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Dienstag den 5. Januar 1892.

19. Fahr gang

™ Rathgeber für Landwirtbschaft, Gartenbau und Hauswesen in Fulda und auswärts 1 Mark oO Pfennig.

A- Zur sozialdemokratischen Landagitation.

Von verschiedenen Seiten kommen Meldungen, daß die Herren Sozialdemokraten auf dem platten Lande, sowohl in katholischen wie protestantischen Gegenden ihre Agitation mehr und mehr zu entfalten beginnen. Im südlichen Münsterlande sind diese Sendlinge mehr­fach aufgetaucht und haben in der gewohnten Manier ihre Weisheit in den Wirthschaften privatim zum Besten gegeben, ohne daß man anscheinend dafür empfänglich gewesen ist; auch die sozialdemokratische Literatur — abgestandene Broschüren und bereits gelesene Zeitungen — hat bei den Bauern alles eher als Geschmack ge­funden, an Versammlungen denkt man nur in Ort­schaften, welche unmittelbar an das Jndustrierevier grenzen und auch dort müsfen sich die „Eintreiber" — um einen deutschen Ausdruck zu gebrauchen — meist sagen, daß man nicht mehr als nichts von ihnen wissen will. Im Minden-Ravensbergischen ist die Agitation eine sehr rührige, aber die Erfolge scheinen wenig den Erwartungen zu entsprechen, wenigstens hört man eine gewisse elegische Stimmung aus der örtlichen Partei­presse heraus. — In der Provinz Sachsen scheint der Erfolg verschiedenartig zu sein, vielleicht je nachdem die in Angriff genommenen Orte größeren Industrie­städten mehr oder weniger nahe liegen. Aus einem ländlichen Kreise der Provinz Sachsen schrieb man der ,Kreuzztg.' vor einiger Zeit:

„Hier tagte eine Konferenz der Elementarlehrer der Um­hegend. In dieser wurde neben anderen, die Schule betreffenden Zeitfragen auch die Frage erörtert, wie von Seiten der Schule dem in hiesiger Gegend immer größeren Umsichgreifen der Sozial­demokratie unter der Landbevölkerung wirksam entgegengetreten werden könne. Einer der bei der Konferenz zugegen gewesenen Landpfarrer nun, welche eben ein gleichmäßiges Vorgehen anzu­streben suchten, erzählte mir, daß von der Lehrerschast allgemein erklärt worden sei, es sei ganz unmöglich, vor den Kindern in der Schule das verderbliche Treiben der Sozialdemokratie zu erörtern, da man bei der kleinsten tadelnden Bemerkung, ja bei Nennung des Wortes „Sozialdemokratie" in abfälligem Tone, ohne die geringste Spitze gegen diesen oder jenen etwa in der Gemeinde wohnenden Hausvater, später, wie es dem Lehrer er­gangen sei, von diesen erzürnten Vätern zur Rechenschaft ge­zogen und gründlich „verhauen" zu werden riskire."

Ob die betr. Lehrer mit ihrem Verfahren, den Schulkindern direkt Vorträge gegen die Sozialdemo­kratie zu halten, recht gehandelt haben, wollen wir nicht -entscheiden, wenigstens dürfte ein solches Verfahren nicht Das von der Schulbehörde beabsichtigte sein. — Ander­wärts in der Provinz Sachsen machen die Eintreiber wechselnde Erfahrungen, wie aus folgender Aeußerung der Magdeburger sozialdemokratischen ,Volksstimme' hervorgeht, die der .Vorwärts „beachtenswerth" findet:

„Bei der Agitation wird auch sehr häufig von den Partei- .henoffen selbst gesündigt. So eine Agitationsreise ist ein ernstes Geschäft. In drei auseinander folgenden Häusern kann man hinter einander freundlichem Entgegenkommen, mißtrauischer Verschlossenheit und offen zur Schau getragener Erbitterung gegen die Sozialdemokratie begegnen. In diesen wechselnden Situationen nach den besonderen Umständen ein besonderes Be­nehmen zur Schau tragen, ist eine mißliche Sache und jedenfalls

G alte Kansierherrlichkeit!

