6 Samstag, den 9. Januar 1892. 19. Jahrgang
t„ **§**“* täglich, Sonn« und Festtage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, tdieeteljahrucher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Stcrne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage .Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts l Mark 50 Pfennig.
iildaer
♦ Das Geheimnis der „Eisernen Maske" beschäftigte am vorletzten Sonntag in Berlin eine sozialdemokratisch, fast ausschließlich aus Anhängern der Opposition bestehende Versammlung. Die „eiserne Maske" hat bekanntlich eine Menge „Genossen" im „Sozialdemokrat" verdächtigt, ohne daß diese sich rechtfertigen konnten und ohne daß sie wußten, wer die „eiserne Maske" eigentlich war. Nicht einmal die sozialdemokratische Parteileitung weiß das anzugeben. Die Redaktion des „Sozialdemokrat" erklärte einmal, hinter der „eisernen Maske" verberge sich ein höherer Polizeibeamter, dem alle Akten zugänglich seien. Dieser höhere Polizeibeamter hätte kein anderer sein können, als der damalige Chef der politischen Polizei, der Polizeidirektor Krüger. Es ist aber nicht glaubhaft, daß Polizeidirektor Krüger sich von der Sozialdemokratie hat kaufen lassen. Die Fabel von dem „höheren Polizeibeamten" wurde auch später widerrufen und gesagt: Hinter der „eisernen Maske" steht die Frau eines Parteigenossen, die bei der politischen Polizei als Aufwärterin beschäftigt ist. Das Schlimme an der ganzen Sache war, daß eine große Anzahl von Parteigenossen als Spitzel gebrand- markk wurden, ohne daß dieselben irgend etwas dagegen thun konnten.
Auf dem Haller Parteitage wurde den Verdächtigten die Rechtfertigung ebenfalls abgeschnitten; die Führer behaupteten, sie kännten die „eiserne Maske" selbst nicht. In der Versammlung erfuhr das Treiben der „eisernen Maske" eine scharfe Verurtheilung.
Hinter derselben ständen bloß einige Schmarotzer, die sofort in Thätigkeit träten, wenn ein Arbeiter eine selbständige Meinung zu haben wagte oder irgend einer Parteiautorität nicht die genügende Hochachtung bezeuge, so behauptet der Einberufer der Versammlung, der bekannte Schriftsteller Karl Schneidt. Ein anderer Redner warnte die Arbeiter, der Partei noch ferner ihre Groschen zuzuwenden, von denen die Führer doch nur große Feste feierten. Ein dritter versicherte, er kenne keine schmutzigere Partei als die Sozialdemokratie, die keinen Sü uß Pulver werth sei. Auer und Fischer hätten, als eine Anzahl Genossen einen Beweis für die Schuld eines als Spitzel verdächtigten Kreuz verlangten, geantwortet: „Kreuz ist Spitzel, weil seine Nase etwas zu lang ist." So verfahre die sozialdemokratische Parteileitung mit den Arbeitern. Er habe deshalb dieser morschen Partei den Rücken gekehrt. Restaurateur Langer aus Rummelsburg erklärte, er sei von der „eisernen Maske" verdächtigt worden, weil er 1887 zu Singer gesagt, der 4. Berliner Wahlkreis sei nicht erblich für ihn, er gehöre eigentlich in den 5., in dem die Juden wohnen; im 4. könne man einen Arbeiter wählen. Die Partei müsse, meinte Langer, übrigens Leute wie Singer haben, da dieser nicht bloß selbst einen großen Geldbeutel besitze, sondern auch noch von anderer, n icht sozialdemokratischer Seite der Partei Geld zu- sühre. Es ist dies offenbar ein Hinweis auf die Juden. Daß chatsächlich zwischen diesen und der
5 Das Mettenglöcklein.
Bon Erich Krafft.
(Schluß.)
Aber es brachte auch den Todmatten zum Erwachen und zu neuem Leben. Mir dem Aufgebote der letzten Kräft sprang Wilhelm auf die Füße. Ein leiser Freudenschrei zitterte aus seinem Busen, als er unfern von sich auch verschiedene Lichter in 'rascher Aufeinanderfolge aufflackern sah. Ja, das waren Lichter, die von Menschenhänden angesteckt worden! Menschen waren in der Nähe, Menschen und Hilfe, Menschen und Rettung!
