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Freitag den 31. Dezember 1897

24. JahrgMg

FutdaerMZertung

Erscheint täglich, m. Ausnahme der Sonn- und Feier­tage, Vierreljälnl. §e jitgeprtiä ohueBri gerlohn und B, st< llgeld in Fnlva und aus­wärts 1M. 50 Pf.

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mit NnlerHaklungs-Aeikage „Illustrirte Sonntags-Ieitung" Bru<t

+ Bum neuen Jahre.

Wie ein sorgsamer Kaufmann zum Schluffe eines Jahres seine Einnahmen und Ausgaben genau berechnet und mit einander vergleicht, so ist es auch in anderen Dingen für jeden Menschen gut und heilsam, beim Jahreswechsel Soll und Haben gegenüber zu stellen und aus der Bilanz die Richtschnur seines ferneren Verhaltens zu ent­nehmen. Das gilt zunächst in religiöser Be­ziehung. Mag es auch, wie wir Jedem wün­schen, an der täglichen Gewissenserforschung nicht fehlen, fo kann doch auch eine summarische Er­forschung vonHerz und Nieren, so eine Art inner­liche Generalbeichte sür's Jahr beim Jahreswechsel ganz gewiß keinem von uns schaden. Deswegen braucht man kein Kopfhänger zu sein und harm­loser Freude im Kreise der Seinen nicht aus­weichen; aber vorher, bitte, eine ehrliche Selbst­prüfung -- dann wird mancher Katzenjammer erspart bleiben. Und beim nächsten Jahreswechsel dürfen wir uns dann vielleicht mit Freude ge­stehen, daß wir mit Gottes Hilfe ein ganz Theü vorgeschritten sind auf dem Wege nach der Voll­kommenheit, daß wir bessere Hausväter oder liebe­vollere Hausmütter, dankbarere Kinder, uneigen­nützigere Freunde, barmherzigere Wohlthäter, neid­losere Armen, und dabei vor allen Dingen doch sehr viel bescheidener und trotz besseren Thuns weniger von unserer eigenen Tugendhaftigkeit über­zeugt geworden sind.

Aber auch in unserem Verhalten in benjemgen Beziehungen, in der wir als Glieder der Kirche, der Gesellschaft und des Staates gestellt sind, also sagen wir kurz, wenn auch nicht ganz umfassend: in unserem politischen Verhalten bedürfen wir von Zeit zu Zeit einer ernsten Gewissenserfor­schung, und auch dazu eignet sich der Jahres­wechsel ganz vorzüglich. Alle diese großen Ge­meinschaften, der wir von Natur und nach gött­lichem Rechte angehören und angehören müssen, stellen ihre besonderen, unabweislichen Anforde­rungen an uns, legen uns Pflichten auf, die in den 10 Geboten, in den Klrchengeboten und in den Paragraphen der Staatsgefetze keineswegs erschöpft sind. Die meisten Menschen vergessen aber fortgesetzt nur zu sehr, daß es mit dem bloßen Sichhüten vor Konflikten mit dem Straft gesetzbuche und mit dem Moralkodex nicht gethan ist, sondern daß sie allesammt ohne Ausnahme ver­pflichtet sind, nicht nur durch Vermeidung schuldhaf­ter Unterlassungen, sondern auch positiv durch die That, wie und wo es eben jeder vermag, das Wohl des Ganzen, dem er angehört, der Kirche und dem Staate wie der Gesellschaft, nach Kräften zu fördern. Für einen gläubigen Katholiken ist diese zusammen­gesetzte Aufgabe leichter, als für jeden andern zu lösen. Denn indem er treu und unerschütterlich zur Centrumsfahne hält und an den Bestrebungen des Centrums, so viel er kann, thätigen Antheil nimmt, erfüllt er zugleich auch am besten seine »Pflichten gegen Kirche, Staat und Gesellschaft, denn in den Zielen keiner Partei vereinigen sich die Interessen dieser verschiedenartigen Gemein­schaften in so harmonischer Weise, wie gerade in den Bestrebungen der Centrumspartei, welche bei vollster Wahrung der Rechte der Kirche eine Politik treibt, die zugleich wahrhaft staatserhal­tend ist und dabei die Inter, ssen der verschiedenen Stände in Gerechtigkeit und Liebe mit einander auszugleichen sucht, die überall nach dem Wohle des Ganzen strebt, treu dem Grundsätze: ..Das Wohl des Volkes ist das höchste Gesetz!"