Einem alten Korrespondenten, dessen poetische Ader durch den Sturm der Zeiten thurmhoch oder bergetief, wie man will, verschüttet war, hat die röhrenbrunnen­mäßige Redseligkeit des Einsiedlers im Sachsenwalde Derart das biedere Gemüth aufgewühlt, daß er sich in diesen Tagen mit einem kühnen salto mortale auf den Degasus geschwungen und mit ihm einen Ritt nach Arkadien gewagt hat, um dort seine tief elegische Stim­mung in irgend einer Schäferei loszuwerden. Es ist ihm dies leider auch geglückt und will er nun partout sein Poem an die OeffenÜichkeit bringen. Da alle Gründe der Politik und Nächstenliebe, die gegen ein so ver­wegene-Unternehmen vorgebracht werden konnten, ihm keinen Eindruck gemacht, so lassen wir hier sein Opus folgen. Gott möge ihm die Verse verzeihen, die er verbrochen, namentlich was er bezüglich „Vaters Ochsen", Der „Bochumer Schienen" und des „Stiefeltrittes" ge­frevelt! Er versichert indessen hoch und theuer, daß fein Vater nie einen Ochsen im Hause gehabt, daß er felbst nie mit Wissen eine Bochumer Schiene gesehen, und noch viel weniger geliefert, und daß auch nie des .alten'Kanzlers Stiefel mit „seines Rückens breitestem Theile" in irgend welche, wenn auch nur liebkosende Berührung gekommen, behauptet aber ebenso fest, daß der hohe Reichstag sich an den „väterlichen Ochsen" nicht stoßen werde, Bochumer „geflickte" Schienen ebenso wie er verabscheue, und sich gegenwärtig keinen „Stiefel-

für Leute, deren ganzes Thun und Lassen von der Ueberzengung diktirt wird, unwürdig. Da ist es denn das Gerathenste, jeder Behandlung würdig, fest und ruhig gegenüber zu treten, eine Mahnung, die besonders mit Rücksicht auf unsere jüngeren Ge­nossen nicht genug wiederholt werden kann. Der Landmann, wie die ländlichen Bewohner überhaupt^ pflegen nach dem Benehmen der Genossen ihre Schlüsse auf die Partei zu ziehen, weshalb es als eine doppelte Pflicht erscheint, das persönliche Benehmen mit der hohen Aufgabe, welche unserer Partei obliegt, in Einklang zu bringen."

Ja, wenn wir nur mit den „rohen Patronen unter den Bauern" — wie der .Vorwärts' sich ausdrückt — fertig werden könnte! Da scheint man, um noch eine Einzelheit anzuführen, in Bayern und zwar in der Nähe von Rosenheim die Sache „volksthümlicher" versucht zu haben. Man vertheilte nämlich ein Schrift- chen mit dem Titel „Für Wahrheit, Freiheit und Recht" oflenbar, damit der Bauer sich durch die Cen­trumsdevise angezogen fühle und so unbemerkt die sozialistische Lehre in sich aufnähme. Zur besferen Wirkung war das Heftchen auch noch in bayerischem Dialekt geschrieben, allerdings in einem schauderhaften „Altbayerisch". Der Inhalt erhob sich nicht über das gewöhnliche Geschwätz ver Eintreiber, der „Bauer", welcher zu den Bauern redete, wußte zunächst nur als erstes Gebot vorzubringen, man solle auf Niemand hören, als nur auf die guten Sozialdemokraten, aber beileibe nicht auf den Pfarrer oder Kooperator; daß die Sozialdemokraten „theilen" wollten, sei gar nicht wahr, vielmehr arbeiteten diese „ganz nach dem Ge­setz", die Religion sei ihnen „Herzenssache", man könne Sozialdemokrat sein und doch „zur Kirche halten"; auch von Abschaffung der Ehe sei keine Rede, viel­mehr wurde betont, daß ,,d' Sozialdemokraten im Reichstage rechtschaffen verheirathete Leut' sind und Weiber und Kinder haben, gerad' wie „wir" auch." Eine Wirkung hatte der papierene Apostel natürlich nicht, aber für die „Ehrlichkeit" der Sozialdemokratie bietet er ein neues Beispiel.