Die Aufregung und Hoffnung verliehen den Nerven und Sehnen des Gymnasiasten noch einmal einige Spannkraft. In krankhafter Erregung hastete er auf den Lichtschein zu. Bald hoben sich die Umrisse eines Kirchleins auf dem Schneefelde deutlich heraus, bald mischten sich in die Töne des Glöckieins singende Menlchenstimmen. Wie Klänge aus dem seligen Jen- däuchten Wnhelm diese Laute, wie himmlische Musik umschmeichelten sie sein Gehör. Keuchend und zitternd war er endlich in die unmittelbare Nähe des Gotteshauses gelangt. Die Thür desselben stand offen: Kerzenglanz strahlte dem Armen daraus entgegen, Tannendust wirbelte, vermischt mit Weihrauchwohl-
Sozialdemokratie irgend ein Zusammenhang bestehen muß, geht schon daraus hervor, daß die Sozialdemo- kraüe die Juden stets gegen alle Angriffe in Schutz nimmt. Von Liebknecht behauptet Langer, dieser habe für die Berliner Arbeiterbewegung nichts gethan und möge sich in seinem sächsischen Wahlkreis aufftellen lassen. Eine Frau Pottnig enzählte, wie ihr Mann von dem ehemaligen Stadtverordneten Ewald als Spitzel verdächtigt worben sei, weil er, aus Berlin ausgewiesen, in Brandenburg von dem Gelde seiner Mutter ein Cigarren - und Barbiergeschäft errichten wollte, während Ewald mit dem Geld der Partei ein solches errichtet hatte und die Konkurrenz fürchtete. Ewald habe ihrem Manne zunächst in Güte davon abgerathen. Da dies aber nichts ftuchtete, habe Ewald an die Redaktion des Sozialdemokrat' geschrieben; er halte den Pottnig für einen Polizei- Spion , er traute ihm sogar noch etwas Schlimmeres zu, er sei der Meinung, er sei Anarchist. Für Grillenberger seien einmal in Berlin 500 Mark und in Brandenburg 400 Mark gesammelt worden, weil er am Rande des Bankrotts stehe und eventuell sein Mandat niederlegen müsse. Als der Bettelsack auch in Magdeburg geschwungen wurde, habe man erfahren, daß er gar nicht Bankerott machen könne, da hinter der Frau Wörlein und Co. lediglich seine Frau stehe. Die Genossen, die die Wahrheit feststellten, seien natürlich verdächtigt worden. Schriftsetzer Baikowski meinte, hinter der „eisernen Maske" stehe der Partei- Sekretär Fischer, der seine Tochter am katholischen Religionsunterricht theilnehmen und alle seine Kinder habe taufen lassen.
In einer am letzten Sonntag abgehaltenen weiteren Versammlung der sozialdemokratischen Opposition stand wieder die „eiserne Maske" auf der Tagesordnung: Etwa 500 Frauen und Männer waren anwesend. Die „eiserne Maske", darauf liefen alle Enthüllungen hinaus, sei als ein Gespenst aufgesteckt worden, um die Parteigenossen einzuschüchtern und den Führern um so größere Macht über die Genossen zu verschaffen. Unter der Verdächtigung der Polizeispitzelei feien so und so viele Genossen an dm Bettelstab gebracht worden und zu Grunde gegangen, ohne daß handgreifliche Beweise für die Verdächtigungen beigebracht worden seien. Mit einem dreifachen Hoch auf die Idee des revolutionären Sozialismus schloß die Versammlung.
Deutsches Keich.
Berlin, 7. Januar.
* Der Kaiser und die Kaiserin besuchten am heutigen Todestage der Kaiserin Augusta das Mausoleum zu Charlottenburg und legten hier Kränze nieder. Auch die Kaiserin Friedrich weilte am Sarge der tobten Kaiserin. Die Großherzogin von Baben, welche ver- hinbert war, nach Berlin zu kommen, hatte gleichfalls einen prachtvollen Kranz am Sarkophage ihrer erlauchten Mutter nieberlegen lassen.
* An ben europäischen Börsen ist toieber bie Rebe
gerüchen, zu seiner Nase empor unb verlieh ihm bie letzte Kraft, ben Gottestempel zu betreten.
Noch sah er, wie ein ehrwürdiger, schneeweiß gelockter Priester am Altäre fungirte, wie viele Christen in tiefer Andacht auf den Kuieen lagen und ehrfurchtsvoll zu der Weihnachtskrippe aufblickten, die auf der linken Seite des Chores aufgestellt war; noch klangen die süßen Laute des herzinnigen Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht," das nunmehr die Gemeinde anhub, an sein Ohr — da umnebelten sich seine Sinne. Es flimmerte ihm vor ben Augen, wie leblos sank er in einen Betstuhl nieder.
„Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht Nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar Schlaf' in himmlischer Ruh'!" sangen die Andächtigen. Wilhelm hörte ben Gesang nur mehr halb. „Schlaf in himmlischer Ruh'!"--
Das waren seine letzten Gedanken, die durch sein gemartertes Gehirn zogen. Dann hörte er auf zu sinnen unb zu empfinden: Eine Ohnmacht umnachrete das Geistesleben des Armen und entrückte ihn für einige Zeit ben Leiden und Freuden der Erde. — — — —
Als der Primaner erwachte, lag er, wohl gebettet auf Ruhekissen, auf einem Sopha, das sich in einem behaglich ausgestatteten Zimmer befand. Vor ihm saß
von einer neuen Anleihe, welche Rußland in Frankreich zu machen gedenkt. Der Betrag derselben wird mit 1 Milliarde nominell angegeben. Ob Rußland damit mehr Glück haben wird, wie mit der vorigen Anleihe, steht dahin. Wenn das so fortgeht, kommt Frankreich die russische Freundschaft noch theurer zu stehen, wie der letzte Krieg mit Deutschland.
