientirung durch die in -em Brieie des Kardinals Rampolla empfohlene fran-
angelegt.
* Der Kaiser hat die Glüikwuuschadresse der Stadtverordneten zu Berlin mit folgendem Handschreiben beantwortet: „Bei dem Eintritt in das neue Jahr haben mich die Stadtverordneten meiner Haupt- und Residenzstadt Berlin mit Glückwünschen für mich und meine Familie begrüßt und den Gefühlen der Treue und Ergebenheit Ausdruck gegeben. Aufrichtig erfreut durch dieses erneute Zeichen vertrauensvoller Anhänglichkeit gebe ich den Stadtverordneten meinen wärmsten Dank zu erkennen. Zugleich spreche ich es gern aus, daß mir das Wohlergehen der Berliner
zösische Politik. Alle fundamentalen Interessen der Welt sind in die Jahrhunderte alte Wohnung der Päpste eingezogen und haben darin die verständniß- vollste und freigebigste Gastfreundschaft gesunden."
Was die G efundheit des hl. Vaters betrifft, so wird von jungitalienischer Seite alle Augenblicke verbreitet, daß Papst Leo sich in sehr schlechten Gesundheits-Verhältnissen befinde, ja der Londoner .Saneet' versicherte sogar auf das Bestimmteste, daß der Kardinal-Staatssekretär Rampolla die beim hl. Stuhle beglaubigten Botschafter gebeten habe, ihre Regierungen „auf das Schlimmste" vorzubereiten. Das sind böswillige Ausstreuungen, denen selbst der römische Korrespondent der .Neuen Freien Presse' ganz energisch zu Leibe rückt. Er schreibt in seiner Art:
Papst Leo XIII. tritt demnächst in's 83. Jahr seines Lebens. Wenn man bedenkt, daß der Papst trotz alledem eine geradezu jugendliche Rüstigkeit des Geistes bewahrt hat und der Geist im Greisenalter den entscheidendsten Einfluß auf das leibliche Leben ausübt, möchte man wohl gerne Denjenigen beistimmen, welche eine Lebensdauer noch nach Lustren berechnen und behaupten. daß er der Euthanasie theilhaft werden und, wie der Philosoph sagt, „ohne Krankheit, obneZuckung, ohne Röcheln, ja bisweilen ohne zu erblassen, sterben ober vielmebr nicht sterben, sondern nur zu leben aufhören wird." In der Familie des Papstes stirbt man alt. Ein fein knochiger, bis zur Dürre magerer Menschenschlag sind diese Pecci von Carpineto, ein uralt eingesessener Hirtenstamm, der sich in langen harten Mühen auf den felsigen Höben der Ciociaria, Schafe züchtend und die spärliche Scbolle umwühlend, langsam zu Wohlhabenheit, mäßigem Reichthum und Adel empor- arbeitete. Leo's XIII. Vater starb 89-, sein Bruder gar 9Ijährig. warum soll ihn nicht ein ähnliches Schicksal erwarten ? Diese von Urväterzeiten her in der Sonne gediehenen und von der Gluthhitze des Sommers und
die Zeitverhältnisse hervorgerufenen mannigfachen Schäden und Nothstände nach Kräften zu lindern, mit lebhaftem Interesse begleite. Berlin, den 6. Januar 1892. Wilhelm R."
* Der Bundesrath trat gestern in die Spezialbe- rathung des Trunksuchtsgesetzes ein, doch gelangte dieselbe nicht zum Abschluß.
* Herr von Schlözer, der Preußische Gesandte beim hl. Stuhl, feierte am 5. d. M. feinen 70. Geburtstag. Geboren am 5. Januar 1822 in Lübeck, widmete sich Herr v. Schlözer, ein Enkel des bekannten Publizisten und Geschichtsforschers Ludwig August von Schlözer, historischen und orientalischen Studien, deren Ergebnisse in einer Reihe von Schriften über die Geschichte der Hansa, der deutschen Ostseeprovinzen rc. vorliegen. Früh trat er in den diplomatischen Dienst Preußens und zwar zunächst als preußischer Geschäftsträger in Rom beim päpstlichen Stuhle, bann als Ministerresident des norddeutschen Bundes in Mexiko. Im Jahre 1871 wurde er Gesandter des deutschen Reiches bei den Vereinigten Staaten, in welcher Stellung er dis 1882 blieb, wo bei Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen Preußens mit dem hl. Stuhl v. Schlözer mit der bedeutsamen Aufgabe betraut wurde, Preußen beim hl. Stuhl zu vertreten.