M Was die Sozialdemokratie in der That dem Bauern­stände zugedacht hat, geht aus einer Auslassung des Parteimonileurs ,Vorwärts' Nr. 286 vom 6. Dezember, 2. Beilage hervor. Dort bemerkt die Redaktion:

Wer dem Bauer Weismachen kann, daß sein wirthschaft- liches Heil iu der Zerschlagung der großen Güter in eine Menge kleiner Güter bestehe, der muß wenigstens theoretisch mit dem Güterschlächter auf einer Stufe stehen. Daß der mittlere und kleine Bauer den Großgrundbesitzer als seinen wirthschastlichen und politischen Gegner betrachtet, ist vernünftig; daß er dem­selben aber den größeren Besitz neidet, weil er ihn nicht hat und nur selber haben will, muß Jeden kalt lassen. Ebensowenig wie es uns einfallen könnte, den Proletarier der Städte zum Hausbesitzer zu machen ober solchen Wünschen Vorschub zu leisten, ebensowenig kann es uns in den Sinn kommen, denPrivateigenthums-Bestrebungender Bauern auf Grund und Boden irgendwie förder­lich zu sein. Die Erde gehört nicht den Bauern, sondern allen Menschen; privates Eigenthum an Grund und Boden ist Niemandem zuzubilligen. Das Privateigenthum an Grund und Boden nützt auch dem Bauern in her Zeit der Geldwirthschaft nichts mehr, wenn er Klein- ober mittlerer Besitzer ist. Er bleibt Sklave des Kapitals.

tritt" mehr gefallen lasse. Mögen denn seine elegischen Gefühle in der bleiernen Form die schwarze Druckwalze über sich rollm lassen. Es gibt eben Augenblicke im menschlichen Leben, in welchen die „Gefühle", um mit Schiller zu reden, gleichwie „ein Regenstrom aus Felsen­riffen mit Donners Ungestüm" aus des Herzens ge­borstenen Tiefen „kommen", wenngleich wir, um der Wahrhett die Ehre zu geben, darauf aufmerksam machen müssen, daß in der nachstehenden Elegie weder von „Donner" noch von „Ungestüm" etwas zu verspüren ist, und weder „Bergtrümmer ihren Güssen folgen", noch „Eichen unter ihr stürzen", wie sich daS ja auch für eine richtige Elegie geziemt. Man höre also:

O alte Kanzlerherrlichkeit, wohin bist du verschwunden? Du bist vorüber, große Zeit, so frei und ungebunden. Vergebens spähet Er umher, und findet deine Spur nicht mehr. O jerum, jerum, jerum — o quae mutatio rerum!

Wo ist Er, der vom Bund'srathstisch zur Rechten und zur Linken,

Wenn drohend Er die Glatze strich, die Treuen um sah sinken? E r zog sich mit verdross'nem Blick in seinen Sachsxmvald zurück. O jerum 20.

Die Mannesseelen, so geschickt, den Stock zu überspringen, Die angstvoll stets nach Ihm geblickt, sein Lächeln zu erringen: Sie trollten mit gesenktem Blick zu Vaters Ochsen sich zurück. O jerum re.

Da pflanzt mit finst'rem Angesicht der Eine Rüb' und Bahnen, Der Andere sitzt am Landgericht und der schreibt Rezensionen; Der flickt Bochumer Schienen aus, und der grollt stumm in seinem Haus.

0 jerum re.

Diesen Ausspruch des offiziellen sozialdemokratischen Organs mögen die Landwirthe, insbesondere die länd­lichen Arbeiter, welche wissen, daß der eigene Herd Goldes werth ist, sich merken, sie wissen dann, was es mit den schönen Worten der sozialdemokratischen Agita­toren für eine Bewandtniß hat.

Deutsches Keich.

Berlin, 2. Januar.