* Der Bundesrath hielt heute eine Sitzung ab, auf deren Tagesordnung u. A. der Ansschußantrag zu dem Gesetzentwurf, betr. die Bekämpfung des Mißbrauchs geistiger Getränke stand.
* In Berlin finden z. Z. amtliche Vorberathungen zur Ausarbeitung eines deutschen Reichs-Auswanderungs-Gesetzes statt.
* Pastor Witte, bekannt durch feinen Prozeß mit Hofprediger a. D. Stöcker, ist infolge Zwistigkeiten mit feinen Gerneindeorganen durch das Konsistorium vorn Amte fuspendirt worden.
* Auf dem Umwege über Rom kommt bie Nachricht von einer aufständischen Bewegung in Ostafrika. Es wird nämlich der Hoss. Ztg.' depeschirt: Laut Meldung des italienischen Konsuls in Sansibar beschränkt sich die aufständische Bewegung in Deutsch- Ostaftika auf wenige Küstenstamme. Im italienischen Schutzgebiete an der Somaliküste herrscht volle Ruhe; in Bagamoyo ist ruhiger Verkehr.
* Der Landrath des Kreises Teltow, Stubenrauch, hat wegen der Seitens des Regierungspräsibenten zu Potsdam erfolgten Aufhebung feiner BUnordnung für die südlichen Vororte Berlins um Enthebung von seinem Amte gebeten.
* Von den 193,318 Rekruten, welche im Ersatz- Jahre 1890/91 in die deutsche Armee bezw. in die deutsche Marine eingestellt wurden, hatten 187,996 Schulbildung m deutscher Sprache, 4287 Schulbildung nur in fremder Sprache und 1035 waren ohne Schulbildung, d. h. konnten weder lesen, noch ihren Namen schreiben. Der Prozentsatz der Analphabeten ist feit dem Erfatz-Jahr 1875/76 bis zum Ersatz-Jahre 1889/90 von 2,37 auf 0,51 gesunken, 1890/91 betrug derselbe 0,54.
* Der ehemalige preußische Artillerie-Hauptmann Emil Küruer, der 1885 als Lehrer der Artillerie- Wissenschaft und Taktik nach Chile engagirt worden war, ist von dem neuen Präsidenten Chile's unter einstimmiger Zustimmung des Senats zum Brigade-General ernannt worden.
* Posen, 5. Jan. Wie der ,Kur. Pozn.' meldet, findet die Konsekration des Erzbischofs von Stablewski in Gnesen am 17., der feierliche Einzug in Posen am 20. d. M. statt.
* Hildesheim, 7. Jan. Das Endergebniß der Reichstagswahl im Wahlkreise Hildesheim weist für den Nationalliberalen Sander 11,217, für den CentrumS-Kandidaten Bauermeister 8338 Stimmen auf.
* Ans München, 9. Jan., wirb dem ,Fränk. Vbl.' geschrieben: Der Konkurs bes früheren Hanbels- rebakteurs beim ,Frbdl.', Eugen Pfleiberer, wird in der „Provinz" wohl einiges Aufsehen erregt haben, hier in München jedoch konnte bie Thatsache nicht der ehrwürdige Priester, den er in dem Kirchlein wahrgenommen. Kaum halte dieser bemerkt, baß Wilhelm bie Augen aufschlug, als er schleunigst einen Becher gewürzigen, warmen Weines herbeihotte unb ihn dem Kranken reichte. „Trinken Sie, mein Freund," nöthigte er liebreich, „der Trunk wird Ihnen gut thun."
Wilhelm schlürfte das erquickende Naß in vollen Zügen.
„Wo bin ich?" fragte er dann mit matter Stimme, indem er dankend den Becher zurückgab.
„Im'Pfarrhanfe zu I," erwiederte der freundliche Greis. „Nach der Christmette fand Sie mein Küster ohnmächtig in einem Betstühle. Ich ließ Sie hierher bringen und bemühte mich. Sie in's Leben zurückzu- rufen. Gott fei Tank, daß es mir gelungen!"
Ein heißer Dankesblick ans den Augen des jungen Menschen lohnte den Pfarrhirrn für seine milde That.
„Woher kommen Sie denn eigentlich, unb wie ist Ihr Name?" fuhr der Seelsorger fort.
„Ich bin Oberprimaner des Gymnasiums zu M. und wölbe in die Werhnachtsferien gehen zu meiner Mutter unb Schwester. Unterwegs ging ich irre unb wäre sicher elendiglich erfroren, wenn mich nicht das Mettengeläute Ihres Kirchleins hierher geleitet hätte. Ich heiße Wilhelm Mahlert."
„Wilhelm Mahlert?" rief der Pfarrer im Ton