* Von Moltkes gesammelten Schriften und Denkwürdigkeiten ist soeben der zweite Band erschienen. Dasselbe enthält Aufsätze fachwissenschaftlichen, politischen und historischen Inhalts.
* Die .Germania' veröffentlicht unter dem Titel „Zwei Aktenstücke des antikatholischen Fanatismus" zwei Schriftstücke, welche einen Blick in den Haß jener Hetzgefellschaft gestatten, so sich „Evangelischen Bund" nennt. Das erste Schriftstück ist ein Rundschreiben an den weiteren Ausschuß in der Anti - Jesuitenfrage, in welchem unter den gemeinsten Ausfällen gegen uns Katholiken zu reger Thätigkeit, um die Wiederzulassung des Ordens der Jesuiten zu verhindern, angeregt wird. Das zweite ist der Entwurf eines Schreibens an' den Kaiser als den Schirmherrn der protestantischen Kirche zu gleichem Zwecke. Wir wollen unsere Leser mit dem Inhalte dieser Schriftstücke, welche außer den bekannten Redensarten der Bundesbrüder nichts Neues enthalten, nicht langweilen. Es ist die Schablone, welche schon am 15. Mai 1872 bei der damaligen Jcsuiterschlacht im Reichstage der selige Domkapitular Dr. Moufang in seiner großen Rede für die Jesuiten unter Heiterkeit des Hauses charakterisirte, und
den eisigen Winterstürmen förmlich ausgetrockneten Bergbewohner der Ciociaria haben ein zähes Leben — die scheinbare Schwäche und Brüchigkeit des an Entsagung aller Art gewöhnten Körpers kann nur Diejenigen täuschen, welche das Land nicht kennen. Die Römer kennen feit Jahrzehnten einen nunmehr schon 90jäh- rigen, mumienhaft hageren Bauer aus Frosinone, welcher jedes Jahr, wenn der Winter sich einstellt, in die Stadt einzieht, um Brennholz zu verkaufen. Mit schweren Bündeln auf dem Rücken zieht der Alte wankend und wackelnd durcki die Straßen und ruft mit gellender Stimme: „Fasci, fasci!“ (Bündel, Bündel.) Das Geschäft geht nicht gut, der Alte bleibt inbeffen seinen Gewohnheiten treu unb bietet fein Holz zum Verkaufe, bis man daraus feinen eigenen Schrein zimmern wird.
Zu diesem ausdauernden Schlage gehört Leo XIII. Also haben wir, so Gott will, noch mancher schönen und edlen Aufgabe Erfüllung von ihm zu erwarten.
-* * Papst Ko XIII.
In der Jahresrundschau des Moniteur de Rome' finden wir folgende höchst beachtenswerthe Stelle über die Aufgabe, welche Papst Leo XIII. bis jetzt vollbracht hat:
„Jeder Papst, jedes Pontificat trügt seinen persönlichen Stempel. Gott respektirt die Personalität bei seinem direkten Stellvertreter, wie überhaupt bei jedem Priester. Es gibt vier Arten von Päpsten: Die päpstlichen Märtyrer, die päpstlichen Reformatoren, die heiligen Päpste und die gelehrten Päpste. Man möchte sagen, daß Leo XIII. gleichzeitig an den Eigenschaften aller dieser Gruppen Antheil hat und in der Gallerte ber päpstlichen Dynastie einen ganz neuen Typus bildet: den sozialen Papst. Von 1878 bis 1891 bestätigt Leo Xlll. von Tag zu Tag mit größerem Glanze diese doppelte Mission, aber in ihrem vollem Umfange wird uns diese historische Rolle des hl. Vaters von dem verflossenen Jahre enthüllt. Der Eifer für den Kreuzzug gegen die Sklaverei, die Begründung der katholischen Hierarchie in Japan, die Encyklika Berum novarum, die Akte und Ansprachen, die sich auf die
Deutsches Keich.
Berlin, 8. Januar.
* Der hiesige Hof hat für den verstorbenen Prinzen Gustav von Sachsen-Weimar auf 5 Tage Trauer
welche lautet: „Der Jefuit muß — er mag wollen ober nicht, er muß — unpatriotisch, inhuman, rücksichtslos, gewissenlos hanbeln, das bringt fein Orden mit sich." Damals schon sagte Moufang, daß Leute behaupteten, die Lehre ber Jesuiten fei sittenlos unb gewissenlos, „die noch nie eine Moraltheologie, noch viel weniger eine jesuistische gesehen haben, die sie auch nur schwer verstehen würden".