Für diejenigen nun, die auf einer höheren Warte stehen, die mit größeren Aufgaben auch größere Pflichten übernommen haben, insbeson­dere die Volksvertreter in den Parlamenten und die Regierungen, ergibt sich nach dem Gesagten natürlich noch eine ganz besondere Ver­antwortung. Es läge nahe, zu prüfen, wie sie derselben im vergangenen Jahre gerecht geworden sind Und da gäbe es sicher Manches - ins­besondere für gewisse „maßgebende" Kreise und Persönlichkeiten —, was aus der Chronik des wahres 1897, wenn es möglich wäre, besser aus- astilot würde. Doch wir wollen heute und hier diele sehr nützliche und nothwendige Selbstprüfung

' ' sL Pa angeht, lieber nicht abnebmen, son- WWW* M°ch»° r« bSnta raenn fie mcht felhft b-> Z-ttm mit sich abrechnen, dermaleinst eine Abrechnung kommen ' c.JG» fiirfie ein Ende Mit Schrecken bedeutet.

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ein recht glückliches und gesegnetes neues IuHr!

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Das soziale Wirken des hl. Vaters.

(Schluß.)

Das Programm für das politische Verhalten des katholischen Bürgers und die christliche Ver- affung der Staaten entwickelt er in dem groß­artig angelegten Sendschreiben „Immoriale Bei“, welches gewissermaßen das Diuturnum ergänzt. Hier zeigt der hl. Vater, wie nicht nur die christ­liche Wahrheit von dem göttlichen Ursprünge der obrigkeitlichen Gewalt festzuhalten sei, sondern wie die christlichen Ideen alle Verhältnisse durch­dringen müssen. Die wahre christliche Freiheit im Gegensätze zu der falschen, vermeintlichen Freiheit des modernen Liberalismus schildert er in seiner Encyklika „Liberias“ vom 20. Juni 1888.

Doch alle diese Sendschreiben überragt die berühmte Encyklika vom 15. Mai 1891 „Kerum novarum“. In ihr faßt der hl. Vater alle eine früher ausgesprochenen, für unsere gesell- chaftlichen Verhältnisse so bedeutungsvollen Lehren zusammen, sie bildet den Höhepunkt der özialpolitischen Wirksamkeit Leo's XIII., der )ier die Grundlinien für eine den heutigen Ver- )ältnifsen entsprechende Sozialordnung über« >aupt gibt. Nach einer kurzen Einleitung über Irsache, Bedeutung und Ernst der Arbeiterfrage tritt diese Encyklika zunächst in einer längeren

ist der rechte Weg gezeigt, die Gefahr eines Ab­lenkens nach rechts und nach links signalisirt: das Gehenlaffen wird verurtheilt, aber auch die Allregiererei und der Uebergriff in Familie und persönliche Freiheit verworfen, der göttliche Ur­sprung und das göttliche Recht der Autorität gewahrt, aber auch die Unverlierbarkeit bei ihren Trägern verneint. 3. Als das eine große Heil­mittel, ohne welches alle anderen Mittel zur Heilung der sozialen Schäden eingreifende und dauernde Wirkung nie werden haben können, ist nachdrücklich und immer wieder bezeichnet: der aufrichtige Anschluß aller Klassen an Christus und seine Kirche.

„Wir wollen nur auf die dringende Noth- wendigkeit Hinweisen, daß die Gesellschaft wieder zurückkehre zu den wahren Prinzipien der Ord­nung, welche in so unkluger Weise verlassen und vernachlässigt sind. Durch dieses Verlassen wurde die friedliche Eintracht, auf welcher die Ruhe und das öffentliche Wohl beruht, unterbrochen zwischen Völkern und Souveränen, sowie zwischen den ver­schiedenen sozialen Schichten. Das religiöse Be­wußtsein und Pflichtgefühl sind geschwächt; da­gegen ist der Geist der Zügellosigkeit und der Unordnung, welcher selbst bis zur Anarchie und zur Zerstörung der sozialen Ordnung geht, stark geworden und hat eine weite Ausdehnung ge­wonnen. Das Nebel wächst maßlos und be-

. Seterskirche mit dem ^.terspkatze in Itom.

Ausführung den sozialistischen Lehren und Be­strebungen entgegen, um alsdann die positive Abhilfe in drei Abschnitten über die Aufgaben der Kirche, des Staates und der Einzelnen gegenüber der Arbeiterfrage, hier natürlich ins­besondere die Aufgaben der Arbeitgeber und Ar­beitnehmer selbst, darzulegen. In diesem epoche­machenden Schreiben tritt der Papst als Lehrer und mahnender Vater vor alle Welt, an alle wendet er sich, damit sie in ihrem Kreise schaffen und wirken und bessern und versöhnen.