* Eine recht interessante Erklärung dafür, was bie Sozialdemotraten unter dem bekannten Satze Religion ist Privatsache verstehen, liegt in zwei der ange­sehensten sozialdemokratischen Parteiblätter vor. Die Münchener Post' schreibt in einem Weihnachtsartikel: „Thörichter Wahn und fratzenhafter Aber­glaube, lügnerische Ueberlieserung und tyrannische Autorität breiten über das Men­schenleben den dichten Schleier der Unfreiheit und Ge­dankenlosigkeit .... Die ganze christgläubige Menge vereinigt sich an dem heutigen Tage, um einen Ge­burtstag festlich zu begehen: ja er ist es werth, dieser Jesus, den man den Sohn Gottes nennt, und der doch größer ist, wenn er nur ein Mensch war, dieser verachtete Nazarener, der durch die Macht seiner Idee die Welt besiegte, er ist es werth, daß man seiner heute noch gedenkt. Was Alles die Jahrhunderte in seinem Namen gesündigt und ge­schändet haben, sein Bild strahlt rein auf uns herab: ein Menschenfreund von gewaltiger Liebe im Herzen, der auch den verachtetsten Proletarier an seinen Busen zog und zu ihm sprach: „Du bist mein Bruder, denn du bist ein Mensch." — Die .Sächsische Arbeiter- Zeitung' schreibt: „Was verstehen die Konservativen unter Christenthum? Meinen sie den gesammtenWust altpalästinensischen Aberglaubens, der die Bibel in ihrem größtep Theile ansfüllt? Gehört es zum Christenthum, an alte Märchen und Para­beln zu glauben, die längst durch die Naturerkennt- niß als widersinnig, als Phantasieen un­wissender Menschen erwiesen worden sind? Ist es erforderlich, alle die Gebräuche und Unsitten, die in der asiatischen Barbarei ihren Ursprung haben, mitzu­machen? Müssen die Menschen am Ende des neun­zehnten Jahrhunderts Gebete sprechen, Messen besuchen, Ceremonien aller Art mitmachen, zu Ehren einer Gottheit, die, wenn sie existirte, alle solche Verrich­tungen für jämmerliche Hohlheiten erachten würde? Es scheint fast, als ob die Konservativen gerade nur solche Leute, die diesen thörichten, äußerlichen Kram, dies abergläubische Blendwerk, gut nur zur Verdummung der Volksmassen, zur Ent­weihung der besten Triebe im Menschen achten und vollführen, als wahrhafte Stützen und Säulen der modernen Gesellschaft ansehen." — Die Feder sträubt sich derartige Blasphemien niederschreiben. Wenn die sozialdemokratische Presse sich jetzt schon nicht entblödet,

Des Reiches Düngerwagen fährt jetzt fröhlich jtontrebanbe; Caprivi sich um Ihn nicht schert, Er kommt aus Rand und Bande.

Doch ob Er grollt, und ob Er droht: es macht das weiter w Niemand Roth.

0 jerum re.

Er, dem kein Reichstag imponirt, dem jeder hat pariret, Klagt, daß der Reichstag abbicirt, well er nicht resistiret, llnb keines Rückens breite Mitt' sich bietet feinem Stieseltritt, 0 jerum re.

Er redet viel die Kreuz und Quer, wie Er des Dienst's ent­lassen;

Daß ohne Ihn es geht noch mehr, das kann Er nicht erfassen, E r späht nach allen Seiten aus; doch nirgends zeigt ’nen Riß das Haus.

O jerum re.

Heut' streichelt E r den nord'schen Bar, gen Oestreich brummt

Er morgen,

Daß freier Handel und Verkehr, das macht Ihm grimme Sorgen.

Er haut auf feine Werke los, die einst Er sand so schön und groß.

O jerum re.

Mein der neue Kurs, der will dem alten nimmer weichen, Des Reiches Wagen hält nicht still, Er kann ihn nicht erreichen. So läuft der Alte Tag um Tag dem Wagen grimmig polternd nach.

0 jerum re.

D'rum Freunde'. haltet Ihn'beim Schopf, daß Er bei Äthern bleibe;

Es wäre schad' um feinen Kopf. Seh' Jeder, wie er's treibe! Klingt an und hebt die Gläser hoch, der neue Kanzler lebe hoch! Prost! auch dem grimmen alten.