* Die Nationalzeitung' konstatirt anläßlich der gegen den Grasen Limburg-Stirum eingeleiteten Dis- ziplinaruntersuchung, daß Ernst von Wildenbruch, Legationsrath im Auswärtigen Amte und Rudolf Lindau, Vortragender Ratb im Auswärtigen Amte eine ausdrückliche allgemeine Ermächtigung des Reichskanzlers zur Veröffentlichung ihrer Schriften besitzen.
* Major v. Wißmann soll, wie die ,Danziger Zeitung' entgegen anderweiten Mittheilungen hört, mit Rücksicht auf feinen Gesundheitszustand von der Seeexpedition definitiv zurückgetreten sein, überhaupt jetzt auf die Führung jeder größeren afrikanischen Expedition verzichtet haben. Dagegen will er sich an der militärischen Aktion betheiligen, die England im Sommer von Suakin auf Berba und Andurman unternehmen will.
* Die Berufsgenossenschaften feiten, wie die ,B. P. R'. berichtet, gegenwärtig die Arbeiten zur Aufbringung der für das Jahr 1891 fällig gewordenen Beiträge der Betriebsunternehmer ein. Außer den von der Post verauslagten und sonstigen Entschädigungsbeträgen, sowie den Verwaltungskosten sind hauptsächlich auch die Zuschläge für Bildung des Reservefonds zu decken. Die letzteren betragen für das Jahr 1891 60 Prozent der Entschädigungsbeträge. Von nun an vermindern sich diese Zuschläge von Jahr zu Jahr um 10 Prozent. Sie werden zum letztenmale für das Jahr 1896 in Höhe von 10 Prozent ber Entschäbigungen erhoben werben. Diejenigen Berufsgenosfenschaften, welche dann bereits einen ^Reservefonds angefammelt haben werden, welcher ihren doppelten Jahresbedarf erreicht, werden von 1897 an die Zinsen des Reservefonds zur Deckung der Genossenschaftslasten verwenden können.
* Wie die .Schlesische Ztg,' erfährt, wird gegenwärtig an maßgebender Stelle die allgemeine Einführung der Todtenschau für den preußischen Staat erwogen. Zu diesem Zweck find Voruntersuchungen an- geordnet worden, welche namentlich über die Frage Licht verbreiten sollen, ob es möglich sein wird, überall auch in sehr schwach bevölkerten Gegenden die obligatorische Todtenschau in jedem Falle sicher durchzuführen, sowie über die weitere Frage, wie hoch sich die aus ber Maßregel erwachsenden Kosten belaufen dürften und auf welche Weise für dieselben Deckung zu suchen sein würde.
* Magdeburg, 8. Jan. Der sozial-demokratische Agitator Leichtenrath ist wegen Meineids verhaftet worden.
* Wie aus Bochum gemeldet wird, wendet sich die Anklage in dem vielbesprochenen Stempelprozeß gegen 40 Angeklagte. Die Ladung von 100 Zeugen wirb sich als nothwenbig machen. Termin in biesem großen Prozeß wird wahrscheinlich gegen Ende Februar angesetzt.
* Mainz, 8. Jan. Die hiesigen „Englischen Fräulein" haben von der Preußischen Regierung die Erlaubniß erhalten, eine Lehr-Erziehungsanstalt in Wiesbaden zu errichten; der in verschiedenen Blättern mitgetheilte Beschluß der Wiesbadener Schuldeputation, welche sich gegen die Errichtung einer römisch-katholischen „Klosterfchule" ausgesprochen habe, dürfte daher wenig Erfolg haben.
* Der Landesausschuß für Elsaß-Lothringen ist zum 28. Jcmyar nach Straßburg einberufen.
Ausland.
* Die ungarische Refaktien-Angelegenheit will immer noch nicht zur Ruhe kommen; auch heute liegt wieder eine Anzahl Nachrichten darüber vor, ohne jedoch die Frage klar zu stellen. So soll ein hochstehender Beamter des ungarischen Händelsamtes einem Redakteur des ,Neuen Wiener Tageblatt' erklärt haben: Der Lärm der deutschen Blätter über die ungarischen Refaktienverträge sei unnöthig. Nach dem Jnslebentreten der Berner Konvention seien alle geheimen ungarischen Tarifverträge pudlizirt worden. Aus der ungarischen Staatsbahn gäbe es übrigens solche Verträge nicht mehr, sondern nur Prämien für den Sammelverkehr. Obwohl letztere mit ber Tarispolitik gar nicht zu-