Den Worten Leo's XII . entspricht auch die That. Er predigt nicht allein die Liebe, er spendet sie auch; ihm ist jeder gleich lieb, ob er nun im reichgeschmückten Hoskleide ober im schlichten Rocke des Arbeiters seinem Throne naht, ja wiederholt hat er es ausgesprochen, wie gern er besonders die Arbeiter um sich ver sammelt sieht, wie gern er die schwieligen Hände derselben drückt. Und wie oft hat der hl. Vater nicht seine väterliche Fürsorge für die Armen und Bedrückten kundgegeben, seine warme An- theilnahme für das Loos des arbeitenden Standes durch die That bekundet! Wir gedenken da gar nicht all' der Wohlfahrtseinrichtungen, die er als Bischof von Perugia für feine durch Revolution und Krieg heimgesuchten Diözesanen schuf, wir beschränken uns auf die Zeit seines ruhmreichen »Pontifikates und erinnern unter vielem Andern nur an das herzliche Schreiben, welches er an unseren jetzigen Kaiser richtete, als dieser die internationale Arbeiterkonferenz berief.

Unzählige soziale Thaten könnten wir an- führen, doch würde dies aus dem Rahmen un­serer Besprechung treten; wir beschränken uns hier auf die sozialpolitische Lehrlhätigkeit des hl. Vaters und fassen dieselbe mit P. Lehmkuhl dahin zusammen, daß er in folgenden Haupt­punkten erleuchtend und aufklärend gewirkt hat: 1. die grundstürzenden Irrlehren, welche für den »Bestand der ganzen menschlichen Gesellschaft ver- hängnißvoll werden, sind im Ganzen und im Einzelnen gebrandmarkt und bis in ihre eigent­lichsten Quellen hin verfolgt. 2. Den Bestreb­ungen und Grundsätzen christlicher Sozialpolitikei

schästigt ernstlich viele Staatsmänner, welche auf alle Weise die Gesellschaft fern zu halten suchen von dem verderbenbringenden Absturz und sie zurück­zuführen zur Wohlfahrt. Und das ist gut; denn man muß Widerstand leisten dem entfeffelten Strom, welcher Ruinen auf Ruinen haust. Aber Heil kann nicht kommen ohne die Kirche, ohne ihren Heilfamen Einfluß, da sie ja mit Sicherheit die Geister zur Wahrheit zu führen, die Seelen geneigt zu machen weiß für Tugend und Opfer. Weder die Strenge der Gesetze, noch die Härte der menschlichen Gerechtigkeit, noch die bewaffnete Macht sind ausreichend, die augenblickliche Ge­fahr zu beschwören, noch viel weniger, die Ge­sellschaft auf ihren natürlichen und festen Boden zu stellen. Nur die Religion kann helfen." So schrieb Leo XII!. in seinem bedeutsamen Erlaß vom 15. Juni 1887 an den neuen Staatssekretär Rampolla und kennzeichnete damit zugleich das Leitmotiv seiner sozialen Wirksamkeit, der er, wie »es in demselben Schreiben hieß, den Rest seines Lebens geweiht hat. Und in der That hat unser hl. Vater in den zehn Jahren, die seitdem ver­flossen sind, unablässig an diesem Plane gearbeitet, die christliche Weltanschauung in allen Kreisen der Gesellschaft zur Geltung zu bringen und dadurch zugleich auch die materielle Wohlfahrt der Menschen M fördern und zu heben.

Und der Himmel hat ihn unterstützt in diesem Werke. Langsam aber sicher bricht sich in immer weiteren Kreisen die Ueberzeugung Bahn, daß ohne Christenthum und lebendigen Glauben an eine Heilung unserer sozialen Schäden nicht zu denken ist; die christliche Sozialreform gewinnt täglich weiteren Boden, und nicht fern mehr ist die Zeit, in der die Welt die Hörsäle der glaubens­losen Vertreter materialistischer Wissenschaft ver­läßt und sich schaart um die Kanzel des weisesten aller sozialpolitischen Lehrer, um den Thron des hl. Vaters.

Eine alte Prophezeiung bezeichnet Leo XHI als lumen de coelo (Licht vom Himmel). Sie hat sich bewahrheitet, denn Leo XIII. durchdrang mit seinen Lehren als wahres lumen de coelo das Dunkel unserer sozialen Zustände.

Eine goldene That.

Vor etwa siebenzig Jahren fuhr eines Tages ein Wagen auf der Straße zwischen Anagni und Carpineto. Ein zart aussehender Knabe mit geisterhaftem Gesicht, das die Spuren einer eben iberftanbenen Krankheit trug, saß darin, und ihm zur Seite fein Erzieher. Als sie am Fuße des Berges angekommen waren, bemerkten sie einen armen Kleinen in Hirtenkleidern, über und über mit Staub bedeckt und bitterlich weinend wie in großer Noth Kein Wunder, denn einer seiner lackten Füße war stark angeschwollen und das Blut lief daran herunter. Der Wagen kam zu ihm, und als die Pferde angehalten hatten, sprang der Knabe schnell heraus und bat den kleinen Hirten, ihm den Grund seiner Noth zu klagen. Der Un­glückliche erwiderte, er fei von einem Milchwagen überfahren worden und der Fuhrmann fei davon geeilt, ohne anzuhalten oder sich um ihn zu Ämmern. „Und ich kann nicht mehr weiter gehen," sagte er, „mein Fuß ist so arg verletzt."

Der Knabe, Sprosse eines adeligen Hauses, war tief gerührt vor Mitleid, und eilig bahnt er sich durch das Gestrüpp den Weg zum nahen Bach, schöpft Waffer und bringt es dem Ver­wundeten, daß er trinke; dann wäscht er dessen wunden Fuß und bindet fein feines Taschentuch darum. „Wo wohnst Du?" fragte er. Der Hirtenknabe zeigte auf ein Dörflein hoch am Berge oben. „Dahin kannst Du allein nicht kommen," ägte der kleine Samaritan. „Ich will Dich mit mir nach Carpineto nehmen, wo Dein Fuß ge­hörig gepflegt wird." Der Verwundete bezeugte reudig feine Dankbarkeit und wurde in den Wagen gehoben.

„Aber Joachim, was machst Du da?" fragte ihn jetzt verwundert der Erzieher. „Ich thue, was wohl jeder Christ auch thun würde. Können wir den armen, verwundeten Kleinen hier am Wege liegen lassen?" „Aber was werden Deine Eltern sagen?" „Was können sie sagen, als daß ich recht gethan? Ist es denn so etwas Außergewöhnliches, einem, der leidet, zu Helsen?" Der Erzieher war zufrieden. Er klopfte ihm freundlich auf die Schulter, und der Wagen fuhr seines Weges.

Als sie heimkamen, war feine Mutter selbst­verständlich über den zerlumpten und schmutzigen Gast, den ihr Sohn da brachte, höchst verwundert. Doch nicht lange; denn als sie den Hergang er­fahren und den Ausdruck der Dankbarkeit auf dem Gesichte des verunglückten Kleinen bemerkt hatte, da zögerte sie keinen Augenblick und schickte sofort nach dem eigenen Hausarzte, der die Pflege des verletzten Fußes übernahm. Joachims Ant­litz strahlte vor Freude. „Habe ich recht gethan, Mutter?" fragte er jetzt. „Mein Kind, Du konntest nicht besser handeln," gab sie jetzt zur Antwort und drückte ihn an ihr Herz, während Thränen der Freude in ihren Augen glänzten.

Der Jüngling, welcher so leicht gerührt ward von den Leiden des Fremden, ist jetzt Papst Leo XIII., und in der Erinnerung an all' die goldenen Thaten, deren sein Leben voll ist, leuchtet diese wie ein Stern. Das erhabene Bild des mildreichen Vaters der Christenheit ist uns in treff­licher Weise vorhergezeichnet in der herrlichen Liebesthat des gutherzigen Kindes. Gott hat ihn auserwählt, die Wunden der Menschheit zu heilen, wie er dies seiner Zeit dem Hirtenknaben gethan, und hat ihm ein Herz gegeben, das groß und weit genug ist, um sich der Nöthen der ganzen Welt zu erbarmen.

Mn neues Jahr!

Horch, wie es dröhnt vom hohen Thurm Der Schläge zwölf, Und da erhebt sich von fern und nah Gewaltig, wie der tosende Sturm Der Glocken Klang:

Das neue Jahr, das ersehnte, ist da.

Ja, das alte Jahr zerrann, Dem Hauche gleich,

Von unserem Leben ein volles Jahr. Und wir, als gäben wir gern es dran, Wir jauchzen laut

Und bringen dem neuen den Becher dar!

Wunderlich bist du, o Menschenherz, Dem Spieler gleich,

Der leichten Sinn's des Verlorenen lacht Und wieder vertraut dem gleißenden Erz, Das abermals

Ihm flüchtig entrinnt, eh er's gedacht.

Drum da die Zeit dir doch treulos bleibt, Gedenke heut'

O Sterblicher, der Ewigkeit, Der jene rastlos zu dich treibt, Und sei im Rausch

Der Lust des Richterspruchs bereit!

E. H. Kley.